Als „Corona“ noch kein Virus war

Kathnews-Interview mit Helmut Steffens über eine Neuerscheinung zur Geschichte der Bremer Presse.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 8. Oktober 2020 um 21:37 Uhr

Lieber Herr Steffens, Sie sind gebürtiger Aachener, Jahrgang 1948. Ihr Lebensweg hat Sie weit weg geführt. Wie weit in den Hohen Norden, das steckt schon im Namen der Stadt, in der Sie heute leben: Norderstedt. Vor kurzem haben Sie ein Buch mit dem Titel Die Geschichte der Bremer Presse vorgelegt. Von Haus aus haben Sie weniger mit Büchern als mit Musik zu tun und dabei mehr mit Jazz als mit gregorianischem Choral.

Das ist wohl wahr; für mich war die Bibliophilie durchaus ein Fremdwort, und ich hätte mich niemals diesem Zweige der Kunst gewidmet, wenn ich nicht meine Frau kennengelernt hätte; sie ist Bremerin. Ihr Vater war Büchersammler und sammelte insbesondere Bücher einer gewissen Bremer Druckerei. Ein Erzeugnis dieser Druckerei lag bei einem Besuch meiner Schwiegereltern auf dem Wohnzimmertisch. Wunderbar! Der Rest ist Geschichte…

Eigentlich fing alles damit an, dass ich kurz vor diesem Besuch bei den Schwiegereltern mich mit digitalen Schriften beschäftigte. Ich hatte mit ein Programm zur Schriftherstellung und -modifikation besorgt. Als erstes Objekt musste die 16-Punkt-Antiqua der Bremer Presse daran glauben. Das bewusste Buch auf dem Wohnzimmertisch war der Tacitus, eines der ersten Bücher der Bremer Presse, es war aus dieser Schrift gesetzt. Meine Nachbildung war – so sehe ich das heute – des Originals nicht unbedingt würdig.

Wie es dann weiterging, weiß ich heute auch nicht mehr so genau, aber es gab zwei Anstöße, welche die weitere Beschäftigung mit der Bremer Presse auslösten, zunächst mit deren Werken. Ich erfuhr, dass die Staats- und Universitätsbibliothek Bremen fast sämtliche Drucke der Bremer Presse besaß. Ich hatte sie daraufhin in mehreren Besuchen alle durchgesehen, wenn auch nicht alle gelesen. Aber: Meine Begeisterung für diese Art von Büchern wuchs. Als ich dann erfuhr, dass die SUB Bremen viele Briefe von einem der Bremer Presse-Mitarbeiter besaß, erhielt ich die Erlaubnis, diese Briefe zu kopieren. Dies kann ich rückblickend als die Initialzündung betrachten, mich intensiv mit diesen Materialien und somit mit den Interna der Presse zu beschäftigen. Ich lernte daraufhin die Enkelin des Faktors der Bremer Presse kennen, die mir weitere Unterlagen zur Verfügung stellte. Dies war der zweite und hauptsächliche Anstoß, mich mit der Bremer Presse zu beschäftigen. An ein Buch wurde damals noch nicht gedacht.

Jedenfalls in der Rückschau kann man Ihr Buch dennoch als ein Lebenswerk bezeichnen, allein schon deshalb, weil Sie daran seit 1975 gearbeitet und das Manuskript erst im vergangenen Jahr definitiv zum Abschluss gebracht haben. Wie kam es zu einer derart intensiven Beschäftigung, womit waren die Jahre der Buchentstehung ausgefüllt?

An ein Buch habe ich erst vor etwa fünf Jahren gedacht. Davor wurde ich durch viele Dienstreisen von der Beschäftigung mit der Bremer Presse abgehalten, wenngleich eine auswärtige Tätigkeit in Offenbach ein weiterer Anstoß war: das dortige Klingspor-Museum besitzt Materialien, also beispielsweise Stempel und Matrizen von Bremer Presse-Schriften! Da habe ich Blut geleckt… Ich dachte mir: Wo hier etwas gefunden ist, da finde ich noch mehr! Wie gesagt, der Beruf ging vor, aber er ließ des öfteren Besuche im Literaturarchiv Marbach zu, im Münchner Stadt- und Staatsarchiv, in der Stadtbibliothek Mönchengladbach und andernorts. Wesentlich war der einwöchige Besuch in Maria Laach; dort liegt das größte Konvolut von Briefen, das die Erstellung des Laacher Missale Romanum dokumentiert. Über tausend Dokumente! (Der Scanner hat’s durchgehalten.)

