Kühlweins Fiktionen

Eine Antwort von Michael Hesemann.
Erstellt von Michael Hesemann am 14. Februar 2011 um 22:38 Uhr

Herr Kühlwein fühlt sich zu Unrecht angegriffen, wirft mir „harsche Polemik“ vor, doch er versucht nach wie vor, seine historisch unhaltbaren Konstrukte zu verteidigen, die von der seriösen Pius-Forschung längst widerlegt sind und ihn fachlich-thematisch in die Isolation getrieben haben. Das Pius-Bild, das uns Kühlwein anbietet, ist nämlich eine Fiktion, ja sogar eine Karikatur.

Kühlwein behauptet erneut:

  1. Pius XII. habe „einen faustischen Pakt mit Hitler geschlossen“.
  2. Er habe angesichts der Deportation und Ermordung der römischen Juden „hilflos und schwach agiert“, ja „versagt“.
  3. Er habe „eine Woche nach dem Desaster“ … „in einem Damaskuserlebnis ganz neu auf seinen Herrn gehört“ und sei „umgekehrt“.

Dabei kann sich Kühlwein allerdings auf kein einziges Dokument, auf keine einzige Zeugenaussage, ja nicht auf das geringste Indiz berufen, um dieses haltlose und absurde Konstrukt zu stützen. Damit freilich disqualifiziert er sich für jede historische Diskussion, denn in der historischen Forschung geht es um Beweisbarkeit, nicht um psychologisierenden Kitsch und Pseudo-Empathie.

Aus diesem Grund werden wir seine drei Hypothesen einmal Punkt für Punkt untersuchen:

1. Kühlweins erste Hypothese grenzt an Verleumdung. Schon in seinem Bericht an den Kardinalstaatssekretär vom 1.5.1924 hat Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., den Nationalsozialismus als „wohl die gefährlichste Häresie unserer Zeit“ bezeichnet. 1939, nach der Papstwahl, berichtete der US-Generalkonsul in Köln, A.W.Klieforth, was er 1937 bei einem Gespräch mit dem damaligen Kardinalstaatssekretär Pacelli in Rom erfahren hatte:

„His view, while they are well-known, surprised me by their extremeness. He said that he opposed unalterably every compromise with National Socialism. He regarded Hitler not only as an untrustworthy scoundrel but as a fundamentally wicked person. He did not believe that Hitler was capable of moderation… The risk of losing a large part of the Catholic Youth in Germany, he said, was not as great as the consequences to the Catholic Church in general throughout the world in surrendering to the Nazis. (dt.: „Seine Ansichten, obwohl sie bekannt sind, überraschten mich in ihrer Extremität. Er sagte mir, dass er nach wie vor jeden Kompromiss mit dem Nationalsozialismus ablehne. Er betrachtete Hitler nicht nur als nicht vertrauenswürdigen Halunken, sondern als grundsätzlich schlechten Menschen. Er glaube nicht, dass Hitler zur Mäßigung fähig sei … Selbst das Risiko, einen Großteil der katholischen Jugend in Deutschland zu verlieren, so meinte er, sei nicht so groß wie der Schaden für die katholische Kirche weltweit, wenn man sich den Nazis beugen würde“.; Foreign Service letter no. 800 AWK-RM vom 3.3.1939).

Tatsächlich hat Pacelli nach der Papstwahl nicht, wie Kühlwein behauptet, einen „faustischen Pakt mit Hitler“ geschlossen, sondern das Gegenteil davon – er beteiligte sich an einer Verschwörung gegen Hitler.

