Ansprache des Papstes zu Kardinalsernennungen

„Ich glaube an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.“
Erstellt von Radio Vatikan am 24. November 2012 um 23:36 Uhr

Liebe BrĂŒder und Schwestern! Diese Worte, die die neuen KardinĂ€le gleich, wenn sie die Professio fidei ablegen, feierlich aussprechen werden, gehören zum NizĂ€no-Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis, der Zusammenfassung des Glaubens der Kirche, die jeder im Augenblick der Taufe empfĂ€ngt. Nur wenn wir diese Regel der Wahrheit bekennen und unversehrt bewahren, sind wir authentische JĂŒnger Christi. In diesem Konsistorium möchte ich besonders auf die Bedeutung des Begriffes „katholisch“ eingehen, der einen Wesenszug der Kirche und ihrer Sendung bezeichnet. Das wĂ€re ein weitlĂ€ufiges Thema, und es könnte unter verschiedenen Gesichtspunkten behandelt werden. Heute werde ich mich nur auf einige Gedanken beschrĂ€nken.

Die charakteristischen Merkmale der Kirche entsprechen dem göttlichen Plan, wie der Katechismus des Katholischen Kirche ausfĂŒhrt: „Christus macht durch den Heiligen Geist seine Kirche zur einen, heiligen, katholischen und apostolischen. Er beruft sie dazu, jede dieser Eigenschaften zu verwirklichen“ (Nr. 811). Die Kirche ist im besonderen darum katholisch, weil Christus in seiner Heilssendung die gesamte Menschheit umfasst. WĂ€hrend die Sendung Jesu in seinem Erdenleben auf das jĂŒdische Volk, auf die „verlorenen Schafe des Hauses Israel“ (vgl. Mt 15,24) beschrĂ€nkt blieb, war sie doch von Anfang an darauf ausgerichtet, allen Völkern das Licht des Evangeliums zu bringen und alle Nationen in das Reich Gottes eintreten zu lassen. Angesichts des Glaubens des Hauptmanns in Kafarnaum ruft Jesus aus: „Ich sage euch: Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen“ (Mt 8,11). Diese universale Perspektive leuchtet unter anderem in der Selbstdarstellung Jesu nicht nur als „Sohn Davids“, sondern als „Menschensohn“ (Mk 10,33) auf, wie wir auch in dem eben verkĂŒndeten Evangelienabschnitt gehört haben.

Die Bezeichnung „Menschensohn“ erinnert im Sprachgebrauch der an der Geschichtsvision des Buches Daniel (vgl. 7,13-14) inspirierten jĂŒdischen apokalyptischen Literatur an die Gestalt, die „mit den Wolken des Himmels“ (v. 13) kommt, und ist ein Bild, das ein ganz neues Reich ankĂŒndigt, ein Reich, das nicht von menschlichen MĂ€chten getragen wird, sondern von der wahren Macht, die von Gott kommt. Jesus bedient sich dieses reichen und vielschichtigen Ausdrucks und bezieht ihn auf sich selbst, um den wahren Charakter seines Messianismus aufzuzeigen als eine Sendung, die fĂŒr den ganzen Menschen und fĂŒr jeden Menschen bestimmt ist und damit jeden ethnischen, nationalen und religiösen Partikularismus ĂŒberwindet. Und gerade in der Nachfolge Jesu, indem man sich in sein Menschsein und folglich in die Gemeinschaft mit Gott hineinziehen lĂ€ĂŸt, tritt man in dieses neue Reich ein, das die Kirche verkĂŒndet und vorwegnimmt und das Aufsplitterung und Zerstreuung besiegt.

Jesus sendet außerdem seine Kirche nicht zu einer Gruppe, sondern an die Menschheit im ganzen, um sie im Glauben in einem einzigen Volk zu versammeln, mit dem Ziel, sie zu retten, wie das Zweite Vatikanische Konzil es in der Dogmatischen Konstitution Lumen gentium gut zum Ausdruck bringt: „Zum neuen Gottesvolk werden alle Menschen gerufen. Darum muß dieses Volk eines und ein einziges bleiben und sich ĂŒber die ganze Welt und durch alle Zeiten hin ausbreiten. So soll sich das Ziel des Willens Gottes erfĂŒllen“ (Nr. 13). Die UniversalitĂ€t der Kirche greift also auf die UniversalitĂ€t des einzigen göttlichen Heilsplans fĂŒr die Welt zurĂŒck.

