Zuflucht im Schatten von Sankt Peter

Von Ulrich Nersinger.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 4. Juni 2014 um 07:51 Uhr
Schildwache am Glockenturm, Herbst 1943

Vor 70 Jahren – vom Oktober 1943 bis zum Juni 1944 – stand die Ewige Stadt unter deutscher Besatzung. Der Vatikan und die katholische Kirche boten in dieser schwierigen Zeit Verfolgten Hilfe und Unterschlupf. Ohne diese Unterstützung hätten zigtausende Menschen den Weg in die Folterzentrale der SS, die römischen Gefängnisse und die Konzentrationslager der Nationalsozialisten gefunden.

Wer sich für Rom und Vatikan interessiert, wird zwangsläufig auf die Schriften und Bücher von Eva-Maria Jung-Inglessis stoßen. Die gelehrte Autorin vermittelt in ihren Werken Pilgern wie Touristen ein profundes und dennoch gut verständliches Wissen über die Ewige Stadt. In den Monaten der deutschen Besatzung Rom stand sie mitten in dem dramatischen Geschehen der Ereignisse. Als überzeugte Gegnerin des Nationalsozialismus hatte sie als Studentin während des Zweiten Weltkrieges Deutschland verlassen müssen. Unter abenteuerlichen Umständen gelangte sie Anfang 1943 nach Rom. Doch der Aufenthalt in Italien, das mit dem Deutschen Reich verbündet war, gestaltete sich schwierig. Immer wieder musste sie aus ihren Unterkünften fliehen. Die Salvatorianerinnen auf dem Gianicolo, bei denen sie Jahre zuvor ihre Konversion vom Protestantismus zur katholischen Kirche vollzogen hatte, nahmen sie schließlich auf. Prälat Ludwig Kaas gab ihr eine provisorische Arbeit im Archiv der Reverenda Fabbrica (Dombauhütte) von St. Peter: „Seine Haushälterin versorgte mich mit den übriggebliebenen vatikanischen Brötchen, die damals ein Hochgenuss für mich waren.“

Doch sicher war sie in dem Ordenshaus der Salvatorianerinnen nicht: „Bald wurde ich wieder denunziert … Erst erhielt ich eine schritliche, dann eine telephonische Aufforderun, mich binnen 24 Stunden bei der Deutschen Botschaft zu melden, sonst würde man mich mit Gewalt abholen. Man hielt mich mit Recht für eine Antinazi, aber zu Unrecht für eine Agentin. Ich dankte für den Anruf – und verschwand. Zunächst nahm mich eine befreundete polnische Familie auf, Gawronski; allerdings nur für einige Tage, dann musste ich die Familie wieder verlassen, um nicht auch sie, zumal als Polen, in Gefahr zu bringen.“ Mittlerweile war Monsignore Stoeckle, der Rektor des Collegio Teutonico in Campo Santo, tätig geworden. Das deutsche Priesterkolleg lag innerhalb der Mauern des Kirchenstaates, besaß aber einen komplizierten völkerrechtlichen Status. In ihm hatten viele Verfolgte Zuflucht gefunden. Der Prälat hatte einen Antrag an das Governatorat, die weltliche Regierungsbehörde des Vatikans, gestellt, um Eva-Maria Jung als Küchenmädchen in das Kolleg aufnehmen zu dürfen. Die deutschen Besatzer machten sich am 28. November 1943 daran, der Studentin habhaft zu werden. In allerletzter Minute, kurz vor acht Uhr abends, erfuhr sie durch einen Telefonanruf, dass der positive Bescheid des Governatorates eingetroffen war.

