Perfide Propaganda

Ein Artikel von Michael Hesemann.
Erstellt von Michael Hesemann am 25. Januar 2011 um 19:28 Uhr

Der linke Theologe Peter BĂŒrger wiederholte in seinem Artikel „Pius XII. – Ein Fall fĂŒr die Propaganda perfidei“ auf „Telepolis“ altbekannte Unwahrheiten ĂŒber den Weltkriegspapst. Eine Antwort von Michael Hesemann.

Peter BĂŒrgers „perfide Propaganda“ (um seine eigenen Worte zu benutzen) gegen Papst Pius XII. ist offenbar ideologisch begrĂŒndet; er lehnt den Weltkriegspapst wegen seines „vorkonziliaren“ KirchenverstĂ€ndnisses ab und sucht verzweifelt nach Argumenten, so haltlos sie auch sein mögen, statt sich auch nur ansatzweise historisch forschend zu betĂ€tigen. Dabei ist ihm jeder Bundesgenosse recht, sei es der Skandaldramatiker Rolf Hochhuth, der zumindest erfolgreich ein KGB-PropagandamĂ€rchen vermarktete, oder der bedauernswerte Klaus KĂŒhlwein, dessen Buch ĂŒber Pius XII. schon bei Erscheinen heillos ĂŒberholt war und der seitdem konsequent die Resultate der jĂŒngeren Pius-Forschung ignoriert. HĂ€tte BĂŒrger stattdessen im Vatikanischen Geheimarchiv geforscht oder zumindest die vielen hundert Dokumente, die etwa die amerikanisch-jĂŒdische „Pave the Way Foundation“ auf ihrer website www.ptwf.org veröffentlichte, wĂ€re er zweifellos zu anderen Schlussfolgerungen gekommen.

Indem er Pius XII. noch heute, im Jahre 2011, Antijudaismus unterstellt, verhöhnt BĂŒrger geradezu die Erkenntnisse so vieler kompetenter Historiker, die in mĂŒhsamer Kleinarbeit nachweisen konnten, dass sĂ€mtliche „Beweise“ fĂŒr eine solche Haltung, die von Boulevardautoren wie Cornwell („Hitler’s Pope“) propagiert wurde, auf bewusst manipulierten „Übersetzungen“ basieren. Da wird sogar Pacellis (Eugenio Pacelli, der spĂ€tere Pius XII.) Grundschullehrer Giuseppe Marchi, den ein italienischer Biograf wegen seines langen Bartes mit Moses verglich, zum Urheber solcher Neigungen erklĂ€rt; er habe die Schuljungen mit VortrĂ€gen â€žĂŒber die Hartherzigkeit der Juden“  indoktriniert. Dabei heißt es wörtlich (und leicht ironisch) in der zitierten Quelle, der Lehrer habe seinen Katheder zwar so wĂŒrdevoll wie Moses den Berg Sinai bestiegen, doch „zwar nicht um gegen hartherzige Juden, sondern gegen dickköpfige Knaben zu wettern.“ Dass Moses vom Berg Sinai aus gegen „hartherzige Juden“ wetterte ist nun mal keine antisemitische Erfindung, sondern steht so in der Torah, in 2. Mos 34,9 (die „EinheitsĂŒbersetzung“ benutzt sogar das Adjektiv „halsstarrig“). Noch offensichtlicher wird die Manipulation, wenn Cornwell einen Bericht des Nuntiaturmitarbeiters Schioppa ĂŒber seinen Besuch bei der revolutionĂ€ren „RĂ€teregierung“ im MĂŒnchen des Jahres 1919 zitiert, den Pacelli an das vatikanische Staatssekretariat weiterleitete. Um ihn möglichst „antisemitisch“ erscheinen zu lassen (die drei fĂŒhrenden Mitglieder des Revolutionsrates, Levien, LevinĂ© und Axelrod waren russische Juden), werden schnell in der Übersetzung aus einer „gruppo femminile“ (weibliche Gruppe) im ihrem Hauptquartier gleich „weiblicher Abschaum“ und aus den „occhi scialbi“ (leerer Blick) des gewiss ĂŒberarbeiteten Levien „von Drogenmissbrauch gezeichnete Augen“. Dem fĂŒgt BĂŒrger noch ein drittes Unwort ein, das von „jĂŒdischen Bolschewisten“, das freilich weder im Originalbericht, ja noch nicht einmal in Cornwells manipulativer „Übersetzung“ zu finden ist. Freilich werden deren Verzerrungen von BĂŒrger als „Übersetzungsfeinheiten“ bagatellisiert.

