„Christus ist … nicht der von der Welt Abwesende, sondern der auf neue Weise in ihr Anwesende“

Gedanken zum Tagesgebet (Collecta) vom 7. Sonntag der Osterzeit. Von Gero P. Weishaupt.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 22. Mai 2020 um 16:51 Uhr
Christus Pantokrator

An die Stelle der alten Collecta, die in der klassischen Form des Römischen Ritus am Sonntag nach Christi Himmelfahrt gebetet wird, trat in der erneuerten Liturgie eine neue. Doch handelt es sich bei der „neuen“ Oration mitnichten um eine Neuschöpfung. Ausweislich der mit der Erneuerung der liturgischen Texte beauftragten Kommission stammt die heutige Collecta, die in der sog. ordentlichen Form des Römischen Ritus am 7. Sonntag der Osterzeit, dem Sonntag nach Christi Himmelfahrt, zum Vortrag kommt, aus dem  Sacramentarium Gelasianum (7. Jahrhundert). Gleichwohl trifft es zu, dass die Reformkommission geringfügige Textänderungen in den lateinischen Text eingearbeitet hat (vgl. A. Dumas, Les Sources du Missel Romein, in: Notiae 7 [1971] 75).

Auf Latein betet der Priester:

Supplicationibus nostris, Domine, adesto propitius, ut, sicut humani generis Salvatorem tecum in tua credimus maiestate, ita eum usque ad consummationem saeculi manere nobiscum, sicut ipse promisit, sentiamus.

Das Deutsche Messbuch übersetzt dies so:

Allmächtiger Gott, wir bekennen, dass unser Erlöser bei dir in deiner Herrlichkeit ist. Erhöre unser Rufen und lass uns erfahren, dass er alle Tage bis zu Ende der Welt bei uns bleibt, wie er uns verheißen hat.

Alex Stock schlägt eine andere, am lateinischen Originaltext enger anlehnende Übersetzung vor:

Sei uns gütig nahe, Herr, jetzt, wo wir zu dir rufen. Wie wir den Retter des Menschengeschlechtes bei dir in deiner Herrlichkeit glauben, so lass uns auch empfinden, dass er mit uns ist bis zum Ende der Welt, wie er selbst verheißen hat. (A. Stock, Orationen. Die Tagesgebete der Festzeiten neu übersetzt und erklärt, Regensburg 2014, 115).

Trotz der Heimkehr des Herrn zum Vater, trotz seiner Himmelfahrt und seiner dadurch bedingten physischen Abwesenheit, weiß der Gläubige Christus in seiner Mitte, weil der Herr es so selber zugesagt hat: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt. Die neue Gegenwartsweise des Herrn ist ermöglicht durch den Heiligen Geist, wodurch Christus in seiner Kirche präsent bleibt. Die Kirche ist seine irdische Existenzweise bis zur Parusie, bis zu seiner Wiederkunft am Ende der Zeiten. Die Kirche ist sein mystischer Leib.

Um diesem Glauben Ausdruck zu verleihen, hat die nachkonziliare Erneuerung der Liturgie die Oration vom Sonntag, der dem Himmelfahrtstag folgt, geändert. Vor diesem Hintergrund brennt auch die Osterkerze in der ordentlichen Form des Römischen Ritus bis Pfingsten während der Liturgie. In der klassischen Form wurde sie am Himmelfahrtstag gelöscht. Die körperliche Entfernung des Herrn durch seine Himmelfahrt ist jedoch der Beginn seiner neuen Gegenwart im Heiligen Geist. Die Himmelfahrt stellt also keinen  Bruch dar. „Christus ist kraft der Himmelfahrt nicht der von der Welt Abwesende, sondern der auf neu Weise in ihr Anwesende“ (J. Ratzinger, Art. Himmelfahrt Christi, in: LThK 5, 360-362). Darum brennt die Osterkerze nach wie vor in der Liturgie.

Christus hat uns verheißen, dass er „alle Tage bis zum Ende der Welt bei uns bleibt“. Dieses Versprechen hat er auf einzigartige Weise eingelöst: In der heiligen Eucharistie ist er unter sakramentalen Gestalten mit seiner Gottheit und Menschheit, mit seinem verklärten Leib und mit seiner Seele in seiner Kirche und so in dieser Welt gegenwärtig. Und was für die Eucharistie im besonderen gilt, das gilt allgemein für alle Sakramente und seine Gegenwart in der Heiligen Schrift. „Was daher an unserem Erlöser sichtbar gewesen ist, das ist in die Sakramente übergegangen“, sagt Papst Leo Große.

Foto: Christus Pantokrator – Bildquelle: Wikipedia/Zenodot Verlagsgesellschaft mbH