Zwei Konzilskritiken und Kurt Kardinal Koch

Ein Gastkommentar von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 2. August 2012 um 19:03 Uhr
Petersdom

Kathnews hat heute im Anschluss an eine KNA-Meldung über Ausführungen Kardinal Kochs, des Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrats, zur Priesterbruderschaft St. Pius X. berichtet. Auch wurde der Kommentar erwähnt, der daraufhin als Replik auf der deutschen Homepage der Piusbruderschaft erschienen ist. Zu beiden Argumentationen in aller Kürze knappe Gedanken, da wir im wesentlichen als Erwiderung nur auf unsere eigenen, bereits erschienenen Kathnews-Beiträge zum Thema Tradition und II. Vaticanum verweisen müssten, zuletzt auf den Artikel „Dogmatische Implikationen und 5%-Hürde “sui generis’“.

Parallelen und Divergenzen

Die Parallelisierung, die Kardinal Koch zwischen der Konzilskritik Luthers und derjenigen der Piusbruderschaft vornimmt, ist bestimmt eine Vereinfachung. Sie mag ein griffiger Aufhänger sein, wie er im Journalismus Platz hat und gewissermaßen auch als Stilmittel berechtigt ist. Wenn man das weiß, schadet es nicht. Dann kann das ein erster Einstieg in ein Thema sein und ein gewisses Vorverständnis davon vermitteln. Dabei stehenbleiben darf man nicht. Wenn man es im vorliegenden Fall tut, würde man nicht theologisch argumentieren.

Kommentar an berechtigter Kritik vorbei

Als schlagfertig gilt derjenige, der spontan und ohne Möglichkeit zur Vorbereitung eine treffende Antwort gibt. Das gelingt dem Kommentator  der Piusbruderschaft nicht. Die Erwiderung bleibt rein formal. Dies in zweierlei Hinsicht:

1. Der Kommentar legt stillschweigend an das II. Vaticanum die formalen Ansprüche eines herkömmlichen, dogmatischen Konzils an: Vaticanum II hat keine Canones; bei einem dogmatischen Konzil ist nicht schlechthin alles unfehlbar, was irgendwo in einem Text steht, sondern nur das, was klar definiert wird, im wesentlichen also das, was die Canones zusammenfassen. Keine Canones, keine Verbindlichkeit.

2. Man sieht nicht recht die eigene Stufung, die das II. Vatikanische Konzil seinen Dokumenten gibt durch die aufsteigende Textskala: Erklärung, Dekret, Konstitution, Dogmatische Konstitution. Allerdings muss man der Piusbruderschaft zugute halten, dass Kardinal Koch die formale Verbindlichkeit auch verkürzt fasst, wenn er argumentiert, das Tridentinum hätte überhaupt nur Dekrete verabschiedet, keine Konstitutionen oder Dogmatischen Konstitutionen. Begeht Kardinal Koch hier nicht denselben Fehler wie die Piusbruderschaft? Man kann nicht die formale Rangordnung, die das II. Vatikanische Konzil seinen Dokumenten gegeben hat, auf die Dokumente des Konzils von Trient anwenden und sagen: „Trient hat ja nur Dekrete, Vaticanum II sogar Dogmatische Konstitutionen!“

Lehrautorität der vorangegangenen Päpste und Konzilien im II. Vaticanum

Wir haben hier schon in zwei unserer früheren Beiträge darauf hingewiesen, was  der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück verschiedentlich betont hat: Die Konzilstexte des II. Vaticanums haben nicht nur ihre gestufte formale Verbindlichkeit, sondern inhaltlich jeweils zusätzlich die Autorität der Quellen, auf welche die Aussagen des Konzils gestützt werden: Heilige Schrift und Kirchenväter, die Lehraussagen früherer Päpste und dogmatischer Konzilien. Deswegen hat auch Erzbischof Müller ja durchaus Recht, wenn er von dogmatischen Implikationen spricht, und wir selbst haben darauf insistiert, dass Nostra Aetate, also eine ganz schlichte Erklärung des II. Vaticanums, in Nr. 4 eine solche dogmatische Implikation enthält, nämlich den Glauben der Kirche, dass Jesus Christus der Erlöser aller Menschen, auch der Juden ist, gewissermaßen sogar an erster Stelle der Messias der Juden.

Aufgrund dieser inhaltlichen Seite der Verbindlichkeit des II. Vatikanischen Konzils, die sich überwiegend  aus der Autorität der Heiligen Schrift, der Kirchenväter, der Scholastik, früherer Päpste und Konzilien ergibt, kann Bischof Fellay  ehrlich und ungeheuchelt sagen, dass die Piusbruderschaft „mit 95% der Aussagen“ des II. Vaticanums kein Problem hat. Wäre es anders, müsste sie das frühere Lehramt der Kirche zurückweisen, etwas, was sicher niemand (!) der Piusbruderschaft unterstellt oder zum Vorwurf machen kann.

