Das Tagesgebet drückt der Liturgie den Stempel auf

Philologisch genaue Analyse ist der Weg zum theologischen Sinngehalt. Zu zwei lesenswerten Bändchen von Alex Stock. Eine Buchrezension von Gero P. Weishaupt.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 23. November 2014 um 22:06 Uhr
Missale Romanum

Die Messe des römischen Ritus in seinen beiden Ausdrucksformen kennt drei Gebete, die der Priester stellvertretend für die feiernde Gemeinde an Gott richtet. Sie weden „Präsdialgebete“ genannt. Dazu gehört das „Tagesgebet“ (Collecta), das Gebet über die Gaben (Oratio super oblata/Secreta) und das Schluss- bzw. Dankgebet nach der Kommunion (Postcommunio). „Der Priester spricht in diesen Gebeten als Einzelperson, aber im grammatischen Plural … . Er tritt im Namen einer Kommunität vor das Angesicht des unsichtbaren Gottes. An ihrer Spitze, die Delegation hinter sich, überbringt er dem Schöpfer der Welt ein Anliegen der Menchenkinder, eine Petition. Sie ist kurz und wird in aller Kürze begründet“ (Alex Stock). Diese Kürze der Präsidialgebete führt zur Konzentration der Gebetsinhalte, die das Anliegen der feiernden Gemeinde zum Ausdruck bringen. „Das ist die brevitas Romana (römische Kürze und Prägnanz/GPW), die sich vor dem Dominus (Herr/GPW) kein weitschweifiges Gerede erlaubt“ (Alex Stock). Das sprachliche Gewand, in der diese lapidare Kürze und geballte Prägnanz der Orationen sich Ausdruck verschafft, ist die lateinische Kunstprosa der römischen Spätantike.

Erklärung des theologischen Gehalts durch philologische Analyse

Alex Stock, emeritierte Professor für Theologie und ihre Didaktik an der Universität Köln, hat vor Kurzem den zweiten kleinen Band „Orationen“ vorgelegt. Nach dem Grundsatz, dass sich der theologische Sinngehalt einer Oration vor allem durch philologische Analyse erschließt, bietet das Büchlein eine philologisch-theologische Darlegung der Orationen der Advents- und Weihnachtszeit, der Fastenzeit, der Karwoche und der Osterzeit und endet mit Pfingsten und dem Dreifaltigkeitssonntag. 2011 hatte Stock bereits das Bändchen veröffentlich, das die Tagesgebete im Jahreskreis behandelt. Rechtzeitig zu Beginn des neuen Kirchenjahres am kommenden 1. Adventsonntag liegt nun das zweite Bändchen vor.

Lateinischer Text als Ausgangspunkt

Beide Bändchen beschränken sich auf die Besprechung des Tagesgebetes, der Collecta, des jeweiligen Sonn- und Festtages in der sog. „ordentlichen Form“ des Römischen Messritus. Gelegentlich vergleicht der Kölner Theologe und altphilologisch Versierte die zum Teil neuen oder textlich veränderten lateinischen Orationen des Missale Pauls VI. mit ihren Entsprechungen in der klassischen Form des Römischen Ritus. Alex Stock legt ausgehend vom lateinischen Text und dessen philologischer Analyse den theologischen Sinngehalt der Tagesgebete der Sonn- und Festtage der Festzeiten und der Sonntage im Jahreskreis frei und bietet jeweils eine eigene Übersetzung, die der amtlichen des Deutschen Messbuches und des Revisionsentwurfes der „Studienkommission für die Messliturgie und das Messbuch“ zur Seite gestellt wird. „Der Bezug darauf dient dazu, die neu versuchten Fassungen zu begründen und der kritischen Erörterung auszusetzen“ (Alex Stock). Stocks Übersetzungen bleiben, soweit dies möglich ist, sehr nahe am lateinischen Urtext.

Eignung für mystagogische Einführungen in die Liturgie

Das Tagesgebet drückt dem Sonn- und Festtag seinen Stempel auf. Von daher eignen sich die philologischen Analysen Stocks auch sehr gut für diejenigen, die in der ordentlichen Form des Römischen Ritus für diese Tage eine Einführung in die Liturgie vorbereiten. Gewöhnlich ist das der zelebrierende Priester. Mit Mystagogie (von Griechisch „mysterion“ = Geheimnis, „agein“ = führen) wird die Einführung in ein Geheimnis der Liturgie des jeweiligen Tages gemeint. In der heidnischen Antike kannte man die Einführung in den Mysterienkult. In der frühen Kirche ist mit der Mystagogie zum einen die Einführung von Katechumenen in den Glauben, zum anderen, vor allem bei den Kirchenvätern, die katechetische Einführung vor dem Empfang der Sakramente, vor allem der Taufe, gemeint. Bekannt sind z.B. die mystagogischen Katechesen und liturgischen Mystagogien des Cyrill von Jerusalem (ca. 313-386). Die mystagogische Einführung am Beginn der heiligen Messe soll die Gläubigen in das zu feiernde Mysterium einführen und eine aktive Teilnahme am Geheimnis ermöglichen. Sie geht dabei von den Texten der Liturgie aus und erläutert gegebenenfalls die Riten, deren Sinn sie zu erschließen sucht. Das Tagesgebet fasst gleichsam in prägnanter Aussageform das theologische Festgeheimnis zusammen. Alex Stocks philologische Analyse stellen eine wertvolle Hilfe und Orientierung dar, um das Festgeheimnis brevissimis verbis (mit sehr wenigen Worten), wie die Institutio generalis, die Allgemeine Einführung in das Messbuch von 1970 (Novus Ordo Papst Pauls VI.) es vorsieht, den Gläubigen in ihren Verstehenshorizont hinein zu vermitteln.

Alex Stock, Orationen. Die Tagesgebete der Festzeiten. Neu übersetzt und erklärt. Verlag Friedrich Pustet. eISBN 978-3-7917-602-1. 128 S. – 19,0 x 11,5 cm. Paperback. 12,95 Euro

Alex Stock. Orationen. Die Tagesgebete im Jahreskreis. Neu übersetzt und erklärt. Verlag Friedrich Pustet. ISBN 978-3-7917-2378-5. 104 S. – 19,0 x 11,5 cm. Paperback. 8,95 Euro

Foto: Missale Romanum – Bildquelle: introibo.net