Benedikt XVI. und der Islam (5)

Das Wahrheitsbewusstsein schließt Toleranz nicht aus.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 21. Januar 2015 um 18:02 Uhr

Einleitung von Gero P. Weishaupt:

Die jüngsten islamistischen Terroranschläge in Paris und anderen Ländern sowie die Demonstrationen in Dresden und anderen Städten Deutschlands gegen eine Islamisierung der Gesellschaft haben eine Diskussion über den Islam als solchen in der Gesellschaft ausgelöst. In der Reihe „Benedikt XVI. und der Islam“ geht das katholische Internetportal Kathnews der Frage nach, wie Papst Benedikt XVI. über den Islam dachte? Antworten dazu finden sich u. a. in einschlägigen Aussagen des Anfang 2013 emeritierten Papstes und früheren Kardinals Joseph Ratzinger in Interviews, die er Peter Seewald gewährt hat.

Das Gemeinsame suchen und nutzen

Eines dürfte deutlich sein: Papst Benedikt XVI. legt großen Wert auf den Dialog mit dem Islam als Voraussetzung eines friedlichen Miteinanders. Darum soll – wie übrigens auch das Zweite Vatikanische Konzil lehrt (vgl. Nostra aetate) – zuerst das gesucht und genutzt werden, was Christen und Moslems miteinander verbindet. In „Licht der Welt, Der Papst, die Kirche und die Zeichen der Zeit“ macht Peter Seewald dagegen allerdings folgenden Einwand:

Peter Seewald:

Es „ist nicht zu übersehen, dass in Ländern, wo der Islam Staat und Gesellschaft beherrscht, Menschenrechte mit Füßen getreten und Christen brutal unterdrückt werden. Für den anglikanischen Bischof Michael Nazir-Ali stellt der Islam die seit dem Kommunismus größte Bedrohung für den Westen dar, weil mit ihm eine umfassende politische und sozio-ökonomische Ideologie einhergehe. Der Präsident der islamischen Republik Iran, Mahmud Ahmadinedschad, hat erklärt, der Countdown für die Zerstörung Israels habe begonnen, bald werde Israel „von der Landkarte getilgt werden“.

„Ist die  Vorstellung von einem Dialog mit dem Islam dann nicht auch ein wenig blauäugig oder sorgar gefährlich?“

Auf diesen Einwand antwortet Papst Benedikt XVI.:

Papst Benedikt XVI:

„Es gibt sehr verschiedene Arten, wie der Islam gelebt wird, je nach seinen geschichtlichen Traditionen, von seiner Herkunft und den jeweiligen Machtverhältnissen her. In Schwarzafrika gibt es … zumindest in großen Teilen eine Tradition des Miteinanders, die sehr erfreulich ist. Wo auch Religionswechsel möglich ist und Kinder eines islamischen Vaters Christen werden können. Hier existiert eine Annäherung im Grundverständnis von Freiheit und Wahrheit, die die Intensität des Glaubens nicht trübt.

Wahreitsbewusstsein schließt Toleranz nicht aus

Wo der Islam aber, sagen wir, monokulturell, allein herrscht, unangefochten in seinen Traditionen und seiner kulturellen und politischen identität, sieht er sich leicht als Gegenposition zur westlichen Welt, gewissermaßen als der Verteidiger der Religion gegenüber dem Atheismus und dem Säkularismus. Das Wahrheitsbewusstsein kann dann so eng werden, dass es zur Intoleranz wird und damit auch ein Miteinander mit den Christen sehr schwer macht. Hier ist es wichtig, dass wir mit allen dialogwilligen islamischen Kräften intensiv in Verbindung bleiben, und dass dann Bewusstseinsveränderungen auch dort geschehen können, wo Islamismus Wahrheitsanspruch und Gewalt miteinander verknüpft.“ (in: Licht der Welt, 126 f.). Fortsetzung folgt.

Foto: Papt Benedikt XVI. bei einem seiner Mittwochsaudienzen. Bildquelle: Kathnews