Tatort Konklave

Neuerscheinung beim Verlag Kehl von Ulrich Nersinger - eine Buchvorstellung mit Leseprobe.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 23. November 2013 um 13:19 Uhr

Nichts reizt die Fantasie mehr als das Geheimnisvolle. Das macht das Konklave, mit dem in der katholischen Kirche ein neues Oberhaupt bestimmt wird, selbst für Nicht-Katholiken interessant. Dementsprechend häufig wird es Thema in Romanen und Spielfilmen. Thriller wie Jörgs Kastners Der Engelspapst und Mario Giordanos Apocalypsis finden reißenden Absatz. Dan Browns Angels and Demons kam 2009 als Blockbuster auf die Leinwand und spielte Unsummen an Geldern ein. Doch nicht nur in der Fiktion geht es hinter den verschlossenen Türen spannend zu. Die Wahl eines Papstes wurde in der Geschichte immer wieder begleitet von Gewalttaten, Bestechung und Einflussnahme politischer Mächte. In jüngster Zeit hatte sich die Kirche dann eher der Mittel der technischen Überwachung und der sensationsgierigen Medien zu erwehren. Und trotz aller menschlichen Schwächen, Fehler und Manipulationsversuche gab es mehr als einmal unerwartete, ja erstaunliche Ergebnisse. Tatort Konklave möchte einen kleinen Einblick in die spannende Welt der Papstwahlen geben, das ein oder andere verschlossene Fenster dem interessierten Leser öffnen. Der Streifzug durch die Historie des Konklave will nichts beschönigen, aber auch keine chronique scandaleuse sein. Er ist ein Stück Kirchengeschichte, die ihre Höhen und Tiefen hat. Und letztendlich aufzeigt, dass Gott der Herr allen Geschehens ist und es vermag, wie es Paul Claudel anmerkt, auf krummen Zeilen gerade zu schreiben.

Zum Autor

Ulrich Nersinger ist Journalist, Buchautor und ausgewiesener Kenner des Vatikans, der Kurie und der Kirchengeschichte. Der 56-jährige schreibt für verschiedene katholische Zeitschriften, namentlich den Osservatore Romano, den Schweizergardist und die Tagespost. Ulrich Nersinger studierte Philosophie und Theologie in Bonn, St. Augustin, Wien und Rom mit ergänzenden Studien am Päpstlichen Institut für Christliche Archäologie und der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse. Neben seiner schriftstellerischen und journalistischen Tätigkeit ist er in Selig- und Heiligsprechungsverfahren als Postulator und Untersuchungsrichter zugelassen und Mitglied der Pontificia Accademia Cultorum Martyrum. Im Sommer 2013 wurde er zum Ehrenmitglied der Vereinigung ehemaliger päpstlicher Schweizergardisten ernannt. Ulrich Nersinger lebt in Eschweiler, Deutschland.

Eine Leseprobe

1585 – Die Schlüssel und das Schwert des heiligen Petrus

Das Konklave nach dem Tode Gregors X. (1572-1585) stellt an den künftigen Papst nicht nur geistliche Anforderungen. Es verlangt von ihm genau so dringend die Handhabung und Durchsetzung weltlicher Macht. Ein ungewöhnlicher Verlauf der Wahlversammlung bringt das Erhoffte zu Stande …

So mancher Kardinal, der zum Konklave des Jahres 1585 nach Rom einberufen wird, zittert um sein Leben. Es ist jedoch nicht die Angst, bei der Wahlversammlung einem Anschlag ausgesetzt zu sein, sondern die Reise in die Ewige Stadt bereitet den Purpurträgern Sorge. Die Päpstlichen Staaten bieten in diesen Zeiten niemandem, der einen Ritt oder eine Fahrt in ihnen unternimmt, auch nur ein Mindestmaß an Sicherheit. Das weltliche Hoheitsgebiet des Oberhauptes der katholischen Kirche ist zum Tummelplatz brutaler Räuberbanden geworden. Überfälle, Entführungen und Ermordungen sind an der Tagesordnung. Ein gewißer Guercino hat sich zum „König der Campagna“ ausgerufen. Von den Dörfern, den Abteien und sogar den Baronen des römischen Umlands erhebt er „Tribute“ und „Steuern“ – und erhält sie. In Rom selber tragen die mächtigen Adelsgeschlechter ihre Fehden ohne Rücksicht auf Recht und Ordnung aus. Der Weg von einem Stadtviertel zum anderen ist zu einem Abenteuer geworden, bei dem man um Leib und Leben fürchten muss. Niemand scheint befähigt und gewillt, Familien wie den Colonna und Orsini Einhalt zu gebieten und die marodierenden Briganten aus dem Kirchenstaat zu vertreiben.

