Das Geheimnis entdecken

Der Erstkommunionunterricht im Wandel. Viele Kinder und Eltern nicht mehr christlich geprägt.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 5. März 2012 um 18:40 Uhr
Hostie

Am liebsten mag die 11-jährige Sariana den Moment, wenn die Gemeinde das Halleluja anstimmt und sie als Messdienerin mit dem Leuchter in der Hand das Evangeliar zum Ambo begleitet. Die feierliche Stimmung eines Gottesdienstes hat die Schülerin besonders intensiv in den Wochen vor ihrer Erstkommunion erfahren. Die Hildesheimer Liebfrauen Pfarrei setzt bei der Sakramentenvorbereitung auf das Glaubenserlebnis, auf einen mystagogischen Weg.

„Mystagogie bedeutet Einführen in das Geheimnis des Glaubens“, erläutert Christian Hennecke. Während der klassische Erstkommunionunterricht, die sogenannte Katechese, versuche, auf pädagogische Weise Inhalte zu erklären, können die Kinder in Hildesheim ihren Glauben erspüren. „Uns ist es wichtig, dass Kinder, wenn sie in die Kirche kommen, erfahren können, dass sie hier wirklich dem lebendigen Gott gegenüber stehen“, erläutert der Leiter des Fachbereiches für missionarische Seelsorge im Bistum Hildesheim.

Erstverkündigung statt Sakramentenkatechese

Wie soll es mit dem Erstkommunionunterricht weitergehen? Vor dieser Frage standen die Verantwortlichen der Pfarrei Liebfrauen vor sieben Jahren. Sie sahen sich mit einem Problem konfrontiert, das mittlerweile bundesweit in den Kirchengemeinden auftritt: war es vor Jahren selbstverständlich, dass der Nachwuchs in der Familie die ersten Erfahrungen mit dem Glauben sammelte, ist heute der größte Teil der Eltern und Kinder kaum bis gar nicht katholisch geprägt. Hennecke spricht von einer neuen Diaspora-Situation, einer, die schon innerhalb der Familie beginnt und sich nach außen multipliziert. „Wir entfernen uns zusehends von dem, was die klassische Erstkommunionvorbereitung immer vorausgesetzt hat, nämlich dass die Kinder durch ihre Eltern nach der Taufe in die kirchliche Tradition hineingeführt werden“, betont der Priester. Stattdessen kämen mittlerweile mehr als 80 Prozent der Kinder und Eltern aus einer Situation relativ ungeprägter Christlichkeit. „Erstkommunionunterricht ist deshalb für viele Kinder keine Hinführung zum Sakrament mehr, sondern Erstverkündigung“, betont der Spezialist für das Thema Glaubensweitergabe.

„In den Familien und im Freundeskreis kommen Kinder heute viel seltener als früher mit christlichen Glaubensinhalten in Kontakt. Das selbstverständliche Hineinwachsen in eine katholisch geprägte Alltagskultur ist oft die Ausnahme“, erklärt Matthias Micheel, Leiter der Diaspora-Kinderhilfe im Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken. „Trau Dich zu glauben!“ mit dem Motto der diesjährigen Erstkommunionaktion richtet das Bonifatiuswerk den Fokus auf diese schwierige Glaubensituation der Kinder in Deutschland. Doch anstatt zu resignieren, unterstützt das Bonifatiuswerk neue Aufbrüche wie in Hildesheim und fordert zum Mittun auf. „Wir setzen uns dafür ein, dass Kinder mit dem Glauben wieder in Berührung kommen“, berichtet Micheel. Und über 200.000 Erstkommunionkinder in Deutschland helfen mit ihrer Erstkommuniongabe dabei.

Resignation ist auch für Hennecke keine Option. Er sieht in dieser neuen Realität Chancen für die Kinder, für die Eltern und für die Kirche. „Man muss sich erstmal dieser Situation bewusst werden und sich dann fragen, was bedeutet Erstkommunion in dieser neuen missionarischen Situation, in der wir als Kirche stehen.“ Aus solch einer Überlegung entstand ein ganz neuer Weg hin zum Sakrament des Altars, eben der mystagogische Weg. In dem Buch „Einfach Erstkommunion feiern“ (Don Bosco Verlag, 14,95 Euro) erläutern Hennecke und drei Gemeindereferentinnen den neuen Weg.