2020 ist das Buch nun als Book on Demand erschienen. Darin drückt sich schon die elitäre Nachfrage aus, mit der Sie selbst rechnen. Und in der Buchgestaltung, die Sie gewählt haben, spiegelt sich etwas von der Liebe zur Kunst des Buchdrucks wider, zur Buchbindekunst und zum Eindruck, den die gedruckte Seite im Buch auf die Leser macht. Sie haben sich für Ihre Geschichte der Bremer Presse offensichtlich von dem Zitat leiten lassen, das als Untertitel platziert ist: „…erlauchten Gästen ein würdiges Haus zu bereiten.“ Von wem und aus welchem Kontext stammt diese Absichtserklärung? Wie war sie prägend für die Erzeugnisse der Bremer Presse, und wie hat sie Ihre eigene Motivation als Autor eines Buches über die Bremer Presse beeinflusst?

Eine von Rudolf Alexander Schröder (Bremer Architekt, Schriftsteller, Übersetzer) im Jahr 1914 verfasste Ankündigung der Bremer Presse endet mit den Worten: „…so wird man ihm ferner Gunst und Unterstützung nicht verweigern, wenn er sich bemüht, erlauchten Gästen ein würdiges Haus zu bereiten.“ Das war (und blieb) das Credo der Bremer Presse. Ich habe mich bemüht, mein Buch in diesem Sinne zu gestalten. Ein Buch über die Bremer Presse muss auch der Bremer Presse würdig sein; ich hoffe, dass mir dies gelungen ist.

In der Bremer Presse entstand eine Zeitschrift, die zuerst auch schlicht so heißen sollte: Zeitschrift. Damit sollte ihre Zielsetzung zur Sprache kommen, dass in ihr Schriften ein Forum und Podium finden würden, die der literarischen Inspiration und Produktion der eigenen Zeit entstammten und entsprachen, zugleich aber rückgebunden waren an das große literarische Erbe als Maßstab und Anspruch der Gegenwart und ihrer Literatur. Diese literarische Zeitschrift erhielt schließlich den Titel Corona, erschien 1931 in sechs Ausgaben, die selbst mehr die Gestalt bibliophiler Bücher hatten als die einer Zeitschrift, und so liegt eine gewisse Ironie oder ein Schuss Humor darin, dass sich das Erscheinen Ihres eigenen Buches ausgerechnet bis 2020 hingezogen hat, wo Corona nicht als Synonym für Ästhetik und anspruchsvolles Schrifttum steht, sondern als Virus weltweit unser Leben auf den Kopf stellt. Lässt sich die Zeitschrift Corona inhaltlich und im gestalterischen Anspruch als programmatisch für das Ethos der Bremer Presse verstehen?

Die Corona kann durchaus für diese Auffassung stehen. Die Bremer Presse erstellte Werke höchster Qualität – drucktechnisch als auch inhaltlich – koste es, was es wolle. Qualität um jeden Preis! Dies wurde nicht immer gewürdigt. Sowohl die Zeitschrift Corona als auch die Neuen Deutschen Beiträge waren verlustreiche Editionen. Für die Neuen Deutschen Beiträge kam noch dazu, dass sie sozusagen eine wenig beachtete Zeitschrift war und ihre eigentliche Zielgruppe zu wenig erreichte.

Warum wir als ein katholisches Nachrichtenportal ein Interview mit Ihnen führen, findet seinen Grund darin, dass wie die Corona 1931 außerdem das Missale Romanum in der sogenannten Editio Lacensis fertiggestellt war, das seine nähere Bezeichnung auf die Benediktinerabtei Maria Laach in der Vulkaneifel zurückführt, die seinerzeit das monastische Zentrum der sogenannten Liturgischen Bewegung in Deutschland gewesen ist und zugleich Berührung mit künstlerischen Strömungen der Zeit wie dem Bauhaus gehabt hatte. Stellen Sie bitte dar, wie es kommt, dass der Großteil Ihres beinahe sechshundert Seiten starken, ziemlich großformatigen Buches gerade diesem monumentalen, gewissermaßen auch finalen Erzeugnis der Bremer Presse gewidmet ist: einem in Gestalt und Selbstanspruch bibliophilen Werk, dabei als Altarmessbuch aber für den unmittelbaren liturgischen Gebrauch bestimmt!

