Zwischen Jubelstimmung und Verriß

Fairneß für Papst Franziskus.
Erstellt von Felizitas Küble am 14. April 2013 um 21:39 Uhr
Statue des hl. Petrus

In der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift “Theologischen” (Nr. 3-4/2013) erschien der folgende Beitrag von Felizitas Küble: Das neue Oberhaupt der katholischen Weltkirche – sie umfaßt ca. 1,2 Milliarden Mitglieder – wurde erst kürzlich gewählt, doch vielfach scheint das Urteil innerhalb des konservativen bis traditionsorientierten Spektrums über ihn schon „fertig“, geschlossen und endgültig zu sein: Auf der einen Seite finden wir begeisterte Jubler (etwa vertreten durch die österreichische Webseite „kath.net“), auf der anderen Seite wurde der neue Papst schon kurz nach seiner Wahl als „Feind der Tradition“ bezeichnet (z.B. in einer Nachrichtensendung von „Gloria-TV“). Allein der Ausdruck „Feind der Tradition“ zeugt bereits von einer Engführung des Denkens, denn die Begründung für diesen Vorwurf bezog sich allein auf den liturgischen Bereich. Ist aber die kirchliche Überlieferung nicht viel breiter gefächert; umfaßt sie nicht z.B. auch die Dogmatik, Moraltheologie, Pastoral und Volksfrömmigkeit? Bislang hat sich der Papst – auch während seines Wirkens als Erzbischof von Buenos Aires – jedenfalls in wesentlichen moraltheologischen Fragen als konservativ erwiesen – einschliesslich solcher Reizthemen wie Abtreibung, Homosexualität, künstliche Verhütung und Zölibat. Zudem ist er kein Anhänger einer „Theologie der Befreiung“, geschweige einer solchen „der Revolution“.

Beispiele für einen „Verriß“

Bereits kurz nach Amtsantritt des neuen Pontifex wurde in diversen traditionalistischen Blogs ein Anti-Franziskus-Verriss veröffentlicht, der schon mit den Worten „Schrecken!“ beginnt und durchgehend entsprechend „getönt“ ist. Seriöse Sachkritik sieht anders aus, sie besteht nicht aus einer Aneinanderreihung von Vorwürfen und Gerüchten. Jeder Mensch hat ein Recht auf Fairneß – gewiß auch der Papst! Ein Beispiel: in jenem „Verriß“ wurde behauptet, Franziskus habe sich als Erzbischof von Buenos Aires nur „schwach“ gegen die Einführung der Homo-Ehe eingesetzt. In Wirklichkeit hat er dieses staatliche Vorhaben als „Schachzug des Teufels“ verurteilt und sich deutlich dagegen gestellt. Nicht ohne Grund gab es schon am ersten Abend der Papstwahl aus Kreisen der Homolobby scharfe Kritik an Franziskus im Internet. Überdies wurden innerhalb der „Tradi-Szene“ vielfache Beschwerden laut, angeblich habe Franziskus in den Jahren zuvor nirgendwo die „alte Messe“ erlaubt. Auch dies müsste erst belegt werden, zumal auch anderslautende Meldungen zu lesen waren, wonach es in der argentinischen Hauptstadt bereits kurz nach dem „Motu proprio“ von Papst Benedikt zur überlieferten Liturgie eine regelmäßige Feier der „alten Messe“ gab. Außerdem war er als Erzbischof von Buenos Aires zugleich zuständig für die Gläubigen des orientalischen Ritus, die wohl kaum  zu modernistischen Exzessen in der Liturgie neigen.

