Beheimatung zwischen Abkapslung und Ausstrahlung

Französische Bischofskonferenz analysiert Situation und Milieu der überlieferten Liturgie. Ein Beitrag von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 30. Januar 2021 um 09:38 Uhr
Alte Messe

Vor dem Hintergrund der im letzten Frühjahr von der Glaubenskongregation an die Diözesanbischöfe in aller Welt versandten Umfrage zur Umsetzung des Motu Proprio Summorum Pontificum (SP) und der Situation der sogenannten außerordentlichen Form des einen Römischen Ritus in den Bistümern, hat die französische Bischofskonferenz  ihre Analyse zur Lage veröffentlicht. Darüber hat katholisch.de berichtet, und Pater Sven Leo Conrad FSSP, selbst promovierter Theologe und anerkannter Liturgiewissenschaftler, der als Petrusbruder die Alte Messe feiert, hat die Analyse der Bischöfe einer kritischen Sichtung unterzogen.

Das Ergebnis, zu dem er kommt, konnte er in der aktuellen Ausgabe der katholischen Wochenzeitung Die Tagespost, die in WĂĽrzburg erscheint, in einem ganzseitigen Beitrag vorstellen (vgl. DT vom 28. Januar 2021, Printausgabe S. 9), der online einsehbar ist.

Spezielle Lage in Frankreich

Nun wird man den französischen Bischöfen zugestehen müssen, dass ihr Land jedenfalls auf Europa und die Landesgröße bezogen – vielleicht neben der Schweiz – dasjenige ist, in dem die alte Liturgie sowohl nach Orten, an denen sie regelmäßig zelebriert wird, als auch gemessen an der Zahl der Gläubigen, die sie besuchen, am stärksten vertreten ist.

Hinzu kommt in Frankreich eine häufig anzutreffende Überschneidung oder Verflechtung mit politischen und monarchistischen Kreisen, was jedoch gar nicht im Mittelpunkt der Problembetrachtung  der Bischöfe steht. Daran ist man offenbar gewöhnt und kann damit umgehen. Oder das Phänomen wird in Frankreich selbst gar nicht so gravierend wahrgenommen, wie es oftmals von außen besehen erscheint.

Unverhohlene Kritik, ja Ablehnung des Zweiten Vatikanischen Konzils?

Deutlicher bemängeln die Bischöfe eine in den der alten Liturgie verbundenen Gemeinschaften und Gruppen zu bemerkende Konzilskritik, was Conrad in dieser Pauschalität zurückweist und zu Recht meint, es gehe um eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Konzilstexten, während die Oberhirten offenbar jede Anfrage an die konkret erfolgte Umsetzung der tatsächlichen (oder auch vermeintlichen) Konzilsbeschlüsse und Reformen für nicht statthaft halten.

Die Bischöfe sind hier tatsächlich auf ihr eigenes Verständnis kirchlicher Einheit hin zu befragen. Haben sie dabei schlicht eine unkritische Konformität mit dem faktisch landläufig im Gottesdienst Üblichen vor Augen? Meinen sie damit theologisch einen unreflektierten Anschluss an einen mehr oder minder progressiven Mainstream oder wenigstens ein ehrfürchtiges Stillschweigen dazu? Hier wäre ihnen anscheinend doch wieder ein strikt vorkonziliares silentium obsequiosum, ein folgsames Schweigen, ganz recht.

Verkannt wird zweierlei: Die nachkonziliare Liturgie ist selbst oft uneinheitlich. Zum einen ist sie bereits amtlich und formal reich an zahlreichen Wahlmöglichkeiten, die untereinander ganz legitim prinzipiell völlig frei kombiniert werden können. Zum anderen verleitet gerade dies viele Zelebranten und Gemeinden zusätzlich zu Kreativität im Gottesdienst über die offiziell zulässigen Spielräume in seiner Gestaltung hinaus. (Stichwort: „liturgische Missbräuche“ – eigentlich liegen sie im System und sind ganz hausgemacht und selbstverschuldet.)

Sodann wird aber auch ein weitgespannter Konsens in der aktuellen Theologie angenommen,  was die heterogene Breite ihrer vielfältigen Strömungen übersieht, die auch Einsprüche von mehr konservativer Seite, selbst Zurückweisungen aushalten müssen, wenn sie Teil eines wissenschaftlichen, theologischen Diskurses sein wollen, nicht einfach auf Mehrheit und Autorität gestütztes Allgemeingut, das niemand in Frage stellt.

Mangelhafte Wirksamkeit in der Evangelisierung?

Überraschenderweise kritisieren die Bischöfe dann aber mangelnden missionarischen Impuls und Elan; fehlende Initiative seitens der traditionellen Gemeinschaften und der Katholiken in deren Umfeld. Tatsächlich lässt sich dies feststellen:  Wo ist oftmals das Missionarische? Die Altrituellen sprechen vorzugsweise bereits festgefügte, eigene Kreise an, oder man erreicht höchstens solche neuen Interessenten, die aus eigenem Antrieb beziehungsweise mehr zufällig zur alten Liturgie stoßen.

Man darf sich allerdings fragen, was geschehen würde, würde man offensiver über diesen engeren Radius hinaus wirken. Wahrscheinlich wären es dieselben Bischöfe,  die daraus einen neuen Vorwurf, den eines innerkatholischen Proselytismus, zimmern würden.

