Perfide Propaganda

Ein Artikel von Michael Hesemann.
Erstellt von Michael Hesemann am 25. Januar 2011 um 19:28 Uhr

Der linke Theologe Peter Bürger wiederholte in seinem Artikel „Pius XII. – Ein Fall für die Propaganda perfidei“ auf „Telepolis“ altbekannte Unwahrheiten über den Weltkriegspapst. Eine Antwort von Michael Hesemann.

Peter Bürgers „perfide Propaganda“ (um seine eigenen Worte zu benutzen) gegen Papst Pius XII. ist offenbar ideologisch begründet; er lehnt den Weltkriegspapst wegen seines „vorkonziliaren“ Kirchenverständnisses ab und sucht verzweifelt nach Argumenten, so haltlos sie auch sein mögen, statt sich auch nur ansatzweise historisch forschend zu betätigen. Dabei ist ihm jeder Bundesgenosse recht, sei es der Skandaldramatiker Rolf Hochhuth, der zumindest erfolgreich ein KGB-Propagandamärchen vermarktete, oder der bedauernswerte Klaus Kühlwein, dessen Buch über Pius XII. schon bei Erscheinen heillos überholt war und der seitdem konsequent die Resultate der jüngeren Pius-Forschung ignoriert. Hätte Bürger stattdessen im Vatikanischen Geheimarchiv geforscht oder zumindest die vielen hundert Dokumente, die etwa die amerikanisch-jüdische „Pave the Way Foundation“ auf ihrer website www.ptwf.org veröffentlichte, wäre er zweifellos zu anderen Schlussfolgerungen gekommen.

Indem er Pius XII. noch heute, im Jahre 2011, Antijudaismus unterstellt, verhöhnt Bürger geradezu die Erkenntnisse so vieler kompetenter Historiker, die in mühsamer Kleinarbeit nachweisen konnten, dass sämtliche „Beweise“ für eine solche Haltung, die von Boulevardautoren wie Cornwell („Hitler’s Pope“) propagiert wurde, auf bewusst manipulierten „Übersetzungen“ basieren. Da wird sogar Pacellis (Eugenio Pacelli, der spätere Pius XII.) Grundschullehrer Giuseppe Marchi, den ein italienischer Biograf wegen seines langen Bartes mit Moses verglich, zum Urheber solcher Neigungen erklärt; er habe die Schuljungen mit Vorträgen „über die Hartherzigkeit der Juden“  indoktriniert. Dabei heißt es wörtlich (und leicht ironisch) in der zitierten Quelle, der Lehrer habe seinen Katheder zwar so würdevoll wie Moses den Berg Sinai bestiegen, doch „zwar nicht um gegen hartherzige Juden, sondern gegen dickköpfige Knaben zu wettern.“ Dass Moses vom Berg Sinai aus gegen „hartherzige Juden“ wetterte ist nun mal keine antisemitische Erfindung, sondern steht so in der Torah, in 2. Mos 34,9 (die „Einheitsübersetzung“ benutzt sogar das Adjektiv „halsstarrig“). Noch offensichtlicher wird die Manipulation, wenn Cornwell einen Bericht des Nuntiaturmitarbeiters Schioppa über seinen Besuch bei der revolutionären „Räteregierung“ im München des Jahres 1919 zitiert, den Pacelli an das vatikanische Staatssekretariat weiterleitete. Um ihn möglichst „antisemitisch“ erscheinen zu lassen (die drei führenden Mitglieder des Revolutionsrates, Levien, Leviné und Axelrod waren russische Juden), werden schnell in der Übersetzung aus einer „gruppo femminile“ (weibliche Gruppe) im ihrem Hauptquartier gleich „weiblicher Abschaum“ und aus den „occhi scialbi“ (leerer Blick) des gewiss überarbeiteten Levien „von Drogenmissbrauch gezeichnete Augen“. Dem fügt Bürger noch ein drittes Unwort ein, das von „jüdischen Bolschewisten“, das freilich weder im Originalbericht, ja noch nicht einmal in Cornwells manipulativer „Übersetzung“ zu finden ist. Freilich werden deren Verzerrungen von Bürger als „Übersetzungsfeinheiten“ bagatellisiert.