5%-Hürde, dogmatische Implikationen und echte Neuansätze

Wenn Fellay sagt, dass die Piusbruderschaft zu 95% den Aussagen des jüngsten Konzils zustimmen kann, verbleiben immer noch 5%, die wir leicht leger eine 5%-Hürde sui generis genannt haben. In der deutschen Wahlgesetzgebung muss man eine solche Hürde schaffen, indem man 5% der Wählerstimmen erreicht. Hier gilt es, die 5% möglichst zu verringern oder in ihrer Bedeutung richtig einzuschätzen und so ein vermeintliches Einigungshindernis zu überwinden.

Da von Erzbischof Müller die Begrifflichkeit der dogmatischen Implikationen ins Spiel gebracht worden ist, denken wir bei diesen verbleibenden 5% ganz bewusst nicht an konkrete Punkte wie die Rechtmäßigkeit der Liturgiereform des II. Vatikanischen Konzils. In dem Sinne, dass die höchste Autorität, die Liturgie der Kirche zu ordnen, beim Papst liegt (was allerdings liturgiegeschichtlich betrachtet auch erst seit Trient und voll zentralisiert sogar erst seit der ultramontanen Stimmung nach Vaticanum I der Fall ist), bestreitet ja die Piusbruderschaft diese Rechtmäßigkeit genauso wenig, wie sie jemals die prinzipielle Gültigkeit der neuen Messliturgie geleugnet hat.

Diese 5% müssen also in ihrem Charakter vorwiegend ebenfalls doktrinell sein. Durch eine konsequente Hermeneutik der Kontinuität ließe sich dieser Prozentsatz wahrscheinlich schon in einem ersten interpretatorischen Schritt weiter verringern. Es wird sich dabei jedenfalls überwiegend um die originären Neuansätze des II. Vaticanums handeln. In dem Sinne, dass gerade diese Neuansätze die Eigenleistungen des Konzils sind, versteht man es und ist es auch berechtigt, ihnen eine besondere Bedeutung beizumessen, sie als ‚Errungenschaften’ zu betrachten, die nicht preisgegeben und zur Disposition gestellt werden können, selbst wenn sie quantitativ vielleicht höchstens 5% ausmachen.

Trotzdem muss man offenbar bedenken, dass dieses eigentlich ‚Neue’ in der Lehre des II. Vaticanums dann wohl kaum reines ‚Zitat’ aus der theologischen Tradition oder dem, dem Konzil vorausgegangenen, Lehramt der Kirche sein kann.

Formale Autorität des II. Vaticanums kann fallweise den Ausschlag geben

An dieser Stelle kann es doch entscheidend werden, dass das II. Vatikanische Konzil für seine eigenen theologischen Aussagen bewusst auf formalen dogmatischen Rang verzichtet hat. Dogmatisch verpflichtend ist es eben gerade dann, wenn es die bereits vorher bestehende, dogmatische Lehre der Kirche wiederholt und gegebenenfalls zusätzlich mit der eigenen, konziliar-formalen Autorität ausstattet und  bekräftigt.

Das heißt nun nicht, dass in den tatsächlich neuen lehrhaften Aussagen des II. Vatikanischen Konzils jede dogmatische Implikation zwangsläufig fehlt, allerdings ist doch eher davon auszugehen, dass solche im strengen Sinne dogmatischen Implikationen im Bereich des originär Neuen der Konzilsaussagen sehr rar sind.

Einerseits erleichtert es dies sicherlich, etwaige dogmatische Implikationen in diesem sehr überschaubaren Bereich von vielleicht 5% aufzuzeigen und zu benennen, andererseits ist es wohl nur sehr selten nachweisbar, dass theologische Kritik an diesen echten Neuansätzen des II. Vaticanums oder das Anmahnen eines diesbezüglichen theologischen Klärungsbedarfs tatsächlich gegen eine solche dogmatische Implikation verstößt und somit wirklich, wie Erzbischof Müller sich ausgedrückt, „den katholischen Glauben beeinträchtigt“, die Integrität des Katholischen und das Einheitsband mit Papst und Bischöfen verletzt.

Pointiert könnte man vielleicht diejenigen, die von der Piusbruderschaft immer wieder die 100%ige Annahme des II. Vaticanums fordern, fragen, ob sie nicht ihrerseits häufig die Aussagen des II. Vaticanums zumindest unbewusst auf die 5% seiner eigentlichen Neuansätze verkürzen, welche wahrscheinlich meistens nicht auf strenggenommen dogmatische Implikationen zurückzuführen sind.

Foto: Petersdom – Bildquelle: Wolfgang Stuck