Vatikanum II: Die Einheit besteht bereits in der Katholischen Kirche

Doch die Spaltungen der Christen sind fĂŒr die Kirche ein Hindernis, die ihr eigene FĂŒlle der KatholizitĂ€t in den getrennten BrĂŒdern und Schwestern wirksam werden zu lassen. Unitatis Redintegratio, Artikel 4. Einleitung und Text.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 18. April 2015 um 11:23 Uhr
Petersdom

Von Gero P. Weishaupt:

Wenn das Zweite Vatikanische Konzil von der unitatis redintegratio, der „Wiederherstellung der Einheit“ spricht, dann muss deutlich sein, was hiermit gemeint ist: Es geht um die Wiederherstellung der Einheit unter den Christen, die gespalten sind. Es geht nicht um die Wiederherstellung der Einheit der Kirche als solcher, denn diese ist nach dem Glauben der Kirche – den die KonzilsvĂ€ter in Erinnerung rufen – bereits verwirklicht, da „Christus seiner Kirche von Anfang an“ diese Einheit „geschenkt“ hat (UR 4).

Die Einheit der Kirche ist in der Katholischen Kirche verwirklicht (subsistit)

Die Einheit besteht (subsistit) nach der Aussage der KonzilsvĂ€ter „unverlierbar in der katholischen Kirche“ (UR 4). Wie die wahre Kirche Christi gemĂ€ĂŸ der Kirchenkonstitution Lumen gentium (vgl. Artikel 8) in der katholischen Kirche besteht (verwirklicht ist [subsisit]), so ist ihre Einheit ebenfalls in ihr bereits verwirklicht (subsistit). Die KonzilsvĂ€ter wollen damit im Hinblick auf die nichtkatholischen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften sagen, dass sich viele und bedeutende Elemente der wahren Kirche auch in anderen christlichen Glaubengemeinschaften finden, wenngleich in verschiedenen Maßen. So erfreuen sich z.B. die Kirchen des Ostens mehrerer Elemente der wahren Kirche Christi als etwa die kirchlichen Gemeinschaften, die aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorgegangen sind.

Elemente der wahren Kirche Christi in anderen christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften

In allen aber erkennt und wĂŒrdigt die Katholische Kirche die Elemente und GĂŒter, denn es sind Elemente der wahren Kirche, die, wie gesagt, einzig in der katholischen Kirche in ihrer FĂŒlle besteht (subsisit). Sie ist, so lehrt das Konzil, „die mit dem ganzen Reichtum der von Gott geoffenbarten Wahrheit und der Gnadenmittel beschenkt“. Doch sei es auch „notwendig, dass die Katholiken die wahrhaft christlichen GĂŒter aus dem gemeinsamen Erbe mit Freude anerkennen und hochschĂ€tzen, die sich bei den von uns getrennten BrĂŒdern finden. Es ist billig und heilsam, die ReichtĂŒmer Christi und das Wirken der GeisteskrĂ€fte im Leben der anderen anzuerkennen, die fĂŒr Christus Zeugnis geben, manchmal bis zur Hingabe des Lebens: Denn Gott ist immer wunderbar und bewunderungswĂŒrdig in seinen Werken“ (UR 4).

Ökumenische Bewegung als eines der „Zeichen der Zeit“ erkannt

Die Notwendigkeit der ökumenischen Bewegung, die das Konzil als eines der „Zeichen der Zeit“ (signa temporum), d.h. als ein Anruf Gottes an die katholischen GlĂ€ubigen, erkannt hat, ergibt sich aus dem Skandal der Spaltungen. „Die Spaltungen der Christen sind fĂŒr die Kirche ein Hindernis, dass sie die ihr eigene FĂŒlle der KatholizitĂ€t in jenen Söhnen wirksam werden lĂ€sst, die ihr zwar durch die Taufe zugehören, aber von ihrer völligen Gemeinschaft getrennt sind. Ja, es wird dadurch auch fĂŒr die Kirche selber schwieriger, die FĂŒlle der KatholizitĂ€t unter jedem Aspekt in der Wirklichkeit des Lebens auszuprĂ€gen.“ „Christus gibt seiner Kirche stets die Gabe der Einheit, aber die Kirche muss stĂ€ndig beten und arbeiten, um die Einheit, die Christus fĂŒr sie will, zu erhalten, zu stĂ€rken und zu vervollkommnen“, heißt es im Katechismus der Katholischen Kirche dazu (KKK 820).