Doch wie hielt es Eugenio Pacelli tatsächlich mit den Juden? Wenn wir uns ernsthaft mit seiner Biografie beschäftigen, dann stoßen wir auf eine kleine Überraschung: Er war nicht etwa antijudaistisch eingestellt, sondern der wohl am meisten philosemitische Papst der vorkonziliaren Kirche seit Petrus. Und das ist keine Übertreibung! So war er bereits zur Gymnasialzeit mit einem jungen Juden namens Guido Mendes befreundet, der einer römischen Akademikerfamilie entstammte, nahm (nach dem Zeugnis Mendes!) an den Schabbatfeiern seiner Familie teil, lieh sich die Werke jüdischer Denker aus der Familienbibliothek und beschloss, Hebräisch zu lernen. Er blieb sein Leben lang mit Mendes befreundet, half ihm 1938, nach Palästina auszuwandern und empfing ihn  nach dem Krieg zweimal in Privataudienz. Auch im Dienst erwies er sich als hilfsbereiter Freund der Juden.  1917, als Mitarbeiter des vatikanischen Staatssekretärs, verschaffte er dem Zionistenführer Nachum Sokolow eine Audienz bei Papst Benedikt XV., 1925, bereits Nuntius in Berlin, empfing er Sokolow sogar im Krankenhaus und diktierte ein Empfehlungsschreiben,  das ihm erneut die Türen im Vatikan öffnen sollte. Als Nuntius in München versuchte er nicht nur alles, damit die jüdische Gemeinde aus Italien Palmzweige für das Laubhüttenfest bekamen (was leider am uneinsichtigen italienischen Zoll scheiterte), er rettete durch eine Demarche bei der Reichsregierung sogar die Juden Palästinas vor dem Schicksal der in Massen ermordeten Armenier. Auf deutsches Drängen wurde die türkische Armee in Palästina 1917 unter das Kommando eines deutschen Generals gestellt, der blutrünstige Cemal Pascha abgelöst. Und 1926 unterstütze Pacelli nicht nur das „Deutsche Komitee Pro Palästina zur Förderung der jüdischen Palästina-Siedlung“, er ermutigte sogar prominente Katholiken wie die Zentrums-Politiker Konrad Adenauer und Dr. Ludwig Kaas, diesem beizutreten. So passt es gut ins Bild, dass Pius XII. während einer Audienz im Herbst 1941 einem jungen Juden gleich doppelt und so laut, dass auch die deutschen Pilger im Audienzsaal es hören konnten, erklärte: „Sei stolz darauf, dass Du ein Jude bist!“

So wie Bürger diese Fakten ignoriert, manipuliert er päpstliche Dokumente so weit, dass sie sich seiner These beugen. So ging es in der Weihnachtsansprache vor den Kardinälen am 24.12.1942 eben nicht um Antijudaismus, sondern das Wegschauen der Menschen, die „starre Verblendung und hartnäckige Verleugnung“ angesichts aller Verbrechen „bis hin zum Gottesmord“; eine Anspielung eher auf das Nichtwahrhabenwollen der Verbrechen des Krieges bis hin zum Holocaust, womit er das Wort Johannes Pauls II., der Auschwitz als das „Golgota des 20. Jahrhunderts“ bezeichnete, gewissermaßen vorwegnahm.  Die Enzyklika „Mystici corporis“ dagegen zitierte den hl. Augustinus zum jüdischen Gesetz, um ihm zu entgegnen: „Wenn wir alle diese Geheimnisse des Kreuzes aufmerksam betrachten, sind uns die Worte des Apostels an die Epheser nicht mehr dunkel, Christus habe durch sein Blut die Juden und die Heiden vereint, ‚da Er in seinem Fleische die Scheidewand niederriß‘, die beide Völker trennte.“  Die Konsequenz daraus, so Pius XII., ist eine klare Absage an jeden Rassismus:  „Wahre Liebe zur Kirche fordert darum nicht nur von uns, dass wir als Glieder desselben Leines füreinander einstehen, uns freuen sollen, wenn ein anderes Glied Ehre erfährt, und mit seinen Schmerz mitleiden sollen, sondern dass wir zugleich die Menschen, die noch nicht im Leibe der Kirche mit uns vereint sind, als Christi Brüder dem Fleische nach betrachten sollen, die gleich uns zu demselben ewigen Heil berufen sind. Leider gibt es heute mehr denn je Menschen, die mit Feindschaft, Hass und Missgunst hochmütig prahlen, als sei dies eine gewaltige Steigerung menschlicher Ehre und menschlicher Kraft. Wir sehen mit Schmerz die unheilvollen Früchte solcher Grundsätze vor uns.“ (Hervorhebung durch Michael Hesemann)