Gerüchte über Zank mit Prälat Marini

Zudem sind viele Internetseiten innerhalb der „Tradi-Szene“ voll mit jenen unbewiesenen Geschichten, wonach der Papst sich vor seinem Erscheinen auf der Loggia kurz nach der Papstwahl und/oder vor seiner ersten hl. Messe im Kardinalskreis angeblich „lautstark“ mit Prälat Marini gezankt habe, weil der Zeremonienmeister ihm die päpstliche Mozetta und Stola bzw. feierliche Messgewänder habe anlegen wollen. Es wird in diesen Blogs mitunter darauf verwiesen, dass diese Erzählung sich aus „mehreren“ Quellen speise – als ob das die Glaubwürdigkeit eines Gerüchtes erhöhen würde. Solange eine Behauptung nicht bewiesen ist, bleibt sie ein Gerücht und sollte auch als solches dargestellt werden: es kann stimmen, es kann auch falsch sein, aber wie eine Tatsache darf dies eben nicht präsentiert werden. Das gilt auch dann, wenn der Papst seinen Zeremoniar bald entlassen würde, wie vielfach gemunkelt wird: auch dies kann – falls es wirklich einträfe – verschiedene Gründe haben und bestätigt nicht automatisch jene Storys. Diese Beschwerden mancher Tradi-Webseiten wirken freilich eher noch harmlos im Vergleich zu jenen Attacken, die aus dem Fanclub der irrgeistigen Botschaften namens „Die Warnung“ kommen:  Von jener erscheinungsfixierten und oftmals fanatischen Schar wird der neue Papst ohne Umschweife als „falscher Prophet“ tituliert und kein gutes Haar an ihm gelassen; ihm wird unterstellt, er wolle dem Antichristen sozusagen den Weg bereiten und dergleichen Verschwörungstheorien mehr. Hintergrund dafür sind jene seit langem verbreitete „Offenbarungen“ einer anonymen (!) Seherin, die sich selbst pseudonym als „Maria von der göttlichen Barmherzigkeit“ bezeichnet. Diese „verborgene“ Visionärin kündigte vor circa einem Jahr in einer ihrer zahlreichen „Botschaften“ an, Papst Benedikt werde aus dem Vatikan „vertrieben“ und „vernichtet“ – und danach trete eben ein „falscher Prophet“ dieses Amt an, dem man nicht gehorchen dürfe. Als Benedikt seinen Rücktritt bekanntgab, fühlten sich jene Erscheinungsgläubigen sogleich bestätigt, ohne zu berücksichtigen, dass der Papst mehrfach die Freiwilligkeit seiner Entscheidung betonte und auch keinesfalls „vertrieben“ oder gar „vernichtet“ wurde.

Positive Aspekte

Zwischen solchem Unfug einerseits und einer naiv-euphorischen Bejubelung andererseits sollten glaubenstreue Katholiken sich um Gerechtigkeit und Ausgewogenheit bemühen, was skeptische Nachfragen oder sachliche Kritik keineswegs ausschließt. Doch zur Fairneß gehört, dass man „Pro und Contra“ sorgfältig abwägt und die positiven Seiten ebenfalls berücksichtigt. So ist es zum Beispiel tatsächlich erfreulich, daß Franziskus in seiner Zeit als argentinischer Erzbischof einen bescheidenen, bewusst einfachen Lebenswandel praktizierte, wovon sich mancher „Kirchenfürst“ in Deutschland eine Scheibe abschneiden könnte. Wenn Franziskus das programmatische Stichwort Benedikts von der „Entweltlichung“ weiter aufgreift und aus diesem verheißungsvollen Motto vielleicht auch klare Entscheidungen folgen (etwa hinsichtlich des vielfachen modernistischen Mißbrauchs der Kirchensteuer in Deutschland), dann wäre dies jedenfalls zu begrüßen. Positiv zu erwähnen ist auch die Wertschätzung der Volksfrömmigkeit und die schlichte Marienverehrung  des neuen Pontifex. Bereits am Vormittag nach seiner Papstwahl begab sich Franziskus in eine römische Marienkirche und bedankte sich bei der Gottesmutter. Zudem besuchte er bei dieser Gelegenheit das Grab des hl. Pius V., der uns als glaubensstarker Reformpapst des Konzils von Trient in bester Erinnerung ist.

Mutige Erwähnung des Teufels

In seiner ersten Ansprache vor den Kardinälen erwähnte der neue Papst zudem mehrfach den Teufel, wobei er den französischen Schriftsteller Leon Bloy zitierte: „Wer den HERRN nicht anbetet, der betet den Teufel an“. – Normalerweise kommen Stichworte wie Teufel, Hölle, Finsternismächte etc in heutigen Predigten äußerst selten vor; derlei heiße Themen werden vielmehr sorgsam gemieden, um keinen Anstoß auf der liberalen Seite zu erwecken. Eben dieser Klartext hat Franziskus jedenfalls sogleich herbe Kritik von Atheisten und Skeptikern eingetragen. Natürlich beten die Ungläubigen in der Regel nicht etwa bewusst den Satan an, das sollte mit jener Äußerung aber auch gar nicht persönlich unterstellt werden. Es geht vielmehr darum, dass es aus christlicher Sicht letztlich keine „neutrale“ Zone gibt: Wer sich nicht für GOTT entscheidet, begibt sich – rein objektiv – auf die Seite seines Widersachers, ob ihm dies subjektiv klar ist oder nicht.

