Christus am Kreuz – verlassen von Gott?

Von Felizitas Küble, Leiterin des KOMM-MiT-Verlag und des Christoferuswerk in Münster.
Erstellt von Felizitas Küble am 19. April 2014 um 13:39 Uhr
Kreuzigung Christi - Glaskunst

Vom Berliner Theologen Detlev Fleischhhammel stammt die „steile” Aussage: „Der einzige Mensch, der je wirklich von Gott verlassen gewesen ist, war Jesus Christus am Kreuz.“ Bei der katholischen Gründerin der Fokolar-Bewegung, Chiara Lubich, war die Verehrung des „verlassenen Jesus” sogar eine der beiden „Säulen” ihrer speziellen Spiritualität (die zweite Säule war der ökumenische Einheitsgedanke). Die Gründerin dieser „geistlichen Gemeinschaft” sprach von Christus fast immer als von dem „verlassenen Jesus” oder „verlassenen Gekreuzigten”. Über diese besondere Frömmigkeitsform gibt es ausführliche Literatur, zB. das Buch „Jesu Gottverlassenheit als Heilsereignis in der Spiritualität Chiara Lubichs.” Frau Lubich starb am 14. März im hohen Alter von 87 Jahren in Rocca di Papa bei Rom; im selben Jahr feierte ihre Bewegung das 50-jährige Bestehen.

Wie steht es nun wirklich mit der „Verlassenheit” Christi in seiner Todesnot? War unser Erlöser tatsächlich von seinem himmlischen Vater gleichsam im Stich gelassen, von IHM getrennt? Es wäre ein Kurzschluß, dies zu schlußfolgern, zumal unser Heiland GOTT und MENSCH zugleich ist – und seine göttliche Natur kann gar nicht „gottverlassen” sein.

Jesu Ausruf am Kreuz stammt aus Psalm 22

Das Rätsel dieses Rufes Jesu löst sich, wenn wir bedenken, daß Christus hier den 22. Psalm aus dem Alten Testamentes sprach, einen sogenannten „Klagepsalm”, der mit den Worten beginnt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?” Doch diese leidvolle Stimmung weicht in diesem Gebet zunehmend einem großen Gottvertrauen, ja tiefster Dankbarkeit gegenüber dem himmlischen Vater. Im ersten Teil dieses eindringlichen Gebetes werden Nöte, Bedrängnisse und bittere Verfolgung beklagt. Doch schon bald dringt immer stärker der Lobpreis Gottes durch, begleitet von vertrauensvollen Bitten. Im zweiten Teil steht der Dank im Mittelpunkt; gerühmt werden Gottes große Heilstaten, die er an Israel und den Völkern gewirkt hat bzw. noch vollbringen wird, wie es der Psalmist im letzten Vers freudig ausruft; das erinnert uns an Christi weiteres Wort am Kreuz: „Es ist vollbracht.” – Dies entspricht inhaltlich dem Schlußsatz von Psalm 22. (In der Septuaginta – der griechischen Übersetzung des AT – ist es der Psalm 21, weil dort eine andere Zählung gilt.) Die vermeintliche „Gottverlassenheit” ist also nur der Einstieg, der dann in Lob und Dank, in Vertrauen und Zuversicht einmündet.

Dieses Gebet ist ein „messianischer Psalm”

Es handelt sich bei diesem Gebet zudem um einen „messianischen Psalm”, der im Hinblick auf das Heilswirken Christi zu verstehen ist. Somit hat der Gekreuzigte durch seine Anrufung die messianische, auf IHN bezogene Bedeutung dieses Psalms bestätigt. So heißt es dort in Vers 8 und 9: „Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf: Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.” In Vers 17 ist davon die Rede, daß „die Rotte der Bösen mich umringt; sie haben meine Hände und Füße durchgraben”. Die Vers 18 und 19 lauten: „Ich kann alle meine Knochen zählen; sie aber schauen zu und sehen auf mich herab. Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand”. Es ist daher theologisch mißverständlich bis irreführend, von einer „Gottverlassenheit” Jesu zu sprechen oder dies sogar durch spezielle Verehrungsformen in den Mittelpunkt einer neuen „Spiritualität” zu rücken, wie dies durch die Gründerin der Fokolar-Bewegung geschah.

Foto: Kreuzigung Christi – Glaskunst – Bildquelle: Andreas Gehrmann