Ambrosius: Durch die Taufe empfangen wir das Licht des ewigen Lebens

Homilie des heiligen Ambrosius zum Evangelium des 4. Fastensonntages nach der sogenannten ordentlichen Form des Römischen Ritus. Text: Epistula 80, 1-6; PL 1-6, 1336-1338. Übersetzung aus dem Lateinischen: Gero P. Weishaupt.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 25. MĂ€rz 2017 um 12:08 Uhr
Taufbecken

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes (Joh 9, 1-41)

In jener Zeit 1sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. 2Da fragten ihn seine JĂŒnger: Rabbi, wer hat gesĂŒndigt? Er selbst? Ober haben seine Eltern gesĂŒndigt, so dass er blind geboren wurde? 3Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesĂŒndigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden. 4Wir mĂŒssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann. 5Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. 6Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen 7und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Schiloach heißt ĂŒbersetzt: Der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurĂŒckkam, konnte er sehen. 8Die Nachbarn und andere, die ihn frĂŒher als Bettler gesehen hatten, sagten: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte? 9Einige sagten: Er ist es. Andere meinten: Nein, er sieht ihm nur Ă€hnlich. Er selbst aber sagte: Ich bin es. 10Da fragten sie ihn: Wie sind deine Augen geöffnet worden? 11Er antwortete: Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Teig, bestrich damit meine Augen und sagte zu mir: Geh zum Schiloach, und wasch dich! Ich ging hin, wusch mich und konnte wieder sehen. 12Sie fragten ihn: Wo ist er? Er sagte: Ich weiß es nicht. 13Da brachten sie den Mann, der blind gewesen war, zu den PharisĂ€ern. 14Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte. 15Auch die PharisĂ€er fragten ihn, wie er sehend geworden sei. Der Mann antwortete ihnen: Er legte mir einen Teig auf die Augen; dann wusch ich mich, und jetzt kann ich sehen. 16Einige der PharisĂ€er meinten: Dieser Mensch kann nicht von Gott sein, weil er den Sabbat nicht hĂ€lt. Andere aber sagten: Wie kann ein SĂŒnder solche Zeichen tun? So entstand eine Spaltung unter ihnen. 17Da fragten sie den Blinden noch einmal: Was sagst du selbst ĂŒber ihn? Er hat doch deine Augen geöffnet. Der Mann antwortete: Er ist ein Prophet. 18Die Juden aber wollten nicht glauben, dass er blind gewesen und sehend geworden war. Daher riefen sie die Eltern des Geheilten 19und fragten sie: Ist das euer Sohn, von dem ihr behauptet, dass er blind geboren wurde? Wie kommt es, dass er jetzt sehen kann? 20Seine Eltern antworteten: Wir wissen, dass er unser Sohn ist und dass er blind geboren wurde. 21Wie es kommt, dass er jetzt sehen kann, das wissen wir nicht. Und wer seine Augen geöffnet hat, das wissen wir auch nicht. Fragt doch ihn selbst, er ist alt genug und kann selbst fĂŒr sich sprechen. 22Das sagten seine Eltern, weil sie sich vor den Juden fĂŒrchteten; denn die Juden hatten schon beschlossen, jeden, der ihn als den Messias bekenne, aus der Synagoge auszustoßen. 23Deswegen sagten seine Eltern: Er ist alt genug, fragt doch ihn selbst. 24Da riefen die PharisĂ€er den Mann, der blind gewesen war, zum zweiten Mal und sagten zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, dass dieser Mensch ein SĂŒnder ist. 25Er antwortete: Ob er ein SĂŒnder ist, weiß ich nicht. Nur das eine weiß ich, dass ich blind war und jetzt sehen kann. 26Sie fragten ihn: Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er deine Augen geöffnet? 27Er antwortete ihnen: Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht gehört. Warum wollt ihr es noch einmal hören? Wollt auch ihr seine JĂŒnger werden? 28Da beschimpften sie ihn: Du bist ein JĂŒnger dieses Menschen; wir aber sind JĂŒnger des Mose. 29Wir wissen, dass zu Mose Gott gesprochen hat; aber von dem da wissen wir nicht, woher er kommt. 30Der Mann antwortete ihnen: Darin liegt ja das Erstaunliche, dass ihr nicht wisst, woher er kommt; dabei hat er doch meine Augen geöffnet. 31Wir wissen, dass Gott einen SĂŒnder nicht erhört; wer aber Gott fĂŒrchtet und seinen Willen tut, den erhört er. 32Noch nie hat man gehört, dass jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat. 33Wenn dieser Mensch nicht von Gott wĂ€re, dann hĂ€tte er gewiss nichts ausrichten können. 34Sie entgegneten ihm: Du bist ganz und gar in SĂŒnden geboren, und du willst uns belehren? Und sie stießen ihn hinaus. 35Jesus hörte, dass sie ihn hinausgestoßen hatten, und als er ihn traf, sagte er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn? 36Der Mann antwortete: Wer ist das, Herr? Sag es mir, damit ich an ihn glaube. 37Jesus sagte zu ihm: Du siehst ihn vor dir; er, der mit dir redet, ist es. 38Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder. 39Da sprach Jesus: Um zu richten, bin ich in diese Welt gekommen: damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden. 40Einige PharisĂ€er, die bei ihm waren, hörten dies. Und sie fragten ihn: Sind etwa auch wir blind? 41Jesus antwortete ihnen: Wenn ihr blind wĂ€rt, hĂ€ttet ihr keine SĂŒnde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure SĂŒnde.

