Nostra aetate. Artikel 2: Ein Lichtstrahl der göttlichen Wahrheit

Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über die nichtchristlichen Religionen.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 12. Januar 2013 um 12:48 Uhr
Vaticanum II, Konzilsväter

Einführung von Gero P. Weishaupt.  Nostra aetate ist die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über das Verhältnis der Katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen. Redaktionsgeschichtlich anfangs als eine Erklärung ausschließlich über die Juden und als eine ergänzende Erklärung zum Ökumenismusdekret Unitatis redintegratio konzipiert, behandelt der Text in einem eigenen Dokument in seiner Endfassung auch andere nichtchristliche Religionen, wenngleich das Herzstück der Artikel 4 über die Juden ist. Im einleitenden zweiten Artikel der Erklärung wird behutsam eine Gotteserfahrung auch in den anderen Religionen anerkannt, ohne dass die Kirche ihr eigenes von Christus, der von sich gesagt hat, dass er „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ ist (Joh 14, 6), herkommende Selbstverständnis als die einzig wahre Religion preisgibt. Weil aber in den anderen Religionen ein Lichtstrahl der göttlichen Wahrheit aufscheint und Christus das Licht der Völker ist, kann die Kirche mit der Tradition  sagen, dass sie „nichts von alledem“ ablehnt, „das in diesen Religionen wahr und heilig ist“.

Die Katholische Kirche gibt also ihren Anspruch, die wahre Religion zu sein, keineswegs auf. Um falsche Interpretationen in dieser Hinsicht zu vermeiden, ist die Erklärung Nostra aetate immer im Zusammenhang mit den diesbezüglichen einschlägigen Aussagen in der Kirchenkonstitution Lumen gentium (Art. 8, 14 und 16), im Missionsdekret Ad gentes (Art. 7) sowie in der Pastoralkonsitution Gaudium et spes (Art. 22) zu lesen. Zugleich aber liegt der Akzent der Erklärung auf dem Dialog, d. h. auf dem Gespräch, dem Kennenlernen, der Zusammenarbeit mit den Vertretern anderer Religionen. Es gilt deren geistliche, sittliche und kulturelle Güter anzuerkennen und dabei zugleich vom katholischen Glauben Zeugnis zu geben, d. h. von Jesus Christus, in dem allein die „Fülle des religiösen Lebens“ zu finden ist und „in dem Gott alle mit sich versöhnt hat“. Christus allein, wahrer Gott und wahrer Mensch,  ist das „Licht der Völker“.

Nostra aetate. Artikel 2

„Von den ältesten Zeiten bis zu unseren Tagen findet sich bei den verschiedenen Völkern eine gewisse Wahrnehmung jener verborgenen Macht, die dem Lauf der Welt und den Ereignissen des menschlichen Lebens gegenwärtig ist, und nicht selten findet sich auch die Anerkenntnis einer höchsten Gottheit oder sogar eines Vaters. Diese Wahrnehmung und Anerkenntnis durchtränkt ihr Leben mit einem tiefen religiösen Sinn.

Im Zusammenhang mit dem Fortschreiten der Kultur suchen die Religionen mit genaueren Begriffen und in einer mehr durchgebildeten Sprache Antwort auf die gleichen Fragen. So erforschen im Hinduismus die Menschen das göttliche Geheimnis und bringen es in einem unerschöpflichen Reichtum von Mythen und in tiefdringenden philosophischen Versuchen zum Ausdruck und suchen durch aszetische Lebensformen oder tiefe Meditation oder liebend-vertrauende Zuflucht zu Gott Befreiung von der Enge und Beschränktheit unserer Lage. In den verschiedenen Formen des Buddhismus wird das radikale Ungenügen der veränderlichen Welt anerkannt und ein Weg gelehrt, auf dem die Menschen mit frommem und vertrauendem Sinn entweder den Zustand vollkommener Befreiung zu erreichen oder – sei es durch eigene Bemühung, sei es vermittels höherer Hilfe – zur höchsten Erleuchtung zu gelangen vermögen. So sind auch die übrigen in der ganzen Welt verbreiteten Religionen bemüht, der Unruhe des menschlichen Herzens auf verschiedene Weise zu begegnen, indem sie Wege weisen: Lehren und Lebensregeln sowie auch heilige Riten.

Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet. Unablässig aber verkündet sie und muß sie verkündigen Christus, der ist „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6), in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden, in dem Gott alles mit sich versöhnt hat. Deshalb mahnt sie ihre Söhne, daß sie mit KIugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozial-kulturellen Werte, die sich bei ihnen finden, anerkennen, wahren und fördern.“

Foto: Konzilsväter – Bildquelle: Lothar Wolleh / Wikipedia