Reform in Kontinuität. Der Offenbarungsbegriff von Vatikanum II

Einleitung und Text des Artikels 2 der dogmatischen Konstitution Dei Verbum.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 10. Juli 2015 um 18:58 Uhr
Vaticanum II, Konzilseröffnung

Einleitung von Gero P. Weishaupt:

In Artikel 2 der dogmatischen Konstitution Dei Verbum legen die Väter (Papst und Bischöfe) des Zweiten Vatikanischen Konzils den Begriff der Offenbarung vor. Anknüpfend an Aussagen des Ersten Vatikanischen Konzils in der dogmatischen Konsitution Dei Filius beschreiben sie die Offenbarung Gottes im Horizont personalistischen Denkens. Dadurch lösen sie den Offenbarungsbegriff von seiner  den Historismus  des 19. Jahrhunderts kennzeichnenden Fixierung auf die doppelte Quelle von Schrift und Tradition – freilich ohne diese katholische Lehre von den  zwei Quellen der Offenbarung (nicht nur die Schrift, sondern auch die Tradition) aufzugeben, wie im Verlauf der Konstitution von Dei Verbum noch zu zeigen ist, denn das hätte tatsächlich nicht Reform in Kontinuiät, sondern Reform in Diskontinuität, also einen Bruch bedeutet – und führen ihn in die Weite „einer umfassenden heilsgeschichtlichen Schau“ (Joseph Ratzinger). Damit verwirklicht Vatikanum II auch in der Konstitution über die Offenbarung Dei Verbum jene Reform in Kontinuität, die das Anliegen der beiden Konzilsväter (Johannes XXIII. und Paul VI. ausweislich ihrer Ansprachen) gewesen ist und die nach der Ansprache von Papst Benedikt XVI. vom 22. Dezember 2005 an die Römische Kurie der einzige hermeneutische Schlüssel zum Verständnis der Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils ist.

Offenbarung: Selbstoffenbarung Gottes und Kundgabe seines Willens

So sehr es bei der Offenbarung gewiss um Mitteilungen, Lehren und Anordnungen Gottes geht, so ist der eigentliche Inhalt der Offenbarung zunächst Gott selber. Es geht primär um die Selbstoffenbarung Gottes. Aus dieser folgt dann die Kundgabe des Geheimnisses (sacramentum) seines Willens, d.h. seiner Anordungen und Lehren. „An die Stelle der ´ewigen Dekrete seines Willens` ist das `sacramentum` seines Willens getreten. An die Stelle der gesetzlichen Sicht, die Offenbarung weithin als Erlaß göttlicher Dekrete betrachtet, ist eine sakramentale Sicht getreten, die Gesetz, Gnade, Wort und Tat, Botschaft und Zeichen, die Person und ihre Äußerungen in der umfassenden Einheit des Mysteriums ineins schaut. …“ (Joseph Ratzinger). Vatikanum II schließt nicht aus, sondern ein, indem es die Sichtweise von Vatikanum I in eine umfassendere personalistisch-dialogische Sichtweise einfügt. Darin besteht das Neue (Reform) in organischer Anküpfung an das Alte (Kontinuität).

Offenbarung als Dialog in Tat und Wort

„Von da aus ergibt sich ein wesentlich dialogisches Verständnis der Offenbarung, das sich in den Wörtern ´alloquitur`(= er redet an. GPW) und´conversatur` (= er verkehrt. GPW) anzeigt“ (Joseph Ratinger). Darum bedeutet – so die Konzilsväter – Offenbarung zuerst eine Begegnung mit dem ewigen Gott. Danach folgt etwas Bestimmtes, das Gott zu den Menschen sagt. Dieser Offenbarungsakt ereignet sich in Tat und Wort, „die innerlich miteinander verknüpft sind: die Werke nämlich, die Gott im Verlauf der Heilsgeschichte wirkt, offenbaren und bekräftigen die Lehre und die durch die Worte bezeichneten Wirklichkeiten; die Worte verkündigen die Werke und lassen das Geheimnis, das sie enthalten, ans Licht treten“ (DV 2).

Ziel der Selbstoffenbarung Gottes

Ziel der Selbstoffenbarung Gottes und seiner Mitteilung, Lehren und Anordnungen ist, „dass die Menschen durch Christus, das fleischgewordene Wort, im Heiligen Geist Zugang zum Vater haben und teilhaftig werden der göttlichen Natur“. Im Offenbarungsakt begegnet Gott dem Menschen, spricht ihn an, um ihn abzuholen und an seiner göttlichen Natur, an seinem göttlichen Leben teilnehmen zu lassen, durch Jesus Christus im Heiligen Geist. Darin kommt der trinitarische Aspekt der Offenbarung voll zum Ausdruck: „Die Bewegung der Offenbarung geht aus von Gott (= dem Vater), trifft auf uns durch Christus und schafft uns Zugang zur Gottesgemeinschaft im Heiligen Geist“ (Joseph Ratzinger).

Deutscher und lateinischer Text von Dei Verbum, Artikel 2

Gott hat in seiner Güte und Weisheit beschlossen, sich selbst zu offenbaren und das Geheimnis seines Willens kundzutun (vgl. Eph 1,9): daß die Menschen durch Christus, das fleischgewordene Wort, im Heiligen Geist Zugang zum Vater haben und teilhaftig werden der göttlichen Natur (vgl. Eph 2,18; 2 Petr 1,4). In dieser Offenbarung redet der unsichtbare Gott (vgl. Kol 1,15; 1 Tim 1,17) aus überströmender Liebe die Menschen an wie Freunde (vgl. Ex 33,11; Joh 15,14-15) und verkehrt mit ihnen (vgl. Bar 3,38), um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen. Das Offenbarungsgeschehen ereignet sich in Tat und Wort, die innerlich miteinander verknüpft sind: die Werke nämlich, die Gott im Verlauf der Heilsgeschichte wirkt, offenbaren und bekräftigen die Lehre und die durch die Worte bezeichneten Wirklichkeiten; die Worte verkündigen die Werke und lassen das Geheimnis, das sie enthalten, ans Licht treten. Die Tiefe der durch diese Offenbarung über Gott und über das Heil des Menschen erschlossenen Wahrheit leuchtet uns auf in Christus, der zugleich der Mittler und die Fülle der ganzen Offenbarung ist.

Placuit Deo in sua bonitate et sapientia Seipsum revelare et notum facere sacramentum voluntatis suae (cf. Eph 1,9), quo homines per Christum, Verbum carnem factum, in Spiritu Sancto accessum habent ad Patrem et divinae naturae consortes efficiuntur (cf. Eph 2,18; 2 Petr 1,4). Hac itaque revelatione Deus invisibilis (cf. Col 1,15; 1 Tim 1,17) ex abundantia caritatis suae homines tamquam amicos alloquitur (cf. Ex 33,11; Io 15,14-15) et cum eis conversatur (cf. Bar3,38), ut eos ad societatem Secum invitet in eamque suscipiat. Haec revelationis oeconomia fit gestis verbisque intrinsece inter se connexis, ita ut opera, in historia salutis a Deo patrata, doctrinam et res verbis significatas manifestent ac corroborent, verba autem opera proclament et mysterium in eis contentum elucident. Intima autem per hanc revelationem tam de Deo quam de hominis salute veritas nobis in Christo illucescit, qui mediator simul et plenitudo totius revelationis exsistit.

Foto: Konzilsväter – Bildquelle: Peter Geymayer / Wikipedia

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