Ebenso wahrheitswidrig behauptet Bürger, Pacelli habe die von Pius XI. geplante Enzyklika „Von der Einheit des Menschengeschlechts“ verschleppt und auf Eis gelegt. Denn Tatsache ist, dass der Tod Pius XI. ihrer Fertigstellung voraus kam und es allgemein im Vatikan üblich ist, unveröffentlichte Texte des Amtsvorgängers nicht posthum, ohne dessen Autorisierung, zu publizieren. Tatsächlich war der erarbeitete Entwurf des amerikanischen Jesuiten John LaFarge, wie wir wissen, von so vielen Antijudaismen durchzogen, dass er kontraproduktiv gewesen wäre. Stattdessen hat Pacelli die Grundidee der Enzyklika in seine erste Enzyklika, Summi Pontificatus, integriert, in der „Theorien, welche die Einheit des Menschengeschlechtes leugneten“, als „neue Irrtümer“ bezeichnet werden, die „das Gesetz der Solidarität und der Liebe in Vergessenheit geraten lassen“. Die Kirche dagegen lehre, dass alle Menschen „aus einem einzigen Stamm sind“. Damit wurde, wie schon 1937 in der Anti-Nazi-Enzyklika „Mit brennender Sorge“, dem braunen Rassismus eine klare Absage erteilt.

Man mag fragen, weshalb dies nicht eindeutiger geschah. Dabei hatte Pacelli gleich nach den ersten Ausschreitungen gegen die deutschen Juden, nämlich am 4. April 1933, beim neuen Nuntius in Berlin, Cesare Orsenigo, und dem Münchener Kardinalerzbischof Faulhaber angefragt, ob eine Intervention „gegen die Gefahr antisemitischer Exzesse in Deutschland“ erfolgreich sein könnte. Beide, Orsenigo und Faulhaber, rieten dringend davon ab. Faulhaber: Für die Juden einzutreten sei „zur Zeit nicht möglich, weil der Kampf gegen die Juden (dann) zugleich ein Kampf gegen die Katholiken werden würde.“

So wurde aus Rücksicht auf die Kirche in Deutschland auf offene Proteste gegen die Diskriminierung der Juden im Vorkriegsdeutschland verzichtet, während der Rassismus offen in Enzykliken, Anweisungen an katholische Hochschulen und Veröffentlichungen im Osservatore Romano bekämpft wurde. Auf die Kristallnacht reagierte Pacelli jedoch auf seine Weise: Er bemühte sich noch im selben Monat, über die Nuntiaturen in der katholischen Welt, über 200.000 Visa für die deutschen Juden zu beschaffen. Die umfangreiche Korrespondenz mit den leider wenig zufriedenstellenden Ergebnissen – gerade einmal Brasilien und die Dominikanische Republik reagierten mit 3000 bzw. 800 Visa- füllt im Vatikanarchiv einen ganzen Ordner. Und so war es auch während seines Pontifikats die Regel: Pius XII. half, wo er nur helfen konnte, um die verfolgten Juden zu retten. Aber er wagte es nicht, den Holocaust offen anzuprangern, denn er fürchtete die Vergeltungsmaßnahmen der Nazis, sowohl gegen die Juden selbst wie gegen Konvertiten und schließlich die katholische Kirche.

