„Äußerst heilsam und durch die Autorität der heiligen Konzilien gebilligt“ – der Ablass

Eine Buchbesprechung von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 30. Januar 2015 um 09:23 Uhr

Der Monat November oder auch der Portiuncula-Ablass Anfang August sind alljährlich mit der Wahrnehmung verbunden, dass die Lehre und Praxis der Kirche über den Ablass selbst in besonders konservativen und dezidiert traditionsverbundenen Kreisen von Katholiken nur noch Randthema ist.

Aus dem Bewusstsein geschwunden

Der Mainstreamkatholizismus, jedenfalls im deutschsprachigen Raum, nimmt die Existenz des Ablasses de facto gar nicht mehr zu Kenntnis, in seinem Glaubensleben spielt er keine Rolle mehr, auch wenn mit dem Urbi et Orbi zu Weihnachten und Ostern weiterhin ein Vollkommener Ablass verbunden ist, von dem dann gegebenenfalls Millionen Fernsehzuschauer aus der Tagesschau erfahren. Was der Ablass meint und ist, wissen sie nicht oder halten Missverständnisse und Vorurteile über ein mittelalterliches Relikt für die zutreffende Information. Darüber schmunzeln sie entweder oder entrüsten sich, schließlich ist man aufgeklärt-kritisch oder ein aufgeschlossener, mündiger Christ, der über derlei Naives längst hinaus ist.

Besonders die erstgenannte Tatsache, dass auch Teilgruppen der Kirche, die im allgemeinen an der traditionellen Lehre und Praxis der Kirche noch ganz bewusst festhalten(wollen), zum Ablass keinen unverkrampft lebendigen, somit gleichsam ganz natürlichen Bezug mehr haben, kennzeichnet die Tragweite der Problematik ganz speziell. Denn, dass solche, die sich zwar Katholiken nennen und womöglich guten Glaubens dafür halten, vielleicht sogar noch „engagierte Katholiken“ sind, sich aber längst nicht mehr um Lehre und Tradition der Kirche kümmern, mit der Ablasslehre nichts mehr anfangen können, darf an sich niemanden erstaunen.

Begrenzter Erfolgsradius

In dieser Lage ist das schöne Ablassbüchlein, das Peter Christoph Düren im Dominus-Verlag, den er selbst leitet, herausgebracht hat, leider in seiner Ausstrahlung und Wirksamkeit vermutlich von vornherein sehr begrenzt. Wenn ihm ein Erfolg beschieden ist, dann noch am ehesten unter den konservativen Katholiken und solchen, die bewusst danach streben, sich an der Tradition der Kirche zu orientieren.

Auch bei diesen hat das Buch eine wichtige Aufgabe, denn solche Gläubige haben häufig sehr volkstümliche Vorstellungen, die theologisch betrachtet ebenfalls läuterungsbedürftig sind, oder flüchten sich auf der Suche nach Halt und Orientierung in diverse, zweifelhaft seriöse Privatoffenbarungen, die fromm und traditionskonform wirken, oftmals aber ebenfalls von der gesunden Lehre und Praxis der Kirche wegführen. Diese Vorstellungen nähren sich bisweilen wirklich den Kritikansätzen Luthers im 16. Jahrhundert, die ihn veranlassten, sich vom Ablass an sich zu distanzieren, nicht nur tatsächliche oder vermeintliche Missbräuche/Missverständnisse zurückzuweisen. Damit ist übrigens auch ein Grund benannt, warum der Ablass praktisch auch unter um Glaubenstreue bemühten Katholiken zumindest im deutschen Sprachraum keine Rolle mehr spielt. Deutschland als Land der Reformation beeinträchtigt auch seine besten Katholiken oder flößt ihnen zumindest unterbewusst bestimmte Komplexe ein.

Landläufige Gottesdienstpraxis korreliert nicht mehr mit der traditionellen Lehre über das Messopfer und das Fegfeuer

Düren stellt die tatsächliche Lehre der Kirche über den Ablass über den Ablass gediegen und zuverlässig dar und hat auf der Grundlage der derzeit geltenden Ablassordnung alle Ablässe, die während des Kirchenjahres, an den Festen der Heiligen oder durch Verrichtung bestimmter Übungen und Werke jeweils dann, wenn sie vollbracht werden, gewonnen werden können, bequem und übersichtlich zusammengestellt. Da die Ablässe den Seelen der Verstorbenen fürbitterweise zugewandt werden können, man manche überhaupt nur für die „Armen Seelen im Fegfeuer“ gewinnen kann, ruft Düren auch die Lehre über das Purgatorium wieder in Erinnerung. Das Buch ist wirklich empfehlenswert, aber ich bin mir bewusst, mit dieser Empfehlung, wenn überhaupt, nur eine Minderheit gutwilliger Katholiken erreichen zu können.

Deswegen muss man bei der Lektüre stellenweise auch erstaunt sein, dass Düren eine Art Verwunderung über das Schattendasein des Ablasses und des Fegfeuers in der heutigen Kirche durchschimmern lässt: Wenn etwa der Opfercharakter der Messe, insbesondere ihr Charakter als Sühnopfer, liturgisch so wenig zur Darstellung kommt wie seit der nachkonziliaren, sogenannten Liturgiereform, durch die auch der Begriff der Seele in der Totenliturgie weitgehend unterdrückt worden ist, ist es doch nur logisch, dass – falls abgesehen von der Begräbnismesse überhaupt noch Messen für Verstorbene bestellt werden – dies deswegen geschieht, damit sich die Familie oder Gemeinde an liebe Verstorbene erinnert und nicht, um diesen Verstorbenen in einem jenseitigen Zustand zu Hilfe zu kommen, in dem sie ihre himmlische Vollendung noch nicht erreicht haben und der geistlichen Solidarität der Gläubigen auf Erden bedürfen.

Düren, P. Ch.
Der Ablass in Lehre und Praxis
gebunden, ein Lesebändchen
320 Seiten
Dominus-Verlag Augsburg
4. Auflage 2013
Preis: 19,80 €
Bestellung

Foto: Der Ablass, Cover – Bildquelle: Dominus Verlag