Doch wie hielt es Eugenio Pacelli tatsĂ€chlich mit den Juden? Wenn wir uns ernsthaft mit seiner Biografie beschĂ€ftigen, dann stoßen wir auf eine kleine Überraschung: Er war nicht etwa antijudaistisch eingestellt, sondern der wohl am meisten philosemitische Papst der vorkonziliaren Kirche seit Petrus. Und das ist keine Übertreibung! So war er bereits zur Gymnasialzeit mit einem jungen Juden namens Guido Mendes befreundet, der einer römischen Akademikerfamilie entstammte, nahm (nach dem Zeugnis Mendes!) an den Schabbatfeiern seiner Familie teil, lieh sich die Werke jĂŒdischer Denker aus der Familienbibliothek und beschloss, HebrĂ€isch zu lernen. Er blieb sein Leben lang mit Mendes befreundet, half ihm 1938, nach PalĂ€stina auszuwandern und empfing ihn  nach dem Krieg zweimal in Privataudienz. Auch im Dienst erwies er sich als hilfsbereiter Freund der Juden.  1917, als Mitarbeiter des vatikanischen StaatssekretĂ€rs, verschaffte er dem ZionistenfĂŒhrer Nachum Sokolow eine Audienz bei Papst Benedikt XV., 1925, bereits Nuntius in Berlin, empfing er Sokolow sogar im Krankenhaus und diktierte ein Empfehlungsschreiben,  das ihm erneut die TĂŒren im Vatikan öffnen sollte. Als Nuntius in MĂŒnchen versuchte er nicht nur alles, damit die jĂŒdische Gemeinde aus Italien Palmzweige fĂŒr das LaubhĂŒttenfest bekamen (was leider am uneinsichtigen italienischen Zoll scheiterte), er rettete durch eine Demarche bei der Reichsregierung sogar die Juden PalĂ€stinas vor dem Schicksal der in Massen ermordeten Armenier. Auf deutsches DrĂ€ngen wurde die tĂŒrkische Armee in PalĂ€stina 1917 unter das Kommando eines deutschen Generals gestellt, der blutrĂŒnstige Cemal Pascha abgelöst. Und 1926 unterstĂŒtze Pacelli nicht nur das „Deutsche Komitee Pro PalĂ€stina zur Förderung der jĂŒdischen PalĂ€stina-Siedlung“, er ermutigte sogar prominente Katholiken wie die Zentrums-Politiker Konrad Adenauer und Dr. Ludwig Kaas, diesem beizutreten. So passt es gut ins Bild, dass Pius XII. wĂ€hrend einer Audienz im Herbst 1941 einem jungen Juden gleich doppelt und so laut, dass auch die deutschen Pilger im Audienzsaal es hören konnten, erklĂ€rte: „Sei stolz darauf, dass Du ein Jude bist!“

So wie BĂŒrger diese Fakten ignoriert, manipuliert er pĂ€pstliche Dokumente so weit, dass sie sich seiner These beugen. So ging es in der Weihnachtsansprache vor den KardinĂ€len am 24.12.1942 eben nicht um Antijudaismus, sondern das Wegschauen der Menschen, die „starre Verblendung und hartnĂ€ckige Verleugnung“ angesichts aller Verbrechen „bis hin zum Gottesmord“; eine Anspielung eher auf das Nichtwahrhabenwollen der Verbrechen des Krieges bis hin zum Holocaust, womit er das Wort Johannes Pauls II., der Auschwitz als das „Golgota des 20. Jahrhunderts“ bezeichnete, gewissermaßen vorwegnahm.  Die Enzyklika „Mystici corporis“ dagegen zitierte den hl. Augustinus zum jĂŒdischen Gesetz, um ihm zu entgegnen: „Wenn wir alle diese Geheimnisse des Kreuzes aufmerksam betrachten, sind uns die Worte des Apostels an die Epheser nicht mehr dunkel, Christus habe durch sein Blut die Juden und die Heiden vereint, ‚da Er in seinem Fleische die Scheidewand niederriß‘, die beide Völker trennte.“  Die Konsequenz daraus, so Pius XII., ist eine klare Absage an jeden Rassismus:  „Wahre Liebe zur Kirche fordert darum nicht nur von uns, dass wir als Glieder desselben Leines fĂŒreinander einstehen, uns freuen sollen, wenn ein anderes Glied Ehre erfĂ€hrt, und mit seinen Schmerz mitleiden sollen, sondern dass wir zugleich die Menschen, die noch nicht im Leibe der Kirche mit uns vereint sind, als Christi BrĂŒder dem Fleische nach betrachten sollen, die gleich uns zu demselben ewigen Heil berufen sind. Leider gibt es heute mehr denn je Menschen, die mit Feindschaft, Hass und Missgunst hochmĂŒtig prahlen, als sei dies eine gewaltige Steigerung menschlicher Ehre und menschlicher Kraft. Wir sehen mit Schmerz die unheilvollen FrĂŒchte solcher GrundsĂ€tze vor uns.“ (Hervorhebung durch Michael Hesemann)

