Das Wort hat unsere Menschennatur aus Maria angenommen

Ein neues Jahr „nach Christus“ steht bevor. Ein weiteres Jahr, um dieses Geheimnis tiefer inne zu werden. Brief des heiligen Athanasius (gest. 373) an Epiktet aus dem Stundenbuch (Liturgia horarum, „Brevier“) der Kirche mit einem Kommentar von Prof. em. Dr. Hans Reinhard Seeliger.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 31. Dezember 2020 um 11:55 Uhr
Darstellung aus dem Isenheimer Altar

In der sogenannten „ordentlichen Form des Römischen Ritus“ feiert die Kirche am 1. Januar das Fest der Gottesmutterschaft Mariens (Sollemnitas Sanctae Dei Genetricis Mariae). In der VĂ€terlesung des Stundenbuches (Liturgia Horarum; „Brevier“) unterrichtet der Kirchenvater Athanasius in einem Brief an Bischof Epiktet ĂŒber die wahre Menschennatur des von Maria zur Welt gebrachten Jesuskind. Er ist ganz Gott und ganz Mensch. Darum ist Maria GottesgebĂ€rerin (theotokos). Hintergrund des Briefes an Epiktet ist die christologische Irrlehre des Apollinaris, seit 361 Bischof von Ladodikeia. Er war zwar ein Gegener des Arianismus, wurde aber selber zum Urheber einer anderen christologischen Irrlehre. Denn fĂŒr ihn war es unerklĂ€rlich, dass in Christus zwei vollkommene Naturen in einer Person vereint waren, die göttliche und die menschliche. Der weiteren Verbreitung der apollinaristischen Lehren suchte um 370 eine Synode zu steuern. Bischof Epiktet von Korinth ĂŒbersandte sodann deren Akte an Athanasius. Dieser antwortete darauf im Jahre 371 mit einem Brief. In der lateinischen Fassung der Liturgia horarum ist der Text versehen mit der Überschrift Verbum nostra suscepit ex Maria – „Das Wort hat unsere Menschennatur aus Maria angenommen“):

Hl. Athanasius (gest. 375): Aus dem Brief an Epiktet

Das Wort hat unsere Menschennatur aus Maria angenommen

Der Apostel sagt, das Wort habe sich der Nachkommenschaft Abrahams angenommen. Es musste darum in allem seinen BrĂŒdern gleich sein (1) und einen uns Ă€hnlichen Leib annehmen. Eben dafĂŒr war Maria erwĂ€hlt: Von ihr sollte er ihn nehmen und als seinen eigenen fĂŒr uns opfern. Die Schrift erwĂ€hnt die Geburt und sagt: „Sie wickelte ihn in Windeln“ (2); die Brust, die ihn stillte, wird seliggepriesen (3), und weil er der Erstgeborene war (4), wird fĂŒr ihn das Opfer dargebracht. Gabriel ĂŒbermittelte ihr zurĂŒckhaltend und klug die Botschaft (5). Er sagte nicht einfach: „Was in dir wird“, damit man nicht meint, der Leib werde von außen in sie hineingebracht. Er sagt vielmehr: „aus dir“; denn dies sollte der Glaube sein: „Was da gezeugt wird, hat seinen Ursprung aus ihr.“

Das war die Absicht: Das Wort nahm das Unsrige an und brachte es als Opfer dar und nahm es damit gĂ€nzlich hinweg. Als er uns dann mit dem Seinigen bekleidete, konnte der Apostel schreiben: „Dieses VergĂ€ngliche muss sich mit UnvergĂ€nglichkeit bekleiden und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit (6).

Das ist keine erdichtete Annahme, wie einige gemeint haben. Keineswegs! Als vielmehr der Erlöser wahrer Mensch wurde, erlangte der ganze Mensch das Heil. Unser Heil ist wahrlich keine erdichtete Sache, und es geht nicht bloß den Leib, sondern den ganzen Menschen an. Leib und Seele ist im Wort Heil widerfahren. Was aus Maria gemĂ€ĂŸ der Schrift hervorging, war seinem Wesen nach ein wirklicher Mensch, und es war der wahre Leib des Herrn. Wirklich: ein wahrer Leib war es, weil er dem unsern gleich war. Denn Maria ist unsere Schwester, weil wir alle von Adam abstammen. Wenn es bei Johannes heißt: „Das Wort ist Fleisch geworden“ (7), so ist damit dasselbe gemeint, wie wenn Paulus sagt: „Christus hat fĂŒr uns den Fluch auf sich genommen“ (8). Dem menschlichen Leib ist aus der Gemeinschaft mit dem Wort großer Reichtum zugewachsen: denn aus dem sterblichen Leib wurde ein unsterblicher; er war ein irdischer Leib und wurde ein ĂŒberirdischer (9); er war aus Erde gemacht und durfte dennoch das Tor des Himmels durchschreiten. Die Dreieinigkeit bleibt immer Dreieinigkeit, auch nachdem das Wort aus Maria Fleisch angenommen hat, und sie erfuhr weder Zuwachs noch Minderung; sie ist vielmehr immer vollendet, und in der Dreieinigkeit wird der eine Gott erkannt. So wird von der Kirche verkĂŒndet: ein Gott, der Vater des Wortes!