Ein historischer Roman, der sich eng an die geschichtlichen Fakten hält, schildert, was Kardinal Felice Peretti Montalto erlebt, als er, nur von einem Diener begleitet, über den Blumenmarkt beim Palazzo Orsini schreitet: „Plötzlich sah Montalto sich von Bewaffneten umringt. Es waren päpstliche Sbirren, die im nächsten Augenblick ihre Büchsen anschlugen. Gleich darauf krachten dicht vor ihm Schüsse, und über die Feuergarben und den Pulverdampf hinweg sah er die Oberkörper degenschwingender Reiter, die wütend auf die Polizeisoldaten einhieben. Er selbst wurde von ihrem Anprall zurückgerissen und taumelte gegen den Laden eines Handwerkers. Als er sich in die Tür flüchten wollte, wurde sie von innen hastig verschlossen. Sein Diener war von ihm abgedrängt. Plötzlich sah er, wie einer der Reiter die Sbirren durchbrach und blindlings auf den Wehrlosen losstach. Er stieß einen Schrei aus; dann verschwand sein Körper unter den Pferdehufen. Wieder blitzten Schüsse auf, und Montalto sah nichts mehr. Die Luft war erfüllt von Pulverdampf, Staub, Gebrüll und schallenden Hufschlägen. Ein durchgehendes Pferd raste durch das Getümmel. Sein Reiter, mit einem Fuße im Bügel hängend, ward über das Pflaster geschleift.“

Von den sechzig Kardinälen werden nur zweiundvierzig an der Wahlversammlung im Vatikan teilnehmen. Gut ein Drittel des Heiligen Kollegiums fehlt, darunter viele Purpurträger aus Frankreich und Spanien sowie die Bischöfe von Wilna und dem Ermland. Verspätet, am zweiten Tag des Konklave, trifft der Bischof von Brixen, Kardinal Andreas von Österreich, in der Ewigen Stadt ein. Eskortiert von schwerbewaffneten Soldaten hatte sich der wohlbeleibte Sohn Erzherzog Maximilians, des Regenten von Tirol, auf den Weg nach Rom gemacht. „Bar jeglicher Kräfte, mit hochroten Kopf, sank er vom Pferde; wir alle dachten, er sei zu Tode gekommen“, notierte ein Chronist die Ankunft des Kardinals. Doch dieser besitzt mehr Lebenskraft und Energie, als man ihm zutraut. Er verlangt gebieterisch den sofortigen Einlass in das Konklave. Als man ihm mitteilt, er könne nicht während einer laufenden Abstimmung eingelassen werden, schlägt er mit seinen Fäusten gegen die verschlossenen Tore. Kein noch so gutes Zureden kann ihn besänftigen. Der erst 27jährige Kardinal, der bereits mit 18 Jahren den roten Hut empfangen hat und zwei illegitime Kinder vorweisen kann, bleibt hartnäckig. Er hämmert weiter mit aller Gewalt gegen die hölzerne Absperrung. Innerhalb des Vatikans kommt Unruhe auf. Um die Würde des Konklave zu wahren und um einen drohenden politischen Eklat zu vermeiden, gibt man dem Verlangen des einflussreichen Habsburgers nach. Die Siegel werden zerbrochen und die Tore öffnen sich für Andreas von Österreich.

