Bischof von Aachen nimmt Stellung zum Brief des Papstes

Bischof Dieser: Synodalität setzt voraus, "dass alle aus einem Sensus Ecclesiae heraus sich einbringen, damit die Gefahr von Spaltung und Schwächung des kirchlichen Zeugnisses gebannt werden kann."
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 29. Juni 2019 um 18:22 Uhr

Aachen (kathnews/Bistum Aachen). Der Bischof von Aachen, Dr. Helmut Dieser, hat in einer Pressemitteilung Stellung genommen zum Brief des Papstes an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland, in dem Papst Franziskus zwar die Bischöfe ermutigt, den „synodalen Weg“ zu beschreiten, andererseits aber auch in diesem Zusammenhang die Bischöfe und die Kirche in Deutschland klar und deutlich zur Einheit mit der Weltkirche mahnt. Kathnews veröffentlicht im Folgenden die Pressemitteilung des Bischofs von Aachen und den Wortlaut des Briefes des Papstes:

Aachen, (iba) – „Der Heilige Vater, Papst Franziskus, hat einen Brief an das pilgernde Volk
Gottes in Deutschland geschrieben, der heute, am Hochfest der Apostelfürsten Petrus und
Paulus, veröffentlicht wird.

Das ist ein sehr außergewöhnlicher Vorgang, dem ich mit großer Wertschätzung begegne.
Ich bin überzeugt, dass er mit viel Aufmerksamkeit und Wohlwollen in unserem Bistum aufgenommen wird und wir daraus sehr hilfreiche geistliche Orientierung und Nutzen auch für
unseren Bistumsprozess „Heute bei dir“ gewinnen werden.

Der Heilige Vater hebt zu Beginn hervor, dass unsere Zeitstunde nicht nur von Veränderungen
geprägt sei, sondern eine Zeitenwende darstelle, er teilt darum unsere Sorge um die Zukunft
der Kirche in Deutschland. Eingehend würdigt er das kirchliche Leben in unserem Land und dankt für die großzügige und großherzige Unterstützung, die von den katholischen Gemeinden ausgeht in viele Regionen und benachteiligte Gegenden der Welt.Der Papst beklagt jedoch auch eine zunehmende Erosion und den Verfall des Glaubens und des kirchlichen Lebens in unserem Land. Demgegenüber hebt er die Bedeutung des synodalen Weges hervor, den die deutschen Bischöfe vorgeschlagen haben.

Im weiteren Verlauf trägt der Heilige Vater erneut sehr eindringliche Ausführungen zum besseren
Verstehen von Synodalität vor, die sowohl das Leben in der Diözese wie auch die Kollegialität
der Bischöfe umfasst.

Dabei wird deutlich, dass Synodalität ein sehr anspruchsvolles Bemühen darstellt, das nicht
wenigen Versuchungen unterliegt, die es zu überwinden gilt. Eine dieser Versuchungen liegt darin, die Lösungen der Probleme nur in der Reform von Strukturen, Organisationen und Verwaltung erreichen zu wollen, was aber nur zu einem „Zurechtflicken“ führen könne und der Kirche die Seele und die Frische des Evangeliums vorenthalte. Vielmehr gebe es auch „Spannungen und Ungleichgewichte“, die aber „den Geschmack des Evangeliums“ hätten und beizubehalten seien, weil sie neues Leben verhießen. Immer müsse die Kirche zuerst im Blick haben, dass wir Menschen nicht durch eigene Anstrengungen gerechtfertigt werden, sondern allein durch die Gnade und Initiative des Herrn.

Deshalb ist es nötig, dass die Kirche die derzeitige Situation annehmen lerne und zwar strikt
unter einem gottsuchenden Blickwinkel. In diesem Zusammenhang spricht der Papst von der Notwendigkeit einer „pastoralen Bekehrung“, so dass die Evangelisierung zum „Leitkriterium schlechthin“ für alle Schritte der Kirche werde. Eindringlich spricht der Papst im Fortgang von der Notwendigkeit, in „Zeiten starker Fragmentierung und Polarisierung“, sich vom Sensus Ecclesiae erfüllen und leiten zu lassen, das heißt „vom Leben und Fühlen mit der Kirche und in der Kirche“. Das führe allerdings in nicht wenigen Situationen auch zum „Leiden in der Kirche und an der Kirche“.