Im Collegio Teutonico nahm sie unverzüglich die Arbeit auf: „Unter der Oberaufsicht der tüchtigen Küchenschwester Redigunde wusch ich Geschirr, putzte die Küche, schälte Kartoffeln, sortierte Reis und Linsen. Der sangesfreudigen Schwester Eginhardis, die eine wunderschöne Stimme hatte, half ich beim Gläserspülen im Speisesaal, wobei wir alle deutschen Kirchenlieder der Reihe nach durchsangen.“ Zunächst schlief sie in einem winzigen Raum neben der Waschküche; später übersiedelte sie in das sogenannte „Kleine Museum“ des Kollegs: „Das war ein dreieckiger Raum, dessen drei Wände bis oben mit Fragmenten von Grabinschriften und Sarkophagen bedeckt waren. Mein Bett stand sowohl mit dem Kopfende wie mit dem Fußende gegen zwei Grabplatten, so dass ich im wörtlichen Sinne ‚mitten im Leben vom Tod umgeben war’.“ Anfang Februar 1944 meldete sich Pater Robert Leiber SJ, der Privatsekretär des Papstes, beim Rektor an, um mit ihm über Eva-Maria Jung zu sprechen. Er sprach aufgrund einer Information, die er erhalten hatte, eine dringende Warnung aus: Die Polizei habe den Zufluchtsort Jungs erfahren, und sie möge daher auf keinen Fall aus dem Vatikan gehen. Doch dies tat sie sowieso nie: „Mein einziger Spaziergang war jeden Morgen der Weg um die Apsis der Peterskirche herum, um die Milch für das Kolleg zu holen. Ich trug dabei einen Pelzmantel aus dem einfachen Grund, weil ich keinen anderen Mantel hatte. Ich besaß ja nur, was ich anhatte, als ich mit einem Handköfferchen in den Vatikan zog. Dieser Kontrast zwischen dem eleganten Pelzmantel und der großen Milchkanne fiel einem brasilanischen Diplomaten auf, der im Hospiz Santa Marta interniert war. Eines Tages, als er mich wieder mit der schweren Milchkanne daherkommen sah, ergriff er sie kurzerhand und trug sie für mich nach Hause. Ich sehe noch die Verlegenheit und die Ratlosigkeit auf dem Gesicht des Gendarmen, der auf der Piazza Santa Marta Wache stand, als er dieses ungleiche Paar erblickte. Er war gewöhnt, vor dem Diplomaten zu salutieren, mich aber zu ignorieren. Er zauderte und zögerte, im letzten Moment salutierte er doch. Ich genoss diesen Moment, denn es war das einzige Mal (bis zum Tage meiner Hochzeit in der päpstlichen Privatkapelle), dass ein Gendarm vor mir strammstand.“

Das Kolleg beherbergte auch eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Ewigen Stadt, den aus Irland stammenden Geistlichen Hugh O’Flaherty, einen Beamten des Heiligen Offiziums, der heutigen Glaubenskongregation. Mit stiller Duldung und großem Wohlwollen seines Vorgesetzten, des Prälaten Alfredo Ottaviani, der ein erklärter Gegner des Faschismus war, rettete er unzähligen Menschen das Leben. Doch die gewagten Unternehmungen des Iren bargen eine gewisse Problematik. Sein humanitäres Handeln mischte sich mit politischen Interessen, die der notwendigen neutralen Haltung des Heiligen Stuhles entgegen standen. So berichtet Eva-Maria Jung: “Es war auch im Hause bekannt, dass der irische Monsignore O’Flaherty als Agent der Alliierten arbeitete. Er half den englischen und amerikanischen Soldaten, die auf der Flucht vor den Deutschen waren, indem er sie bei römischen Familien versteckte, sie mit Lebensmitteln und mit falschen Ausweisen versorgte. Wir vermuteten, dass er diese Dokumente in seinem Zimmer herstellte, und dass er dort geheime Papiere aufbewahrte. Der Rektor ließ, wie es seine Taktik war, Monsignore O’Flaherty gewähren und gab ihm dadurch eine Rückendeckung für seine gewagten Hilfsaktionen. Eben dieser vorsichtigen und umsichtigen Art des Rektors ist es zu verdanken, dass es ihm gelang, das Kolleg durch jene stürmischen Zeiten zu steuern, wo dem Haus nicht nur von einer, sondern von drei Seiten Gefahr drohte, von deutscher, alliierter und vatikanischer Seite, ohne dass es je besetzt oder geschlossen wurde.“