Mehr das himmelschreiende Unrecht des Nazi-Rassismus anzuprangern als dies in der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ geschah, die immerhin noch in Deutschland verlesen werden konnte, hätte keine andere päpstliche Botschaft vermocht. Im Krieg hätte die Nazi-Zensur eine Verbreitung in Deutschland ohnehin zu verhindern versucht und jeden, der sie trotzdem verteilte oder verlas, wegen „Wehrkraftzersetzung“ vor den Volksgerichtshof stellen können. Schon auf die Pius XI-Enzyklika hatten die Nazis mit einem heftigen Propagandaschlag gegen die Kirche reagiert. Der Papst hätte die braune Bestie nur gereizt, ohne ihr Herr werden zu können.

Stattdessen kollaborierte Pius XII. seit Herbst 1939 mit dem deutschen Widerstand, der ihm ebenfalls –nach dem Zeugnis Joseph Müllers- dringend von einer öffentlichen Verurteilung der Judenverfolgung abriet. Er widersprach amerikanischen Katholiken, die es für problematisch hielten, gemeinsam mit Stalin gegen Hitler zu kämpfen. Und es gelang ihm, durch direkte diplomatische Interventionen in Hitlers Vasallenstaaten Vichy-Frankreich, der Slowakei, Ungarn und Rumänien die Deportation der Juden entweder aufzuschieben oder ganz zu verhindern, bis dort die Nazis die Kontrolle übernahmen. In Rumänien etwa wurden die Juden nie an Nazideutschland ausgeliefert, sondern nach Transnistrien im Osten des Landes deportiert, wohin der Vatikan Hilfsgüter schicken ließ; sogar sein privates Erbe als Pacelli, ca. 1,2 Millionen Lei, ließ Pius XII. nach Transnistrien schicken, um die dortigen Juden zu unterstützen (wie Dokumente aus dem rumänischen Staatsarchiv belegen).

All das ignoriert Bürger, um scheinheilig zu fragen, welch „schlimmeres Übel“ denn Pius XII. durch sein Martyrium des Schweigens verhindern wollte, wo doch sechs Millionen Juden umgebracht wurden. Die Antwort ist so einfach wie erschütternd: Ohne ihn, ohne seine Interventionen, hätte der Holocaust sieben Millionen Opfer gefordert! Wie überzeugt Pius XII. von der Richtigkeit seiner Politik der stillen Hilfe war, zeigt schon, dass er sich genau so auch angesichts der deutschen Verbrechen im katholischen Polen verhielt. Und als er einmal doch, gedrängt von Exilpolen, einen Hirtenbrief verfasste und nach Krakau schmuggeln ließ, verbrannte Erzbischof Sapieha diesen sogleich in seinem Kamin. „Er würde als Vorwand für weitere Verfolgungen dienen und es gab bereits genug Opfer“, schrieb er als Antwort an den Papst. So stellte auch Robert Kempner, der Vertreter der USA beim Nürnberger Prozess, selbst Jude, fest: „Jeder Propagandaversuch der katholischen Kirche gegen Hitlers Reich wäre nicht nur provozierter Selbstmord gewesen, sondern hätte die Ermordung einer großen Zahl von Juden und Priestern ausgelöst“. Und Gerhart Riegner, Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses, ergänzte: eine Mahnrede des Papstes hätte „sogar das Tempo des Mordens beschleunigt“. Offenbar  ist Bürger denkbar schlecht informiert oder kennt nur Kühlwein, wenn er behauptet, es sei „frei erfunden“, dass ein Eingriff Pius XII. den Stopp der Deportation der römischen Juden bewirkte.

Tatsache ist, das entnehmen wir einem Fernschreiben des Außenamtes in Berlin an die deutsche Botschaft in Rom vom 9.10.1943, dass „aufgrund eines Führerbefehls die 8000 in Rom lebenden Juden“ deportiert werden sollten. Die Größe der jüdischen Gemeinde war zuvor festgestellt worden, als der SS-Kommandant von Rom, Herbert Kappler, die Karteien der römischen Synagoge beschlagnahmte. Darin waren, natürlich, Flüchtlinge aus anderen Regionen nicht enthalten. Dass am Ende gerade einmal 1007 Juden deportiert wurden, trotz dieses eindeutigen Befehls, muss einen Grund gehabt haben. Die SS war nun mal nicht für ihre Nachlässigkeit bekannt  und zu behaupten, man habe einfach aufgegeben, als man nach wenigen Stunden nicht mehr als diese 12,5 % finden konnte, zeugt von nicht geringer Naivität.

