Lumen gentium. Artikel 13

Das Volk Gottes. Einheit und Verschiedenheit.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 16. Mai 2014 um 21:58 Uhr
Vaticanum II, Konzilsväter

Einführung von Gero P. Weishaupt: Zum Wesen der Kirche, des Volkes Gottes, gehört die Katholizität. Die Kirche ist Welt-Kirche, universal. Alle Menschen sind in sie berufen. „Darum muss dieses Volk eines und ein einziges bleiben und sich über die ganze Welt und durch alle Zeiten ausbreiten.“ Die gesamte Menschheit ist berufen, das eine Volk Gottes zu werden.

Diese Einheit schließt allerdings Vielfalt nicht aus. Das ergibt sich aus dem Umstand, dass das eine Gottesvolk „in allen Völkern wohnt“. Dies führt zur Notwendigkeit der Inkulturation. Sie „bedeutet die innere Umwandlung der authentischen kulturellen Werte durch deren Einfügung ins Christentum und die Verwurzelung des Christentums in den verschiedenen Kulturen“ (Johannes Paul II, Redemptionis Missio, Nr. 52). Darum „fördert und übernimmt“ die Kirche, das Volk Gottes, „Anlagen, Fähigkeiten und Sitten der Völker, soweit sie gut sind. Bei dieser Übernahme reinigt, kräftigt und hebt es sie aber auch“. Kriterium für eine authentische Inkulturation sind die Vereinbarkeit der Kultur mit dem Evangelium und die Gemeinschaft mit der universalen Kirche.

Weil die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche, das Volk, Gottes „in allen Völkern wohnt“, besteht sie entsprechend altkirchlicher Überlieferung auch in und aus Teilkirchen (Partikular-bzw. Ortskirchen). In ihnen ist die eine Kirche Christi wirklich anwesend. Eine Teilkirche ist ein Teil des Volkes Gottes unter der Leitung eines Bischofs (Bistum/Diözese) oder eines ihm gleichgestellten Priesters (z.B. territoriale Prälatur oder apostolisches Vikariat).

In der Vielfalt der Teilkirchen kommt es dem Papst zu, die Einheit sicherzustellen. Es ist Aufgabe des Nachfolgers des Apostels Petrus der „gesamten Liebesgemeinschaft“ vorzustehen, „die rechtmäßigen Verschiedenheiten“ zu schützen „und zugleich darüber zu wachen, dass die Besonderheiten der Einheit nicht nur nicht schaden, sondern ihr vielmehr dienen“. Einerseits bedeutet dies eine Aufwertung der Ortskirchen, und damit des Bischofsamtes, andererseits eine Einbindug der Ortskirchen in die Universalkirche. Nur ein Gleichgewicht zwischen beiden behütet die Kirche vor zwei Extremen: Nationalkirche auf der einen und Zentralismus auf der anderen Seite.

Lumen gentium, Artikel 13

Zum neuen Gottesvolk werden alle Menschen gerufen. Darum muß dieses Volk eines und ein einziges bleiben und sich über die ganze Welt und durch alle Zeiten hin ausbreiten. So soll sich das Ziel des Willens Gottes erfüllen, der das Menschengeschlecht am Anfang als eines gegründet und beschlossen hat, seine Kinder aus der Zerstreuung wieder zur Einheit zu versammeln (vgl. Joh 11,52). Dazu sandte nämlich Gott seinen Sohn, den er zum Erben des Alls gemacht hat (vgl. Hebr 1,2), daß er Lehrer, König und Priester aller sei, das Haupt des neuen und allumfassenden Volkes der Söhne Gottes. Dazu sandte Gott schließlich den Geist seines Sohnes, den Herrn und Lebensspender, der für die ganze Kirche und die Gläubigen einzeln und insgesamt der Urgrund der Vereinigung und Einheit in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet ist (vgl. Apg 2,42).

In allen Völkern der Erde wohnt also dieses eine Gottesvolk, da es aus ihnen allen seine Bürger nimmt, Bürger eines Reiches freilich nicht irdischer, sondern himmlischer Natur. Alle über den Erdkreis hin verstreuten Gläubigen stehen mit den übrigen im Heiligen Geiste in Gemeinschaft, und so weiß „der, welcher zu Rom wohnt, daß die Inder seine Glieder sind“. Da aber das Reich Christi nicht von dieser Welt ist (vgl. Joh 18,36), so entzieht die Kirche oder das Gottesvolk mit der Verwirklichung dieses Reiches nichts dem zeitlichen Wohl irgendeines Volkes. Vielmehr fördert und übernimmt es Anlagen, Fähigkeiten und Sitten der Völker, soweit sie gut sind. Bei dieser Übernahme reinigt, kräftigt und hebt es sie aber auch. Sie ist dessen eingedenk, daß sie mit jenem König sammeln muß, dem die Völker zum Erbe gegeben sind (vgl. Ps 2,) und in dessen Stadt sie Gaben und Geschenke herbeibringen (vgl. Ps 71; Jes 60,4-7; Offb 21,24). Diese Eigenschaft der Weltweite, die das Gottesvolk auszeichnet, ist Gabe des Herrn selbst. In ihr strebt die katholische Kirche mit Tatkraft und Stetigkeit danach, die ganze Menschheit mit all ihren Gütern unter dem einen Haupt Christus zusammenzufassen in der Einheit seines Geistes.

Kraft dieser Katholizität bringen die einzelnen Teile ihre eigenen Gaben den übrigen Teilen und der ganzen Kirche hinzu, so daß das Ganze und die einzelnen Teile zunehmen aus allen, die Gemeinschaft miteinander halten und zur Fülle in Einheit zusammenwirken. So kommt es, daß das Gottesvolk nicht nur aus den verschiedenen Völkern sich sammelt, sondern auch in sich selbst aus verschiedenen Ordnungen gebildet wird. Unter seinen Gliedern herrscht eine Verschiedenheit, sei es in den Ämtern, da manche im heiligen Dienst zum Nutzen ihrer Brüder wirken, sei es in Stand und Lebensordnung, da viele im Ordensstand auf einem engeren Weg nach Heiligkeit trachten und die Brüder durch ihr Beispiel anspornen. Darum gibt es auch in der kirchlichen Gemeinschaft zu Recht Teilkirchen, die sich eigener Überlieferungen erfreuen, unbeschadet des Primats des Stuhles Petri, welcher der gesamten Liebesgemeinschaft vorsteht, die rechtmäßigen Verschiedenheiten schützt und zugleich darüber wacht, daß die Besonderheiten der Einheit nicht nur nicht schaden, sondern ihr vielmehr dienen. Daher bestehen schließlich zwischen den verschiedenen Teilen der Kirche die Bande einer innigen Gemeinschaft der geistigen Güter, der apostolischen Arbeiter und der zeitlichen Hilfsmittel. Zu dieser Gütergemeinschaft nämlich sind die Glieder des Gottesvolkes berufen, und auch von den Einzelkirchen gelten die Worte des Apostels: „Dienet einander, jeder mit der Gnadengabe, wie er sie empfangen hat, als gute Verwalter der vielfältigen Gnadengaben Gottes“ (1 Petr 4,10).

Zu dieser katholischen Einheit des Gottesvolkes, die den allumfassenden Frieden bezeichnet und fördert, sind alle Menschen berufen. Auf verschiedene Weise gehören ihr zu oder sind ihr zugeordnet die katholischen Gläubigen, die anderen an Christus Glaubenden und schließlich alle Menschen überhaupt, die durch die Gnade Gottes zum Heile berufen sind.

Foto: Konzilsväter – Bildquelle: Lothar Wolleh / Wikipedia