Vatikanum II: Verbindung von historisch-kritischer und dogmatisch-kirchlicher Exegese

In der Nachkonzilszeit hat eine Bruchhermeneutik die dogmatisch-kirchliche Exegese außen vor gelassen. Der Grund hierfür liegt in der Juxtaposition, dem unverbindlichen Nebeneinander zweier Aussagen, im Konzilstext selber.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 17. Oktober 2015 um 12:49 Uhr
Vaticanum II, Konzilsväter

Einleitung von Gero P. Weishaupt:

In Artikel 12 der Offenbarungskonstitution Dei Verbum geht es um die Auslegung der Heiligen Schrift. Das Konzil gibt dabei den Auslegern (Exegeten, Bibelwissenschaftlern, Theologen) zwei Wege vor, die nicht voneinander getrennt werden dürfen, sondern aufeinander verwiesen sind. Im ersten Abschnitt nennen die Konzilsväter die sogenannte historisch-kritische Methode, im zweiten Abschnitt die traditionellen Auslegungsprinzipien (Hermeneutik) einer Exegese von der Überlieferung her, d.h. vom Glauben der Kirche (dogmatisch-kirchliche Exegese)

Bejahung der historisch-kritischen Methode

Nachdem die Katholische Kirche bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts eine Abwehrhaltung gegenüber der historisch-kritischen Methode in der Bibelexegese eingenommen hatte, da diese Methode vom Ursprung her dem rationalistisch-aufklärerischen Klima des 17. und 18. Jahrhunderts entstammte und nahezu ausschließlich im Raum der liberalen protestantischen Theologie zur Anwendung kam, hat sie diese Haltung mit der Enzyklika Divino afflante Spiritu Papst Pius´ XII. von 1943 revidiert. Dort hat Pius XII. auf die Notwendigkeit der Erforschung des Literalsinnes der biblischen Texte und der Redaktionskritik hingewiesen.

Das Zweite Vatikanische Konzils greift diesen Faden auf und entwickelt ihn auf der Grundlage des erweiterten Offenbarungsbegriffes (siehe erstes Kapitel von DV) weiter. So konnte die Päpstliche Bibelkommission 1993 erklären: „Die historisch-kritische Methode ist die unerlässliche Methode für die wissenschaftliche Erforschung des Sinnes alter Texte. Da die Heilige Schrift, als `Wort Gottes in menschlicher Sprache`, in all ihren Teilen und Quellen von menschlichen Autoren verfaßt wurde, lässt ihr echtes Verständnis diese Methode nicht nur als legitim zu, sondern es erfordert auch ihre Anwendung“.

Zur historisch-kritischen Methode, die die Konzilsväter in Dei Verbum 12 bejahen, gehören nach Thomas Söding (in: Wege der Schriftauslegung) Textkritik, Situationsanalyse (Zeit- und Rahmenbedingungen eines Textes), Kontextanalyse (literarisches Umfeld eines Textes), Formanalyse (Erfassung der sprachlichen Erscheinung eines Textes), Gattungsanalyse (Brief, Erzählungen, Gleichnisse, Evangelium, geschichtliche Darstellungen, Prophetenwort etc.), Traditionsanalyse (Berücksichtigung des Wachstumsprozesses eines Textes), Redaktionsanalyse (Veränderungen eines Texte im Laufe eines Überlieferungsprozesses).