Wie kam es also, dass die SS-Aktion an jenem 16. Oktober 1943 nach nur einem halben Tag, nämlich bereits um 14.00 Uhr – wie selbst Kühlwein zugibt – abgeblasen wurde? Auch hier sind wir nicht auf Mutmaßungen angewiesen, sondern haben glaubwürdige Zeugenaussagen vorliegen. Schon im November 2000 erklärte Leutnant Nikolaus Kunkel, der damals als junger Ordonnanzoffizier bei dem Stadtkommandanten von Rom, Generalmajor Rainer Stahel, diente, in einem Interview mit der KNA, dass der Kommandant sehr wohl reagierte, als er von Pater Pfeiffer den Brief überreicht bekam, den ihm der österreichische Bischof Alois Hudal im Auftrag des Papstes geschrieben hatte. Laut Kunkel versuchte Stahel zunächst, über den deutschen Vatikanbotschafter Ernst von Weizsäcker etwas zu erreichen, der gerade erst in den Vatikan zitiert worden war. Dort hatte ihm Kardinalstaatssekretär Maglione einen päpstlichen Protest angedroht, sollten die Verhaftungen nicht unverzüglich eingestellt werden. Weizsäcker erwiderte, ein Protest könne unabsehbare Folgen für den Vatikan haben. Er wusste, dass Hitler längst den Befehl erteilt hatte, im Fall eines solchen Protestes den Vatikan zu stürmen und den Papst nach Deutschland zu verschleppen, ein Befehl, über den auch Pius XII. im Bilde war. Weizsäcker telegrafierte zwar den Hudal-Brief nach Berlin, teilte aber mit, dass er in dieser Angelegenheit nicht helfen könne.

Als er Generalmajor Stahel davon berichtete, wurde Lt. Kunkel gerade noch Zeuge, wie der Stadtkommandant von seinem Vorzimmer eine Direktverbindung zu Heinrich Himmler verlangte. Der Inhalt des Gespräches blieb lange ein Geheimnis, sicher war nur, dass er Stahels Karriere schadete. Nur zwei Wochen später wurde der Stadtkommandant trotz gesundheitlicher Probleme mit sofortiger Wirkung an die Ostfront versetzt. Bei der Verteidigung Warschaus geriet er in russische Gefangenschaft, wo er Anfang der 1950er Jahres in einem Kriegsgefangenenlager verstarb.
Erst im Rahmen des Seligsprechungsprozesses für Pius XII. gelang es dem Relator (Untersuchungsrichter) Pater P. Gumpel, SJ, einen weiteren Augenzeugen, Generalmajor Dietrich Beelitz, zu vernehmen.  Beelitz, damals Oberst im Generalstab von Generalfeldmarschall Albert Kesselring, dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht in Italien, war Zeuge, als sich Stahel nach Erhalt seines Versetzungsbefehls verabschiedete. Auf die Gründe dafür angesprochen, erklärte der Ex-Stadtkommandant von Rom ihm: „Das war eine Rachemaßnahme von Heinrich Himmler“. „In scharfen Worten“, so Stahel, habe er Himmler auf die Gefahren hingewiesen, die durch die Deportation der Juden drohte: ein Protest des Papstes könne die Bevölkerung vollends gegen die deutschen Besatzer aufbringen, die Versorgung der Truppen an der Südfront gefährden. Als Himmler erfuhr, dass eine Intervention des Papstes der wahre Anlass für diese Intervention war, habe er Stahels Strafversetzung bewirkt.

