Papst Benedikt XVI. und die tridentinische Messe – Zitate aus seiner Zeit als Joseph Kardinal Ratzinger

Ein Kommentar von Chefredakteur Andreas Gehrmann.
Erstellt von Andreas Gehrmann am 15. Juli 2013 um 22:24 Uhr
Papst Benedikt XVI.

Papst Benedikt XVI. regelte am 7. Juli 2007 mit dem Motu proprio „Summorum Pontificum“ die Bestimmungen für den Gebrauch des Messbuchs von 1962 neu. Die heilige Messe im Usus antiquior wurde als „außerordentliche Form des Römischen Ritus” festgelegt, der aus der Liturgiereform 1969/1970 hervorgegangene Novus Ordo hingegen als „ordentliche Form des Römischen Ritus”. (Kathnews berichtete). Bereits als Kardinal stand S.H. Benedikt XVI. der überlieferten Liturgie in besonderer Weise offen gegenüber. Lesen Sie hier einige Zitate des Kardinals Joseph Ratzinger zur klassisch Römischen Liturgie und deren weitere Entwicklung.

„Jedes Jahrhundert hatte seine Spuren eingetragen“

Wie der junge Joseph Ratzinger mittels des Schottmessbuches „langsam in die geheimnisvolle Welt der Liturgie“ eindrang: „Immer klarer wurde mir, dass ich da einer Wirklichkeit begegnete, die nicht irgendjemand erdacht hatte, die weder eine Behörde noch ein großer einzelner geschaffen hatte. Dieses geheimnisvolle Gewebe von Text und Handlungen war in Jahrhunderten aus dem Glauben der Kirche gewachsen. Es trug die Fracht der ganzen Geschichte in sich und war doch zugleich viel mehr als Produkt menschlicher Geschichte. Jedes Jahrhundert hatte seine Spuren eingetragen: Die Einführungen ließen uns erkennen, was aus der frühen Kirche, was aus dem Mittelalter, was aus der Neuzeit stammte.“ … „Ein Missale Pius V., das von ihm geschaffen worden wäre, gibt es nicht. Es gibt nur die Überarbeitung durch Pius V. als Phase in einer langen Wachstumsgeschichte.“

Joseph Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben, DVA 1997, S. 23 u. 172

„Das platte Produkt des Augenblicks“

„An die Stelle der gewordenen Liturgie hat man die gemachte Liturgie gesetzt. Man wollte nicht mehr das organische Werden und Reifen des durch die Jahrhunderte hin Lebendigen fortführen, sondern setzte an dessen Stelle – nach dem Muster technischer Produktion – das Machen, das platte Produkt des Augenblicks.“

Joseph Kardinal Ratzinger, Gedenkschrift für den verstorbenen Liturgiewissenschaftler Msgr. DDr. Klaus Gamber „Simandron – der Wachklopfer”, W. Nyssen, Köln 1989, S. 14 f.

„Man brach das alte Gebäude ab und baute ein anderes“

„Ich war bestürzt über das Verbot des alten Missale, denn etwas Derartiges hat es in der ganzen Liturgiegeschichte nie gegeben… Das nunmehr erlassene Verbot des Missale, das alle Jahrhunderte hindurch seit den Sakramentaren der alten Kirche kontinuierlich gewachsen war, hat einen Bruch in die Liturgiegeschichte getragen, dessen Folgen nur tragisch sein konnten… Man brach das alte Gebäude ab und baute ein anderes,….“

Joseph Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben, DVA 1997, S. 173

„In keiner Weise ein Bruch mit dem überlieferten Römischen Ritus beabsichtigt“

„Die Reform der Liturgie aus dem Geist der liturgischen Bewegung bildete für die Mehrheit der Konzilsväter keine Priorität, für sehr viele überhaupt kein Thema. So hat zum Beispiel Kardinal Montini, der als Papst Paul VI. zum eigentlichen Konzilspapst wurde, bei seinem Themenaufriss nach Beginn des Konzils ganz klar gesagt, dass er hier keine wesentliche Aufgabe für das Konzil finden könne.“ Vor allem Deutschland und Frankreich setzten es jedoch durch, dass in der Vorbereitungsphase ein Schema über die heilige Liturgie erarbeitet wurde. Mit dem vom Konzil verabschiedeten Schema wurde jedoch in keiner Weise ein Bruch mit dem überlieferten Römischen Ritus beabsichtigt: „Keinem der Väter wäre eingefallen, in diesem Text eine „Revolution“ zu erblicken, die das „Ende des Mittelalters“ bedeuten würde, wie ihn inzwischen Theologen glauben interpretieren zu sollen. Man sah dies als eine Fortführung der von Pius X. eingeleiteten und Pius XII. behutsam, aber zielstrebig vorangetriebenen Reformen an. Die Generalklauseln wie „die liturgischen Bücher sollen baldigst revidiert werden“ (Nr. 25) wurden in diesem Sinn verstanden: als kontinuierliche Fortführung jener Entwicklungen, die es immer gegeben hatte und die seit den Päpsten Pius X. und Pius XII. ein von der Wiederentdeckung der klassischen römischen Traditionen bestimmtes Profil erhalten hatten. … Es ist in diesem Zusammenhang nicht überraschend, dass die neugestaltete „Mustermesse“, die an die Stelle des bisherigen Ordo missae treten sollte und trat, von der Mehrheit der dafür zu einer Sondersynode zusammengerufenen Väter 1967 abgelehnt worden ist.“

Joseph Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben, DVA 1997, S. 103 f.

