Genese des Schott-Messbuches bis zur Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils (1884-1963) – Teil II/IV

Von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 3. November 2018 um 20:00 Uhr

Valentin Thalhofer als Anselm Schotts theologischer Lehrer und Freund

Zutreffend an Casels Wahrnehmung war sicher, dass die tridentinische Formulierung der Lehre vom Messopfer zu sehr ausschließlich Reaktion und Widerspruch zu den tatsächlichen oder vermeintlichen Anschauungen der Reformatoren gewesen war und die Einsicht, dass diese Verengung durch Rückgriff auf die Frühe Kirche, auf die die Reformatoren sich ihrerseits berufen hatten, zu überwinden sei. Trient hatte zwar definiert, dass die Messe wahres und eigentliches und vor allem ein, relativ auf das historische Kreuzesopfer rückbezogenes, sichtbares Opfer sei, aber dabei gerade offengelassen, auf welche Weise dies der Fall ist. So entstanden in nachtridentinischer Zeit verschiedene, konkurrierende Messopfertheorien, die der protestantischen Seite vielfach neuen Zündstoff für Kritik boten, statt eine theologische Lösung zu erreichen. Dies hatte allerdings vor allem Valentin Thalhofer (1825-1891) – übrigens in München Schotts theologischer Lehrer und mit diesem auch über das Studium hinaus in Verbindung – mit seiner Messopfertheorie (1870) [28] durchaus schon erzielt und seine Lösung dabei biblisch wie dogmatisch besser fundiert als Casel seine eigene Mysterienlehre.

Exkurs: Schotts Vesperbuch neben dem Messbuch, Thalhofers liturgische Erklärung der Psalmen

Thalhofers Name muss auch erwähnt werden, wenn man die erste Schottgeneration von 1884 bis 1894 lückenlos darstellen möchte. Dazu gehört es nämlich, an Schotts Vesperbuch zu erinnern, das er noch 1893 herausbrachte und in der Vorrede darauf hinwies [29], eine entscheidende Anregung dazu „dem unvergeßlichen Domprobst“ [30] Thalhofer zu verdanken. Und dass eine solche Anregung von ihm gekommen war, wundert nicht, wenn man den Erfolg kennt, den Thalhofers Erklärung der Psalmen ab 1857 [31] in zahlreichen Auflagen erlebt hat. Wie der ausführliche Titel angibt, nimmt diese Erklärung „besondere Rücksicht auf den liturgischen Gebrauch (der Psalmen) im römischen Brevier, Missale, Pontificale und Rituale“ und umfasst einen Anhang „enthaltend die Erklärung der im römischen Brevier vorkommenden alt- und neutestamentlichen Cantica“. Bis 1889 erschienen fünf Auflagen dieser liturgischen Psalmenerklärung; nachdem Thalhofer 1891 gestorben war bis 1923 noch vier weitere, durch verschiedene Bearbeiter besorgte, Auflagen, also insgesamt neun. Das Vesperbuch wurde nicht so lange fortgeführt wie das Messbuch, lag aber 1913 immerhin schon in vierter Auflage vor, die deshalb speziell interessant ist, weil sie – durchaus nicht unkritisch – die Auswirkungen der Brevierreform von 1911 erklärt und kommentiert.

Verlag: Sarto-Verlag/Bobingen

Zu Teil I/IV.

[28] Vgl. Thalhofer, V., Das Opfer des alten und des neuen Bundes mit besonderer Rücksicht auf den Hebräerbrief und die katholische Meßopferlehre exegetisch-dogmatisch gewürdiget, (Manz) Regensburg 1870.
[29] Vgl. Schott, A., Vesperbuch (Vesperale Romanum) lateinisch und deutsch, enthaltend die Vespern des Kirchenjahres, (Herder) Freiburg im Breisgau 41913, S. V.
[30] Ebd., a. a. O.
[31] Vgl. Thalhofer, V., Erklärung der Psalmen, (Manz) Regensburg 1857.

Foto: P. Anselm Schott OSB – Bildquelle: Archiv Oldendorf