Gaudium et spes. Artikel 4

Die „Zeichen der Zeit" im Licht des Evangeliums erkennen und deuten.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 17. August 2013 um 11:59 Uhr
Vaticanum II, Konzilseröffnung

Einleitung von Dr. Gero P. Weishaupt: Der Dialog der Kirche mit der Welt. Das war ein Grundanliegen des seligen Papstes Johannes XXIII., als er am 11. Oktober 1962 das Zweite Vatikanische Konzil eröffnete. Dialog mit den Menschen der Gegenwart bedeutete, dass sich die Kirche durch das Konzil der „Welt von heute“ zuwenden mußte. Die Konzilsväter benennen dabei sowohl Schatten- als auch Lichtseiten. Doch weder verdammen sie die Welt noch sprechen sie sie selig. Ihre Beschreibung der Wirklichkeit, die durch „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“ (Gaudium et spes, luctor et angor) geprägt ist, entspricht der historischen Situation, in die hinein die Konzilsväter sprechen. Sie hat an Aktualität kaum etwas verloren. In diesem Zusammenhang erwähnen die Konzilsväter die „Zeichen der Zeit“ (Lat: signa temporum). Um Antworten auf die Fragen der Menschen einer bestimmten geschichtlichen Epoche geben und auf die Anforderungen der Zeit angemessen reagieren zu können, gilt es allererst, die „Zeichen der Zeit“ zu erkennen und zu deuten. Den Ausdruck „Zeichen der Zeit“, der in einer etwas anderen Bedeutung in der heiligen Schrift steht (vgl. Mt, 16, 3: „semeia toon kairoon“), hat Papst Johannes XXIII. zum ersten Mal in der Bulle Humanae salutis von 1961, mit der er das Zweite Vatikanische Konzil einberufen hatte, und dann 1963, also während des Konzils, in seiner Enzyklika Pacem in terris verwendet.

Der Papst verstand darunter die Hauptfakten, die eine bestimmte Epoche in der Geschichte kennzeichnen. Die Konzilsväter übernehmen diesen Ausdruck in Artikel 4 von Gaudium et spes. Er kommt auch in Artikel 11 der derselben Pastoralkonstitution vor. Darüber hinaus erwähnen sie die „Zeichen der Zeit“ und verwandte Begriffe in anderen Konzilsdokumenten in jeweils anderen Zusammenhängen: in der Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium (3), im Dekret über das Leben der Priester Presbyterorum ordinis (9), im Ökumenismusdekret Unitatis redintegatio (4), in der Dogmatischen Konstitution Dei Verbum ( 15) sowie im Dekret über das Laienapostolat Apostolicam actuositatem (14). Die „Zeichen der Zeit“ werden als der konkrete Anruf Gottes durch geschichtlich-gesellschaftliche Entwicklungen in einer bestimmten Epoche verstanden. Dieses Verständnis der „Zeichen der Zeit geht aus Artikel 11 von Gaudium et spes hervor: „Im Glauben daran, dass es vom Geist des Herrn geführt wird, der den Erdkreis erfüllt, bemüht sich das Volk Gottes, in den Ereignissen, Bedürfnissen und Wünschen, die es zusammen mit den übrigen Menschen unserer Zeit teilt, zu unterscheiden, was darin wahre Zeichen der Gegenwart oder der Absicht Gottes sind. Der Glaube erhellt nämlich alles mit einem neuen Licht, enthüllt den göttlichen Ratschluß hinsichtlich der integralen Berufung des Menschen und orientiert daher den Geist auf wirklich humane Lösungen hin.“

Die Kirche hat in der Gabe des Heiligen Geistes, der sie beseelt, die Aufgabe der Unterscheidung: Sie soll in den „Zeichen der Zeit“ den christlichen Sinn erkennen. Darum sind nur solche „Ereignisse, Bedürfnisse und Wünsche“ authentische „Zeichen der Zeit“, durch die Gott den Menschen einer jeweiligen geschichtlichen Epoche etwas sagen will und die im Licht des Evangeliums als Anfruf Gottes gedeutet werden können. Entwicklungen, Strömungen und Auffassungen in einer Gesellschaft, die nicht durch den Glauben und die ihn tragende und durch den Heiligen Geist erleuchtete Vernunft, d.h. durch das unveränderlichen Naturgesetz, aus dem sich sittliche Normen ableiten lassen, rechtfertigt werden können, sind keine „Zeichen der Zeit“. Das Ernstnehmen der „Zeichen der Zeit“ hat also nichts mit Anpassung und Anbiederung an einen „Zeitgeist“ zu tun. Geschichtliche Ereignisse, aber auch Bedürfnisse und Wünsche der Menschen einer bestimmten Epoche in der Geschichte sind nur „Zeichen der Zeit“ „im Licht des Evangeliums“. Die Konzilsväter nennen an anderer Stelle Beispiele solcher „Zeichen der Zeit“: im Ökumenismusdekret die ökumenische Bewegung, d.h. die „Bestrebungen, durch Gebet, Wort und Werk zu jener Füller der Einheit zu gelangen, die Jesus Christus will“ (UR, 4) und im Dekret über das Laienapostolat den „wachsende(n) und unwiderstehliche(n) Sinn für die Solidarität aller Völker“ (AA, 14). Papst Johannes XXIII. kennzeichnete in Pacem et terris 1963 den Aufstieg der Arbeiterklasse, die Emanzipation der Frau und das Freiheitsstreben der Kolonialvölker als „Zeichen der Zeit“.