„Zustimmung der Väter hätten sie sicher nicht gefunden“

„Dass manche (oder viele?) Liturgiker, die als Berater wirkten, von vornherein weitergehende Absichten hatten, kann man inzwischen manchen Veröffentlichungen entnehmen; eine Zustimmung der Väter hätten sie zu solchen Wünschen sicher nicht gefunden. Im Text des Konzils waren sie auch in keiner Weise ausgedrückt, obwohl man sie nachträglich in manche Generalklauseln hineinlesen kann.“

Joseph Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben, DVA 1997, S. 106

„Die Wahrheit ist, dass das Konzil selbst kein Dogma definiert hat“

„Das Zweite Vatikanische Konzil behandelt man nicht als Teil der lebendigen Tradition der Kirche, sondern direkt als Ende der Tradition und so, als fange man ganz bei Null an. Die Wahrheit ist, dass das Konzil selbst kein Dogma definiert hat und sich bewusst in einem niedrigeren Rang als reines Pastoralkonzil ausdrücken wollte; trotzdem interpretieren es viele, als wäre es fast das Superdogma, das allen anderen die Bedeutung nimmt. Dieser Eindruck wird besonders durch Ereignisse des täglichen Lebens verstärkt. Was früher als das Heiligste galt – die überlieferte Form der Liturgie – scheint plötzlich als das Verbotenste und das Einzige, was man mit Sicherheit ablehnen muss… Das führt bei vielen Menschen dazu, dass sie sich fragen, ob die Kirche von heute wirklich noch die gleiche ist wie gestern, oder ob man sie nicht ohne Warnung gegen eine andere ausgetauscht hat.“

Joseph Kardinal Ratzinger, Rede vor den Bischöfen von Chile vom 13.7.1988, Der Fels 12/88, S. 343

„Die Selbstzerstörung der Liturgie“

„Dass die negativen Seiten der Liturgischen Bewegung hernach verstärkt wiederkehren und geradezu auf die Selbstzerstörung der Liturgie hindrängen würden, habe ich nicht vorauszusehen vermocht.“ … „Ich bin überzeugt, dass die Kirchenkrise, die wir heute erleben, weitgehend auf dem Zerfall der Liturgie beruht, die mitunter sogar so konzipiert wird, ‘etsi Deus non daretur’.“ [Anm.: 'etsi Deus non daretur' - zu deutsch: 'als ob Gott (in der hl. Kommunion) nicht gegeben würde']

Joseph Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben, DVA 1997, S. 64 u. 174

„Ächtung der bis 1970 gültigen Form von Liturgie muss aufhören“

„…die Ächtung der bis 1970 gültigen Form von Liturgie muss aufhören. Wer sich heute für den Fortbestand dieser Liturgie einsetzt oder an ihr teilnimmt, wird wie ein Aussätziger behandelt; hier endet jede Toleranz… Derlei hat es in der ganzen Geschichte nicht gegeben, man ächtet damit ja auch die ganze Vergangenheit der Kirche. Wie sollte man ihrer Gegenwart trauen, wenn es so ist? Ich verstehe, offen gestanden, auch nicht, warum so viele meiner bischöflichen Mitbrüder sich weitgehend diesem Intoleranzgebot unterwerfen, das den nötigen inneren Versöhnungen in der Kirche ohne einsichtigen Grund entgegensteht.“

Joseph Kardinal Ratzinger, Gott und die Welt – Glauben und Leben in unserer Zeit, Ein Gespräch mit Peter Seewald, 2. Aufl., München 2000, S. 357

„Vollmacht ist an die Überlieferung des Glaubens gebunden“

„Nach dem II. Vatikanum entstand der Eindruck, der Papst könne eigentlich alles in Sachen Liturgie, vor allem, wenn er im Auftrag eines ökumenischen Konzils handle…. Tatsächlich aber hat das I. Vatikanum den Papst keineswegs als absoluten Monarchen definiert, sondern ganz im Gegenteil als Garanten des Gehorsams gegenüber dem ergangenen Wort: Seine Vollmacht ist an die Überlieferung des Glaubens gebunden – das gilt gerade auch im Bereich der Liturgie. Sie wird nicht von ŒBehörden gemacht`. Auch der Papst kann nur demütiger Diener ihrer rechten Entwicklung und ihrer bleibenden Integrität und Identität sein.“

Der Geist der Liturgie, Freiburg i. Breisgau 2000, S. 142 f.

„Überhaupt nicht einzusehen, was gefährlich oder unannehmbar sein sollte“

„Es ist überhaupt nicht einzusehen, was (am alten Ritus) gefährlich oder unannehmbar sein sollte. Eine Gemeinschaft, die das, was ihr bisher das Heiligste und Höchste war, plötzlich als strikt verboten erklärt und das Verlangen danach geradezu als unanständig erscheinen lässt, stellt sich selbst in Frage. Denn was soll man ihr eigentlich noch glauben? Wird sie nicht morgen wieder verbieten, was sie heute vorschreibt?“

Joseph Kardinal Ratzinger, Salz der Erde, Heyne, 2001, S. 188

Foto: Papst Benedikt XVI. – Bildquelle: Fabio Pozzebom/ABr