Christa Meves warnte früher als Alice Schwarzer vor sexuellem Kindesmißbrauch

Ein Kommentar von Mathias von Gersdorff.
Erstellt von Felizitas Küble am 27. November 2013 um 15:46 Uhr
Mathias von Gersdorff

Alice Schwarzer wurde in der Auseinandersetzung um die pädophilen Strömungen bei den Grünen immer wieder als „Heldin“ und „Kinderretterin“ dargestellt, weil sie Ende der siebziger Jahre richtigerweise darauf hinwies, daß in einer Beziehung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind weder „Gleichberechtigung“ noch „sexuelle Selbstbestimmung“ – wichtige Schlagwörter der Emanzipationstheoretiker – existieren können. Der Erwachsene ist dem Kind psychologisch weit überlegen und dominiert somit die Situation völlig. Schwarzer argumentierte, in einem solchen „Herrschaftsgefüge“ könne von einem freiwilligen Handeln des Kindes nicht die Rede sein. Eine derartige sexuelle Beziehung sei grundsätzlich ausbeuterisch und müsse unter Strafe gestellt werden. Diese Sicht der Dinge hat sich bis heute durchgesetzt, was den Grünen mächtig zu schaffen macht.

Gerechterweise muß aber gesagt werden, daß schon im Jahr 1971, also lange vor Schwarzers Intervention, Christa Meves jegliche sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern verurteilt hat. 1971 hatte Alice Schwarzer etwas ganz anderes im Sinne und war mit ihrer Pro-Abtreibungskampagne „Wir haben abgetrieben“ beschäftigt – so viel zu ihrer Liebe zu den Kindern. Christa Meves beschrieb in der Schrift „Manipulierte Maßlosigkeit“ (Erstausgabe Juni 1971, danach sehr viele Neuauflagen) den Kindesmißbrauch als Symptom einer menschlichen und gesellschaftlichen Krise und dadurch viel tiefgründiger als Schwarzers egalitäre Herrschaftstheorie. Obwohl Meves’ Analyse inzwischen 42 Jahre alt ist, hat sie kaum an Aktualität verloren und verdient es, an dieser Stelle gewürdigt zu werden.

Meves warnte schon sehr früh

Typischerweise führten damals die Verteidiger der Entkriminalisierung der Pädosexualität das Argument an, das Kind sei ein sexuelles Wesen und würde aus eigenem Antrieb entsprechende Kontakte suchen, eventuell auch mit Erwachsenen. Christa Meves entgegnete, diese Kinder seien zuvor von Erwachsenen verführt worden. Scharf kritisierte sie deshalb die damals in Mode kommenden sexualpädagogischen Konzepte, die eine sehr frühe Einführung der Kinder in das Thema vorsahen, zudem in sehr expliziter Art und Weise und völlig frei von moralischen Wertungen. Meves dazu: „Eine solche, rein auf biologische und technische Informationen gerichtete Aufklärung kann – zum falschen Zeitpunkt und mit falschen Mitteln vorgenommen – durchaus tiefgreifend schaden, falsche Weichen stellen und die Persönlichkeitsentwicklung deformieren.“ Christa Meves beschrieb den Zusammenhang zwischen Kindesmißbrauch, der allgemeinen Sexualisierung der Gesellschaft (damals sagte man „Sexwelle“) und der sogenannten emanzipatorischen Sexualerziehung, die für sie im Grunde ein seelischer Mißbrauch ist.

Schwächung der Mutter-Kind-Bindung

Heute wird nur der körperliche Mißbrauch konsequent geächtet. Die Sexualerziehung erreicht immer jüngere Kinder – am schlimmsten sieht es in Berlin aus – , die Schutzbarrieren des Jugendmedienschutzes werden immer löchriger. Immer mehr Kinder und Jugendliche werden pornosüchtig  – und schon Minderjährige werden heute zu Mißbrauchstätern. Pädophilie, Sexualisierung usw. beschrieb Christa Meves in „Manipulierte Maßlosigkeit“ als Symptome einer allgemeinen Krise, deren wichtigste Ursache die Schwächung bzw. die Zerstörung der Mutter-Kind-Beziehung durch die moderne Lebensweise ist: „Gleichzeitig begann sich mit der Einkehr des Wohlstandes in jedes Wirtschaftshäuschen in den fünfziger Jahren mit den künstlich gesetzten Konsumzwängen eine im Übermaß unnatürliche und damit unbekömmliche Atmosphäre für Säuglinge und Kleinkinder auszubilden, die uns zu schlimmen Prognosen Anlaß gab. Man konnte voraussehen, daß sich ab 1970 die seelische Erkrankung ‘neurotische Verwahrlosung’ (…) zur kollektiven Volksseuche ausbreiten würde.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg widmeten sich die Menschen fast ausschließlich dem Aufbau eines Wohlstandes, der die Befriedigung der Bedürfnisse, die der Lebens- und Arterhaltung dienen, garantieren soll: Nahrung, Besitz, Geltung, Macht und Sexualität. Doch die Befriedigung dieser Bedürfnisse macht nur für kurze Zeit glücklich. Schon aus Selbsterhaltungsgründen muß bald ein Unlustgefühl einsetzen. Wer seinen Lebenssinn nur im Streben dieser Art Glück sieht, muß früher oder später unglücklich und frustriert sein.