In der Wahlversammlung hat sich inzwischen eine Vielzahl von Purpurträgern positioniert: so die Kardinäle Ferdinando de’Medici, Alessandro Farnese, Luigi d’Este, Pierdonato Cesi und Marco Antonio Colonna und viele mehr. Stunde um Stunde werden Allianzen geschmiedet und wieder verworfen. Die Zahl der Kandidaten und Parteiungen erweist sich als so groß und unterschiedlich, dass niemandem eine reelle Chance auf die dreifache Krone des Oberhauptes der Christenheit zuzufallen scheint. Auch der 64jährige Kardinal aus dem Orden der Franziskanerkonventualen, Felice Peretti Montalto, gehört zu den Papabili. Aber er unterscheidet sich von ihnen. Sein Verhalten lässt Verwunderung aufkommen. Der gestrenge Mönch aus Grottamare in den Marken scheint alles zu unternehmen, um seine Kandidatur unmöglich zu machen. Alessandro Farnese, dem Dekan des Heiligen Kollegiums, hat er zu Beginn der Sedisvakanz mitgeteilt, eigentlich sei er viel zu schwach und kränklich für eine Teilnahme an der kommenden Papstwahl. Der Kardinaldekan appelliert an das Gewissen Peretti Montaltos, der daraufhin mit gesenktem Haupt erklärt: „Eminenz, in Demut und Gehorsam nehme ich diese so schwere und drückende Verpflichtung auf mich.“ Im Konklave zeigt der Kardinal auffällig wenig Interesse an den Abstimmungen, er erwähnt unaufhörlich seine Gebrechlichkeit und spricht gegenüber jedem vom bald bevorstehenden Ende seines irdischen Lebens. Die Taktik des ständig lamentierenden Franziskaners geht auf. Am dritten Tag, dem 24. April des Jahres 1585, wählen ihn die Kardinäle mit großer Mehrheit zum Papst.

In vielen zeitgenössischen Schriften findet sich eine Episode erwähnt, deren Wahrheitsgehalt nicht zufriedenstellend geklärt werden kann. Doch sie würde der Person des Pontifex durchaus gerecht werden. Nachdem Peretti Monalto die notwendige Stimmenzahl auf sich vereinigt hatte und man ihn fragte, ob er die Wahl annehme, habe sich die gebeugte Gestalt des Ordensmannes zur Verblüffung der Kardinäle mühelos aufgerichtet und ihnen ein kraftvolles, donnerndes „Accepto – Ich nehme an“ präsentiert. Ohne seinen Krückstock und mit forschen Schritten sei der neu gewählte Pontifex Maximus zu seinem Thron geeilt. Nach dem Grund für die „wundersame Wandlung“ gefragt, habe er zur Antwort gegeben: „Als Wir Uns in das Konklave begaben, gingen Wir gebückt, weil Wir die Schlüssel des heiligen Petrus suchten. Nun aber haben Wir sie gefunden!“ Als sich der Papst – Sixtus V. – zum erstenmal dem Volk zeigt, rufen ihm die Römer zu: „Überfluss und Gerechtigkeit, Heiliger Vater, Überfluss und Gerechtigkeit!“ „Bittet Gott nur für den Überfluss, für die Gerechtigkeit werden Wir schon sorgen“, antwortet ihnen der Papst mit schneidender Stimme. Seine Heiligkeit wird das Versprechen halten. Für jedermann sichtbar. Am Tage ihrer Krönung pflegen die Päpste großzügige Amnestien zu gewähren: Gefangene mit geringeren Vergehen zu entlassen, Häftlingen, die sich größerer Verbrechen schuldig gemacht hatten, einen Teil ihrer Strafe zu tilgen und Todesurteile in eine lebenslange Kerkerhaft umzuwandeln. Der neue Pontifex besitzt jedoch eine andere Auffassung von der benevolentia Papae, dem Wohlwollen des Papstes.

Als sich Sixtus V. in einer festlichen Prozession zu der Feier begibt, in der er die Tiara empfängt, sind die Engelsburg und die Tiberbrücken mit den Köpfen enthaupteter Briganten „geschmückt“. Auch das Haupt des Räuberhauptmanns Guercino, des „Königs des Campagna“, ist darunter – es trägt eine vergoldete Krone. Ein junger Römer war in den ersten Tagen des Pontifikates zum Tode verurteilt worden, weil er sich den Sbirren in einem geringen Fall widersetzt hatte. Als seine Hinrichtung am Tag der Krönung ansteht, bittet man den Papst um Milde und verweist auf die Jugend des Delinquenten. „Wir wollen ihm ein paar Jahre von den Unsrigen dazulegen“, soll Sixtus V. gesagt haben, bevor er anordnete, das Urteil zu vollstrecken.

Ulrich Nersinger: Tatort Konklave
Gebunden, 160 Seiten
ISBN 978-3-930883-60-8
16,90 Euro

Verlag Petra Kehl – Rhönstraße 3 – 36093 Künzell
info@verlag-kehl.de

Foto: Cover – Tatort Konklave – Bildquelle: Nersinger