Wie schon erwähnt, liegt in Maria Laach das größte erhaltene Konvolut von Briefen, abgesandt von der Bremer Presse und an sie. In diesen Briefen wird der Geist der Bremer Presse sichtbar. Hier, und insbesondere hier, wird das Motto sichtbar: Qualität über alles, koste es, was es wolle. Man findet aber auch Aussagen über Dinge, die nichts mit dem Missale zu tun haben. Was anderswo nur rudimentär erhalten bleib, ist hier in Hülle und Fülle zu lesen. Auch dies hat mich bewogen, das Missale-Kapitel etwas größer als vielleicht üblich anzulegen. Interessant ist es übrigens, wie einerseits Willy Wiegand, der Eigentümer der Bremer Presse, sich im Laufe der Zeit mit der Liturgie beschäftigte, andererseits sein Gegenüber, Pater Athanasius Wintersig, sich drucktechnisches Wissen aneignete. Zusammenfassend: Blättert man durch das Missale, kann man sehen, wie es der Bremer Presse gelungen ist, …der Liturgie ein würdiges Gesicht zu geben.

Das Kapitel über die Editio Lacensis dedizieren Sie in einer Danksagung dem Andenken von Pater Prof. em. Dr. Angelus  Häußling OSB, der 2017 im 86. Lebensjahr in Maria Laach verstorben ist. Wie war dieser bekannte Liturgiewissenschaftler und –historiker Ihnen im Prozess der Arbeit am Buch behilflich, und welchen Anteil hatte daran die Abtei Sancta Maria ad Lacum insgesamt?

Maria Laach in der Person des Pater Angelus gab mir die Erlaubnis, die Korrespondenz zu erschließen und aufzuarbeiten. (Ich glaube auch, dies war der vor zwanzig Jahren vage angedachte Impuls für das Buch.) Ich habe diversen Mailverkehr mit ihm geführt und ihn zweimal in München besucht, aber bis auf einige Nachfragen waren sowohl Pater Angelus als auch die Abtei nicht am Buch beteiligt.

Abschließend: Im Kontakt vor diesem Interview teilten Sie mit, dass Sie als Aachener zwar Katholik sind, aber nie Messdiener waren. Würden Sie sagen, dass die Beschäftigung mit dem Laacher Missale für Sie auch eine religiöse Komponente gehabt, Ihnen etwas vom Geist der Liturgie vermittelt hat, den man einst mit der Abtei Maria Laach als Zentrum der klassischen Liturgischen Bewegung in Deutschland verknüpfen konnte?

Obwohl Aachener, wuchs ich in einem Dorf auf; dieses Dorf ist nun schon lange in Aachen eingemeindet. Ich habe damals einige Male in der Dorfkirche als Vorbeter fungiert, glaube aber, dass erst die Beschäftigung mit dem Laacher Missale mir den Geist der Liturgie erschlossen hat.

Verehrter Herr Steffens! Der Begriff Geschichte im Titel wurde von Ihnen bewusst gewählt, um dem erzählerischen Zugang Ausdruck zu geben, mit dem Sie Ihre Beschäftigung mit der Bremer Presse in Ihrem Buch darüber verarbeiten wollten. An einer Stelle schreiben Sie ziemlich eingangs, Sie hätten dafür auch die Form des Briefromans wählen können. Dafür, dass Sie uns aus dieser Geschichte erzählt haben, dankt Kathnews Ihnen herzlich und wünscht Ihnen viele, interessierte Leserinnen und Leser, die Ihre eigene Begeisterung teilen, wie sie aus jeder Seite spricht; gerade auch Leser aus dem katholischen und am Gottesdienst der Kirche interessierten Spektrum, die aufgrund des Buchtitels allein wahrscheinlich nicht ohne weiteres auf das quellengesättigte, anschaulich illustrierte Buch aufmerksam werden würden, dessen Lektüre fesselt, ohne irgendwo langweilend trocken oder ermüdend zu wirken.

Bestellmöglichkeit: lesejury.de

Foto: Die Geschichte der Bremer Presse – Bildquelle: Verlag: BoD – Books on Demand