Dieser universale Charakter tritt am Pfingsttag deutlich hervor, als der Heilige Geist die christliche Urgemeinde mit seiner Gegenwart erfĂŒllt, damit sich das Evangelium auf alle Nationen ausbreite und in allen Völkern das eine Gottesvolk wachsen lasse. So ist die Kirche von Anfang an kat’holon ausgerichtet, sie umfaßt das ganze Universum. Die Apostel wenden sich mit ihrem Zeugnis fĂŒr Christus an Menschen aus aller Welt, und jeder versteht sie, als sprĂ€chen sie in seiner Muttersprache (vgl. Apg 2,7-8). Von jenem Tag an verkĂŒndet die Kirche – gemĂ€ĂŸ der Verheißung Jesu – mit der „Kraft des Heiligen Geistes“ den gestorbenen und auferstandenen Herrn „in Jerusalem und in ganz JudĂ€a und Samarien und bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1,8). Die universale Sendung der Kirche steigt also nicht aus der Tiefe auf, sondern kommt von oben herab, vom Heiligen Geist, und von ihrem ersten Augenblick an ist sie darauf ausgerichtet, sich in jeder Kultur auszudrĂŒcken, um so das eine Volk Gottes zu bilden. Es ist nicht eine örtliche Gemeinschaft, die sich langsam vergrĂ¶ĂŸert und ausbreitet, sondern gleichsam ein Sauerteig, der auf das Umfassende, auf das Ganze hin ausgerichtet ist und die UniversalitĂ€t selber in sich trĂ€gt. „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkĂŒndet das Evangelium allen Geschöpfen“ (Mk 16,15); „geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen JĂŒngern“ (Mt 28,19). Mit diesen Worten sendet Jesus die Apostel zu allen Geschöpfen, damit das Heilswirken Gottes ĂŒberallhin gelange.

Wenn wir jedoch auf den Moment der Himmelfahrt Jesu schauen, wie er in der Apostelgeschichte erzĂ€hlt wird, dann sehen wir, daß die JĂŒnger noch in ihrer Sichtweise verhaftet sind; sie denken an die Wiederherstellung eines neuen davidischen Reiches und fragen den Herrn: „Stellst du in dieser Zeit das Reich fĂŒr Israel wieder her?“ (Apg 1,6). Und wie antwortet Jesus? Er antwortet, indem er ihre Horizonte öffnet und ihnen eine Verheißung gibt und eine Aufgabe erteilt: Er verspricht ihnen, daß sie mit der Kraft des Heiligen Geistes erfĂŒllt werden, und gibt ihnen den Auftrag, ihn in aller Welt zu bezeugen und die kulturellen und religiösen Grenzen, in denen zu denken und zu leben sie gewohnt waren, zu ĂŒberschreiten, um sich fĂŒr das universale Reich Gottes zu öffnen. Und zu Beginn des Weges der Kirche brechen die Apostel und die JĂŒnger ohne jede menschliche Sicherheit auf, einzig mit der Kraft des Heiligen Geistes, des Evangeliums und des Glaubens. Das ist das Ferment, das sich in der Welt ausbreitet, in die verschiedenen Begebenheiten und in die vielfĂ€ltigen kulturellen wie gesellschaftlichen Umfelder eindringt, doch es bleibt eine einzige Kirche.