Im Oktober 1939 nahm die deutsche Militäropposition über den katholischen Münchener Rechtsanwalt Dr. Joseph Müller mit seinem Privatsekretär Pater Leiber Kontakt auf und fragte ganz gezielt an, ob er bereit wäre, im Fall eines Militärputsches gegen Hitler als Vermittler aufzutreten, für die Putschisten geradezustehen und einen schnellen Waffenstillstand herbeizuführen. Nach nur einer Nacht des Gebets – seiner wahren „Damaskusnacht“, wenn Kühlwein den Begriff so gerne hat – sagte er zu. Von diesem Tag an stand Pius XII. in ständigem Kontakt mit den führenden Männern des Widerstandes, darunter Admiral Canaris, Generalmajor Oster und Generaloberst Beck, die ihn u.a. auch über Hitlers Pläne, den Papst zu verschleppen, informierten. Nur vor diesem Hintergrund ist sein vermeintliches „Schweigen“ zu erklären, das Müller in seiner Autobiografie „Bis zur letzten Konsequenz“ (1975) durch das Drängen des Widerstandes erklärte, „es müsse oberstes Gebot sein, die  Nazis nicht durch einen unbedachten Schritt zu reizen … Nachdrücklich wies ich ihn (den Papst) immer wieder darauf hin, dass man den Nazis keinen billigen Grund zum Zuschlagen liefern dürfe.“  Wie Müller schon am 2. Juni 1945 dem US-Vertreter beim Heiligen Stuhl, Harold Tittmann jr., erklärte (ich zitiere aus seinem Memorandum an das US-State Dept. vom selben Tag), sollte verhindert werden, dass die Nazis ihn als „Sprachrohr der Fremdmächte“ bezeichnen, die Katholiken noch stärker verdächtigen „und in ihren Möglichkeiten beschränken könnten, den Nazis Widerstand zu leisten“.

Glücklicherweise erfuhr Hitler erst nach der Niederschlagung des Putsches vom 20. Juli 1944, nämlich durch den Kaltenbrunner-Bericht vom 29. November  1944, von den „Verbindungen zum Papst“. Darin betonte SD-Chef Ernst Kaltenbrunner, dass „Leiber zu verstehen gab, dass die Voraussetzung für einen Friedensschluss ein Regimewechsel in Deutschland“ sei.

Schon diese gut dokumentierte Tatsache, die der Historiker Harold Deutsch in seinem Buch „Verschwörung gegen den Krieg“ (1969) untersuchte und belegte, macht Kühlweins Hypothese eines Teufelspaktes des Papstes mit Hitler ebenso zunichte wie seine Fiktion von einer „Damaskusnacht“ im Oktober 1943. Es gab keinen Pakt mit Hitler, es gab vielmehr eine Verschwörung unter Beteiligung des Papstes gegen Hitler!

2. Kühlwein bestreitet jede Intervention Pius XII. am Tag der Verhaftung der römischen Juden, dem 16. Oktober 1943, ebenso wie er bestreitet, dass die Verhaftungen auf Befehl  Himmlers gestoppt wurden (Zitat Kühlwein, theatralisch wie immer: „Himmler gab auch keine Order, die Razzia abzubrechen; ich wiederhole: es gab keine Order.“).
Damit widerspricht Kühlwein allen bekannten historischen Fakten.

Tatsache ist, dass der Papst früh morgens durch die römische Prinzessin Enza Pignatelli-Aragona von den Verhaftungen erfuhr. Noch in Gegenwart der Prinzessin griff er zum Telefon und verlangte nach Kardinalstaatssekretär Maglione, um den deutschen Botschafter Ernst von Weizsäcker in den Vatikan zu bestellen. (Beweis: Zeugenaussage der Prinzessin Pignatelli-Aragona in den Akten des Seligsprechungsprozesses)

Das folgende Gespräch zwischen Maglione und Weizsäcker ist bestens dokumentiert; die Notizen des Kardinals liegen sogar als Faksimile vor, veröffentlicht auf S. 505 ff. des 9. Bandes der „Actes et Documents du Saint Siege Relatifs a la Seconde Guerre Mondial“ (ADSS, 1975), die Kühlwein noch immer nicht zur Kenntnis nimmt. Während Maglione im Auftrag des Papstes „zugunsten dieser Unglücklichen intervenieren“ wollte und mit einem offenen Protest des Heiligen Stuhls drohte, warnte Weizsäcker vor den Folgen.