1 Hebr 2,16-17.
2 Lk 2,7.
3 Vgl Lk 11,27.
4 Ebd.
5 Lk 1,35.
6 1 Kor 15,53.
7 Joh 1,14.
8 Gal 3,13.
9 Vgl. 1 Kor 15,44.

(Aus: www.studengebet.de)

Kommentar von Prof. em. Dr. Hans Reinhard Seeliger

Eine Geburt und ein SĂ€ugling sind etwas sehr Direktes, Körperliches, Unmittelbares. Windeln trug das Jesuskind,  und die Brust, die es sĂ€ugte, offen darzustellen, haben frĂŒhere Jahrhunderte sich nicht gescheut.

Sehr direkt muss auch dieser Text erklĂ€rt werden. Zeugung und EmpfĂ€ngnis stellten sich die Menschen der Antike landlĂ€ufig meist ganz anderes vor als wir, die wir im zweifachen Wortsinn lĂ€ngst ‚aufgeklĂ€rt‘ sind. Meist dachte man sich den Vorgang höchst patriarchalisch: Der vĂ€terliche  Samen enthĂ€lt alles, was fĂŒr die Erschaffung eines Menschen nötig ist; in ihm steckt bereits das kĂŒnftige Kind in mikroskopischer Form mit Leib und Geist. Die Mutter ist nur der Verwahrungsort wĂ€hrend der Schwangerschaft. Ihr Einfluss auf das heranwachsende Kind ist dabei mit dem des Ackerbodens auf den Samen der Pflanzen zu vergleichen, weshalb Uterus in ganz ursprĂŒnglicher Bedeutung, die ‚ErdfĂŒlle‘ heißt. Auf der Basis solcher Vorstellungen war es schwer begreifbar, wie Gott aus Maria wahrer Mensch geworden sein könne, das sie doch keinen Mann ‚erkannt‘ hatte! Wer immer dachte, dass Gott in sie Jesus auch als Menschen ‚gepflanzt‘ hĂ€tte, der war nahe daran, ĂŒber die Menschheit Jesu falsche Vorstellungen zu entwickeln.

Dies ist der Sinn der Worte, wenn Athanasius an Bischof Epiktet von Korinth schreibt: ‚Gabriel ĂŒbermittelte ihr zurĂŒckhaltend und klug die Botschaft. Er sagt nicht einfach: ‚Was in dir wird‘, damit man nicht meint, der Leib werde von außen in sie hereingebracht. Er sagt vielmehr: ‚aus dir‘ ; denn dies sollte der Glaube sein: ‚Was da gezeugt wird, hat seinen Ursprung aus ihr‘.‘

Hier wird die gewöhnliche Vorstellung von der Frau als der beim Werden eines neuen Menschen nur passiv Beteiligten beiseite geschoben und aufgebrochen. Wieweit Athanasius die Position eines wirklich paritÀtischen Zusammenwirkens von Vater und Mutter vertrat, wird aus dem Text nicht klar und ist auch nicht sein Thema. In  jedem Fall aber ist das empfangene Kind ein Teil des Körpers seiner Mutter.

Dies hat tiefe theologische Bedeutung. Denn dann, und nur dann, kann daran festgehalten werden, dass der Erlöser unsere Menschennatur wirklich angenommen hat, als Mensch gestorben ist, leiblich aufstand und so alle Makel dieses Menschseins hinwegnahm. Virtuell ist damit der Mensch, deren einer Jesus war, erlöst.

Ein neues Jahr ‚nach Christus‘ hat angefangen; ein weiteres Jahr, um dieses Geheimnis tiefer inne zu werden.“

(Aus: Hora lectionis. Die Festtagslesungen der Alten Theologen aus dem Stundenbuch der Kirche, kommentiert von Hans Reinhard Seeliger, Regensburg 1991, 25 f.)

Foto: Darstellung aus dem Isenheimer Altar – Bildquelle: Mathis Gothart-Nithart

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