Im Umkreis der Apostel blĂŒhen die christlichen Gemeinden, aber sie sind „die“ Kirche, die in Jerusalem, in Antiochien oder in Rom immer dieselbe eine und universale Kirche ist. Und wenn die Apostel von Kirche sprechen, dann sprechen sie nicht von einer bestimmten Gemeinde, sondern von der Kirche Christi und beharren auf dieser einen, universalen und umfassenden IdentitĂ€t der Catholica, die sich in jeder Ortskirche verwirklicht. Die Kirche ist eine, sie ist heilig, katholisch und apostolisch und spiegelt in sich selbst die Quelle ihres Lebens und ihres Weges wider: die Einheit und die Gemeinschaft der TrinitĂ€t. Auf der Linie und aus der Perspektive der Einheit und der UniversalitĂ€t der Kirche ist auch das Kardinalskollegium zu sehen: Es weist eine Vielfalt von Gesichtern auf, weil es das Gesicht der universalen Kirche zum Ausdruck bringt. Ganz besonders durch dieses Konsistorium möchte ich hervorheben, daß die Kirche eine Kirche aller Völker ist und sich deshalb in den unterschiedlichen Kulturen der verschiedenen Kontinente ausdrĂŒckt. Es ist die Kirche von Pfingsten, die in der Polyphonie der Stimmen einen einzigen harmonischen Gesang zum lebendigen Gott aufsteigen lĂ€ĂŸt.

Von Herzen begrĂŒĂŸe ich die offiziellen Delegationen der verschiedenen LĂ€nder, die Bischöfe, die Priester, die gottgeweihten Personen, die glĂ€ubigen Laien der verschiedenen Diözesen sowie alle, die teilhaben an der Freude der neuen Mitglieder des Kardinalskollegiums, mit denen sie durch Verwandtschaft, Freundschaft oder Zusammenarbeit verbunden sind. Die neuen KardinĂ€le, die verschiedene Diözesen der Welt vertreten, sind ab heute in ganz besonderer Weise der Kirche von Rom angegliedert und verstĂ€rken so die geistlichen Bande, welche die gesamte, von Christus mit Leben erfĂŒllte und um den Nachfolger Petri gescharte Kirche zusammenhalten. Zugleich bringt der heutige Ritus den höchsten Wert der Treue zum Ausdruck. In dem Eid, den ihr, verehrte MitbrĂŒder, gleich ablegen werdet, stehen nĂ€mlich Worte voll tiefer geistlicher und kirchlicher Bedeutung: „Ich verspreche und schwöre, von nun an und immer, solange ich lebe, Christus und seinem Evangelium treu zu bleiben, in stĂ€ndigem Gehorsam gegenĂŒber der Heiligen Apostolischen Römischen Kirche“. Und wenn ihr das rote Birett empfangt, werdet ihr an seine Bedeutung erinnert, „dass ihr bereit sein mĂŒsst, euch tapfer bis zum Blutvergießen fĂŒr die Förderung des christlichen Glaubens, fĂŒr den Frieden und fĂŒr die Ruhe des Gottesvolkes einzusetzen“. Die Übergabe des Ringes wiederum wird von der Mahnung begleitet: „Du sollst wissen, daß mit der Liebe zum ApostelfĂŒrsten deine Liebe zur Kirche gestĂ€rkt wird.“

So ist also in diesen Gesten und den sie begleitenden Worten die Physiognomie angedeutet, die ihr heute innerhalb der Kirche annehmt. Von jetzt an seid ihr noch enger und inniger mit dem Stuhl Petri verbunden. Die Titel oder die Diakonien der Kirchen der Stadt Rom werden euch an das Band erinnern, das euch als Glieder ganz besonderer Ordnung eng mit der Kirche von Rom verbindet, die den Vorsitz in der universalen Liebe hat. Speziell durch eure Zusammenarbeit mit den Dikasterien der Römischen Kurie werdet ihr mir als dem Hirten der ganzen Herde Christi und dem Garanten der Lehre, der Disziplin und der Moral wertvolle Mitarbeiter sein, vor allem im apostolischen Dienst fĂŒr die gesamte KatholizitĂ€t. Liebe Freunde, loben wir den Herrn, der „mit großzĂŒgigen Gaben unaufhörlich seine Kirche auf der ganzen Welt bereichert“ (Oration) und sie in der immerwĂ€hrenden Jugend stĂ€rkt, die er ihr verliehen hat. Ihm vertrauen wir den neuen kirchlichen Dienst dieser geschĂ€tzten, verehrten MitbrĂŒder an, damit sie in der aufbauenden Dynamik des Glaubens und im Zeichen einer unablĂ€ssigen selbstlosen Liebe ein mutiges Zeugnis fĂŒr Christus geben können.

Foto: Papst Benedikt XVI. – Bildquelle: Andreas Gehrmann

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