Ebenso wahrheitswidrig behauptet BĂŒrger, Pacelli habe die von Pius XI. geplante Enzyklika „Von der Einheit des Menschengeschlechts“ verschleppt und auf Eis gelegt. Denn Tatsache ist, dass der Tod Pius XI. ihrer Fertigstellung voraus kam und es allgemein im Vatikan ĂŒblich ist, unveröffentlichte Texte des AmtsvorgĂ€ngers nicht posthum, ohne dessen Autorisierung, zu publizieren. TatsĂ€chlich war der erarbeitete Entwurf des amerikanischen Jesuiten John LaFarge, wie wir wissen, von so vielen Antijudaismen durchzogen, dass er kontraproduktiv gewesen wĂ€re. Stattdessen hat Pacelli die Grundidee der Enzyklika in seine erste Enzyklika, Summi Pontificatus, integriert, in der „Theorien, welche die Einheit des Menschengeschlechtes leugneten“, als „neue IrrtĂŒmer“ bezeichnet werden, die „das Gesetz der SolidaritĂ€t und der Liebe in Vergessenheit geraten lassen“. Die Kirche dagegen lehre, dass alle Menschen „aus einem einzigen Stamm sind“. Damit wurde, wie schon 1937 in der Anti-Nazi-Enzyklika „Mit brennender Sorge“, dem braunen Rassismus eine klare Absage erteilt.

Man mag fragen, weshalb dies nicht eindeutiger geschah. Dabei hatte Pacelli gleich nach den ersten Ausschreitungen gegen die deutschen Juden, nĂ€mlich am 4. April 1933, beim neuen Nuntius in Berlin, Cesare Orsenigo, und dem MĂŒnchener Kardinalerzbischof Faulhaber angefragt, ob eine Intervention „gegen die Gefahr antisemitischer Exzesse in Deutschland“ erfolgreich sein könnte. Beide, Orsenigo und Faulhaber, rieten dringend davon ab. Faulhaber: FĂŒr die Juden einzutreten sei „zur Zeit nicht möglich, weil der Kampf gegen die Juden (dann) zugleich ein Kampf gegen die Katholiken werden wĂŒrde.“

So wurde aus RĂŒcksicht auf die Kirche in Deutschland auf offene Proteste gegen die Diskriminierung der Juden im Vorkriegsdeutschland verzichtet, wĂ€hrend der Rassismus offen in Enzykliken, Anweisungen an katholische Hochschulen und Veröffentlichungen im Osservatore Romano bekĂ€mpft wurde. Auf die Kristallnacht reagierte Pacelli jedoch auf seine Weise: Er bemĂŒhte sich noch im selben Monat, ĂŒber die Nuntiaturen in der katholischen Welt, ĂŒber 200.000 Visa fĂŒr die deutschen Juden zu beschaffen. Die umfangreiche Korrespondenz mit den leider wenig zufriedenstellenden Ergebnissen – gerade einmal Brasilien und die Dominikanische Republik reagierten mit 3000 bzw. 800 Visa- fĂŒllt im Vatikanarchiv einen ganzen Ordner. Und so war es auch wĂ€hrend seines Pontifikats die Regel: Pius XII. half, wo er nur helfen konnte, um die verfolgten Juden zu retten. Aber er wagte es nicht, den Holocaust offen anzuprangern, denn er fĂŒrchtete die Vergeltungsmaßnahmen der Nazis, sowohl gegen die Juden selbst wie gegen Konvertiten und schließlich die katholische Kirche.

