Das Ostergeheimnis soll unser ganzes Leben prägen und verwandeln

Gedanken zur Collecta (Tagesgebet) vom 6. Sonntag der Osterzeit (NO). Von Gero P. Weishaupt
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 16. Mai 2020 um 14:21 Uhr
Bildquelle: Sarto-Verlag

Die Osterzeit ist eine Zeit der Freude. Denn durch Kreuz und Auferstehung seines Sohnes hat Gott „sein Volk befreit“, wie es im Eröffnungsvers des 6. Sonntages der Osterzeit heißt. Gemeint ist die Befreiung aus der Knechtschaft der Sünde, der Ursache aller Traurigkeit in unserem Leben.

Die Freude darüber findet ihr Echo im Tagesgebet (Collecta) dieses Sonntages:

Allmächtiger Gott, lass uns die österliche Zeit in herzlicher Freude begehen und die Auferstehung unseres Herrn preisen, damit das Ostergeheimnis, das wir in diesen fünfzig Tagen feiern, unser ganzes Leben prägt und verwandelt. (Deutsches Messbuch)

Im „Originalton“ betet die Kirche wie folgt:

Fac nos, omnipotens Deus, hos laetitiae dies, quos in honorem Domini resurgentis exequimur, affectu sedulo celebare, ut, quod recordatione percurrimus, semper in opere teneamus.

Das  Tagesgebet ersetzt die Oration, die in der klassischen Form des Römischen Ritus heute gebetet wird, in dem die  Gläubigen den 5. Sonntag nach Ostern feiern.  Die alte Oration wurde allerdings im Zuge der Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzils nicht vollkommen gestrichen, sondern sie hat in der sog. ordentlichen Form des Römischen ihren neuen Platz in der Liturgie vom 10. Sonntag im Jahreskreis erhalten. Alex Stock spekuliert: „Die alte Oration des Missale Romanum wurde ersetzt, offenbar, weil sie nicht österlich genug erschien …“ (Alex Stock, Orationen. Die Tagesgebete der Festzeiten neu übersetzt und erklärt, Regensburg, 2014, 107.). Tatsächlich versteht die Kirche in der ordentlichen Form des Römischen Ritus die Osterzeit – die gesamten fünfzig Tage der Zeit von Ostern bis Pfingsten – als eine Einheit. Daher feiert sie hier den Sonntag der Osterzeit, dort den Sonntag nach Ostern. Die Akzente sind verschieden, aber die Einheit des Römischen Ritus bleibt gewahrt.

In der Collecta der ordentlichen Form des Römischen Ritus betet die Kirche heute, dass die Gläubigen die österlichen Festtage zur Ehre der Auferstehung des Herrn nicht nur  äußerlich kultisch begehen (exequimur) und durch eine aktive Teilnahme  affectu sedulo – „in herzlicher Freude“ (deutsches Messbuch) bzw. „herzlicher Anteilnahme“ (Alex Stock) –  in der sonntäglichen heiligen Messe feiern, sondern dass der Vollzug der östlichen Feier auch „unser ganzes Leben prägt“ und unser Handeln bestimmt (quod recordatione percurrimus, semper in opere teneamus).

Dass uns das gelingt, darum betet die Kirche in der Postcommunio des 6. Sonntages der Osterzeit, dem Gebet nach der heiligen Kommunion, dem Schluss- und Dankgebet. Denn durch den Leib Christi in der heiligen Kommunion empfängt der Gläubige die Kraft (fortitudo) und die Gnade, die es ihm ermöglicht, dass das österliche Geheimnis, das wir fünfzig Tage lang besonders feiern, auch im Leben eines jeden „reiche Frucht bringt“ (fructum in nobis paschalis multiplica sacramenti).

 

Bildquelle: Sarto-Verlag