Papst über Strafrecht: „Gerechtigkeit, nicht Rache“

Rehabilitierung und völlige Wiedereingliederung von Tätern.
Erstellt von Radio Vatikan am 8. Juni 2014 um 09:39 Uhr

Vatikan (kathnews). Auch die Kirche hat ein Wort mitzureden, wenn sich Experten mit dem Strafrecht beschäftigen: Das schreibt Papst Franziskus in einer Botschaft an zwei Kongresse über internationales Strafrecht, die in den nächsten Monaten im brasilianischen Rio bzw. in der Hauptstadt von Honduras, Tegucigalpa, stattfinden. Christen hätten jahrtausendealte Erfahrung mit dem „Kampf gegen die Schwäche des menschlichen Herzens“. Dabei hätten sich drei Elemente als wichtig herausgestellt: Das Wiedergutmachen des angerichteten Schadens, das Schuldbekenntnis und die Reue.

Was das Wiedergutmachen des Schadens betrifft, „hat der Herr sein Volk gelehrt, dass es notwendigerweise eine Asymmetrie zwischen dem Delikt und der Strafe gibt“, so der Papst: „Ein verlorenes Auge, ein verlorener Zahn wird nicht dadurch gerächt, dass man ein Auge bzw. einen Zahn ausreißt.“ Es gehe darum, „dem Opfer Gerechtigkeit widerfahren zu lassen“, aber nicht darum, „dem Aggressor Schaden zuzufügen“. Stattdessen sei der gute Samaritaner aus dem Gleichnis Jesu „ein biblisches Modell für Wiedergutmachung“: Er verfolge nicht den Schuldigen, sondern kümmere sich um den Verletzten und dessen Bedürfnisse. Wörtlich fährt Franziskus fort: „In unseren Gesellschaften tendieren wir zu dem Gedanken, dass Delikte gelöst werden, indem der Delinquent gefasst und verurteilt wird. Dabei übersehen wir oft die angerichteten Schäden oder sehen nicht genau genug auf die Lage der Opfer. Es wäre aber ein Irrtum, Wiedergutmachung nur mit der Strafe zu identifizieren. Dann verwechseln wir Gerechtigkeit mit Rache, was nur zu mehr Gewalt, wenn auch institutionalisierter, führt.“ Die Erfahrung lehre, „dass härtere Strafen oft nicht die sozialen Probleme lösen noch die Kriminalitätsrate senken“. Oft führten sie sogar zu „schwerwiegenden Problemen für die Gesellschaften“; der Papst nennt als Beispiele „überfüllte Gefängnisse“.

Mit deutlichen Worten erinnert Franziskus an die Verantwortung der Medien: Sie dürften „nicht dazu beitragen, Alarm oder soziale Panik auszulösen, wenn sie über Verbrechen berichten“. Hier gehe es „um Leben und Würde von Menschen“, nicht um „Werbung“, „Vorverurteilungen“ oder das Vorführen der Opfer „aus Sensationsgründen“. Der Papst führt weiter aus, dass Strafe für den Täter immer mit Maßnahmen „zur Korrektur, Besserung und Erziehung“ einhergehen müsse. Letzte Wurzeln der Verbrechen seien häufig „wirtschaftliche und soziale Ungleichheit“ oder „Korruptionsnetze und organisiertes Verbrechen“. Dagegen reichten „gerechte Gesetze“ nicht; entscheidend seien „Menschen, die fähig sind, diese Gesetze in die Praxis umzusetzen“. Franziskus wörtlich: „Eine Gesellschaft, die sich nur nach Marktregeln richtet und falsche Erwartungen und überflüssige Bedürfnisse weckt, schließt die aus, die nicht auf der Höhe sind, und hindert die Langsamen, Schwachen oder weniger Begabten daran, sich einen Weg ins Leben zu öffnen.“ Zum Thema Reue schreibt der Papst, dabei gehe es nicht nur um die „private Bekehrung eines Einzelnen“, sondern letztlich um die „Rehabilitierung und völlige Wiedereingliederung“ eines Täters „in die Gemeinschaft“. Reue dürfe „nicht auf die private Sphäre beschränkt“ bleiben, sondern brauche „auch eine politische und institutionelle Dimension“, das verhelfe einer Gesellschaft zu einem besseren Zusammenleben.

Foto: Petersdom – Bildquelle: Kathnews