In Folge dessen weist der Papst auch auf die Gefahr hin, dass die Teilkirchen von der Weltkirche
getrennt werden könnten, und er unterstreicht, wie wichtig deshalb das Bewusstsein sei, „wesentlich Teil eines größeren Leibes“ zu sein, in dem die einen die anderen beanspruchten,
auf sie warteten und sie bräuchten.

Den Sensus Ecclesiae beschreibt der Papst als Gegenmittel gegen Eigenbrötelei und ideologische
Tendenzen und hebt hervor, dass alle im Volk Gottes die Salbung des Heiligen empfangen
hätten, was auch im synodalen Geschehen geltend gemacht werden müsse. Niemals dürfe das Volk Gottes daher auf eine „erleuchtete Gruppe“ reduziert werden.

Zusammenfassend bezeichnet der Papst die Zentralität der Evangelisierung und den Sensus
Ecclesiae als „bestimmende Elemente unserer kirchlichen DNA“, so dass die Synodalität
verlange, bewusst eine Art und Weise des Kirche-Seins anzunehmen, bei der das Ganze
mehr sei als der Teil und auch mehr als ihre einfache Summe. Ausdrücklich warnt er davor, sich „nicht zu sehr in Fragen zu verbeißen“, die „begrenzte Sondersituationen“ beträfen, sondern immer den Blick zu weiten auf ein größeres Gut, das allen Nutzen bringe. Der Papst schließt mit einem Appell, nicht vor der Auferstehung Jesu zu fliehen und sich deshalb niemals geschlagen zu geben, was auch immer geschehen möge. Ganz am Ende bittet der Heilige Vater alle um das Gebet für ihn selbst.

– Mich beeindruckt an diesem Brief, wie stark der Heilige Vater die geistliche Dimension von
Synodalität hervorhebt und diese stets auf das gesamte Volk Gottes hin begreift.
Nicht Einzelne sind Delegierte oder Mandatsträger oder gar Lobbyisten im synodalen Weg,
sondern Synodalität verlangt, stets den Blick auf die im Volk Gottes gelebte Heiligkeit zu richten,
die aus der Annahme des Glaubens kommt, die sich in Gebet, Buße und Anbetung als
echt erweist.

– Mich beeindruckt weiterhin, wie deutlich der Heilige Vater die Gefahren beschreibt, die den
§eg der Synodalität begleiten und ihn um seine Fruchtbarkeit bringen können. Deshalb sehe
ich in seinen Ausführungen auch eine Einladung und Anleitung zu immer neuen geistlichen
Übungen, um gemeinsam den Versuchungen zu entgehen, die das synodale Vorangehen
bedrohen.

– Zum Andern sehe ich uns im Bistum Aachen darin bestärkt, dass die zentrale Frage nach
den Chancen und Wegen der Evangelisierung den Leitstern unseres synodalen Gesprächsund
Veränderungsprozesses „Heute bei dir“ darstellt. Das Schreiben treibt uns dazu an, uns
das noch tiefer bewusst zu machen und auf alle Beratungen und Empfehlungen anzuwenden.

– Schließlich beeindruckt mich, wie sehr der Heilige Vater hervorhebt, dass Synodalität voraussetzt, dass alle aus einem Sensus Ecclesiae heraus sich einbringen, damit die Gefahr
von Spaltung und Schwächung des kirchlichen Zeugnisses gebannt werden kann.

Ich bin darum dem Heiligen Vater sehr dankbar für die Initiative seines Briefes an uns, gerade
zum jetzigen Zeitpunkt, und für die klaren und wegweisenden Ausführungen.

Ich bin überzeugt, sie können in uns allen die geistliche und kirchliche Haltung begründen
und vertiefen, aus der heraus wir in unserem Bistumsprozess, aber auch im synodalen Weg
aller deutschen Diözesen miteinander auf dem Weg sein werden und mit Hilfe des Heiligen
Geistes zu guten Ergebnissen gelangen können.

Immer neu wird dieser Brief auch eine Fundquelle für Orientierung, Korrektur und Trost für
den synodalen Weg und polarisierende Debatten darstellen und uns begleiten. Darum bitte ich alle Schwestern und Brüder im pilgernden Volk Gottes darum, sich mit dem Brief des Heiligen Vaters in den Gemeinden, Gemeinschaften, Verbänden und Einrichtungen
unseres Bistums vertraut zu machen und ihn gemeinsam geistlich zu lesen.“ (iba/Na 048)

Wortlaut des Briefes von Papst Franziskus

Foto: Bischof Helmut Dieser – Bildquelle: Domsteinchen, Wikimedia Commons, used under CC BY-SA 4.0 / Desaturated from original