Nachdem das Gespräch mit Weizsäcker erfolglos geblieben war, startete der Papst seinen zweiten Versuch, die zu diesem Zeitpunkt noch andauernden Verhaftungen der Juden zu stoppen.  Er schickte seinen Neffen, Carlo Pacelli, zusammen mit dem deutschen Pater Pankratius Pfeiffer zu dem österreichischen Bischof Alois Hudal, der sich – im Widerspruch zur Vatikanpolitik – bislang um einen Dialog mit den Nazis bemüht hatte und auch Kontakte zur deutschen Besatzungsmacht unterhielt. Daraufhin schrieb Hudal an den deutschen Stadtkommandanten, General Stahel, sich auf eine „hohe vatikanische Stelle aus der unmittelbaren Umgebung des Heiligen Vaters“  berufend (in seinen Notizen hielt Hudal ausdrücklich fest, dass er damit Carlo Pacelli meinte), bat „im Interesse des friedlichen Einvernehmens (…)  eine Order zu geben, dass in Rom und Umgebung diese Verhaftungen sofort eingestellt werden“ und begründete dies so: „Das deutsche Ansehen im Ausland fördert eine solche Maßnahme und auch die Gefahr, dass der Papst öffentlich dagegen Stellung nehmen wird.“ (ADSS, Bd. 9, Dok. 373, S. 509 f.)

Mit anderen Worten: Im Auftrag des Papstes forderte Bischof Hudal die Einstellung der Verhaftungen und drohte mit einem öffentlichen Protest Pius XII. Dieser Brief wurde Pater Pfeiffer, der als offizieller Verbindungsmann des Vatikans zu den Deutschen fungierte und im Gegensatz zu Hudal ein enger Vertrauter des Papstes war, persönlich zu General Stahel gebracht.
Der Aussage von Lt. Klaus Kunkel (KNA-Interview vom 7.11.2000) entnehmen wir, was weiter geschah (da, wie Kühlwein feststellt, nur  eine englische und italienische Übersetzung des Interviews publiziert ist, zitiere ich im Sinne der Nachprüfbarkeit aus dieser Übersetzung): „The general sent me to the ambassador (Weizsäcker) with a sealed letter. I did not read it, but the general told me that in the letter he had asked the ambassador to do all he could in Berlin to revoke the measure.“ (“Der General schickte mich mit einem versiegelten Brief zum Botschafter. Ich las ihn nicht, doch der General sagte mir, in dem Brief würde er den Botschafter bitten, alles ihm Mögliche zu tun, um die Maßnahme aufzuheben.“)

Wieder verweigerte  Weizsäcker jede Intervention. Er ging in sein Arbeitszimmer, las den Brief, dem, wie es scheint, auch eine Kopie (oder das Original) des Hudal-Briefes beigelegt war und gab ihn, wieder versiegelt, an Kunkel zurück. Er solle dem General sagen, dass er hier leider nicht helfen könne. Kunkel weiter:

„Wen I gave him back the letter, the general spoke – cautiously – in a very detached way about the ambassador. After this he telephoned Himmler …” („Als ich ihm den Brief wieder gab, sprach der General – vorsichtig – auf sehr abschätzige Weise über den Botschafter. Danach rief er Himmler an…“)

Obwohl Kunkel natürlich nicht wusste, was General Stahel mit Himmler von seinem Arbeitszimmer aus besprach, wird diese Aussage des Leutnants bestätigt durch ein weiteres Dokument im Vatikanarchiv – Hudals Protokoll eines Anrufs von Stahel, der ihn am nächsten Morgen erreichte (zit. n. ADSS, Bd. 9, S. 510): „Habe die Sache an die hiesige Gestapo und an Himmler sofort weitergeleitet. Himmler gab Order, dass mit Rücksicht auf den besonderen Charakter Roms diese Verhaftungen sofort einzustellen sind.“

Aber nein, Herr Kühlwein behauptet nach wie vor, unter völliger Verkennung der Fakten, ich zitiere: „Himmler gab auch keine Order, die Razzia abzubrechen; ich wiederhole: es gab keine Order.“ Soll General Stahel also Bischof Hudal angelogen haben?

