Neuer Generaloberer der Piusbruderschaft von Kardinal Ladaria zu zweistündigem Gespräch empfangen

Nachricht und Einschätzung von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 23. November 2018 um 21:26 Uhr
Petersdom

Vatikan (kathnews/FSSPX). Der kürzlich als Nachfolger von Weihbischof Bernard Fellay FSSPX zum Generaloberen der Priesterbruderschaft St. Pius‘ X. gewählte italienische Priester Davide Paglariani FSSPX (47) ist am Nachmittag des 22. November 2018 in Rom zu einem zweistündigen Gespräch in den Räumlichkeiten der Glaubenskongregation empfangen worden. Das Treffen fand auf Wunsch der Glaubenskongregation statt und bestand in einer Begegnung zwischen Paglariani und Kardinal Luis Ladaria, neben dem für die Päpstliche Kommission Ecclesia Dei Erzbischof Guido Pozzo anwesend war. Der Generalobere wurde seinerseits von Pater Emmanuel du Charlad FSSPX begleitet, dem jahrzehntelangen Hausoberen der Niederlassung seiner Gemeinschaft in Albano bei Rom, unweit von Castel Gandolfo gelegen. Du Charlad ist seit jeher de facto auf einer mehr informellen und privaten Ebene Mittels- und Kontaktperson zwischen der Bruderschaft und verschiedenen Prälaten und Instanzen der Römischen Kurie.

Dem Vernehmen nach besteht Einigkeit darüber, die Kontakte auf einer theologischen Ebene fortzusetzen, während eine institutionell-kanonistische Lösung der Rechtsform und Integration der Priestergemeinschaft, die vom französischen Erzbischof Marcel Lefèbvre (1905-1991), selbst früherer Generaloberer der Missionare vom Heiligen Geist, 1970 gegründet und vom zuständigen Ortsbischof ursprünglich mit Dekret vom 1. November 1970 ordnungsgemäß errichtet worden war, als nachrangig angesehen wird.

Im Zuge des II. Vatikanischen Konzils (1962-1965) hielt die umgangssprachlich auch Piusbruderschaft genannte Kongregation, der mittlerweile beinahe 700 Priester weltweit angehören, an der Römischen Liturgie fest, wie sie bis zum II. Vaticanum bestand. Sie verbindet dies jedoch auch mit inhaltlichen Vorbehalten gegen Aussagen dieses Konzils, die sie mit der doktrinellen und dogmatischen Tradition sowie der konstanten liturgischen und disziplinären Praxis der Kirche für schwer oder nicht vereinbar hält.

Konflikt im Traditionsbegriff

Eine inhaltliche Übereinkunft oder auch nur ein wechselseitiges Verständnis zu finden, wird mit der Fortdauer der gegenseitigen Entfremdung zunehmend erschwert, vor allem, solange die römische Seite einen Traditionsbegriff voraussetzt, der inhaltlich lebendig und zugleich mit den jeweils momentan aktuellen Äußerungen des Lehramtes positivistisch identisch ist, während die Bruderschaft dazu neigt, die theologische Position, die sie vertritt, für den einzig legitimen Ausdruck einer dogmatisch für die ganze Kirche verbindlichen Tradition anzusehen, die zumindest in großen Teilen dennoch nur eine theologische und auch (kirchen-)politische Strömung repräsentiert, welche etwa von 1870 bis 1950 neben anderen bestand.

Dies lässt sich gut anhand des Modernismus-Begriffes des heiligen Papstes Pius‘ X. veranschaulichen. Es ist bezeichnend, dass diese Erscheinung weder vor noch nach dem Pontifikat dieses Papstes, 1903 bis 1914, systematisch thematisiert oder dem Phänomen mit konsequenten Maßnahmen begegnet wurde.

Die Frage bald erforderlich werdender, erneuter Bischofsweihen

Unter Papst Franziskus könnte sich eine mehr pragmatische Herangehensweise und ein modus vivendi abzeichnen, in dem inhaltliche Differenzen nicht mehr allzu sehr problematisiert werden. Wenn unter Franziskus sogar in China eine Verständigung mit der Patriotischen Vereinigung gefunden werden kann, wird es jedenfalls schwer vermittelbar sein, wenn im Falle neuerlicher Bischofsweihen, die nach 30 Jahren zweifelsohne innerhalb der Piusbruderschaft in absehbarer Zeit praktisch unausweichlich werden, keine Apostolischen Mandate erfolgen oder die Weihen durch den Papst nicht wenigstens stillschweigend geduldet werden und ohne negative Konsequenzen bleiben.

Psychologische und zahlenmäßige Selbst- und Fremdgewichtung

Psychologisch wird es den Traditionalisten wohl immer schwerfallen, hinzunehmen, dass sie e i n e (durchaus diskutable) theologische Position verkörpern, nicht d i e Tradition schlechthin, welche in dieser Pauschalität vielleicht auch bloß ein ahistorisches Konstrukt ist.

Die Gegenüberstellung eines „Ewigen Rom“ und eines „Rom der modernistischen Prägung“, wie sie in der berühmten Grundsatzerklärung Lefèbvres vom 21. November 1976 ausgesprochen ist, mag in eine derartige Richtung weisen, die fast schon eine spiritualistische Konzeption der Kirche und ebenfalls ihrer Tradition anzunehmen scheint. Tradition und Kirche könnten so tatsächlich mit einer – sogar relativ jungen und zugleich kurzen – jedoch einseitig idealisierten, kirchenpolitischen Ausprägung und Tendenz der schon angesprochenen Phase von 1870 bis 1950, enger vielleicht sogar von 1903 bis 1914, gleichgesetzt werden.

Außerdem neigen nahezu alle traditionalistischen Katholiken – keineswegs Piusbrüder allein – dazu, ihre theologische wie auch zahlenmäßige Bedeutung für die Gesamtkirche maßlos zu überschätzen. Trotzdem könnte für sie alle – einschließlich der Priesterbruderschaft St. Pius‘ X. – eine dauerhaft tragfähige Struktur gefunden werden, am besten wohl nach dem Vorbild der mit Rom versöhnten, ehemaligen Anglikaner, die rein zahlenmäßig zweifelsohne von noch weitaus geringerer Relevanz sind.

Foto: Petersdom – Bildquelle: M. Bürger, kathnews