Homilie des heiligen Ambrosius

BrĂŒder, ihr habt die Lesung des Evangeliums gehört, in dessen Verlauf zur Sprache gekommen ist, dass Jesus beim VorĂŒbergehen jemanden sah, der von Geburt an blind war. Wenn der Herr ihn also gesehen hat, ist er nicht an ihm vorbeigegangen. Darum dĂŒrfen nicht einmal wir an ihm vorĂŒbergehen, an ihm, der gemĂ€ĂŸ der Meinung des Herrn nicht negiert werden durfte, vor allem weil er von Geburt an blind war. Letzteres ist keine ĂŒberflĂŒssige Bemerkung in dem Text.

Es gibt nĂ€mlich eine Blindheit, die meistens krankheitsbedingt die Sehkraft behindert, und diese wird im selben Augenblick geheilt. Es gibt eine Blindheit, die durch das Eindringen von Erde entsteht. Meistens schwindet sie mit Beseitigung des Mangels durch medizinische Behandlung. Du sollst dadurch erkennen, dass das, wodurch der Blindgeborene Heilung findet, nicht der Heilkunst, sondern der göttlichen Vollmacht zugeschrieben wird. Denn der Herr schenkte die Genesung, Medizin wandte er nicht an. Denn die heilte der Herr Jesus, fĂŒr die niemand sorgte.

Dem Schöpfer, der der Urheber der Natur ist, kommt es zu, den Mangel der Natur zu beheben. Darum fĂŒgte er hinzu: Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Das bedeutet: Alle, die blind sind, können sehen, wenn sie mich, das Licht, suchen. Kommt darum auch ihr zu mir und ihr werdet erleuchtet, so dass ihr sehen könnt.

Was bedeutet es ferner, dass der, der das Leben durch einen Machtspruch zurĂŒckgab, das Heil durch einen Befehl schenkte, indem er einem Toten sagte: Komm heraus und Lazarus trat aus dem Grab heraus; einem GelĂ€hmten sagte: Steh auf, nimm deine Bahre und der GelĂ€hmte stand auf aufstand und trug seine Bahre, auf der er noch vollstĂ€ndig gelĂ€hmt gewöhnlich getragen wurde? Was bedeutet es nun, dass er spuckte, einen Teig machte, diesen auf die Augen des Blinden strich und dabei sagte: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Schiloach heißt ĂŒbersetzt: Der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurĂŒckkam, konnte er sehen? Was ist der Grund dafĂŒr? Ein bedeutender, wie ich meine, denn mehr sieht der, den Jesus berĂŒhrt.

Richtet eure Aufmerksamkeit zugleich auf seine Göttlichkeit und sein Heilshandeln. Wie wenn Licht ihn berĂŒhrte, befeuchtete er ihn. Wie ein Priester durch die Ă€ußere Form der Taufe vollendete er die Geheimnisse der geistlichen Gnade. Er spuckte, damit du erkennen solltest, dass alles, was Christus innerlich ist, Licht ist. TatsĂ€chlich sieht der, der durch das Innere Christi gereinigt wird. Sein Wort reinigt, wie es in der Schrift heißt: Ihr seid schon rein durch mein Wort, das ich zu euch gesprochen habe.

Dass er mit Speichel einen Teig machte und die Augen des Blinden damit bestrich, was bedeutet das anderes, als dass du verstehen sollte, dass mit dem Teigaufstrich er selber, der aus Lehm den Menschen geschaffen hat, ihn wieder gesund gemacht hat und dass dieses Fleisch mit unserem Schmutz durch die Geheimnisse der Taufe das Licht des ewigen Lebens empfÀngt?

Tritt auch du zum Teich Schiloach, das heißt zu dem, der vom Vater gesandt worden ist, so wie geschrieben steht: Meine Lehre stammt nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat. Christus möge dich waschen, damit auch du siehst. Komm zur Taufe, jetzt ist die Zeit dafĂŒr. Komm geschwind, damit du sagst: Ich ging hin, wusch mich und konnte wieder sehen, und damit du auch sagst: Ich war blind und ich sah wieder. Und damit du schließlich wie er nach dem Empfang des Lichtes sagst: Die Nacht ist vorbei, der Tag ist angebrochen.

Über den heiligen Ambrosius (333/334 – 397)

Er stammte aus einer christlichen Adelsfamilie. Es wird berichtet, daß er noch als Katechumene 374 zum Bischof von Mailand gewĂ€hlt wurde. In dieser Position nahm er auf die Religionspolitik der römischen Kaiser beachtlichen Einfluß. Durch seine Predigt konnte er den damals als Rhetor tĂ€tigen Augustinus fĂŒr den katholischen Glauben gewinnen. Zu seinen Werken gehören Bibelkommentare (vor allem zu alttestamentlichen BĂŒchern, aber auch zum Lukasevangelium), ethische (De officiis ministrorum) und dogmatische Schriften (De fide, De spiritu sancto). Von dem „Vater des Kirchengesanges” sind auch mehrere Hymnen ĂŒberliefert. Mit Hieronymus, Augustinus und Gregor dem Großen zĂ€hlt er zu den vier großen lateinischen KirchenvĂ€tern (1295 endgĂŒltig fixiert durch Papst Bonifaz VIII.). (Quelle: Catena Aurea)

Foto: Taufbecken – Bildquelle: Ib Rasmussen / Wikipedia

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