Dogmatisch-kirchliche Exegese

Doch kann sich Exegese, so die Konzilsväter, nicht in der für das Textverständnis und dessen, was Gott nostrae salutis causa, um unseres Heiles willen, offenbaren wollte, notwendigen historisch-kritischen Methode erschöpfen. Die Crux heutiger Theologenausbildung ist, dass Exegese an den theologischen Fakultäten (und Priesterseminaren) nahezu ausschließlich historisch-kritisch orientiert ist, d.h. die Auslegung der heiligen Schriften der Bibel rein nach den Regeln der Vernunft erfolgt – mit allen negativen Folgen in der Verkündigung und für den Glauben.   Eine solche einseitige Exegese wird den Vorgaben des Zweiten Vatikanischen Konzils, wie sie in Dei Verbum 12 dargelegt werden, nicht gerecht, da Gottes Wort zwar in Menschenwort zu uns kommt, aber sich darin keineswegs dem Menschen, dem Adressaten der Offenbarung Gottes, ganz und abschließend erschließt. Die Problematik des Bruches von Glaube und Vernunft, auf die Joseph Ratzinger in seinen Schriften und als Benedikt XVI. in seiner Verkündigung als Papst wiederholt hingewiesen hat, spiegelt sich auch in der Methode der Exegese wider, nämlich da, wo die dogmatisch-kirchliche Methode außen vor gelassen wird, anstatt – konzilsgetreu – die historische-kritische Methode in diese hinein zu integrieren, also beide Methoden der Exegese miteinander zu verbinden.

Konzilshermeneutik: Neues und Altes miteinander verbinden

Ursache für die weitgehende Ausblendung der sog. dogmatischen, an den Kirchenvätern, dem vierfachen Schriftsinn, der Tradition der Kirche und der Analogie des Glaubens orientierten Exegese nach dem Konzil ist die unverbindliche Gegenüberstellung (Juxtapostion) beider Methoden im Konzilstext selber und die Frage nach dem Verhältnis beider Methode zueinander. Jedenfalls führt eine exklusive Sichtweise nicht zu dem, was die Konzilsväter mit dem Text intendierten, wenngleich eine klarere und unzweideutige Formulierung wünschenswert gewesen wäre, gerade im Hinblick auf Fehlinterpretationen in der Rezeptionsgeschichte des Konzilstext.

Darum gilt es, will man dem Konzil gerecht werden, wie auch bei anderen ambivalenten Aussagen des Konzils die komplimentäre Sichtweise im Auge zu behalten. Eine komplimentäre Sichtweise besagt: im Rahmen einer „Hermeutik der Reform in Kontinuität“ (Benedikt XVI.) das, was das Konzil an Neuem bringt (Reform), mit dem Alten zu verbinden (Kontinuität). Das Neue, d.h. in Dei Verbum 12 die historisch-kritische Methode, kann nur unter Wahrung des Alten, d.h. der spezfisch kirchlichen, die dogamtische Tradition berücksichtigenden Bibelsauslegung gewürdigt weden.

Ziel der Exegese

Denn Gottes Wort geht über die Aussageabsicht des Hagiographen (des inspirierten Autors der heiligen Texte) hinaus, wenngleich diese freilich Medium und Ausgangspunkt der Offenbarung Gottes bleibt und daher Exegese beim menschlichen Verfasser und dessen Aussageabsicht anzusetzen hat. Aber damit ist Exegese noch nicht am Ziel. Vielmehr ist die historisch-kritische Exegese nur ein „Schritt auf dem Weg zu einem theologischen Verstehen“ (Ludger Schwienhorst-Schönberger). Der volle, eigentliche Sinn der biblischen Texte, der sensus plenior, der dem Hagiographen noch gar nicht besußt war und gar nicht bewußt sein konnte, erschließt sich nur unter Berücksichtigung „der lebendigen Überlieferung der Gesamtkirche und der Analogie des Glaubens“, so die Konzilsväter (DV 12). Die Ergebnisse der historisch-kritischen Exegese sind aus diesem Grund stets „in das traditionelle Modell der Bibelhermeneutik zu integrieren“ (Luger Schwienhorst-Schönberger).