Während der offizielle diplomatische Protest des Vatikans bei Botschafter von Weizsäcker also erfolglos geblieben war, hatte Pius XII. durch sein Gesuch an Generalmajor Stahel die „Judenaktion“ der SS erfolgreich stoppen können. 7000 der 8000 römischen Juden, deren Deportation angeordnet worden war, wurden dadurch verschont. Für sie ließ der Papst jetzt die römischen Klöster, Institute, Seminare und sogar den Vatikan öffnen, um sie auch zukünftig den Händen der SS-Schärgen zu entziehen. Immerhin hatte Generalmajor Stahel noch vor seiner Versetzung auf Bitten des Papstes an allen römischen Klöstern Plakate anbringen lassen, die diese zu extraterritorialem Staatsgebiet des Vatikans erklärten; deutschen Soldaten und SS-Männern war es damit offiziell untersagt, hier einzudringen.

Nichts ist also weiter von der historischen Wahrheit entfernt als Bürgers Behauptung, die römische Prinzessin Enza Aragona habe Pius XII. am Morgen des „Blutschabbats“ „ganz vergeblich um Intervention angesichts der angelaufenen Judendeportation gebeten“.  Tatsächlich hat der Papst unmittelbar reagiert; noch im Beisein der Prinzessin ließ er von Weizsäcker in den Vatikan zitieren um daraufhin, als dieser ablehnte, etwas zu unternehmen, Pater Pfeifer und seinen Neffen Carlo Pacelli erst zu Bischof Hudal und dann, mit dessen Brief, zu General Stahel zu schicken, mit dem Erfolg, dass die Aktion innerhalb von Stunden gestoppt wurde.

Tragisch war nur, dass der Abtransport der 1007 nicht verhindert werden konnte. Allerdings versicherten die Deutschen dem Vatikan, sie würden nur als Geiseln nach Mauthausen, ein Arbeitslager bei Linz, gebracht; noch im November bemühte sich der Papst, ihnen Hilfsgüter zukommen zu lassen. Doch für sie kam jede Hilfe zu spät. Aus Wut über den Abbruch der Aktion hatte Adolf Eichmann den Zug nach Auschwitz umgeleitet.  Das kam beim Eichmann-Prozess in Jerusalem zur Sprache, als es in der Anklageschrift ausdrücklich hieß: „Als der Papst persönlich zugunsten der Juden Roms intervenierte … und Eichmann gebeten wurde, sie in italienische Arbeitslager zu bringen, statt sie zu deportieren, wurde diese Bitte abgeschlagen – die Juden wurden nach Auschwitz geschickt.“

Es zeugt von einiger kirchenpolitischer Naivität, wenn ein Prof. Wolf die Aussetzung des Seligsprechungsprozesses Pius XII. fordert, bis „wir“ alle Quellen kennen. Denn natürlich hat die Untersuchungskommission der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen des Vatikans vollen Zugang zum Vatikanarchiv. Trotz ihrer einstimmigen Entscheidung für die Seligsprechung ließ der Papst den – bislang bloß noch nicht vollständig katalogisierten – Aktenbestand im Geheimarchiv noch einmal von unabhängigen Historikern überprüfen; erst als auch sie nichts Belastendes finden konnten, promulgierte er den „heroischen Tugendgrad“ Pius XII. Abgesehen davon wurden alle relevanten Dokumente aus der Kriegszeit zwischen 1965 und 1981 in zwölf Bänden von insgesamt ca. 5300 Seiten vom Vatikan veröffentlicht und sind seitdem Historikern zugänglich; seit 2010 sind sie auch auf dem Internet einsehbar, etwa auf der ptwf.org-website.

Kein Papst hat so oft Synagogen besucht und seinen Wunsch nach Aussöhnung mit dem Judentum bekundet wie Benedikt XVI. Daher ist es geradezu infam und unwahr, wenn Bürger  „angestiegene antijudaistische und antisemitische Umtriebe um Katholizismus der Ratzinger-Ära“ unterstellt. Wir können dem Himmel dankbar für diesen großen Papst sein und ebenso für Pius XII., der gezeigt hat, dass Handeln oft mehr wert ist als Reden, dass Schweigen Gold sein kann, wenn es Leben rettet. Wer diese Kirche liebt, bemüht sich um ein gerechtes Urteil und um eine Beseitigung von Missverständnissen und Lügen, die Katholiken und Juden erneut zu entzweien drohen, statt die Lügen ihrer Gegner nachzuplappern.

Hier zum Artikel von Peter Bürger.