Tatsache ist, dass Weizsäcker den Hudal-Brief nach Berlin ans Auswärtige Amt weiterleitete und er von dort zu Himmler gelangte. Wenige Tage später wurde Stahel trotz gesundheitlicher Probleme und obwohl er eigentlich bis 31. Dezember in Rom bleiben sollte, an die Ostfront versetzt. Als er sich beim Oberkommandierenden der deutschen Streitkräfte in Italien, Generalfeldmarschall Kesselring, verabschiedete, fragte ihn der Oberst und spätere Generalmajor Dietrich Beelitz nach den Gründen für seine plötzliche Strafversetzung. Ca. 2003 erklärte GM Beelitz, befragt von Pater Dr. Peter Gumpel, dem Relator des Seligsprechungsprozesses Pius XII. (laut Aussage Pater Gumpels vom 25.9.2010, die im November 2010 notariell beeidet wurde):

„Daraufhin erklärte mir Generalmajor Stahel, dass dies eine Rachemaßnahme von Heinrich Himmler ihm gegenüber sei, weil Himmler zwischenzeitlich begriffen hatte, weshalb Stahel ihn dazu bewogen hatte, die Verfolgung der Juden in Rom sofort zu verbieten.“

Das also ist die nach bestem Wissen und Gewissen rekonstruierte historische Wahrheit, basierend auf Dokumenten und Zeugenaussagen.  Sämtliche Einwände, die Kühlwein dagegen vorzubringen weiß, sind geradezu peinlich in ihrer Banalität. Kunkel bezeuge zwar das Telefonat mit Himmler, wisse aber nichts Näheres über seinen Inhalt; wichtig ist doch, dass der Leutnant das Telefonat bestätigte, über dessen Inhalt Stahel selbst am nächsten Tag Bischof Hudal berichtete. Es habe keine Order von Himmler gegeben; seltsam nur, dass Stahel selbst vor Zeugen wie Bischof Hudal und Generalmajor Beelitz Gegenteiliges behauptete und die Konsequenzen aus dieser Intervention mit seinem Leben bezahlen musste (er geriet an der Ostfront in russische Gefangenschaft, verstarb ca. 1955 in einem russischen Kriegsgefangenenlager). Nein, so Kühlwein weiter, „das ist eine völlig aus der Luft gegriffene Behauptung. Alle Dokumente und Zeugenaussagen bestätigen das“. Wie wir gesehen haben, bestätigen alle Zeugenaussagen und Dokumente das Gegenteil, nämlich den Erfolg der päpstlichen Intervention. Ist es da nicht ein Akt der Höflichkeit meinerseits, wenn ich Kühlwein nur vorwerfe, nicht auf dem neuesten Stand der Forschung zu sein? Oder soll ich etwa annehmen, dass er bewusst Fakten ignoriert und Unwahres behauptet?  Es habe nach der Razzia, der Verhaftung von 1259 der 8000 römischen Juden (so ausdrücklich im Führerbefehl, wie er am 9.10.1943 der deutschen Botschaft in Rom mitgeteilt wurde), „keine Juden mehr“ in Rom gegeben, schreibt Kühlwein weiter. Ja, wenn nur die SS immer so schnell aufgegeben hätte…

Und dann nennt Kühlwein es „unwissenschaftlich und unlauter“, wenn ich aus der offiziellen Veröffentlichung der Protokolle des Eichmann-Prozesses durch das israelische Justizministerium, Bd. 1, aus der Zusammenfassung des Chefanklägers und Staatsanwaltes Gideon Hausner zitiere: „When the Pope himself interceded for the Jews of Rome, who were arrested ‚practically underneath the Vatican windows‘, and Eichmann was asked to leave them in Italian labour camps instead of deporting them, the request was turned down – the Jews were sent to Auschwitz.“ („Als der Papst selbst zugunsten der Juden einschritt, die praktisch unter den Fenstern des Vatikans verhaftet worden waren, und Eichmann gebeten wurde, sie in italienischen Arbeitslagern zu lassen, statt sie zu deportieren, wurde das Ersuchen abgewiesen – die Juden wurden nach Auschwitz geschickt.“)

Kühlwein kann Hausners Darstellung der Ereignisse ernst nehmen oder ignorieren, aber er kann mir bestimmt nicht vorwerfen, aus dieser amtlichen Publikation korrekt zitiert zu haben.

