Wo einst die Hofschule Karls des Großen wirkte

In Aachen fand die 128. Cartellversammlung des Cartellverbandes der katholischen deutschen Studentenverbindungen statt.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 22. Juni 2014 um 16:06 Uhr
Aachener Dom

Aachen (kathnews). Zu Hunderten sah man sie in ihren schmucken Uniformen oder elegant gekleidet und mit einem Band und anderen Insignien dekoriert in den vergangenen vier Tagen, vom 19. bis 22. Juni 2014, durch die Straßen der Stadt Karls des Großen ziehen: Studenten aus allen Windrichtungen Deutschlands, aber auch Vertretungen aus Österreich und der Schweiz waren anlässlich der 128. Cartellversammulung des Cartellverbandes der katholischen deutschen Studentenverbindungen nach Aachen gereist.

Grußwort des Bischofs von Aachen

Der Bischof von Aachen, Dr. Heinrich Mussinghoff, hieß alle Studierende, die sogenannten Alte Herren, Mitglieder, Freunde und Förderer des größten europäischen Studentenbundes, dessen berühmtestes Mitglied zweifellos Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. ist, herzlich in der Bischofsstadt Aachen willkommen und wünschte ihnen „für Begegnungen, Gedankenaustausch, Feier und Fest gute und stärkende Tage“ in Aachen. „Der Reiz“, so der Bischof, „der katholischen Studentenverbindungen besteht ja darin, dass Studierende aus allen Fachrichtungen in Austausch treten, Freundschaften schließen und um Wertebildung aus dem Glauben heraus ringen.“

Wo einst die Hofschule Karls des Großen war. Aachen, Stadt der Wissenschaft

Der Verband hat nicht ohne Grund dieses Jahr wieder Aachen zu seinem Versammlungsort gewählt: Die Studenten und Jungakademiker konnten teilnehmen an den Eröffnungsfeierlichkeiten zur Heiligtumsfahrt im Aachener Dom und auf dem Katschhof sowie die am Donnerstag, dem Fronleichnamstag, von Bundespräsident Joachim Gauck eröffneten drei Sonderausstellungen über Leben und Wirken Karls des Großen besuchen. Bereits viermal fand in der alten Kaiserstadt Aachen ein solches internationales Cartellverbandstreffen statt: 1912, 1928, 1980 und 2000. Für die angehenden Akademiker und die, die es schon sind, war Aachen im Karlsjahr 2014, in dem des 1200. Todestages Karls des Großen in Europa gedacht wird, der angemessene Versammlungsort, hatte Karl der Große doch in Aachen eine bedeutende Hofschule errichten lassen, an der die größten und bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit lehrten und wissenschaftliche Forschung betrieben. Ohne die „karolingische Renaissance“, die in Aachen ihren Ursprung nahm, wäre die moderne Wissenschaft und Technik, die auf dem Boden der griechischen und römischen Antike steht, undenkbar. Aachen, so Alkuin, der „Kultusminister“ Karls des Großen aus dem englischen York, galt als das neue Athen, als Sitz der Weisheit, gegründet auf christlichen, römischen und griechischen Fundamenten. „Karl begründete in Aachen eine Hofschule, die das Wissen der Zeit sammeln und den Austausch über die Grenzen der Disziplinen hinaus fördern sollte“, erinnert der Rektor der Fachhochschule Aachen, Prof. Dr. Marcus Baumann, in seinem Grußwort an die in Aachen versammelten Studenten. „Dies ist genau der gleiche Gedanke, der uns Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch heute noch umtreibt. Wir wollen uns frei, offen und tolerant Gedanken über die Fragen unserer Zeit machen und junge Menschen für Forschung begeistern“, so Baumann.

50 000 angehende Akademiker studieren in Aachen

In Aachen wird nach wie vor Wissenschaft und Forschung auf höchstem Niveau betrieben. Dafür steht an erster Stelle die RWTH, die unter dem Preußenkönig Wilhelm I. 1865 gegründete heutige Rheinisch Westfälische Technische Hochschule, die über Europas Grenzen hinaus in hohem Ansehen steht. Die RWTH Aachen (international : RWTH University Aachen) ist mit ihren 50.000 Studierenden die größte Universität für technische Studiengänge in Deutschland. Daneben zählt Aachen zahlreiche Fachhochschulen. Vereinzelt und in beschränkterem Umfang sind in Aachen auch die Geisteswissenschaften vertreten. Mehr als 42 Studentenverbindungen haben heute in der Stadt Karls des Großen ihre Verbindungshäuser.

„Jugend heute – Elite morgen“. Festvortrag des Präsidenten des Lehrerverbandes

Wie der Bischof von Aachen zutreffend sagte, geht es dem Cartellverband vor allem um eine Vermittlung von Werten aus dem christlichen Glauben. Dass der Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen sich in seinen Grundsätzen und seinem Handeln dem christlichen Menschbild verpflichtet weiß, davon konnte man sich am Samstagabend im Aachener Eurogress überzeugen. Anlässlich des „Studentischen Festkommers“ hielt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, am Samstagabend im Aachener Eurogress einen Festvortrag unter dem Titel „Jugend heute – Elite morgen“, häufig von bestätigendem Applaus der vielen aus nah und fern Anwesenden unterbrochen. In seinem rhetorisch brillanten Vortrag ging Kraus auf die philosophisch-anthropologischen Hintergründe und Folgen der Misere im Bildungssystem in Deutschland ein, ohne allerdings diese dem christlichen Menschenbild diametral entgegengesetzten anthropologischen Prämissen der heutigen Bildungspolitik explizit zu erwähnen. Die um sich greifende Erleichterungs- und Wohlfühlpädagogik bringe nichts, sagte er. Schule ohne Leistung und Anstrengung gehe nicht. Wir müssen unseren Kindern etwas mehr zutrauen und auch etwas mehr zumuten, rief der Präsident den Versammelten zu. Demokratie in Deutschland dürfe nicht zum Diktat des Durchschnitts werden. Eine zur Gleichheit verurteilte Gesellschaft wäre zur Stagnation verurteilt. Wer Elite legitimerweise sein kann, darüber gelte es zu streiten. Bloße Macht-Elite oder blanker Geldadel könne es nicht sein. Eine Leistungs- und Verantwortungselite müsse es sein, die zugleich Reflexions- und Werte-Elite ist. Vor einem solchen Hintergrund sei selbst Ungleichheit gerecht – nämlich dann, wenn Elite allen nütze, wenn das Handeln von Eliten quasi zu einem „inequality surplus”, zu einem Mehrwert führe. Die Schulbildung könne dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

Pilgeramt mit dem Apostolischen Nuntius in Deutschland

Zum Ausklang des viertägigen Treffens in Aachen fanden sich die katholischen Studenten am Sonntagmorgen auf dem Aachener Katschhof ein, dem Freiplatz zwischen Dom und Rathaus, um am Pilgerhochamt teilzunehmen, das an diesem Sonntag der Apostolische Nuntius in Deutschland Nikola Eterovic, in Konzelebration u.a. mit dem Präsidenten des römischen Einheitsrates, Kurt Kardinal Koch, und dem Aachener Bischof zelebrierte.

Foto: Aachener Dom – Bildquelle: Lokilech