„Und führe uns nicht in Versuchung“

Was sagte Joseph Kardinal Ratzinger/Papst Benedikt XVI. hierzu? Ein Beitrag zu einer aktuellen Diskussion.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 13. Dezember 2017 um 12:53 Uhr
Papst Benedikt XVI.

In einem im August 2000 geführten Interview mit dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation Joseph Kardinal Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., ging Peter Seewald unter anderem auch auf das Vaterunser ein. Kathnews veröffentlicht die diesbezüglichen Fragen und Antworten aus dem Buch „Joseph Ratzinger/Benedikt XVI., Gott und die Welt. Die Geheimnisse des Christlichen Glaubens. Ein Gespräch mit Peter Seewald, München 2000, 232.

Peter Seewald:

Im Vaterunser heißt es an einer Stelle ‚und führe uns nicht in Versuchung‘. Warum soll ein liebender Gott uns in Versuchung führen wollen? Ist das ein Übersetzungsfehler. Frère Roger, der Gründer der Bewegung von Taizé, einer ökumenischen Ordensgemeinschaft in Frankreich, hat vorgeschlagen man möge beten: ‚Und lasse uns nicht in Versuchung.‘“

Kardinal Ratzinger/Papst Benedikt XVI.:

„Daran wird ja viel herumgekaut. Ich weiß, dass Adenauer den Kardinal Frings bedrängt hat, das könne ja so, wie es da steht, nicht stimmen. Wir kriegen auch immer wieder Briefe in dieser Richtung. Das ‚führe uns nicht in Versuchung‘ ist in der Tat die wörtliche Übersetzung des Textes. Natürlich entsteht die Frage was das eigentlich bedeutet?

Der Betende weiß, dass Gott ihn nicht ins Schlechte hineindrängen will. Er bittet Gott sozusagen um sein Geleit in der Versuchung. Der Jakobus-Brief sagt ausdrücklich, Gott, in dem kein Schatten von Finsternis ist, versucht niemanden. Aber Gott kann uns auf die Probe stellen – denken  wir an Abraham -, um uns reifer zu machen, um uns mit unserer eigenen Tiefe zu konfrontieren, und um uns dann erst wieder vollends zu sich selber zu bringen. Insofern hat auch das Wort ‚Versuchung‘ verschiedene Schichten. Gott will uns nicht zum Bösen anleiten, das ist klar. Aber sehr wohl kann es sein, dass er die Versuchungen nicht einfach von uns weghält, dass er uns, wie gesagt, durch Prüfung hilft und auch führt.

Wir bitten ihn jedenfalls darum, dass er uns nicht in Versuchungen geraten läßt, die uns ins Böse abgleiten lassen würden; dass er uns nicht Prüfungen auferlegt, die unsere Kräfte überschreiten würden; dass er die Macht nicht aus der Hand gibt, um unsere Schwachheit weißt und uns daher schützt, damit wir ihm nicht verlorengehen.

Peter Seewald:

Klipp und klar: das Gebet bleibt, wie es ist?

Kardinal Ratzinger/Benedikt XVI.

Ich würde sagen ja. Es wäre nicht ganz verboten, sinngemäße Übersetzungen im Sinne von Roger Schütz und anderen Vorschlägen zu machen. Aber mir scheint doch, dass die Demut, es in der Wörtlichkeit zu lassen und sich in seine Tiefe hineinzubeten, das Bessere ist.

Foto: Papst Benedikt XVI. – Bildquelle: Rvin88 / Wikipedia