Mehr das himmelschreiende Unrecht des Nazi-Rassismus anzuprangern als dies in der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ geschah, die immerhin noch in Deutschland verlesen werden konnte, hĂ€tte keine andere pĂ€pstliche Botschaft vermocht. Im Krieg hĂ€tte die Nazi-Zensur eine Verbreitung in Deutschland ohnehin zu verhindern versucht und jeden, der sie trotzdem verteilte oder verlas, wegen „Wehrkraftzersetzung“ vor den Volksgerichtshof stellen können. Schon auf die Pius XI-Enzyklika hatten die Nazis mit einem heftigen Propagandaschlag gegen die Kirche reagiert. Der Papst hĂ€tte die braune Bestie nur gereizt, ohne ihr Herr werden zu können.

Stattdessen kollaborierte Pius XII. seit Herbst 1939 mit dem deutschen Widerstand, der ihm ebenfalls –nach dem Zeugnis Joseph MĂŒllers- dringend von einer öffentlichen Verurteilung der Judenverfolgung abriet. Er widersprach amerikanischen Katholiken, die es fĂŒr problematisch hielten, gemeinsam mit Stalin gegen Hitler zu kĂ€mpfen. Und es gelang ihm, durch direkte diplomatische Interventionen in Hitlers Vasallenstaaten Vichy-Frankreich, der Slowakei, Ungarn und RumĂ€nien die Deportation der Juden entweder aufzuschieben oder ganz zu verhindern, bis dort die Nazis die Kontrolle ĂŒbernahmen. In RumĂ€nien etwa wurden die Juden nie an Nazideutschland ausgeliefert, sondern nach Transnistrien im Osten des Landes deportiert, wohin der Vatikan HilfsgĂŒter schicken ließ; sogar sein privates Erbe als Pacelli, ca. 1,2 Millionen Lei, ließ Pius XII. nach Transnistrien schicken, um die dortigen Juden zu unterstĂŒtzen (wie Dokumente aus dem rumĂ€nischen Staatsarchiv belegen).

All das ignoriert BĂŒrger, um scheinheilig zu fragen, welch „schlimmeres Übel“ denn Pius XII. durch sein Martyrium des Schweigens verhindern wollte, wo doch sechs Millionen Juden umgebracht wurden. Die Antwort ist so einfach wie erschĂŒtternd: Ohne ihn, ohne seine Interventionen, hĂ€tte der Holocaust sieben Millionen Opfer gefordert! Wie ĂŒberzeugt Pius XII. von der Richtigkeit seiner Politik der stillen Hilfe war, zeigt schon, dass er sich genau so auch angesichts der deutschen Verbrechen im katholischen Polen verhielt. Und als er einmal doch, gedrĂ€ngt von Exilpolen, einen Hirtenbrief verfasste und nach Krakau schmuggeln ließ, verbrannte Erzbischof Sapieha diesen sogleich in seinem Kamin. „Er wĂŒrde als Vorwand fĂŒr weitere Verfolgungen dienen und es gab bereits genug Opfer“, schrieb er als Antwort an den Papst. So stellte auch Robert Kempner, der Vertreter der USA beim NĂŒrnberger Prozess, selbst Jude, fest: „Jeder Propagandaversuch der katholischen Kirche gegen Hitlers Reich wĂ€re nicht nur provozierter Selbstmord gewesen, sondern hĂ€tte die Ermordung einer großen Zahl von Juden und Priestern ausgelöst“. Und Gerhart Riegner, GeneralsekretĂ€r des JĂŒdischen Weltkongresses, ergĂ€nzte: eine Mahnrede des Papstes hĂ€tte „sogar das Tempo des Mordens beschleunigt“. Offenbar  ist BĂŒrger denkbar schlecht informiert oder kennt nur KĂŒhlwein, wenn er behauptet, es sei „frei erfunden“, dass ein Eingriff Pius XII. den Stopp der Deportation der römischen Juden bewirkte.

Tatsache ist, das entnehmen wir einem Fernschreiben des Außenamtes in Berlin an die deutsche Botschaft in Rom vom 9.10.1943, dass „aufgrund eines FĂŒhrerbefehls die 8000 in Rom lebenden Juden“ deportiert werden sollten. Die GrĂ¶ĂŸe der jĂŒdischen Gemeinde war zuvor festgestellt worden, als der SS-Kommandant von Rom, Herbert Kappler, die Karteien der römischen Synagoge beschlagnahmte. Darin waren, natĂŒrlich, FlĂŒchtlinge aus anderen Regionen nicht enthalten. Dass am Ende gerade einmal 1007 Juden deportiert wurden, trotz dieses eindeutigen Befehls, muss einen Grund gehabt haben. Die SS war nun mal nicht fĂŒr ihre NachlĂ€ssigkeit bekannt  und zu behaupten, man habe einfach aufgegeben, als man nach wenigen Stunden nicht mehr als diese 12,5 % finden konnte, zeugt von nicht geringer NaivitĂ€t.

