29. Dezember: Jahrestag der Heiligsprechung Karls des Großen

Eine historische Betrachtung von Gero P. Weishaupt.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 28. Dezember 2013 um 00:39 Uhr
Kaiser Karl der Große

Wer auf dem Aachener Marktplatz vor der Nordseite des Rathauses, das auf den Fundamenten der karolingischen Königshalle (aula regia) erbaut ist, steht, der entdeckt an seiner im 19. Jahrhundert im Zuge des Historismus von dem Kunst- und Mitterlalter begeisterten Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. (Aachen gehörte seit dem Wiener Kongress 1815 zu Preußen) regotisierten Fassade 55 Kaiser- und Königsstandbilder. In der Mitter über dem Hauptportal des imposanten Rathauses thront Christus, flankiert zu seiner Rechten von Papst Leo III., der Karl den Großen am Weihnachtstag des Jahres 800 in  Rom zum Kaiser gekrönt hat, zu seiner Linken von Karl dem Großen. Die 5. obere Pfeilerstatue rechts vom Portal zeigt einen König aufrecht und frontal mit einer Linienkrone auf einem Helm, gekleidet in einem Kreuzfahrergewand, auf dessen Kreuz mit der Linken deutend, in der Rechten ein Schwert aufwärts vor dem Körper führend und geschmückt mit einem Schnauzbart. Es ist der Stauferkönig Friedrich I., der wegen seines Rotbartes von den Italienern „Barbarossa“ (Rotbart) genannt wird. Friedrich Barbarossa, geboren 1122, gestorben 1190, empfing am 9. März 1152 in der Aachener Marienkirche, dem heutigen Dom (Karl der Große hat seine Pfalzkapelle der Gottesmutter geweiht) die Königskrone. Damit stand er in der Tradition jener Könige des Römischen Reiches, die seit Otto I. im Jahr 936 bis zu Ferdinand I. im Jahr 1531 in der Nachfolge Karls des Großen in der Aachener Pfalzkapelle zu königlicher Würde aufgestiegen sind.

Aufstieg Aachens zur sakralen Hauptstadt des Reiches

Friedrich I. Barbarossa ragt insofern aus dieser königlichen Reihe heraus, als er, inzwischen am 18. Juni 1155 zum Römischen Kaiser in Rom gekrönt, die Heiligprechung Karls des Großen veranlaßte, die Stadt Aachen in einer als „Barbarossa-Urkunde“ in die Geschichte eingegangen bedeutenden Dokument vom 8. Januar 1166 zur freien Reichsstadt erhob und die Bürger Aachens mit besonderen Privilegien auszeichnete.

Am 29. Dezember 1165, also in der Weihnachtsoktav und am Festtag des biblischen Königs David, des Gesalbten des Herrn und Stammvaters Christi, in dessen Nachfolge Karl sich sah, hatte Friedrich I. Barbarossa sein großes Vorbild, Karl den Großen, in dessen Aachener Pfalzkirche heiligsprechen lassen. Eine detaillierte Beschreibung des Vorgangs gibt es nicht. Die einzige schriftlich erhaltene Quelle für die Kanonisation Karls des Großen ist die bereits erwähnte „Barbarossa-Urkunde“. Sie geht auf die Zeremonie nicht näher ein. Zusammen mit dem in sie inserierten „Karlsprivileg“ (das allerdings nicht auf Karl den Großen zurückgeht, sondern wohl im Dunstkreis der Kanoniker des Aachener Marienstiftes entstanden ist, die damit den Anspruch der Aachener Marienkirche als Krönungskirche sichern wollten) erwähnt sie die Erhebung der Gebeine Karls des Großen auf Veranlassung Friedrichs I. sowie die Kanonisation des Frankenherrschers. Die Stadt Aachen steht in beiden Urkunden im Mittelpunkt. Es wird an den antiken Ursprung der Stadt erinnert (Granuslegende), auf die Gründung Aachens als Sitz und Haupt des Reiches durch Karl den Großen hingewiesen, die Auszeichung der Stadt durch die Grablege des Kaisers in der Pfalzkapelle hervorgehoben, die Bedeutung Aachens als Krönungsort betont und die besondere Rechtsfreiheit der Aachener Bürger unterstrichen. Aachen wird zudem in beiden Urkunden als Haupt Frankreichs (caput Gallie) und Deutschlands (caput regni Theutonici) gepriesen. Friedrich I. bezweckte mit der Kanonisation Karls des Großen unter anderem den Aufstieg Aachens zur sakralen Hauptstadt des Reiches (sacra civitas), da deren Pfalzkapelle, in der sich das Grab des Kaisers und dessen Thron befinden, die erste Kirche des Reiches ist.

