Genese des Schott-Messbuches bis zur Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils (1884-1963) – Teil III/IV

Von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 10. November 2018 um 20:15 Uhr

Laacher Volksmessbuch und Reichstheologie: Gemeinschaftsideologie und Liturgiereform?

Zurück zum Messbuch und zum Laacher Konkurrenzprojekt des Bomm, kann man nun zugestehen, dass der junge Priestermönch Urbanus Bomm, der 1927 das Volksmessbuch erstmals vorlegte, den bei Odo Casel theoretisch fragwürdigen Aspekt einer paganen Herleitung des Mysteriengeschehens und der angeblich patristischen Auffassung davon gar nicht so zum Tragen bringt. Jedoch macht sein Selbstzeugnis deutlich, dass es gerade der Eindruck und das tägliche Erleben der Liturgie waren, wie sie in Maria Laach praktiziert wurde, die ihn in Erklärung, Deutung und Übersetzung der Liturgie lenkten und prägten. Und dabei ist es wahrscheinlich gar nicht so sehr der Einfluss Casels, der aus heutiger Sicht hinterfragt werden muss, sondern derjenige des Laacher Abtes Ildefons Herwegen, der im Abt der Benedikt-Regel [32] und im Bischof einer Diözese ein Führerprinzip verwirklicht sah, dessen Übertragung auf die profane, politische Sphäre ihm zumindest anfänglich in der nationalsozialistischen Bewegung ideal erschien.

Dies führte tatsächlich zur Ausarbeitung einer Reichstheologie [33] in starker Annäherung an das Dritte Reich, zu der Herwegen sich befähigt glaubte, indem die bloße Gemeinsamkeit des Begriffes Reich ihm als Übereinstimmung und Anknüpfungspunkt zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation galt. Eine Affinität Herwegens in diese Richtung offenbarte schon 1912 seine Schrift Germanische Rechtssymbolik in der Römischen Liturgie [34]. Ein warnendes Beispiel, wie Begriffe zwar gleichlautend sein mögen, sich aber dennoch geradezu gegensätzlich und widersinnig entwickeln. Eine Mahnung, grundsätzlich nicht vorschnell und allzu harmonisierend einer Hermeneutik der Kontinuität zu vertrauen. Diese Reichsidee umfasste einen übermächtigen Gemeinschaftsgedanken, der einer allgemeinen Zeitstimmung entsprach und sich eben auch auf das Liturgieverständnis auswirkte. In dieses Klima ragte freilich auch schon die Apostolische Konstitution Divini Cultus Pius XI. vom 20. Dezember 1928 mit hinein [35], auf die die Vorstellung zurückführt, das Choralamt, in dem der Choral der gleichbleibenden Teile der Messe im Wechsel von Schola und Gläubigen aufgeteilt wird, sei per se als liturgisches Ideal wünschenswert, was noch Pius X. so sicher mit Tra le sollicitudini 1903 nicht vorschwebte oder von ihm anderweitig vertreten worden wäre.

Es lässt sich wohl nicht leugnen, dass dieses organische Ordnungs- und Gemeinschaftsdenken, das zugleich strikt pyramidal ausgerichtet bleibt, letztlich zu jenen Strömungen innerhalb der Liturgischen Bewegung beigetragen hat, welche Gestaltungselemente und Praktiken des Novus Ordo Missae vorbereitet oder sogar vorweggenommen haben, der an sich ja gerade von diesem Denken her konzipiert ist: als Gemeinschaftsmesse. Vor diesem Hintergrund erhebt sich dann die ernstzunehmende Frage, ob Teile der Liturgischen Bewegung und die Liturgiereform Pauls VI. als solche nicht tatsächlich auf einem faschistoiden Gemeinschaftsbegriff fußen, die freilich in diesem Rahmen nur als Problemanzeige genannt, nicht jedoch beantwortet werden kann. Auch liturgische Praktiken, die damals aufkamen und heute dort unkritisch fortleben, wo man an der überlieferten Liturgie festhält, sollten in diesem Zusammenhang auf den Prüfstand gestellt werden, namentlich die Missa dialogata oder recitata.

Der Unterschied von Bomm und Schott ist sicherlich darin zu sehen, dass der Schott und Beuron mehr einem scholastisch-ultramontanen Konzept verhaftet blieben, Maria Laach jedoch als patristisch orientiert und zugleich als fortschrittlich galt. Dass sich damit auch ganz verhängnisvolle, ideologische Einflüsse vermischten, wurde schon angeschnitten. Urbanus Bomm hat diese aber wirklich nicht in sein Buch übernommen, es mag sogar sein, dass dem jungen Priester dieser Gedankenstrang gar nicht zu Bewusstsein gekommen ist.

Es ist beachtlich, dass der einmal 1927 beziehungsweise, soweit das vollständige zweisprachige Messbuch in Rede steht, 1936 gefundene Wortlaut von Einleitung und Übersetzung von Urbanus Bomm in der ganzen Zeit bis 1963 praktisch nicht angetastet oder verändert wurde oder wegen einer Verhaftetheit an eine Reichstheologie hätte überarbeitet werden müssen. Sprachlich kann gesagt werden, dass Bomms Deutsch frischer war als das im Schott verwendete und dass in dieser Hinsicht der Bomm insgesamt sogar noch heute nicht wirkt, als sei er über neunzig Jahre alt.

Zu Baur und der Beuroner Position, für die der Schott steht, bleibt noch die Anekdote zu ergänzen, sein Wunsch, Priester und Benediktiner in Beuron zu werden, habe sich etwa mit fünfzehn Jahren konkretisiert, als ein Beuroner Pater in seinem Heimatort Menden zur Aushilfe war und dabei so ehrfürchtig zelebriert habe, dass im Ministranten Karl Baur der Entschluss aufgekeimt sei, auch dort eintreten zu wollen, wo so fromme Priester sind. Vielleicht ist es legendarische Überformung, aber manche wollen in diesem Aushilfspriester Pater Anselm Schott persönlich erblicken, der ja 1891/92 tatsächlich für kurze Zeit nach Beuron zurückkehrte und insoweit auch in Menden ausgeholfen haben könnte. [36]

Zu den Teilen I/IV, II/IV und IV/IV.

Verlag: Sarto-Verlag/Bobingen

[32] Herwegen, I., Der heilige Benedikt, (Patmos) Düsseldorf 51980.
[33] Vgl. Albert, M., Die Benediktinerabtei Maria Laach und der Nationalsozialismus, (Schöningh) Paderborn 2004, S. 44-56, 100-104.
[34] Herwegen, I., Germanische Rechtssymbolik in der Römischen Liturgie, (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) Darmstadt 1963.
[35] Dieser Aspekt sollte im Zusammenhang mit dem heuer bevorstehenden neunzigsten Jahrestag dieser Konstitution näher beleuchtet werden, wobei der Konnex mit der Enzyklika Mediator Dei (1947) sowie der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils Sacrosanctum Consilium (1963) kritisch hergestellt werden müsste, was hier allerdings zu weit führen würde.
[36] Vgl. Fiala, Baur, S.70.

Foto: P. Anselm Schott OSB – Bildquelle: Archiv Oldendorf