Neurotische Verwahrlosung

Die Folge ist die von Meves beschriebene „neurotische Verwahrlosung“. Mütter, die in den Sog dieser rastlosen Bedürfnisbefriedigung gerieten, waren geistig gar nicht mehr in der Lage, ihre Kinder richtig zu erziehen. Sie konnten ihnen keine Werte und Prinzipien vermitteln, sie konnten ihnen nicht erklären, wieso wir auf Erden weilen, sie konnten ihnen nicht das seelisch-geistige Gerüst mitgeben, das für die Entwicklung einer reifen und erwachsenen Persönlichkeit notwendig ist. Eine der aufgezählten Folgen davon ist die Unfähigkeit, sich an andere Menschen dauerhaft zu binden. Unter diesen Umständen kann die Zahl der Eheschließungen und der Geburten nur sinken. Man könnte meinen, Deutschland sei inzwischen so reich, daß man sich nicht mehr frenetisch der Befriedigung der oben geschilderten Grundbedürfnisse widmen muß. Aber nein, die Lage hat sich sogar noch verschlimmert: Noch nie so stark wie heute wurde die Frau gnadenlos als bloßer Faktor im Produktionssystem angesehen. Flächendeckendes Kita-System und die Politik der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ sollen dafür sorgen, daß die Mütter so kurz wie möglich vom Produzieren abgehalten werden. Christa Meves schreibt als Psychotherapeutin. An dieser Stelle darf hinterfragt werden, ob nicht nur die Schwächung der Mutter-Kind-Beziehung zu der von ihr beschriebenen Krise geführt hat, sondern auch die Entwicklungen in Kirche, Kultur und Politik, also der sinnstiftenden Institutionen in einer Gesellschaft.

Das „Wahre, Schöne und Gute” vermitteln

Die Aufgabe der Kirchen besteht darin, dem Menschen seine transzendentale Bestimmung zu vermitteln. Die Kultur  –  in Form von Kunst, Musik, Literatur usw. – sollte dem Menschen das nötige Material liefern, um seinen Geist zu ernähren, damit er so das „Wahre, Schöne und Gute“ erfährt. Schließlich sollte auch der Staat in der Lage sein, dem Menschen in seiner Eigenschaft als soziales und politisches Wesen eine Zukunftsorientierung zu geben, die über die Befriedigung der Grundbedürfnisse hinausreicht. Daß hier manches im argen liegt, soll hier nur skizzenhaft ausgeführt werden: Das Christentum in Deutschland verflacht seit Jahrzehnten und ist immer weniger in der Lage, den Menschen das Gefühl zu vermitteln, sie würden hier die Antworten auf die essentiellen Fragen des Lebens finden. Der Kulturbetrieb bemüht sich heute vor allem um die Dekonstruktion der großen Werke der Kulturgeschichte. Und wie es mit der Politik steht, braucht man kaum zu erklären. Man schaue bloß, wie es mit dem „C“ in der Union aussieht. Wir haben es also mit einer umfassenden Krise des einzelnen und der Gesellschaft zu tun. Der moderne Mensch weiß nicht mehr, woher er kommt und wohin er geht. Wo liegt eine Lösung? Wie soll man sich als einzelner gegenüber dieser Krise verhalten? Nur auf den zweiten Teil habe ich eine Antwort: hoffen auf Gott, beten und sich im Rahmen der eigenen Möglichkeiten für das Christentum einsetzen.

Von Mathias von Gersdorff (kath. Publizist und Leiter der Frankfurter Aktion „Kinder in Gefahr”)

Textquelle: Junge Freiheit und Christliches Forum

Foto: Mathias von Gersdorff – Bildquelle: Privat