Die Lage im deutschen Priesterkolleg war schwierig und blieb politisch heikel: „Im Frühjahr 1944 stieg die Zahl der Flüchtenden immer mehr. Ganze Familien kamen mit ihren Kindern, meistens unter falschem Namen. Deutsche und Italiener, Arier und Juden. Ich habe sie nicht gezählt, aber ich schätze, dass es etwa 50 Personen waren zusätzlich zu den rund 20 Priestern und den sieben Schwestern, die den Haushalt versorgten. Der Rektor fand immer neue Schlupfwinkel, und immer neue Gesichter tauchten unvermutet hinter einer Tür auf. Es gab aber nicht genug Betten für alle. Die jungen Italiener, die vor der Einziehung zum deutschen Militärdienst geflüchtet waren, die „renitenti alla leva“, schliefen in Ermanglung von Betten in leeren Sarkophagen des großen Museums und deckten sich mit ihren Mänteln zu oder mit allem, was sie in der Eile mitbringen konnten. Einer dieser jungen Männer kam aus einem Eiergeschäft im Borgo Pio. Seine Eltern versorgten zum Dank das Kolleg mit Eiern. Das war damals ein guter Tauschhandel. Die meisten Gäste kamen auf Veranlassung des Staatssekretariates oder der Kardinäle. Monsignore Stoeckle konnte nicht nein sagen, selbst wenn er manchmal instinktiv fühlte, dass nicht alle Personen diese Protektion verdienten. Da war zum Beispiel der östereichische Zahnarzt Bambas mit Frau. Sie führten sich arrogant auf und weigerten sich, den ohnehin niedrigen Pensionspreis zu zahlen. Schließlich war der Unmut der anderen Gäste gegen sie so gestiegen, dass sie vom Rektor verlangten, er solle die beiden des Hauses verweisen. Es kam zu einer dramatischen Szene im Sprechzimmer des Rektors. Bambas drohte, er habe die Namensliste aller im Haus versteckten Personen und würde diese der SS ausliefern, wenn er vor die Tür gesetzt würde. Bei dieser Drohung schreckten alle zurück, und Bambas blieb, ohne zu zahlen.“

Gegen Ende der deutschen Besatzung wurde die Stimmung immer gespannter: „Wir schliefen mit der Reisetasche griffbereit neben dem Bett für den Fall einer Flucht oder Verhaftung. Die Männer wechselten sich ab, bei Nacht Wache zu halten, um bei einem eventuellen Überfall schnell Alarm schlagen zu können. Dann kam der denkwürdige Morgen des 4. Juni. Durch einen Spalt im Gittertor zur Piazza del Sant’Uffizio konnte ich die deutschen Soldaten abziehen sehen, ein müdes, geschlagenes Heer. Uns schien es ein Wunder zu sein, dass Rom kampflos geräumt wurde, ohne Morde und ohne Zerstörungen, und dass wir auf einmal frei und gerettet waren. Dieses neue Gefühl der Freiheit war überwältigend. Am nächsten Tag erschienen die ersten alliierten Soldaten auf dem Petersplatz. Wir eilten aus dem Haus, um ihnen Wasser zur Erfrischung zu bringen. Die Römer strömten spontan von allen Seiten auf den Petersplatz. Sie umarmten sich vor Freude und riefen den Papst heraus, um ihm als Retter der Stadt zu huldigen. Schließlich erschien Pius XII. auf der Loggia, um seinerseits dem Herrn über Himmel und Erde für die wunderbare Rettung Roms zu danken.“

Eva-Maria Jung-Inglessis blieb bis 1947 im Kolleg des Campo Santo Teutonico wohnen. Ermuntert von Hubert Jedin, der damals ebenfalls in dem Haus wohnte, nahm sie ihre Studien wieder auf. Da die Universitäten noch geschlossen waren, absolvierte sie zunächst die „Pontificia Scuola di Paleografia, Diplomatica e Archivistica“ und erlangte das Diplom als Archivarin. 1947 pomovierte sie an der staatlichen Universität von Rom in Kirchengeschichte. Sie wanderte nach Amerika aus, kehrte aber wieder nach Rom zurück, wo sie – wie schon erwähnt – im Vatikan, in der päpstlichen Hauskapelle, ihren Gatten heiratete.

Foto: Schildwache am Glockenturm, Herbst 1943 – Bildquelle: Archiv Nersinger