Gaudium et spes. Artikel 4

„Zur Erfüllung dieses ihres Auftrags obliegt der Kirche allzeit die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten. So kann sie dann in einer jeweils einer Generation angemessenen Weise auf die bleibenden Fragen der Menschen nach dem Sinn des gegenwärtigen und des zukünftigen Lebens und nach dem Verhältnis beider zueinander Antwort geben. Es gilt also, die Welt, in der wir leben, ihre Erwartungen, Bestrebungen und ihren oft dramatischen Charakter zu erfassen und zu verstehen. Einige Hauptzüge der Welt von heute lassen sich folgendermaßen umschreiben. Heute steht die Menschheit in einer neuen Epoche ihrer Geschichte, in der tiefgehende und rasche Veränderungen Schritt um Schritt auf die ganze Welt übergreifen. Vom Menschen, seiner Vernunft und schöpferischen Gestaltungskraft gehen sie aus; sie wirken auf ihn wieder zurück, auf seine persönlichen und kollektiven Urteile und Wünsche, auf seine Art und Weise, die Dinge und die Menschen zu sehen und mit ihnen umzugehen. So kann man schon von einer wirklichen sozialen und kulturellen Umgestaltung sprechen, die sich auch auf das religiöse Leben auswirkt.

Wie es bei jeder Wachstumskrise geschieht, bringt auch diese Umgestaltung nicht geringe Schwierigkeiten mit sich. So dehnt der Mensch seine Macht so weit aus und kann sie doch nicht immer so steuern, daß sie ihm wirklich dient. Er unternimmt es, in immer tiefere seelische Bereiche einzudringen, und scheint doch oft ratlos über sich selbst. Schritt für Schritt entdeckt er die Gesetze des gesellschaftlichen Lebens und weiß doch nicht, welche Ausrichtung er ihm geben soll. Noch niemals verfügte die Menschheit über soviel Reichtum, Möglichkeiten und wirtschaftliche Macht, und doch leidet noch ein ungeheurer Teil der Bewohner unserer Erde Hunger und Not, gibt es noch unzählige Analphabeten. Niemals hatten die Menschen einen so wachen Sinn für Freiheit wie heute, und gleichzeitig entstehen neue Formen von gesellschaftlicher und psychischer Knechtung. Die Welt spürt lebhaft ihre Einheit und die wechselseitige Abhängigkeit aller von allen in einer notwendigen Solidarität und wird doch zugleich heftig von einander widerstreitenden Kräften auseinandergerissen. Denn harte politische, soziale, wirtschaftliche, rassische und ideologische Spannungen dauern an; selbst die Gefahr eines Krieges besteht weiter, der alles bis zum Letzten zerstören würde.

Zwar nimmt der Meinungsaustausch zu; und doch erhalten die gleichen Worte, in denen sich gewichtige Auffassungen ausdrücken, in den verschiedenen Ideologien einen sehr unterschiedlichen Sinn. Man strebt schließlich unverdrossen nach einer vollkommeneren Ordnung im irdischen Bereich, aber das geistliche Wachstum hält damit nicht gleichen Schritt. Betroffen von einer so komplexen Situation, tun sich viele unserer Zeitgenossen schwer, die ewigen Werte recht zu erkennen und mit dem Neuen, das aufkommt, zu einer richtigen Synthese zu bringen; so sind sie, zwischen Hoffnung und Angst hin und her getrieben, durch die Frage nach dem heutigen Lauf der Dinge zutiefst beunruhigt. Dieser verlangt eine Antwort vom Menschen. Ja er zwingt ihn dazu.“

Foto: Konzilsväter – Bildquelle: Peter Geymayer / Wikipedia

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