Aufwertung des sakralen Königtums durch die Kanonisation Karls des Großen

Mit der Kanonisation (Heiligsprechung) seines großen Vorbildes ging es Friedrich I. Barbarossa aber nicht nur um die Stadt Aachen. Die Heiligsprechung stellte für den Staufer einen Weg dar, um sein eigenes Königtum sakral aufzuwerten. Dabei haben ihn wohl vorausgehende Kanonisationen anderer Könige in Europa inspiriert: 1144 hatte der französische König Ludwig VII. die Gebeine des französischen Staatsheiligen Dionysius von der Krypta des Kloster Saint Denis in den Hochchor getragen. Zwei Jahre später wurde Kaiser Heinrich II. heiliggesprochen, und 1161, vier Jahre vor der Kanonisation Karls des Großen, war König Eduard der Bekenner zu den Ehren der Altäre erhoben worden. Die Aufwertung des eigenen (staufischen) Königtums durch die Heiligsprechung Karls des Großen war für Friedrich I. ein willkommenes Mittel, um sich gegen den Papst zu positionieren, mit dem er sich zerworfen hatte: „In hochgespanntem Herrschergefühl war er nicht nur eifersüchtig darauf bedacht, die Würde … und Unabhängigkeit seiner Stellung zu wahren, sondern auch bestrebt, wie sein bewundertes Vorbild Karl der Große die deutsche Kirche durch einen ergebenen Episkopat zu beherrschen und das Papsttum möglichst auf seine geistliche Sphäre zu beschränken. Da dieses aber ebenso entschlossen war, den seit den Tagen Gregors VII. erlangten Vorrang der geistlichen Gewalt über die weltliche festzuhalten, so waren schwere Reibungen und Kämpfe zwischen den Häuptern der Christenheit nicht wohl zu vermeiden“ (Bihlmeyer – Tüchle, Kirchengeschichte, Bd. 1, 19. Auflage, 182 f.). Der Papst nahm den kaiserlichen Einfluß auf die Angelegenheiten der römischen Kirche nicht mehr hin. Das Zerwürfnis zwischen Friedrich I. und dem Papst führte schließlich zu einem Schisma: Bei der Neuwahl eines Papstes entschied sich eine kaisertreue Minderheit unter den Kardinälen, beeinflußt von Friedrichs Kanzler, dem Kölner Erzbischof Rainald von Dassel, für Kardinal Oktavian von Monticelli, den späteren Papst Viktor IV., während die papstreue Mehrheit Kardinal Rolando wählte, der den Namen Alexander III. annahm. Nach dem Tod des Gegenpapstes Viktor IV., ließ der einflußreiche Kanzler Friedrichs I., Rainald von Dassel, in dem Kardinal Guido von Crema einen neuen Papst aufstellen: Paschalis III.

Die Heiligsprechung Karls des Großen im Auftrag eines Gegenpapstes

Zum Zeitpunkt der Heiligsprechung Karls des Großen unter Friedrich I. Barbarossa befand sich die Kirche also in einem Schisma. Es war der schismatische Papst Paschalis III., der den Auftrag zur Kanonisation erteilt hatte. Davon berichtet Friedrich I. in der genannten „Barbarossa-Urkunde“: „Bestimmt durch die ruhmreichen Taten und Verdienste des allerheiligsten Kaisers Karl haben wir auf inständiges Bitten unseres lieben Freundes, des Königs Heinrich von England, und mit Zustimmung und kraft der Autorität des Papstes Paschalis die Auffindung, Erhebung und Heiligsprechung von Karls Gebeinen vorgenommen“  (Übersetzung in: Max Kerner, Karl der Große. Leben und Mythos, Köln 2000, 105). Mit der Kanonisation Karls des Großen beauftragt waren der Erzbischof von Köln, der erwähnte Rainald von Dassel, und der Bischof von Lüttich, Alexander, in dessen Diözese damals Aachen lag; Lüttich war ein Suffragenbistum des Erzbistums Köln (Aachen selber avancierte erst unter Napoleon Bonaparte für 19 Jahre – von 1802 bis 1821 – zu einem selbständigen Bistum, und erst seit 1930 besteht das heutige Bistum Aachen). Durch das Kommissionsdekret Papst Paschalis´ III., mit dem er Friedrich I. bzw. seinem Kanzler und dem Bischof von Lüttich den Auftrag (Lat.: commissio) zur Kanonistion erteilt hatte, war die Heiligsprechung  zwar formgerecht, weil sie den damals geltenden kanonischen Bestimmungen bei Kanonisationsakten entsprach, doch handelte es bei der Kanonisation um einen ungültigen Rechtsakt, da der Auftrag zur Heiligsprechung von einem Papst erteilt worden war, der nicht über die petrinische Vollmacht dazu verfügte.