Schritte zur Wiederherstellung der Einheit

Im nachfolgenden Artikel 4 geben die KonzilsvĂ€ter u.a. einige Beispiele, welche Schritte zur Wiederherstellung der Einheit zu machen sind: „Ausmerzung aller Worte, Urteile und Taten, die der Lage der getrennten BrĂŒder nach Gerechtigkeit und Wahrheit nicht entsprechen und dadurch die gegenseitigen Beziehungen mit ihnen erschweren; ferner der ÂŽDialog, der bei ZusammenkĂŒnften der Christen aus verschiedenen Kirchen oder Gemeinschaften, die vom Geist der Frömmigkeit bestimmt sind, von wohlunterrichteten SachverstĂ€ndigen gefĂŒhrt wird, wobei ein jeder die Lehre seiner Gemeinschaft tiefer und genauer erklĂ€rt, so daß das Charakteristische daran deutlich hervortritt“.

In den nachfolgenden Artikeln, in denen praktische Beispiele und allgemeine Richtlinien fĂŒr die Umsetzung der im ersten Teil des Ökumenismusdekretes dargelegten lehrmĂ€ĂŸigen Grundlinien geben werden, nennen die KonzilsvĂ€ter weitere Voraussetzungen fĂŒr die Wiederherstellung der Einheit: dauernde Erneuerung der Kirche, Bekehrung der Herzen, gemeinsames Gebet, gegenseitige brĂŒderliche Kenntnis, ökumenische Bildung der GlĂ€ubigen, vor allem der Priester (Ausbildung und Fortbildung), GesprĂ€che zwischen den Theologen, Begegnungen zwischen den Christen und Zusammenarbeit der Christen in verschiedenen Bereichen des Dienstes am Menschen.

Unitatis redintegratio. Artikel 4. Text

Unter dem Wehen der Gnade des Heiligen Geistes gibt es heute in vielen LĂ€ndern auf Erden Bestrebungen, durch Gebet, Wort und Werk zu jener FĂŒlle der Einheit zu gelangen, die Jesus Christus will. Daher mahnt dieses Heilige Konzil alle katholischen GlĂ€ubigen, daß sie, die Zeichen der Zeit erkennend, mit Eifer an dem ökumenischen Werk teilnehmen.

Unter der „Ökumenischen Bewegung“ versteht man TĂ€tigkeiten und Unternehmungen, die je nach den verschiedenartigen BedĂŒrfnissen der Kirche und nach Möglichkeit der ZeitverhĂ€ltnisse zur Förderung der Einheit der Christen ins Leben gerufen und auf dieses Ziel ausgerichtet sind. Dazu gehört: ZunĂ€chst alles BemĂŒhen zur Ausmerzung aller Worte, Urteile und Taten, die der Lage der getrennten BrĂŒder nach Gerechtigkeit und Wahrheit nicht entsprechen und dadurch die gegenseitigen Beziehungen mit ihnen erschweren; ferner der „Dialog“, der bei ZusammenkĂŒnften der Christen aus verschiedenen Kirchen oder Gemeinschaften, die vom Geist der Frömmigkeit bestimmt sind, von wohlunterrichteten SachverstĂ€ndigen gefĂŒhrt wird, wobei ein jeder die Lehre seiner Gemeinschaft tiefer und genauer erklĂ€rt, so daß das Charakteristische daran deutlich hervortritt. Durch diesen Dialog erwerben alle eine bessere Kenntnis der Lehre und des Lebens jeder von beiden Gemeinschaften und eine gerechtere WĂŒrdigung derselben. Von hier aus gelangen diese Gemeinschaften auch zu einer stĂ€rkeren Zusammenarbeit in den Aufgaben des Gemeinwohls, die jedes christliche Gewissen fordert, und sie kommen, wo es erlaubt ist, zum gemeinsamen Gebet zusammen. Schließlich prĂŒfen hierbei alle ihre Treue gegenĂŒber dem Willen Christi hinsichtlich der Kirche und gehen tatkrĂ€ftig ans Werk der notwendigen Erneuerung und Reform.

Wenn dies alles von den GlĂ€ubigen der katholischen Kirche unter der Aufsicht ihrer Hirten mit Klugheit und Geduld vollzogen wird, trĂ€gt es zur Verwirklichung der Gerechtigkeit und Wahrheit, Eintracht und Zusammenarbeit, der brĂŒderlichen Liebe und Einheit bei, so daß dadurch allmĂ€hlich die Hindernisse, die sich der völligen kirchlichen Gemeinschaft entgegenstellen, ĂŒberwunden und alle Christen zur selben Eucharistiefeier, zur Einheit der einen und einzigen Kirche versammelt werden, die Christus seiner Kirche von Anfang an geschenkt hat, eine Einheit, die nach unserem Glauben unverlierbar in der katholischen Kirche besteht, und die, wie wir hoffen, immer mehr wachsen wird bis zur Vollendung der Zeiten. Es ist klar, daß die Vorbereitung und die Wiederaufnahme solcher Einzelner, die die volle katholische Gemeinschaft wĂŒnschen, ihrer Natur nach etwas von dem ökumenischen Werk Verschiedenes ist; es besteht jedoch kein Gegensatz zwischen ihnen, da beides aus dem wunderbaren Ratschluß Gottes hervorgeht.