3. Für Kühlweins Lieblingshypothese von einem „Damaskuserlebnis“ des Papstes gibt es nicht den geringsten Beweis. Es gibt kein Dokument, keine Zeugenaussage, kein Tagebucheintrag, der sie stützen würde. Sie ist ein fiktives Konstrukt, ein Hirngespinst. Denn Pius XII. handelte nach der Razzia von Rom nicht anders als zuvor.

Es folgte keine lähmende Stagnation auf die Nachricht von der Verhaftung der Juden. Gleich nachdem das erste Ziel erreicht war, die Festnahmen auf Befehl Himmlers gestoppt worden waren, setzte der Vatikan alles daran, die gefangengenommenen 1259 römischen Juden wieder frei zu bekommen. Die ADSS (Bd. 5) dokumentieren diese Schritte wie folgt:
17.10.1943: Erste Intervention zugunsten der inhaftierten Juden durch das Staatssekretariat (S. 511).

18.10.1943: In einer Notiz hält Unterstaatssekretär Montini (der spätere Papst Paul VI.) „Ex Aud. SS.mi 18.X.43“, also nach morgendlicher Audienz beim Papst, die Anweisung Pius XII. in der Frage der inhaftierten Juden fest: „Fare sapere che si fa quello che si può“: „Versuchen Sie alles Menschenmögliche (um sie frei zu bekommen)“! (S. 512) Es folgte u.a. eine Demarche an den deutschen Botschafter, doch letztendlich gelang es Montini nur, die Freilassung von 252 Personen zu bewirken, darunter Konvertiten und nichtjüdische Ehepartner. Noch am selben Tag setzten sich die Deportationszüge in Bewegung. Offenbar war dem Vatikan versichert worden, wie es bereits in der Kommunikation an die deutsche Botschaft vom 9.10. hieß, dass die Juden nur als Geiseln in das Lager Mauthausen gebracht würden; jedenfalls bemühte sich das vatikanische Staatssekretariat noch wochenlang um ihre Freilassung oder die Erlaubnis, ihnen Kleidung und Hilfsgüter zu übersenden. Am 23.10. wurde Botschafter von Weizsäcker erneut in den Vatikan bestellt und dieses Mal von Pius XII. persönlich empfangen. Auf die Bitte des Papstes, sich für die römischen Juden einzusetzen, erwiderte dieser zynisch: „Wenn Sie etwas wegen der Deportation dieser Juden machen wollen, dann machen sie es bald.“ (ADSS, Bd. 9, S. 519). Noch am 3. November bat das Staatssekretariat von Weizsäcker um Informationen über die Deportierten, leider  wieder ohne Erfolg; zu diesem Zeitpunkt waren die meisten von ihnen längst in Auschwitz ermordet worden.

Gleich nach dem 16. Oktober öffnete der Papst die Pforten der römischen Klöster, des Vatikans und seiner Sommerresidenz Castelgandolfo für die verfolgten Juden, die bislang geglaubt hatten, in Rom sicher zu sein. Doch auch dem war keine „Damaskusnacht“ vorausgegangen. Denn schon unmittelbar nach dem deutschen Einmarsch in Italien, am 17. September 1943, hatten sich Papst und Staatssekretariat mit „zu erwartenden Maßnahmen gegen die Juden Italiens“ auseinandergesetzt (ADSS, Bd. 9, S. 480 f.), einen Tag später wurden die Juden Roms alarmiert (ebd., S. 482). Schon damals erhielten italienische Klöster die Anweisung, verfolgte Juden aufzunehmen. Ein Dokument vom 1.10.1943 (ebd., S. 496) belegt zum Beispiel die Aufnahme einer Familie römischer Juden in einem Kloster auf dem Gianicolo, was vom Papst mit den Worten „Schauen Sie, wo Sie helfen können!“ kommentiert und zugesagt wurde.

