Aufruf an Kirche und Welt – Initiator ist Erzbischof Carlo Maria Viganò

Versuch einer Verortung von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 8. Mai 2020 um 14:14 Uhr
Kardinal Müller

Am Abend des 7. Mai 2020 ging die Eilmeldung durch das Netz, die Kardinäle Müller, Sarah und Zen hätten einen Appell an alle Katholiken und alle Menschen guten Willens gerichtet, um die internationalen Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus und die damit einhergehenden Eingriffe in Grund- und Freiheitsrechte zu verurteilen.

Der Wortlaut wurde im deutschen Sprachraum zuerst auf kath.net veröffentlicht. Zwischenzeitlich hat Kardinal Robert Sarah erklärt, dass er trotz punktueller Zustimmung die Initiative nicht mit seiner Unterschrift unterstützt habe.

Bei einem Blick auf den Wortlaut stellt sich ungläubige Verwunderung darüber ein, dass ausgerechnet Kardinal Gerhard L. Müller Erstunterzeichner der Petition sein soll.

Mit befremdlicher Verfolgungssehnsucht und merkwürdigen Verschwörungstheorien imprägniert

Sosehr dem Aufruf darin zuzustimmen ist, dass staatliche und internationale Eingriffe in die Grund- und Freiheitsrechte der Menschen und Bürger grundsätzlich nur behutsam erfolgen dürfen und zeitlich befristet sein müssen, auch wenn es gilt, die öffentliche Gesundheit zu schützen, spricht der Text doch in inakzeptabler Weise vom Vorwand des Coronavirus und geht von der Existenz dunkler Kräfte und Gruppen aus, die Covid-19 angeblich instrumentalisierten, um die Weltherrschaft an sich zu reißen. Zwar ist Kardinal Müller für seine prägnanten und auch unnachgiebig dezidierten Positionen bekannt, die Nüchternheit seines Charakters ließ jedoch jedenfalls bis jetzt noch nie eine Neigung zu Verschwörungstheorien vermuten.

Bei Kardinal Zen und Weihbischof Athanasius Schneider, der ebenso zu den Unterzeichnern zählt, mag es aufgrund eigener Erfahrung mit einer Diktatur beziehungsweise vor dem familiären Hintergrund der Verfolgung im Kommunismus verständlich oder zumindest nachvollziehbar sein, wenn man alarmiert auf eine tatsächliche oder vermeintliche Beeinträchtigung der Religionsfreiheit reagiert. Anders lässt sich die von Verfolgungssehnsucht und Verschwörungstheorien durchtränkte Argumentation jedoch nicht erklären. Dieses Vorzeichen nimmt dem Text jede Chance, selbst in zutreffenden oder immerhin prinzipiell diskutablen, einzelnen Gesichtspunkten als seriöse Wortmeldung ernstgenommen zu werden, zumal in einer Phase, wo überall Lockerungsmaßnahmen eingeleitet werden, die schrittweise, aber effektiv zur Normalisierung der gesellschaftlichen Situation führen werden.

Namen, die fehlen

Erleichtert kann man darüber sein, dass die Kardinäle Raymond L. Burke und Walter Brandmüller im Zusammenhang mit dem Appell nicht genannt werden. Vielleicht sind sie durch ihre Erfahrung als Dubiakardinäle dagegen immun gewesen und bleiben es hoffentlich auch weiterhin.

Initiativen, die Vorstellungen fördern, ein Virus könne von geheimen Gesellschaften und zwielichtigen Netzwerken der Macht entweder bloß erfunden oder gar selbst erzeugt worden sein, um die Kirche zu verfolgen oder Menschen in ihrer Freiheit zu unterjochen, können zweifelsohne nicht dazu beitragen, einem Katholizismus konservativer Prägung innerkirchlich und gesellschaftlich mehr Gewicht und stärkere Überzeugungskraft zu verleihen.

Gemeinsame Gottesdienste werden wieder aufgenommen

Bei aller Freude darüber, dass an immer mehr Orten auch wieder öffentliche heilige Messen gefeiert und besucht werden können, muss man dennoch gerade theologisch fragen, ob es nicht oft sinnvoller wäre, sie erst dann wieder aufzunehmen, wenn hygienische Maßnahmen und Sicherheitsvorkehrungen, die noch vorgeschrieben sind, zumindest weitestgehend wieder entfallen sein werden.

Maskentragende Priester und Gläubige kollidieren doch ebenso mit Würde und mit der gottesdienstlichen Gestalt der heiligen Eucharistie und ihrer Feier wie antivirale Desinfizierungen, die in Konkurrenz zur liturgischen Purifikation treten.

Foto: Kardinal Müller – Bildquelle: M. Bürger, kathnews.de