Gaudium et spes. Artikel 76

Politische Gemeinschaft und Kirche.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 21. Dezember 2013 um 14:21 Uhr
Vaticanum II, KonzilsvÀter

Einleitung von Gero P. Weishaupt: Das VerhĂ€ltnis von Staat und Kirche, nĂ€her in allgemeine GrundsĂ€tze, die dieses VerhĂ€ltnis bestimmen, thematisieren die KonzilsvĂ€ter in Artikel 76 der Pastoralkonstitution Gaudium et spes. Dabei haben sie nicht so sehr den christlichen Staat, genauer den katholischen Glaubensstaat vergangener Jahrhunderte vor Augen. Ihn setzten noch Leo XIII. und Pius XII. bei ihren entsprechenden lehramtlichen Äußerungen voraus. Die KonzilsvĂ€ter stellen sich den gesellschaftlich-politischen VerĂ€nderungen des 20. Jahrhunderts und akzeptieren die weltanschaulich pluralistische Gesellschaft, in die hinein die Kirche gestellt ist. Zwar betrachten sie diese Gesellschaft nicht als Idealfall, wohl aber als unleugbare RealitĂ€t und damit als Normalfall.

Die Pastoralkonstitution betont den klaren Unterschied zwischen Staat und Kirche und die daraus resultierenden unterschiedlichen Aufgaben und Mittel. Darum sind beide – Staat und Kirche – in ihren jeweils eigenen Bereichen unabhĂ€ngig voneinander und rechtlich eigenstĂ€ndig. Daher plĂ€dieren die KonzilsvĂ€ter fĂŒr eine Trennung von Kirche und Staat. Im Blick aber auf den Menschen, dem beide dienen, ist eine Zusammenarbeit notwendig (z.B. durch Konkordate oder Ă€hnliche staatskirchliche Vereinbarungen). FĂŒr ihre Sendung fordert die Kirche die notwendige Freiheit, ein Thema, das auch im Dekret Dignitatis humanae behandelt wird. Die Kirche ist an kein politisches System gebunden. Sie mischt sich in politische Angelegenheiten nicht ein, erhebt allerdings in ihrer Aufgabe als WĂ€chterin den Anspruch, ihre soziale Lehre zu verkĂŒnden und ein moralisches Urteil zu sprechen, wenn es um die politische Ordnung oder um den Schutz und die Förderung der WĂŒrde des Menschen geht.

Gaudium et spes. Artikel 76

„Sehr wichtig ist besonders in einer pluralistischen Gesellschaft, daß man das VerhĂ€ltnis zwischen der politischen Gemeinschaft und der Kirche richtig sieht, so daß zwischen dem, was die Christen als Einzelne oder im Verbund im eigenen Namen als StaatsbĂŒrger, die von ihrem christlichen Gewissen geleitet werden, und dem, was sie im Namen der Kirche zusammen mit ihren Hirten tun, klar unterschieden wird. Die Kirche, die in keiner Weise hinsichtlich ihrer Aufgabe und ZustĂ€ndigkeit mit der politischen Gemeinschaft verwechselt werden darf noch auch an irgendein politisches System gebunden ist, ist zugleich Zeichen und Schutz der Transzendenz der menschlichen Person.

Die politische Gemeinschaft und die Kirche sind auf je ihrem Gebiet voneinander unabhĂ€ngig und autonom. Beide aber dienen, wenn auch in verschiedener BegrĂŒndung, der persönlichen und gesellschaftlichen Berufung der gleichen Menschen. Diesen Dienst können beide zum Wohl aller um so wirksamer leisten, je mehr und besser sie rechtes Zusammenwirken miteinander pflegen; dabei sind jeweils die UmstĂ€nde von Ort und Zeit zu berĂŒcksichtigen. Der Mensch ist ja nicht auf die zeitliche Ordnung beschrĂ€nkt, sondern inmitten der menschlichen Geschichte vollzieht er ungeschmĂ€lert seine ewige Berufung. Die Kirche aber, in der Liebe des Erlösers begrĂŒndet, trĂ€gt dazu bei, daß sich innerhalb der Grenzen einer Nation und im VerhĂ€ltnis zwischen den Völkern Gerechtigkeit und Liebe entfalten. Indem sie nĂ€mlich die Wahrheit des Evangeliums verkĂŒndet und alle Bereiche menschlichen Handelns durch ihre Lehre und das Zeugnis der Christen erhellt, achtet und fördert sie auch die politische Freiheit der BĂŒrger und ihre Verantwortlichkeit.

Wenn die Apostel und ihre Nachfolger mit ihren Mitarbeitern gesandt sind, den Menschen Christus als Erlöser der Welt zu verkĂŒnden, so stĂŒtzen sie sich in ihrem Apostolat auf die Macht Gottes, der oft genug die Kraft des Evangeliums offenbar macht in der SchwĂ€che der Zeugen. Wer sich dem Dienst am Wort Gottes weiht, muß sich der dem Evangelium eigenen Wege und Hilfsmittel bedienen, die weitgehend verschieden sind von den Hilfsmitteln der irdischen Gesellschaft. Das Irdische und das, was am konkreten Menschen diese Welt ĂŒbersteigt, sind miteinander eng verbunden, und die Kirche selbst bedient sich des Zeitlichen, soweit es ihre eigene Sendung erfordert. Doch setzt sie ihre Hoffnung nicht auf Privilegien, die ihr von der staatlichen AutoritĂ€t angeboten werden. Sie wird sogar auf die AusĂŒbung von legitim erworbenen Rechten verzichten, wenn feststeht, daß durch deren Inanspruchnahme die Lauterkeit ihres Zeugnisses in Frage gestellt ist, oder wenn verĂ€nderte LebensverhĂ€ltnisse eine andere Regelung fordern.

Immer und ĂŒberall aber nimmt sie das Recht in Anspruch, in wahrer Freiheit den Glauben zu verkĂŒnden, ihre Soziallehre kundzumachen, ihren Auftrag unter den Menschen unbehindert zu erfĂŒllen und auch politische Angelegenheiten einer sittlichen Beurteilung zu unterstellen, wenn die Grundrechte der menschlichen Person oder das Heil der Seelen es verlangen. Sie wendet dabei alle, aber auch nur jene Mittel an, welche dem Evangelium und dem Wohl aller je nach den verschiedenen Zeiten und VerhĂ€ltnissen entsprechen. In der Treue zum Evangelium, gebunden an ihre Sendung in der Welt und entsprechend ihrem Auftrag, alles Wahre, Gute und Schöne in der menschlichen Gemeinschaft zu fördern und zu ĂŒberhöhen, festigt die Kirche zur Ehre Gottes den Frieden unter den Menschen.“

Foto: KonzilsvĂ€ter – Bildquelle: Lothar Wolleh / Wikipedia

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