Nostra aetate. Artikel 4: Kirche und Judentum

Erkl√§rung des Zweiten Vatikanischen Konzils √ľber die nichtchristlichen Religionen.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 25. Januar 2013 um 23:12 Uhr
Vaticanum II, Konzilsväter

Einleitung von Gero P. Weishaupt:

Verwurzelung der Kirche im Judentum

Artikel 4 von Nostra aetate, der Erkl√§rung des Zweiten Vatikanischen Konzils als Ausdruck und Organ des h√∂chsten authentischen Lehramtes der Kirche, ist den Juden gewidmet. Sie stehen von allen Religionen dem Christentum am n√§chsten. Es geht dann auch den Konzilsv√§tern darum, die Verwandtschaft der Christen mit den S√∂hnen Abrahams im Lichte des R√∂merbriefes des Apostels Paulus (R√∂m 9-11) hervorzuheben: Die Kirche hat vom j√ľdischen Volk die Offenbarung des Alten Bundes erfahren; Christus ist dem Fleisch nach aus dem j√ľdischen Volk geboren; die Jungfrau Maria, seine Mutter, Joseph, sein Adoptivvater, die Apostel, die das Fundament der Kirche bilden, und die J√ľnger Jesu geh√∂rten zum j√ľdischen Volk. Die Verwurzelung der Kirche im Judentum dr√ľcken die Konzilsv√§ter mit dem paulinischen Bild aus, dass die Kirche „gen√§hrt wird von der Wurzel des guten √Ėlbaums“ (R√∂m 11, 17-24).

Keine Kollektivschuld

Auch wenn die Juden Jesus Christus nicht als Messias erkannt haben, so bleibt Gott den Juden treu, und die Kirche erwartet jenen Tag, an dem die S√∂hne und T√∂chter des Alten und des Neuen Bundes ein Volk sein werden. Darum k√∂nnen die Juden keineswegs als von Gott verworfen oder verflucht angesehen werden. Eine Kollektivschuld der Juden am Kreuzestod Jesu lehnt die Kirche strikt ab: Dem Volk der Juden damals wie heute kann der Tod Jesu nicht zugeschrieben werden. „Obgleich die j√ľdischen Obrigkeiten mit ihren Anh√§ngern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen.“

Nostra aetate, Artikel 4

„Bei ihrer Besinnung auf das Geheimnis der Kirche gedenkt die Heilige Synode des Bandes, wodurch das Volk des Neuen Bundes mit dem Stamme Abrahams geistlich verbunden ist. So anerkennt die Kirche Christi, da√ü nach dem Heilsgeheimnis Gottes die Anf√§nge ihres Glaubens und ihrer Erw√§hlung sich schon bei den Patriarchen, bei Moses und den Propheten finden. Sie bekennt, da√ü alle Christgl√§ubigen als S√∂hne Abrahams dem Glauben nach in der Berufung dieses Patriarchen eingeschlossen sind und da√ü in dem Auszug des erw√§hlten Volkes aus dem Lande der Knechtschaft das Heil der Kirche geheimnisvoll vorgebildet ist. Deshalb kann die Kirche auch nicht vergessen, da√ü sie durch jenes Volk, mit dem Gott aus unsagbarem Erbarmen den Alten Bund geschlossen hat, die Offenbarung des Alten Testamentes empfing und gen√§hrt wird von der Wurzel des guten √Ėlbaums, in den die Heiden als wilde Sch√∂√ülinge eingepfropft sind. Denn die Kirche glaubt, da√ü Christus, unser Friede, Juden und Heiden durch das Kreuz vers√∂hnt und beide in sich vereinigt hat. Die Kirche hat auch stets die Worte des Apostels Paulus vor Augen, der von seinen Stammverwandten sagt, da√ü „ihnen die Annahme an Sohnes Statt und die Herrlichkeit, der Bund und das Gesetz, der Gottesdienst und die Verhei√üungen geh√∂ren wie auch die V√§ter und da√ü aus ihnen Christus dem Fleische nach stammt“ (R√∂m 9,4-5), der Sohn der Jungfrau Maria. Auch h√§lt sie sich gegenw√§rtig, da√ü aus dem j√ľdischen Volk die Apostel stammen, die Grundfesten und S√§ulen der Kirche, sowie die meisten jener ersten J√ľnger, die das Evangelium Christi der Welt verk√ľndet haben.

Wie die Schrift bezeugt, hat Jerusalem die Zeit seiner Heimsuchung nicht erkannt, und ein gro√üer Teil der Juden hat das Evangelium nicht angenommen, ja nicht wenige haben sich seiner Ausbreitung widersetzt. Nichtsdestoweniger sind die Juden nach dem Zeugnis der Apostel immer noch von Gott geliebt um der V√§ter willen; sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich. Mit den Propheten und mit demselben Apostel erwartet die Kirche den Tag, der nur Gott bekannt ist, an dem alle V√∂lker mit einer Stimme den Herrn anrufen und ihm „Schulter an Schulter dienen“ (Soph 3,9) (12). Da also das Christen und Juden gemeinsame geistliche Erbe so reich ist, will die Heilige Synode die gegenseitige Kenntnis und Achtung f√∂rdern, die vor allem die Frucht biblischer und theologischer Studien sowie des br√ľderlichen Gespr√§ches ist. Obgleich die j√ľdischen Obrigkeiten mit ihren Anh√§ngern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen.

Gewi√ü ist die Kirche das neue Volk Gottes, trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als w√§re dies aus der Heiligen Schrift zu folgern. Darum sollen alle daf√ľr Sorge tragen, da√ü niemand in der Katechese oder bei der Predigt des Gotteswortes etwas lehre, das mit der evangelischen Wahrheit und dem Geiste Christi nicht im Einklang steht. Im Bewu√ütsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gr√ľnden, sondern auf Antrieb der religi√∂sen Liebe des Evangeliums alle Ha√üausbr√ľche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben. Auch hat ja Christus, wie die Kirche immer gelehrt hat und lehrt, in Freiheit, um der S√ľnden aller Menschen willen, sein Leiden und seinen Tod aus unendlicher Liebe auf sich genommen, damit alle das Heil erlangen. So ist es die Aufgabe der Predigt der Kirche, das Kreuz Christi als Zeichen der universalen Liebe Gottes und als Quelle aller Gnaden zu verk√ľnden.“

Foto: Vaticanum II, Konzilsväter РBildquelle: Lothar Wolleh / Wikipedia