Wie kam es also, dass die SS-Aktion an jenem 16. Oktober 1943 nach nur einem halben Tag, nĂ€mlich bereits um 14.00 Uhr – wie selbst KĂŒhlwein zugibt – abgeblasen wurde? Auch hier sind wir nicht auf Mutmaßungen angewiesen, sondern haben glaubwĂŒrdige Zeugenaussagen vorliegen. Schon im November 2000 erklĂ€rte Leutnant Nikolaus Kunkel, der damals als junger Ordonnanzoffizier bei dem Stadtkommandanten von Rom, Generalmajor Rainer Stahel, diente, in einem Interview mit der KNA, dass der Kommandant sehr wohl reagierte, als er von Pater Pfeiffer den Brief ĂŒberreicht bekam, den ihm der österreichische Bischof Alois Hudal im Auftrag des Papstes geschrieben hatte. Laut Kunkel versuchte Stahel zunĂ€chst, ĂŒber den deutschen Vatikanbotschafter Ernst von WeizsĂ€cker etwas zu erreichen, der gerade erst in den Vatikan zitiert worden war. Dort hatte ihm KardinalstaatssekretĂ€r Maglione einen pĂ€pstlichen Protest angedroht, sollten die Verhaftungen nicht unverzĂŒglich eingestellt werden. WeizsĂ€cker erwiderte, ein Protest könne unabsehbare Folgen fĂŒr den Vatikan haben. Er wusste, dass Hitler lĂ€ngst den Befehl erteilt hatte, im Fall eines solchen Protestes den Vatikan zu stĂŒrmen und den Papst nach Deutschland zu verschleppen, ein Befehl, ĂŒber den auch Pius XII. im Bilde war. WeizsĂ€cker telegrafierte zwar den Hudal-Brief nach Berlin, teilte aber mit, dass er in dieser Angelegenheit nicht helfen könne.

Als er Generalmajor Stahel davon berichtete, wurde Lt. Kunkel gerade noch Zeuge, wie der Stadtkommandant von seinem Vorzimmer eine Direktverbindung zu Heinrich Himmler verlangte. Der Inhalt des GesprÀches blieb lange ein Geheimnis, sicher war nur, dass er Stahels Karriere schadete. Nur zwei Wochen spÀter wurde der Stadtkommandant trotz gesundheitlicher Probleme mit sofortiger Wirkung an die Ostfront versetzt. Bei der Verteidigung Warschaus geriet er in russische Gefangenschaft, wo er Anfang der 1950er Jahres in einem Kriegsgefangenenlager verstarb.
Erst im Rahmen des Seligsprechungsprozesses fĂŒr Pius XII. gelang es dem Relator (Untersuchungsrichter) Pater P. Gumpel, SJ, einen weiteren Augenzeugen, Generalmajor Dietrich Beelitz, zu vernehmen.  Beelitz, damals Oberst im Generalstab von Generalfeldmarschall Albert Kesselring, dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht in Italien, war Zeuge, als sich Stahel nach Erhalt seines Versetzungsbefehls verabschiedete. Auf die GrĂŒnde dafĂŒr angesprochen, erklĂ€rte der Ex-Stadtkommandant von Rom ihm: „Das war eine Rachemaßnahme von Heinrich Himmler“. „In scharfen Worten“, so Stahel, habe er Himmler auf die Gefahren hingewiesen, die durch die Deportation der Juden drohte: ein Protest des Papstes könne die Bevölkerung vollends gegen die deutschen Besatzer aufbringen, die Versorgung der Truppen an der SĂŒdfront gefĂ€hrden. Als Himmler erfuhr, dass eine Intervention des Papstes der wahre Anlass fĂŒr diese Intervention war, habe er Stahels Strafversetzung bewirkt.

