Benedikt XVI. und der Islam (7)

Joseph Kardinal Ratzinger: In der Wahrnehmung des Islam hat das Christentum im Westen an Lebenskraft eingebüßt. Dies führte zur Stärkung des Selbstbewußtseins des Islam.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 2. Februar 2015 um 20:44 Uhr
Papst Benedikt XVI.

Einführung von Gero P. Weishaupt:

In einem seiner Interviews mit Peter Seewald ging der damalige Joseph Kardinal Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., auch auf den Islam ein. Peter Seewald fragte den Kardinal, wie das Phänomen der Stärkung des Islam in der westlichen Welt zu erklären sei. Mit dieser Frage und der ihrer folgenden Antwort Kardinal Ratzingers beschließt Kathnews die Reihe „Papst Benedikt XVI. und der Islam“.

Peter Seewald:

„Kann man denn auch … fragen: Was soll die weltweite Stärkung des Islam dem Christentum sagen?“

Papst Benedikt XVI.:

Stärkung der Finanzmacht in arabischen Ländern

„Diese Stärkung ist ein Phänomen mit vielen Gesichtern. Zum einen spielen finanzielle Geschichtspunkte mit. Die Finanzmacht, die die arabischen Länder erlangt haben, die ihnen gestattet, allüberall große Moscheen zu bauen, eine Präsenz moslemischer Kulturinstitute zu sichern und dergleichen Dinge mehr. Aber das ist sicher nur ein Faktor.

Wiedererstarkte Identität und neues Selbstbewußtsein des Islam

Der andere ist eine wiedererstarkte Identität, ein neues Selbstbewußtsein. In der kulturellen Situation des 19. und frühen 20. Jahhunderts, also bis in die 60er Jahre hinein, war die Überlegenheit der christlichen Länder industriell, kulturell, politisch, militärisch so groß, dass der Islam wirklich ins zweite Glied gedrängt war und das Christentum, jedenfalls die christlich begründeten Zivilisationen, sich als die siegreiche Macht der Weltgeschichte darstellen konnten. Dann aber ist die große moralische Krise der westlichen Welt ausgebrochen, die als die christliche Welt dasteht. Angesichts der tiefen moralischen Selbstwidersprüche des Westens und seiner inneren Ratlosigkeit – der gleichzeitig eine neue wirtschaftliche Potenz der arabischen Länder gegenübestand – ist die islamische Seele neu erwacht: Wir sind auch wer, unsere Identität ist besser, unsere Religion hält Stand, ihr habt gar keine mehr.

In der islamischen Wahrnehmung hat das Christenum abgedankt

Das ist eigentlich heute das Gefühl der moslemischen Welt: Die westlichen Länder können keine moralische Botschaft mehr verkünden, sondern haben der Welt nur Know how anzubieten; die christliche Religion hat abgedankt, die gibt es als Religion eigentlich gar nicht mehr; die Christen haben keine Moral und keinen Glauben mehr, da sind nur noch Reste irgendwelcher moderner Aufklärungsideen; wir aber haben die Religion, die Stand hält. So haben die Moslems jetzt das Bewußtsein, das doch eigentlich der Islam am Ende als die lebenskräftigere Religion auf dem Plan geblieben ist, und dass sie der Welt etwas zu sagen haben, ja, die wesentliche religiöse Kraft der Zukunft sind. Voher war Scharia und all das schon irgendwie weitgehend abgetreten, jetzt ist der neue Stolz da. Damit ist auch ein neuer Schwung, eine neue Intensität erwacht, den Islam leben zu wollen. Das ist die große Kraft, die er hält: Wir haben eine moralische Botschaft, sie ist ungebrochen seit den Propheten da, und wir werden der Welt sagen, wie man leben kann, die Christen können es sicher nicht. Mit dieser inneren Kraft des Islam, die gerade auch akademische Kreise fasziniert, müssen wir uns natürlich auseinandersetzen“ (in: Salz der Erde, 261 f.). Ende der Reihe

Foto: Papst Benedikt XVI. – Bildquelle: Rvin88 / Wikipedia