Kreuzestheologie auf katholisch

Außerdem ist es erfreulich, dass der Papst in dieser Ansprache das Kreuz unseres HERRN in den Mittelpunkt rückte und ausdrücklich das Bekenntnis zu Christus „dem Gekreuzigten“ betonte. Dies wirkt durchaus engagiert und couragiert in einer Zeit, die den Opfertod Jesu oft eher an den Rand drängt, in welcher der Sühnegedanke mitunter auch innerhalb der Kirche ein Schattendasein fristet. Eine satte Wohlstandsgesellschaft mag mit Begriffen wie „Sühne“ und „Opfer“ nun einmal ungern konfrontiert werden. Es ist mithin durchaus sinnvoll, ja notwendig, in unserer Ära eines oftmals flachen „christlichen Humanismus“ wieder glasklar an den Wesenskern unseres Glaubens zu erinnern und gleichsam eine Art „Kreuzestheologie auf katholisch“ zu verkünden. Nicht der Mensch steht nämlich im Mittelpunkt der christlichen Botschaft, wenngleich er ihr Adressat ist, sondern die Ehre Gottes, sein Anspruch an den Menschen, aber auch sein Zuspruch für den Menschen – ein Zuspruch allerdings auf dem Fundament des erlösenden Opfers Christi, gebunden an das Kreuz des Herrn.

Kritische Punkte

Neben der Erwähnung dieser positiven Aspekte ist es selbstverständlich durchaus erlaubt, auch kritische Punkte anzumelden, sofern diese nicht auf Gerüchten basieren und zudem sachlich vorgetragen werden. So fragen sich beispielsweise viele Gläubige, ob es wirklich angebracht ist, wenn der Pontifex seine schlichte Lebensweise, die er als Erzbischof vorbildlich praktiziert hat, nun quasi in Form von Symbolhandlungen auch als Papst fortzusetzen versucht. Kann dies sinnvoll sein, nachdem diese Gesten nun „vor den Augen der Weltöffentlichkeit“ geschehen und damit allzu leicht „inszeniert“ wirken, selbst wenn sie von Franziskus ganz aufrichtig – ohne Schielen auf Beifall – gemeint sind? Eine Bescheidenheit, die zur Schau gestellt wird, kann allzu leicht als Eitelkeit empfunden und ausgelegt werden. Dazu kommt, daß Franziskus mit ostentativen „Demuts-Gesten“ – ob er will oder nicht – seinen späteren Nachfolger quasi „festlegt“ – und indirekt auch seinen Vorgänger Benedikt. Natürlich kann der Papst gerne auf sein Frühstücksei verzichten, persönliche Fastenübungen vornehmen oder unter feierlichen Gewändern ggf. ein härenes Bußgewand tragen.

Anders sieht es aber mit seiner Amtsführung aus, zumal im Bereich der Liturgie, denn an Gott selbst darf nicht gespart werden; die Ehre Gottes bedarf auch nach außen hin einer glaubensfrohen Würdigung und Verherrlichung. Auch das Amt eines Nachfolgers Petri und Statthalters Christi auf Erden ist keine private Spielwiese des jeweiligen Pontifex; dieser höchste kirchliche Dienst ist ihm keineswegs ohne weiteres zur „freien Gestaltung“ überlassen, auch nur begrenzt in der Außendarstellung. Ein „Sparprogramm“ am öffentlichen Kult bzw. der päpstlichen Liturgie sowie an der angemessenen Repräsentation des obersten Lehr- und Hirtenamtes wäre ein verhängnisvolles Signal in einer Welt, die gerade das Sakrale und „Hierarchische“ ohnehin zu verdrängen versucht. Sicherlich sollte diese Repräsentation nicht in einem übertriebenen Prunk oder gar in einem sentimentalen Personenkult ausarten. Aus meiner Sicht hat Papst em. Benedikt hier sehr gute und edle Maßstäbe gesetzt, die der Nachfolger natürlich nicht haargenau übernehmen muss, die gleichwohl eine ernste Berücksichtigung verdienen.

