Brauchen wir eine modernistische Kirche?

Ein Kommentar von Peter Helmes.
Erstellt von Felizitas KĂŒble am 18. Mai 2015 um 20:55 Uhr
Augustinerkirche in Erfurt

Wundert sich noch jemand, daß der Einfluß der katholischen Kirche in unserem Land immer mehr schwindet? – Viele Protestanten, die wahrlich am Hungertuch des Glaubens nagen, reiben sich die HĂ€nde: Die StĂ€rke der Protestanten in der Politik könnte nicht zuletzt in der SchwĂ€che der Katholiken liegen. Katholische Politiker tun sich jedenfalls schwer damit, ihren Glauben zum Thema zu machen und sich in der Kirche zu engagieren. Der Katholizismus habe es – vor allem in den PontiïŹkaten von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. – versĂ€umt, sich zu modernisieren, sagt der Katholik und ehem. CDU-GeneralsekretĂ€r Heiner Geißler. FĂŒr viele Menschen sei die Haltung der katholischen Kirche kaum hinnehmbar, der Protestantismus sei einfach moderner. Jeder intelligente Katholik sei deshalb „im Innern ein Protestant”, behauptet Geißler.

Viele Katholiken litten an ihrer Kirche, sagt auch Barbara Hendricks. Doch die Umweltministerin, die mit einer Lebenspartnerin zusammenlebt, weiß auch, wie man damit umgehen kann: „Wir rheinischen Katholiken machen uns unseren Katholizismus ohnehin selbst”, sagt sie. Mit einer explizit katholischen CDU, das weiß Merkel, ist heute kein Staat mehr zu machen, geschweige denn eine Wahl zu gewinnen. Die CDU weg von den alten „katholischen” Positionen hin zu den modernen „protestantischen” Positionen zu bewegen, hat sich ausgezahlt. Auch fĂŒr linksliberal gesinnte Protestanten ist es heute kein Problem mehr, CDU zu wĂ€hlen. FĂŒr den politischen Katholizismus ist hingegen Besserung nicht in Sicht. Wie auch? Der tiefere Grund fĂŒr die Entwicklung der Gesellschaft und besonders der katholischen Kirche in den letzten Jahrzehnten liegt auf der Hand – und er ist hausgemacht, weil schon seit langem alles aus dem Ruder lĂ€uft. Das vielleicht Schlimmste an dieser Entwicklung ist, daß die Vertreter der Kirche Christi mehrheitlich dabei mitmachen.

Die traditionsorientierte Webseite „Civitas“ schreibt in einem tiefsinnigen Artikel bzw. „philosophischen Kommentar” vom 7. November 2014 u.a.: „MĂ€nner der Kirche, scholastische Philosophen und ebensolche Theologen sowie die, die in scholastischer Philosophie und Theologie gebildet waren, konnten frĂŒher klar, prĂ€zise, ohne Umschweife und Zweideutigkeiten formulieren. Sie wußten, wie man fĂŒr oder gegen eine Position argumentiert.

Wer den – entschuldigen Sie den Ausdruck – Schwachsinn von Kardinal Kasper und seinen Gefolgsleuten heute liest und dies mit der Scholastik vergleicht, kann nicht glauben, daß es sich um ein und dieselbe Kirche handelt. KĂŒnstlich werden GegensĂ€tze zwischen Barmherzigkeit und Dogma, zwischen Pastoral und Glaubenslehre konstruiert, und die Freiheit des Einzelnen, seine Autonomie, gilt als das höchste Gut des Menschen, als das, was den Menschen erst zum Menschen macht. (
) Tief reingefallen ist auch die Kirche beim Stichwort „Liberalismus“; denn wer wöllte heute nicht „liberal“ sein. „Liberal“ gleich „offen“ – sind wir doch alle, gell! Wir wollen doch keine vermufften konservativen Bremser sein. Daß „Liberalismus” bedeutet, sich dem Zeitgeist unterzuordnen – Schwamm drĂŒber!

Der Liberalismus beherrscht heute die gesamte westliche Welt, er bestimmt das Denken in allen Bereichen von Politik, Gesellschaft, Kultur und Staat und leider – Gott sei es geklagt – auch in der Kirche. (
) Der Liberalismus ist eine geistige Grundhaltung, die ihren Ursprung in der Philosophie hat. (
) Er geht zurĂŒck auf Philosophen wie Hobbes, Locke, in Deutschland Kant oder in neuerer Zeit Rawls. (
) Die „Freiheit“ die der Liberalismus erstrebt bzw. verteidigt, ist die Freiheit von allen Bindungen, seien diese politisch, gesellschaftlich, kulturell, moralisch, religiös oder was auch immer. Das Individuum allein und sein Wille ist der letzte Grund von all dem. Es darf nichts geben, was dem Individuum vorhergeht, kein moralisches, sittliches Gesetz, keine vorgegebene gesellschaftliche Ordnung, keine Wesenheit der Familie, der Ehe oder was auch immer. (
)

Heute wird der Wille ĂŒber den Verstand gestellt – statt umgekehrt. Der Wille soll sich den Verstand unterordnen und diesen als Mittel verwenden, um seine Ziele zu erreichen. Hier liegt auch der tiefere Grund, dass sich Liberalismus, Kommunismus und nationaler Sozialismus nicht in ihren Fundamenten unterscheiden: Alle stellen den Willen ins Zentrum. „Ich will“ lautet der neue politische Imperativ. Da stört der Verstand nur. Die aristotelisch-thomistische Philosophie hat demgegenĂŒber immer daran festgehalten, daß der Wille dem Verstand untergeordnet ist, daß der Verstand die Wesenheiten und die Ordnung der Natur, der Gesellschaft, der Moral und des Staates objektiv zu erfassen vermag und nach dieser Ordnung und GesetzmĂ€ĂŸigkeit handeln soll. Wir mĂŒssen wieder zu dieser wahren Philosophie zurĂŒckkehren.”

Textquelle: Christliches Forum

Foto: Augustinerkirche in Erfurt – Bildquelle: TomKidd, CC