Ohne Zweifel mĂŒssen die katholischen GlĂ€ubigen bei ihrer ökumenischen Aktion um die getrennten Christen besorgt sein, indem sie fĂŒr sie beten, sich ĂŒber kirchliche Angelegenheiten mit ihnen austauschen, den ersten Schritt zu ihnen tun. Aber in erster Linie sollen sie doch ehrlich und eifrig ihr Nachdenken darauf richten, was in der eigenen katholischen Familie zu erneuern und was zu tun ist, damit ihr Leben mit mehr Treue und Klarheit fĂŒr die Lehre und die Einrichtungen Zeugnis gebe, die ihnen von Christus her durch die Apostel ĂŒberkommen sind. Obgleich nĂ€mlich die katholische Kirche mit dem ganzen Reichtum der von Gott geoffenbarten Wahrheit und der Gnadenmittel beschenkt ist, ist es doch Tatsache, daß ihre Glieder nicht mit der entsprechenden Glut daraus leben, so daß das Antlitz der Kirche den von uns getrennten BrĂŒdern und der ganzen Welt nicht recht aufleuchtet und das Wachstum des Reiches Gottes verzögert wird. Deshalb mĂŒssen alle Katholiken zur christlichen Vollkommenheit streben und, ihrer jeweiligen Stellung entsprechend, bemĂŒht sein, daß die Kirche, die die Niedrigkeit und das Todesleiden Christi an ihrem Leibe trĂ€gt, von Tag zu Tag gelĂ€utert und erneuert werde, bis Christus sie sich dereinst glorreich darstellt, ohne Makel und Runzeln.

Alle in der Kirche sollen unter Wahrung der Einheit im Notwendigen je nach der Aufgabe eines jeden in den verschiedenen Formen des geistlichen Lebens und der Ă€ußeren Lebensgestaltung, in der Verschiedenheit der liturgischen Riten sowie der theologischen Ausarbeitung der Offenbarungswahrheit die gebĂŒhrende Freiheit walten lassen, in allem aber die Liebe ĂŒben. Auf diese Weise werden sie die wahre KatholizitĂ€t und ApostolizitĂ€t der Kirche immer vollstĂ€ndiger zum Ausdruck bringen. Auf der anderen Seite ist es notwendig, daß die Katholiken die wahrhaft christlichen GĂŒter aus dem gemeinsamen Erbe mit Freude anerkennen und hochschĂ€tzen, die sich bei den von uns getrennten BrĂŒdern finden. Es ist billig und heilsam, die ReichtĂŒmer Christi und das Wirken der GeisteskrĂ€fte im Leben der anderen anzuerkennen, die fĂŒr Christus Zeugnis geben, manchmal bis zur Hingabe des Lebens: Denn Gott ist immer wunderbar und bewunderungswĂŒrdig in seinen Werken.

Man darf auch nicht ĂŒbergehen, daß alles, was von der Gnade des Heiligen Geistes in den Herzen der getrennten BrĂŒder gewirkt wird, auch zu unserer eigenen Auferbauung beitragen kann. Denn was wahrhaft christlich ist, steht niemals im Gegensatz zu den echten GĂŒtern des Glaubens, sondern kann immer dazu helfen, daß das Geheimnis Christi und der Kirche vollkommener erfaßt werde. Aber gerade die Spaltungen der Christen sind fĂŒr die Kirche ein Hindernis, daß sie die ihr eigene FĂŒlle der KatholizitĂ€t in jenen Söhnen wirksam werden lĂ€ĂŸt, die ihr zwar durch die Taufe zugehören, aber von ihrer völligen Gemeinschaft getrennt sind. Ja, es wird dadurch auch fĂŒr die Kirche selber schwieriger, die FĂŒlle der KatholizitĂ€t unter jedem Aspekt in der Wirklichkeit des Lebens auszuprĂ€gen.

Mit Freude bemerkt das Heilige Konzil, daß die Teilnahme der katholischen GlĂ€ubigen am ökumenischen Werk von Tag zu Tag wĂ€chst, und empfiehlt sie den Bischöfen auf dem ganzen Erdkreis, daß sie von ihnen eifrig gefördert und mit Klugheit geleitet werde.

Foto: Petersdom – Bildquelle: Wolfgang Stuck

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