Benedikt XVI. und der Islam (6)

Joseph Kardinal Ratzinger: Die Frage des Dialogs mit dem Islam ist kompliziert.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 26. Januar 2015 um 21:16 Uhr
Sultan Ahmed Moschee

Einführung von Gero P. Weishaupt:

In seinem Interview mit dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger ging Peter Seewald auf die Frage ein, die viele Menschen bewegt: Wie ist angesichts unterschiedlicher Werte zwischen Orient und Okzident, zwischen Islam und Christentum, eine Verständigung, ein Dialog möglich? Kardinal Ratzinger leugnet die Schwierigkeit eines Dialoges nicht. Er setzt zunächst einmal voraus, dass man das Selbstverständnis des Islam wahrnimmt. Dann wird deutlich, dass sich der Dialog mit ihm anders, ja schwieriger gestaltet als der innerchristliche Dialog.

Peter Seewald:

„Der romantisierende Orientalismus hat sich ein Orient- und Islambild zusammengestellt, das den Realitäten nicht immer Rechnung trägt. Es kann jedoch nicht übersehen werden, dass der Islam sich in seinem Selbstverständnis von der westlichen Wertegesellschaft grundsätzlich unterscheidet. Allein die Stellung des Individuums oder die Bedeutung der Gleichwertigkeit zwischen Mann und Frau wird in Orient und Okzident völlig anders bewertet. Der Bombenterror extremistischer Moslims bringt den Islam heute immer wieder in Verruf, und auch in Europa wächst die Angst vor den mörderischen Fanatikern. Dass ein besseres Kennenlernen und eine Verständigung notwendig ist, wird niemand bestreiten wollen. Auf welcher Grundlage aber könnte sie stattfinden.“

Joseph Kardinal Ratzinger (Papst Benedikt XVI.):

Die vielen Gesichter des Islam

Eine schwierige Frage. Ich glaube, man muss zunächst auch hier wieder wissen, dass der Islam keine einheitliche Größe ist. Er hat ja auch keine einheitliche Instanz, deswegen ist Dialog mit dem Islam immer Dialog mit bestimmten Gruppen. Niemand kann für den Islam im ganzen sprechen, er hat sozusagen keine gemeinsam geregelte Orthodoxie. Und er stellt sich, von den eigentlichen Brüchen zwischen Sunniten und Schiiten abgesehen, natürlich auch in verschiedenen Variationen da. Es gibt einen „noblen“ Islam, den zum Beispiel der König von Marokko verkörpert, und es gibt eben den extremistischen, terroristischen Islam, den man aber auch wieder nicht mit dem Islam im ganzen identifizieren darf, da würde man ihm auf jeden Fall unrecht tun.

Den Islam in seinem Selbstverständnis wahrnehmen und ernst nehmen

Wichtig ist aber, was Sie auch angedeutet haben, dass der Islam insgesamt eine völlig andere Struktur des Miteinander von Gesellschaft, Politik und Religion hat. Wenn man heute im Westen die Möglichkeit islamischer theologischer Fakultäten oder die Vorstellung von Islam als Körperschaft des öffentlichen Rechtes irgendwo gleich strukturiert sind; dass alle sich in ein demokratisches System mit ihren Rechtsordnungen und ihren Freiräumen, die diese Rechtsordnung gibt einfügen. Dem Wesen des Islam aber muss das an sich widersprechen. Er kennt nun die Trennung des politischen und des religiösen Bereiches, die das Christentum von Anfang an in sich trug, überhaupt nicht. Der Koran ist ein ganzheitliches Religionsgesetzt, das die Ganzheit des politischen und gesellschaftlichen Lebens regelt und darauf aus ist, dass die ganze Lebensordnung eine solche des Islams ist. Die Scharia prägt eine Gesellschaft von Anfang bis zu Ende. Insofern kann er zwar solche Teilfreiheiten, wie unsere Verfassung sie gibt, schon ausnutzen, aber es kann nicht sein Zielpunkt sein, dass er sagt: ja, jetzt sind wir auch Körperschaft des öffentlichen Rechts, jetzt sind wir genauso präsent wie die Katholiken und die Protestanten. Da ist er immer noch nicht an seinem eigentlichen Punkt angelangt, das ist noch ein Entfremdungspunkt.

Totalität der Lebensordnung

Der Islam hat eine ganz andere Totalität der Lebensordnung, er umgreift einfach alles, seine Lebensordnung ist anders als die unsere. Es gibt eine ganz deutliche Unterordnung de Frau unter den Mann, es gibt eine sehr festgefügte und unseren modernen Gesellschaftsvorstellungen entgegengesetzte Ordnung des Strafrechtes, der ganzen Lebensbezüge. Darüber muss man sich klar sein, dass er nicht einfach eine Konfession ist, die man auch in den freiheitliche Raum pluralistischen Gesellschaft einbezieht. Wenn man das so hinstellt, wie das heute manchmal geschieht, ist der Islam nach einem christlichen Modell dekliniert und nicht in seinem Selbstsein gesehen. Insofern ist die Frage des Dialogs mit dem Islam natürlich viel komplizierter als etwa ein innerkirchlicher Dialog.“ (Salz der Erde, 259-261). Fortsetzung folgt.

Foto: Sultan Ahmed Moschee – Bildquelle: Dersaadet, Wikipedia