WĂ€hrend der offizielle diplomatische Protest des Vatikans bei Botschafter von WeizsĂ€cker also erfolglos geblieben war, hatte Pius XII. durch sein Gesuch an Generalmajor Stahel die „Judenaktion“ der SS erfolgreich stoppen können. 7000 der 8000 römischen Juden, deren Deportation angeordnet worden war, wurden dadurch verschont. FĂŒr sie ließ der Papst jetzt die römischen Klöster, Institute, Seminare und sogar den Vatikan öffnen, um sie auch zukĂŒnftig den HĂ€nden der SS-SchĂ€rgen zu entziehen. Immerhin hatte Generalmajor Stahel noch vor seiner Versetzung auf Bitten des Papstes an allen römischen Klöstern Plakate anbringen lassen, die diese zu extraterritorialem Staatsgebiet des Vatikans erklĂ€rten; deutschen Soldaten und SS-MĂ€nnern war es damit offiziell untersagt, hier einzudringen.

Nichts ist also weiter von der historischen Wahrheit entfernt als BĂŒrgers Behauptung, die römische Prinzessin Enza Aragona habe Pius XII. am Morgen des „Blutschabbats“ „ganz vergeblich um Intervention angesichts der angelaufenen Judendeportation gebeten“.  TatsĂ€chlich hat der Papst unmittelbar reagiert; noch im Beisein der Prinzessin ließ er von WeizsĂ€cker in den Vatikan zitieren um daraufhin, als dieser ablehnte, etwas zu unternehmen, Pater Pfeifer und seinen Neffen Carlo Pacelli erst zu Bischof Hudal und dann, mit dessen Brief, zu General Stahel zu schicken, mit dem Erfolg, dass die Aktion innerhalb von Stunden gestoppt wurde.

Tragisch war nur, dass der Abtransport der 1007 nicht verhindert werden konnte. Allerdings versicherten die Deutschen dem Vatikan, sie wĂŒrden nur als Geiseln nach Mauthausen, ein Arbeitslager bei Linz, gebracht; noch im November bemĂŒhte sich der Papst, ihnen HilfsgĂŒter zukommen zu lassen. Doch fĂŒr sie kam jede Hilfe zu spĂ€t. Aus Wut ĂŒber den Abbruch der Aktion hatte Adolf Eichmann den Zug nach Auschwitz umgeleitet.  Das kam beim Eichmann-Prozess in Jerusalem zur Sprache, als es in der Anklageschrift ausdrĂŒcklich hieß: „Als der Papst persönlich zugunsten der Juden Roms intervenierte … und Eichmann gebeten wurde, sie in italienische Arbeitslager zu bringen, statt sie zu deportieren, wurde diese Bitte abgeschlagen – die Juden wurden nach Auschwitz geschickt.“

Es zeugt von einiger kirchenpolitischer NaivitĂ€t, wenn ein Prof. Wolf die Aussetzung des Seligsprechungsprozesses Pius XII. fordert, bis „wir“ alle Quellen kennen. Denn natĂŒrlich hat die Untersuchungskommission der Kongregation fĂŒr die Selig- und Heiligsprechungen des Vatikans vollen Zugang zum Vatikanarchiv. Trotz ihrer einstimmigen Entscheidung fĂŒr die Seligsprechung ließ der Papst den – bislang bloß noch nicht vollstĂ€ndig katalogisierten – Aktenbestand im Geheimarchiv noch einmal von unabhĂ€ngigen Historikern ĂŒberprĂŒfen; erst als auch sie nichts Belastendes finden konnten, promulgierte er den „heroischen Tugendgrad“ Pius XII. Abgesehen davon wurden alle relevanten Dokumente aus der Kriegszeit zwischen 1965 und 1981 in zwölf BĂ€nden von insgesamt ca. 5300 Seiten vom Vatikan veröffentlicht und sind seitdem Historikern zugĂ€nglich; seit 2010 sind sie auch auf dem Internet einsehbar, etwa auf der ptwf.org-website.

Kein Papst hat so oft Synagogen besucht und seinen Wunsch nach Aussöhnung mit dem Judentum bekundet wie Benedikt XVI. Daher ist es geradezu infam und unwahr, wenn BĂŒrger  „angestiegene antijudaistische und antisemitische Umtriebe um Katholizismus der Ratzinger-Ära“ unterstellt. Wir können dem Himmel dankbar fĂŒr diesen großen Papst sein und ebenso fĂŒr Pius XII., der gezeigt hat, dass Handeln oft mehr wert ist als Reden, dass Schweigen Gold sein kann, wenn es Leben rettet. Wer diese Kirche liebt, bemĂŒht sich um ein gerechtes Urteil und um eine Beseitigung von MissverstĂ€ndnissen und LĂŒgen, die Katholiken und Juden erneut zu entzweien drohen, statt die LĂŒgen ihrer Gegner nachzuplappern.

Hier zum Artikel von Peter BĂŒrger.

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