Text von Dei Verbum 12 (Deutsch – Latein)

Da Gott in der Heiligen Schrift durch Menschen nach Menschenart gesprochen hat, muß der Schrifterklärer, um zu erfassen, was Gott uns mitteilen wollte, sorgfältig erforschen, was die heiligen Schriftsteller wirklich zu sagen beabsichtigten und was Gott mit ihren Worten kundtun wollte. Um die Aussageabsicht der Hagiographen zu ermitteln, ist neben anderem auf die literarischen Gattungen zu achten. Denn die Wahrheit wird je anders dargelegt und ausgedrückt in Texten von in verschiedenem Sinn geschichtlicher, prophetischer oder dichterischer Art, oder in anderen Redegattungen. Weiterhin hat der Erklärer nach dem Sinn zu forschen, wie ihn aus einer gegebenen Situation heraus der Hagiograph den Bedingungen seiner Zeit und Kultur entsprechend – mit Hilfe der damals üblichen literarischen Gattungen – hat ausdrücken wollen und wirklich zum Ausdruck gebracht hat. Will man richtig verstehen, was der heilige Verfasser in seiner Schrift aussagen wollte, so muß man schließlich genau auf die vorgegebenen umweltbedingten Denk-, Sprach- und Erzählformen achten, die zur Zeit des Verfassers herrschten, wie auf die Formen, die damals im menschlichen Alltagsverkehr üblich waren.

Da die Heilige Schrift in dem Geist gelesen und ausgelegt werden muß, in dem sie geschrieben wurde, erfordert die rechte Ermittlung des Sinnes der heiligen Texte, daß man mit nicht geringerer Sorgfalt auf den Inhalt und die Einheit der ganzen Schrift achtet, unter Berücksichtigung der lebendigen Überlieferung der Gesamtkirche und der Analogie des Glaubens. Aufgabe der Exegeten ist es, nach diesen Regeln auf eine tiefere Erfassung und Auslegung des Sinnes der Heiligen Schrift hinzuarbeiten, damit so gleichsam auf Grund wissenschaftlicher Vorarbeit das Urteil der Kirche reift. Alles, was die Art der Schrifterklärung betrifft, untersteht letztlich dem Urteil der Kirche, deren gottergebener Auftrag und Dienst es ist, das Wort Gottes zu bewahren und auszulegen.

Cum autem Deus in Sacra Scriptura per homines more hominum locutus sit, interpres Sacrae Scripturae, ut perspiciat, quid Ipse nobiscum communicare voluerit, attente investigare debet, quid hagiographi reapse significare intenderint et eorum verbis manifestare Deo placuerit. Ad hagiographorum intentionem eruendam inter alia etiam genera litteraria respicienda sunt. Aliter enim atque aliter veritas in textibus vario modo historicis, vel propheticis, vel poeticis, vel in aliis dicendi generibus proponitur et exprimitur.

Oportet porro ut interpres sensum inquirat, quem in determinatis adiunctis hagiographus, pro sui temporis et suae culturae condicione, ope generum litterariorum illo tempore adhibitorum exprimere intenderit et expresserit. Ad recte enim intelligendum id quod sacer auctor scripto asserere voluerit, rite attendendum est tum ad suetos illos nativos sentiendi, dicendi, narrandive modos, qui temporibus hagiographi vigebant, tum ad illos qui illo aevo in mutuo hominum commercio passim adhiberi solebant.
Sed, cum Sacra Scriptura eodem Spiritu quo scripta est etiam legenda et interpretanda sit, ad recte sacrorum textuum sensum eruendum, non minus diligenter respiciendum est ad contentum et unitatem totius Scripturae, ratione habita vivae totius Ecclesiae Traditionis et analogiae fidei. Exegetarum autem est secundum has regulas adlaborare ad Sacrae Scripturae sensum penitius intelligendum et exponendum, ut quasi praeparato studio, iudicium Ecclesiae maturetur. Cuncta enim haec, de ratione interpretandi Scripturam, Ecclesiae iudicio ultime subsunt, quae verbi Dei servandi et interpretandi divino fungitur mandato et ministerio.

 

Foto: Konzilsväter. Bildquelle: Lothar Wolleh / Wikipedia