„Beten mit Vinzenz von Paul“

Eine Buchbesprechung von Hans Jakob Bürger.
Erstellt von Hans Jakob Bürger am 8. August 2019 um 12:36 Uhr

Über den „Mystiker der Nächstenliebe“ hat der US-Theologe Thomas McKenna ein Meditationsbuch geschrieben, welches beim Ottilienser EOS-Verlag unter dem Titel „Beten mit Vinzenz von Paul“ erschienen ist. McKenna, selbst Mitglied des von Vinzenz von Paul im 17. Jahrhundert gegründeten Ordens der Lazaristen, den man bei uns eher unter dem Namen Vinzentiner kennt, gilt er als Fachmann sowohl für den heiligen Vinzenz als auch für Meditation.

Bereits das Vorwort des Redakteurs Carl Koch überrascht den Leser mit seiner Art der Ansprache. Für meinen Geschmack viel zu persönlich spricht er ihn mit „du“ an. Doch bei McKennas Text wird deutlich, dass der Redakteur dem Autor nur gefolgt ist. Fragt sich nun, ob es sich tatsächlich um seine Rede handelt, oder ob die Übersetzerin einfach nur die englische Anrede, die keine Unterscheidung von „du“ und „Sie“ kennt, in ihrer Übersetzung selbst gewählt hat. Sr. M. Gerlinde Kätzler, die das Buch, das bereits 1994 in den USA erschienen ist, übersetzt hat, ist es ansonsten gelungen, sprachlich eine gute Arbeit abzuliefern. Die Texte sind flüssig, einfach und eingängig.

Das Ziel des Buches, so heißt es im Vorwort, ist, „dass du die reiche Spiritualität von Vinzenz entdecken mögest“ und „seine Weisheit mit deinem eigenen Herzen und mit deinem Geist in deine Beziehung mit Gott und mit deinen Brüdern und Schwestern integrieren mögest“. Die genannten Vorschläge für das Beten mit Vinzenz von Paul sind: „Schaffe einen heiligen Ort“ und „Öffne dich für die Kraft des Gebetes“. Es werden „Meditationspraktiken“ vorgestellt, etwa ein „kurzes, sich wiederholendes Gebet oder Mantra“. Außerdem wird angeboten, die „Meditationen zum Gebet in der Gruppe“ zu nutzen.

Nach einer Einführung in das Leben und Wirken des heiligen Vinzenz werden Merkmale seiner „integrativen Spiritualität“ hervorgehoben. Was damit gemeint ist wird im Folgenden deutlich: „In jeder Lebenslage war sein Motto: was würde Jesus tun?“ Vinzenz lehrte, dass Jesus unter den „armen und ausgestoßenen Menschen“ lebte, denen er half, Teil seiner Mission zu werden. „Dienst an unserem Nächsten“ ist „Dienst an Gott“.

Anhand von fünfzehn Meditation wird der Leser oder Meditierende herangeführt, damit sich sein Charakter bilde, um „authentisch“ zu sein, damit er „Arme und an den Rand gedrängte Menschen“ mit „Einfühlungsvermögen“ dienen kann. Alle Meditationen haben ein bestimmtes Thema und ein Eröffnungsgebet, dem ein Text aus dem Leben des heiligen Vinzenz folgt oder ein paar Worte von ihm. Abgeschlossen wird jede Meditation mit einer „Reflexion“, einem Wort Gottes und einem Schlussgebet. Die Reflexionen sollen den Meditierenden anspornen, sich ganz praktisch mit dem Gelesenen zu befassen. Da gibt es Forderungen wie: „Wiederhole folgende Worte“, „Führe ein Gespräch mit Jesus“, „Schreibe eine Liste all deiner Leistungen auf“, „Mache einen Plan des Loslassens“, „Schreibe deine Kreuze auf“ usw.

In der dreizehnten Meditation ist zu lesen: „Explodierst du eher, wenn du wütend wirst oder schluckst du deine Wut herunter?“ An dieser Frage möge deutlich werden, dass sich der Rezensent beim Lesen des Buches mehrfach die Frage stellt, wer seine Adressaten sind. Vielleicht sind es Kinder, Jugendliche, vielleicht Neulinge, die auf dem Weg zur katholischen Kirche sind? Vieles in den gebotenen „Meditationen“ erinnert womöglich Berufstätige an ihre diversen Fortbildungsveranstaltungen, an denen sie zur Verbesserung des Arbeitsklimas und der Erhöhung der persönlichen Leistungsbereitschaft teilnehmen müssen.

Das Buch von Thomas McKenna „Beten mit Vinzenz von Paul“ kann höchstens als eine Grundlage oder Einstieg in das christliche Leben verstanden werden.

Hans Jakob Bürger

Thomas McKenna
Beten mit Vinzenz von Paul
EOS Verlag 2019
160 Seiten; 14,95 Euro
ISBN: 978-3830679462

Foto: Ausschnitt Bucheinband „Beten mit Vinzenz von Paul“ – Bildquelle: EOS Verlag