Kirchliche Anerkennung der Heiligsprechung Karls des Großen

Neben diesen kirchenrechtlichen Fragen stellt sich gerade dem heutigen Menschen die Frage, ob denn der Lebenswandel Kaiser Karls des Großen so heiligmäßig gewesen ist, dass er zu den Ehren der Altäre erhoben werden konnte. Wenn man auch Karl dem Großen in einigen Punkten seines Handelns, in dem er Kind seiner Zeit gewesen ist, einen Vorwurf machen kann, so gilt es doch zugleich im Auge zu behalten, dass Heilige keine vollkommene, makellosen Menschen sind: König David war der Stammvater Jesu, obwohl er Ehebrecher und Mörder gewesen ist; Petrus verleugnete Jesus dreimal und wurde dennoch der erste Papst und Stellvertreter Christi auf Erden; Paulus entwickelte sich vom fanatischen Christenverfolger zum eifrigen Völkerapostel etc. Die Schattenseiten Karls des Großen dürfen den Blick für seine großartigen Leistungen nicht verstellen: seinen unermüdlichen Einsatz für die Verkündigung des Evangeliums, die Ausbreitung des Christentums, den Aufbau der Kirche, die Ordnung der Liturgie, seine tiefe Frömmigkeit. Außerdem hat er für die abendländische Kultur Entscheidendes gewirkt: Er sammelte an seinem Aachener Hof die bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit, förderte die Wissenschaften, erneuerte das Schulwesen, setzte eine gerechte Gesetzgebung durch, sorgte sich um die Bildung der Kleriker und pflegte die Armenfürsorge. In der „Barbarossa-Urkunde“ vom 8. Januar 1166 wird Karl als „starker Kämpfer und wahrer Apostel“ bezeichnet, ja wegen seiner täglichen Bereitschaft, bei der Bekehrung der Ungläubigen zu sterben, sei er als Märtyrer anzusehen, als wahrer Bekenner, der im Himmel für seine Lebensleistung gekrönt wurde.

Wegen der schon vor der Kanonisation nachweislichen Verehrung Karls des Großen und nicht zuletzt im Hinblick auf den nach der Kanonisation entfalteten liturgischen Karlskult, der über Jahrhundete bis heute andauert, sah sich Rom veranlaßt, die Heiligsprechung Karls des Großen nachträglich anzuerkennen. Die kultische Verehrung des Frankenherrschers ist besonders in Aachen, Frankfurt und Osnabrück Tradition, aber auch in der Schweiz, in Italien, in Tschechien, in Spanien und in Frankreich verbreitet. Das Karlsoffizium und die Karlsmesse sowie die Aachener Karlssequenz „Urbs Aquenis, Urbs Regalis“ bilden den Kern der Karlsliturgie. Der liturgische Festtag ist zugleich der Sterbetag Karls des Großen: der 28. Januar. Karl starb an diesem Tag im Jahre 814 im Alter von 66 Jahren. Seine Gebeine ruhen seitdem im heutigen Aachener Dom, der einstigen Pfalzkapelle. Das bevorstehende Jahr 2014 steht im Zeichen des 1200. Sterbetages des heiligen Karl. In ihm können wir „einen Gläubigen sehen …, der seinen Glauben ernsthaft in sein politisches Amt hineingenommen hat, wenn er sich in seinem Leben auch als sündigen Menschen wußte. Was Karl der Große für sein Volk, für das Reich, für Europa getan hat, ist uns Ansporn und Vorbild für unsere heutige Verantwortung, Christus nichts vorzuziehen“, sagte Erzbischof Jean-Claude Périsset am 28. Januar 2013 – damals noch im Amt des Apostolischen Nuntius in Deutschland – im Kaiserdom zu Frankfurt anlässlich eines Pontifikalamtes zu Ehren des heiligen Karls des Großen.

Foto: Kaiser Karl der Große – Bildquelle: Kathnews