Das Kreuz wurde zum Lehrstuhl (Cathedra)

Homilie des heiligen Augustinus zum Evangelium des 3. Ostersonntages (sog. ordentliche Form des Römischen Ritus). Text: Sermo 234, 1-2: Edit. Maurist. T.5, 987-988). Übersetzung: Gero P. Weishaupt.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 29. April 2017 um 11:59 Uhr
Mit Jesus auf dem Weg

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas (Lk 24, 13-35)

13 Am ersten Tag der Woche waren zwei von den Jüngern auf dem Weg in ein Dorf namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist. 14 Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte. 15 Während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus hinzu und ging mit ihnen. 16 Doch sie waren wie mit Blindheit geschlagen, so dass sie ihn nicht erkannten. 17 Er fragte sie: Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet? Da blieben sie traurig stehen, 18 und der eine von ihnen – er hieß Kleopas – antwortete ihm: Bist du so fremd in Jerusalem, dass du als Einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist? 19 Er fragte sie: Was denn? Sie antworteten ihm: Das mit Jesus aus Nazaret. Er war ein Prophet, mächtig in Wort und Tat vor Gott und dem ganzen Volk. 20Doch unsere Hohenpriester und Führer haben ihn zum Tod verurteilen und ans Kreuz schlagen lassen. 21 Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde. Und dazu ist heute schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist. 22 Aber nicht nur das: Auch einige Frauen aus unserem Kreis haben uns in große Aufregung versetzt. Sie waren in der Frühe beim Grab, 2 3fanden aber seinen Leichnam nicht. Als sie zurückkamen, erzählten sie, es seien ihnen Engel erschienen und hätten gesagt, er lebe. 24 Einige von uns gingen dann zum Grab und fanden alles so, wie die Frauen gesagt hatten; ihn selbst aber sahen sie nicht. 25 Da sagte er zu ihnen: Begreift ihr denn nicht? Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. 26 Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen? 27 Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht. 28So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat, als wolle er weitergehen, 29 aber sie drängten ihn und sagten: Bleib doch bei uns; denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt. Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben. 30 Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen. 31 Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht mehr. 32 Und sie sagten zueinander: Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss? 33 Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück, und sie fanden die Elf und die anderen Jünger versammelt. 34 Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen. 35 Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach.

Homilie des heiligen Augustinus

In diesen Tagen lesen wir über die Auferstehung des Herrn, wie sie die vier Evangelisten verkünden. Darum ist es notwendig, dass alle gelesen werden, denn die einzelnen berichten in ihrem Evangelium nicht alles. Was aber der eine weglässt, berichtet der andere, und gewissermaßen haben alle einen Aspekt benannt, damit alle notwendig seien.

Der Evangelist Markus sagte mit wenigen Worten, was Lukas breit und ausführlich erzählte. Markus berichtet nämlich über die beiden Jünger, die zwar nicht zu den Zwölfen gehörten, aber dennoch Jünger waren. Als sie unterwegs waren, erschien ihnen der Herr und ging mit ihnen ein Stück des Weges. Markus erwähnte lediglich, dass er den beiden Wanderern erschien, während der Evangelist Lukas auch berichtete, was er ihnen erzählt, was er ihnen geantwortet hat, bis wohin er mit ihnen gegangen ist und wie sie ihn beim Brechen des Brotes erkannt haben. All das berichtete er, wie wir gehört haben.

Was also, meine Brüder, erörtern wir hier? Wir werden geistlich aufgebaut, damit wir an die Auferstehung Jesus Christi glauben. Wir glaubten ja schon, als wir das Evangelium hörten. Wir traten heute als gläubige Menschen in diese Kirche. Doch weiß ich nicht, wie man mit Freude etwas hört, was erneut in Erinnerung gerufen wird. Wie wollt ihr unser Herz mit Freude erfüllen, wenn wir uns scheinbar in einer besseren Situation befinden als die, die unterwegs waren und denen der Herr erschien? Denn wir glauben doch bereits das, was sie noch nicht glaubten. Sie waren enttäuscht worden, wir haben keine Zweifel über den Gegenstand, worüber sie zweifelten.

Nach der Kreuzigung des Herrn hatten sie alle Hoffnung verloren. Das wurde an ihrer Reaktion deutlich, als er ihnen sagte: Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet? Da blieben sie traurig stehen. Darauf erwiderten sie: Bist du so fremd in Jerusalem, dass du als Einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Er antwortete: Was denn? Obwohl er über alles, was ihn angeht, Bescheid wußte, stellte er diese Frage, denn er wollte in ihnen selbst sein: Was denn? Darauf jene: Das mit Jesus von Narzaet. Er war ein Profet, mächtig in Wort und Tat vor Gott und dem ganzen Volk. Doch unsere Hohenpriester und Führer haben ihn zum Tod verurteilt und ans Kreuz schlagen lassen. Wir hatten gehofft, dass er es sei, der Israel erlösen werde. Und ist heute schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist. Ihr hattet gehofft und jetzt habt ihr keine Hoffnung mehr? Besteht darin euer ganzes Jüngersein? Am Kreuz hat der Schächer euch übetroffen. Ihr habt den vergessen, der lehrte. Der Schächer erkannte, mit wem er zusammen am Kreuz hing. Wir hatten gehofft. Was hattet ihr gehofft? Dass er es sei, der Israel erlösen werde. Das hattet ihr gehofft, und als er gekreuzigt war, habt ihr die Hoffnung verloren, doch der gekreuzigte Schächer hat ihn erkannt. Denn er sagte dem Herrn: Herr, denk an mich, wenn du im Paradies bist. Bitte, da haben wir es: Er wird Israel erlösen. Jenes Kreuz war eine Lehrschule. Dort lehrte der Lehrer den Schächer. Das Holz, an dem er hing, wurde zum Lehrstuhl, auf dem er lehrte.

Gedenkt doch, meine Geliebten, wie der Herr Jesus von denen, deren Augen daran gehindert wurden, ihn zu erkennen, im Brechen des Brotes erkannt werden wollte. Die Gläubigen wissen, wovon ich reden möchte. Sie erkennen Christus beim Brechen des Brotes. Denn nicht jedes Brot wird Leib Christi, sondern das, welches den Segen Christi empfängt.

Über den heiligen Augustinus (354-430)

Er ist eine der größten Gestalten der abendländischen Geistesgeschichte. Aus Thagaste in Numidien stammend, war er ab 384 als Rhetor in Mailand tätig, wo die Auseinandersetzung mit Röm 13,13f. und die Predigt des Ambrosius seine endgültige Abkehr vom Manichäismus bewirkten. 387 ließ er sich taufen. Nach der Rückkehr in seine Heimat 388 wurde er 395 zum Bischof von Hippo Regius geweiht. In seinen Streitschriften setzt er sich mit den Häresien des Donatismus und des Pelagianismus auseinander. Seine literarische Hinterlassenschaft ist sehr umfangreich; zu den bekanntesten Werken zählen dieConfessiones, eine Autobiographie in Gebetform, und De civitate Dei, in dem er unter dem Eindruck der Eroberung Roms durch Alarich (410) eine Geschichtstheologie entwirft, die von dem Antagonismus zweier Gemeinwesen, dem Gottes- und dem Weltstaat, geprägt ist. Unter seinen Schriftkommentaren ragen die Auslegungen zum Johannes-Evangelium, zum ersten Johannesbrief und zu den Psalmen heraus. (Quelle: Catena Aurea)

Foto: Mit Jesus auf dem Weg – Bildquelle: EOS-Verlag