Segensverweigerung beim Pressetreffen

Unter vielen Journalisten gab es überdies Irritationen, als der Papst beim römischen Presse-Treffen am 16. März abschließend nicht den hierbei üblichen feierlichen Segen erteilte bzw. lediglich ein Segensgebet im Stillen ankündigte. Franziskus begründete seine „Segensverweigerung“ zum Abschluss seiner Audienz für die Vatikankorrespondenten wie folgt: „Ich habe gesagt, dass ich Ihnen von Herzen meinen Segen erteilen würde. Da aber viele von Ihnen nicht der katholischen Kirche angehören, andere nicht gläubig sind, erteile ich von Herzen diesen Segen in Stille jedem von Ihnen mit Respekt vor dem Gewissen jedes einzelnen, aber im Wissen, dass jeder von Ihnen ein Kind Gottes ist. Gott segne Sie“. Der Hinweis auf den Respekt vor dem „Gewissen“ erscheint in diesem Kontext fehl am Platze, zumindest überzogen, zumal jene Medienvertreter ohnehin mit dem päpstlichen Segen gerechnet haben. Theologisch unrichtig ist – genau genommen – auch die Ansage, „dass jeder von Ihnen ein Kind Gottes ist“. Sicher ist jeder Mensch ein Geschöpf Gottes und ein „Ebenbild“ des Höchsten (das freilich durch den Sündenfall sehr geschwächt ist); doch die KINDSCHAFT vor Gott empfangen wir durch die Taufe; sie ist nicht etwa unsere Leistung (auch nicht unsere „Glaubensleistung“), sondern ein Gnadengeschenk des Ewigen selbst.

Dass wir durch das Sakrament der Taufe zu „Kindern Gottes“ werden, lehrt auch der Katholische Katechismus (KKK 1270), das Kirchenrecht (can. 849 CIC) – und auch das  2.Vatikanum stellt diesen Punkt klar (Lumen Gentium 11). Daß sich auch ungläubige Journalisten in der Regel durch einen päpstlichen Segen keineswegs „gestört“ fühlen, liegt auf der Hand, denn sie empfinden dieses Sakramentale einfach als freundliche Geste eines religiösen Oberhauptes. Typisch für diese Haltung erscheint mir folgender Leserkommentar in der österreichischen Zeitung „Der Standard“ vom 19. März: „Insofern habe ich als Ungläubiger es durchaus als befremdlich empfunden, dass der neue Papst, wie berichtet wird, ‚aus Respekt vor den anwesenden Agnostikern unter den Journalisten den Segen nur im Stillen gespendet habe‘. Ist doch völlig lächerlich! Wenn mich als Ungläubigen irgend ein Religiöser segnet, dann soll er ruhig – ich glaube nicht an die spirituelle  Seite des Segens, aber ich habe kein Problem mit dem Segen an sich – ist halt … seine Art und Weise, mir alles Gute zu wünschen“. Allerdings sollte man diese Franziskusworte nicht als „hochamtlichen Vorgang“ betrachten, sondern eher als spontane Äußerung am Rande einer Presseaudienz – und daher nicht überbewerten.

Das Hüten des Glaubens ist entscheidend!

Auch die Amtseinführungsfeier in Rom am 19. März sorgte in konservativen bis traditionellen Kreisen für zahlreiche Debatten  – von den Messgewändern bis zur „fehlenden Kniebeuge“ des Papstes bei der Elevation der hl. Hostie und des Kelches. Doch unser Pontifex ist nicht mehr der Jüngste; er könnte durchaus Beschwerden am Knie haben. Jedenfalls hat der neue Pontifex erfreulicherweise das 1. Hochgebet bzw. den sog. „römischen Kanon“ verwendet, was zu Zeiten von Johannes Paul II. durchaus nicht selbstverständlich war, sondern erst durch Benedikt XVI. bei Papstmessen geläufig wurde. Die Predigt von Papst Franziskus enthielt eine gediegene biblische und katechetische Würdigung des hl. Josef (der 19. März ist der Festtag dieses Heiligen und Patrons der Kirche). Das Leitwort und die Betonung des „Hütens“ in seinen vielfachen Dimensionen ist ebenfalls gut durchdacht. Sicher hätte man sich wünschen können, dass bei der sorgfältigen Betrachtung dessen, was wir „hüten“ sollen, zwei wichtige Aspekte mitberücksichtigt werden, vor allem das Hüten und Behüten des Glaubensgutes (depositum fidei); eine ganz wesentliche Aufgabe von Papst und Kirche. Naheliegend wäre es zudem gewesen, bei der mehrfachen Erwähnung der Schwachen, Armen, Kinder etc. auch an die bedrohten Babys im Mutterleib zu erinnern. Gewiss muss die erste öffentliche Predigt kein „Donnerwetter“ gegen Abtreibung enthalten, doch ein Hinweis auf die ungeborenen Kinder wäre ein guter Dienst am Lebensrecht gewesen. Sicher gibt es in Zukunft noch passende Gelegenheiten, um die Unantastbarkeit und Heiligkeit des menschlichen Lebens unzweideutig zu verkünden.

Foto: Statue des hl. Petrus – Bildquelle: Kathnews