Es gibt das Spannungsfeld, das in der Hauptüberschrift des vorliegenden Beitrags bezeichnet ist. Wer sich auf das Motu Proprio SP Papst Benedikts beruft, kann sich strenggenommen nicht ganz gegenüber der nachkonziliar erneuerten Liturgie und dem heutigen kirchlichen Leben verschließen oder sich ihm gegenüber ausschließlich abwehrend verhalten. Doch liegt hier ein doppeltes Problem vor, weil der geniale Theologenpapst in der Konstruktion eines Ritus in zwei Formen wahrscheinlich einerseits zu abstrakt und ideal harmonisierend gedacht hat, andererseits als Philosoph und Deutscher zu sehr von Hegels Dialektik beeinflusst war. Vor allem aber hat Ratzinger immer schon gemeint, das Traditionalistenproblem rein liturgisch, und sei es auch durch weitgehende, sogar umfassende, Zugeständnisse lösen zu können.

Den französischen Bischöfen ist beizupflichten

Solche Zugeständnisse mögen eventuell geeignet sein, die Problematik oberflächlich zu entspannen. Eine Lösung können sie nicht bewerkstelligen.  Denn wenn Papst Benedikt auch postulieren musste, dass beiden Formen ein und dieselbe lex credendi, eine gemeinsame, übereinstimmende Glaubensregel und –norm, entspricht, um nicht selbst die Legitimität der Liturgiereform Pauls VI. zu hinterfragen, kann nicht übersehen werden, dass beide Formen – besonders deutlich in der repräsentativen, tatsächlichen liturgischen Anwendung – einem je eigenen, sehr wohl gegensätzlichen Paradigma folgen.  Dem entsprechen sehr unterschiedliche, teilweise bis in den Kern hinein widersprüchliche, Theologien. Das wollte Ratzinger nie sehen und konnte es auch gar nicht zugestehen, ohne einzuräumen, dass die Abweichung logischerweise aufseiten des neuen Zugangs und Ansatzes sich eingestellt haben musste. Vermutlich reagieren die Bischöfe deshalb so sensibel bis gereizt, weil ihnen das doch noch ziemlich bewusst ist, zumal ja auch die enthusiastischen Befürworter der neuen Liturgie ihrerseits darauf bestehen, dass es ein neues Konzept gibt, das die Liturgiereform nach dem Zweiten Vaticanum trägt und darauf, dass ihr Verständnis des Gottesdienstes ein anderes als vor dem Konzil ist.

Motu Proprio SP praktisch bruchstĂĽckhaft

Wenn allerdings in dieser Situation die Implementierung des Usus antiquior, also der Messe und der anderen liturgischen Feiern nach der Editio typica von 1962, nicht zu der gewünschten Harmonie führt oder sogar Spannungen und Komplikationen hervorruft, sollen sich die Bischöfe laut Art. 7 SP an die Päpstliche Kommission Ecclesia Dei, nunmehr an die entsprechende Abteilung der Glaubenskongregation wenden, in der diese Kommission 2019 aufgegangen ist, die den Bischöfen in solchen Fällen laut Art. 8 SP „Rat und Hilfe zu geben hat“.  Wie dies konkret geschehen soll und kann, lässt das Motu Proprio offen und unbeantwortet.

Die Strahlkraft der überlieferten Liturgie ist stark und anziehend. Sie wird aber zum einen dort gehemmt, wo sich die Anhänglichkeit an sie vorwiegend von dem negativen Motiv der Ablehnung der nachkonziliaren Liturgie nährt, zum anderen dadurch, dass von den Bischöfen eine weitere Ausstrahlung gar nicht gewünscht wird und auch keine konstruktiv kritische Auseinandersetzung mit der nachkonziliaren Liturgiereform und ihrer tagtäglichen Praxis in den Gemeinden.

Schließlich muss noch gesagt sein, dass die altrituelle Gemeinde, in der es vor jungen Familien, vor Kindern und Jugendlichen nur so wimmelt, auch nur eine punktuelle oder gelegentliche Erscheinung ist, zum Beispiel bei den französischen Nationalwallfahrten zu Pfingsten, sich im Alltag jedenfalls keineswegs überall und auch nicht automatisch einstellt. Hier gibt es unter Traditionalisten nicht selten eine beschönigende Selbstwahrnehmung, zumal auch die Glaubensweitergabe nicht unbedingt besser gelingt als anderswo. Das sieht man daran, wie viele junge Erwachsene die Glaubenspraxis aufgeben oder abschwächen, sobald sie nicht mehr der unmittelbaren Anleitung und Bestimmung durch die Eltern, die der traditionellen Liturgie verbunden sind, unterstehen.

Und an die Adresse der Bischöfe gewandt scheint es so, dass entgegen deren Selbstdarstellung als offene und vielfältige Kirche doch nach wie vor Uniformität favorisiert wird. Nur Inhalt und Gesicht dieser pflegeleichten Gleichförmigkeit haben sich vielleicht nach dem Zweiten Vaticanum gewandelt, nachdem die Kirche zuvor erst in dem relativ kurzem Zeitraum von 1870 bis 1950 (eingegrenzt vom Ersten Vaticanum und der Enzyklika Humani generis als ungefähre Datierungen) streng monolithisch aufgetreten war, worin der Darstellung des Kirchenhistorikers Hubert Wolf, sicher kein Traditionalist, weitgehend gefolgt werden kann.

Foto: Alte Messe – Bildquelle: PMT

UPDATE 02.02.2021, 22:28 Uhr

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