So ist es geradezu absurd, wenn Kühlwein spekuliert, dass die geretteten 7000 römischen Juden „aus Angst vor einer Verhaftung in die Illegalität“ abtauchten, wo wir doch über ziemlich genaue Zahlen verfügen: Lt. dem Zeitzeugen und israelischen Holocaust-Forscher Michael Tagliacozzo (1975) wurden 477 von ihnen auf vatikanischem Territorium versteckt, „während 4238 in den zahlreichen Klöstern und Konventen Roms Zuflucht fanden“; rund 3000 Flüchtlinge fanden in Castelgandolfo Asyl. Während wir natürlich darüber keine Dokumente besitzen – die Gefahr, dass sie in die Hände der Nazis fielen, war viel zu groß – gibt es einen Beweis dafür, dass der Papst gleich am 16. Oktober im Sinne der Verfolgten aktiv wurde. An diesem Tag ordnete er die Vergrößerung der Palatingarde von 150 auf 2000 Mann an (ADSS, Bd. 9, S. 508 f.). Mitglieder der Garde besaßen einen Vatikanausweis und damit Immunität; lt. dem jüdischen Historiker Pinchas Lapide waren mindestens 400 von ihnen Juden.

Das, wie gesagt, geschah am Tag der Razzia. Und nicht erst nach Kühlweins fiktivem „Damaskuserlebnis … eine Woche nach dem Desaster“, für das es nicht den geringsten historisch-biografischen Anhaltspunkt gibt!

Kühlwein handelt unredlich, wenn er versucht, an unsere Emotionen zu appellieren und sich als römisch-katholischer Theologe beschreibt, den „die Wahrheit“ über Pius XII., sein „Versagen“ bei der Judenrazzia und sein „faustischer Pakt mit Hitler“ „ungemein“ schmerzen würden.  Es würde ihm viele Schmerzen ersparen, würde er historisch sauberer arbeiten und nicht konsequent die Fakten ignorieren. Pius XII. kehrte auch nicht um, denn es gab keinen Grund dazu; er folgte konsequent einer gradlinigen Strategie, die unter zwei Prämissen stand: Die Widerstandsnester in Deutschland nicht zu gefährden und gleichzeitig die größtmögliche Anzahl Juden zu retten. Nicht offen protestieren zu können, nicht die Täter beim Namen zu nennen, war dabei für ihn das größte Martyrium. Doch er ahnte, er hatte oft genug erlebt, dass er damit nur das Gegenteil erreichen würde. Hitler, in seinem Wahn, die Welt erobern zu können, ließ sich seinen pathologischen Hass auf die Juden von niemandem ausreden, zuallerletzt vom Papst. Jeder Versuch einer öffentlichen Demaskierung hätte das Tempo des Mordens nur beschleunigt. Man kann fragen, was schlimmer gewesen wäre, als sechs Millionen ermordeter Juden. Und die tragische, die entsetzliche, aber leider unbestreitbare Wahrheit lautet: Bis zu sieben Millionen Tote.

Pius XII. ging ein Risiko ein, ein sehr großes sogar, als er mit dem deutschen Widerstand kollaborierte. Wäre das bekannt geworden, es hätte das Ende der katholischen Kirche in Deutschland bedeuten können. Doch es war die einzige Chance, Hitler schnellstmöglich zu entmachten, bevor der Krieg noch mehr unschuldige Opfer forderte. Feigheit, mangelnde Risikobereitschaft, kann ihm also wirklich niemand vorwerfen. Doch der Pacelli-Papst war nicht bereit, sich das Lob der Nachwelt durch eine unkluge Brandrede mit dem Leben Hunderttausender zu erkaufen.

Anmerkung der Redaktion: Am 25. Januar 2011 veröffentliche unser freier Mitarbeiter Michael Hesemann den Artikel „Perfide Propaganda“ auf Kathnews. Darin ging Hesemann, der ein exzellenter Kenner des Lebens und Wirkens Pius‘ XII. ist, auf die Vorwürfe ein, die von mancher Seite gegen Papst Pius XII. erhoben werden. Dabei bezog sich Hesemann auch auf das Pius-Buch des katholischen Theologen Klaus Kühlwein, das nach Auffassung von Hesemann „schon bei Erscheinen heillos überholt war und der seitdem konsequent die Resultate der jüngeren Pius-Forschung ignoriert“. Am heutigen Abend erschien eine Antwort Dr. Kühlweins auf den Artikel von Michael Hesemann. Mit dem vorliegenden Text äußert sich Hesemann bezugnehmend auf diese Antwort des Freiburger Theologen.