Den Glauben erspüren

Die Kommunionvorbereitung beginnt mit einem Kennlerntreffen im Herbst vor dem großen Fest. Es folgen fünf Samstage von Januar bis Mai und schließlich ein Wochenende zum Thema Versöhnung mit dem Sakrament der Beichte. Eine der wichtigsten Besonderheiten: An allen Samstagen sind die Eltern mit dabei. Sariana brachte ihre Mutter Michaela Bode-Garbers mit.

Die Samstagstreffen starten immer mit einem Weggottesdienst, erklärt Gemeindereferentin Angelika Röde. „Dieser Weg beginnt im Gemeindehaus mit einem Lied und dann gehen wir gemeinsam in die Kirche.“ Am Weihwasserbecken wird das Kreuzzeichen geübt, im Mittelgang die Kniebeuge. Die Stille, das Singen und das Beten – alle Rituale wiederholen die Kinder Woche für Woche und werden so damit immer vertrauter. „Ich glaube, das rührt ein Herz eher, als wenn ich einen Zettel ausfülle“, sagt Angelika Röde.

Im Mittelpunkt des 20minütigen Weggottesdienstes steht ein Schrifttext, den die Kinder anschließend in Kleingruppen vertiefen. Themen sind etwa das Beten, das Teilen oder die Eucharistie. Zur gleichen Zeit sitzen die Eltern bei Kaffee und Tee zu Glaubensgesprächen zusammen. „Ich habe in dieser Zeit Dinge wieder erfahren, die ganz tief unten waren“, gesteht Bode-Garbers. Ihr steigen ein paar Tränen in die Augen, wenn sie sich daran erinnert. „Wenn ich an früher denke und sehe, wie offen und wie schön Kirche heute sein kann, muss ich sagen, es ist ein Meilenstein. Es beeindruckt mich immer wieder, was meine Tochter erleben durfte“, sagt die Mutter von Sariana.

Eltern fest mit einbeziehen

Die Gemeindereferentin Röde erlebt häufig, dass auch die Erwachsenen während der Vorbereitungszeit einen neuen, persönlichen Zugang zum Glauben finden. „Und das soll unsere Erstkommunionvorbereitung ja auch sein: Ein Erfahrungsraum für Eltern und Kinder, für Familien im Glauben.“ Bei dieser neuen Art der Kommunionvorbereitung verändert sich die Rolle der Erwachsenen, beschreibt Röde. „Sie kommen aus der Zuschauerrolle heraus und werden zu Mitfeiernden, weil sie alles miterlebt haben“.

Hennecke beklagt nicht die stark veränderten Voraussetzungen, sondern betont vielmehr die Möglichkeiten dieser neuen Ausgangssituation. „Ich empfinde Erstkommunion als eine sehr chancenreiche Erstverkündigung.“ Erstverkündigung bedeute dabei aber nicht, möglichst viel Wissen zu vermitteln, betont er, „sondern das heißt, die Kinder zur Mitte zu führen, ganz zum Geheimnis selbst“. Die Grundhaltungen der Begegnungen mit Jesus könnten eingeübt werden. „Aber wie dieser Weg der Glaubensbiographie der Kinder wie auch der Eltern weitergeht, haben wir selten in unserer Hand. Es ist ein Gnadenweg.“

Sariana gefallen in der Kirche besonders das Singen und die Gemeinschaft. „Ich bin hier nie allein und alle sind immer nett und gut drauf, wenn sie zur Kirche kommen“, sagt die 11-jährige. Wenn sie mit ihren Freundinnen Lilly, Pia und Nicole als Messdienerin eingeteilt ist, sitzen ihre Eltern hinter ihr in der Kirchenbank. „Ich habe ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass Sariana so sehr darin aufgehen würde“, sagt Bode-Garbers, „aber das macht mich auch richtig stolz“. Für Sariana war von Anfang an klar, dass sie Messdienerin sein möchte: „Ich bin gerne in der Kirche. Das bedeutet für mich Freude.“

Foto: Hostie während der hl. Messe – Bildquelle. C. Steindorf, kathnews

Text: Kirsten Westhuis