Gaudium et spes. Artikel 27

Die Achtung vor der menschlichen Person.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 27. Mai 2013 um 11:23 Uhr
Vaticanum II, Konzilseröffnung

Einleitung von Gero P. Weishaupt:

Die Achtung der menschlichen Person liegt in dessen WĂŒrde begrĂŒndet. Darum soll der Mensch den anderen als ein „anderes Ich“ ansehen. Der Mensch ist ein soziales Wesen, er lebt nie fĂŒr sich alleine, sondern ist an die anderen gebunden, die irgendwie zum eigenen Ich gehören. Darum kann das eigene Ich ohne den anderen nicht leben und sich nicht entfalten. Daraus folgern die Imperative des sozialen Verhaltens. Die Regeln des sozialen Lebens tragen bei zur Verwirklichung des eigenen Ich. Darum entwĂŒrdigt ein im Letzten dem widersprechendes Verhalten „weit mehr jene, die das Unrecht tun, als jene, die es erleiden“. Christliche NĂ€chstenliebe geht aber ĂŒber bloßes soziales Engagement hinaus. „Es gehört zu wenig zum Allgemeinbewußtsein der GlĂ€ubigen, wie sehr christliche NĂ€chstenliebe am schöpferischen Wesen der Liebe Gottes zu uns Menschen teilnimmt.

Gottes Liebe wendet sich ja nicht den Menschen zu, weil sie vor ihm liebenswĂŒrdig sind, sondern die Menschen werden erst dadurch liebenswĂŒrdig vor Gott, daß Gott sich ihnen liebend zuwendet. Gottes Liebe ist schlechterdings spontan und schöpferisch. Er schafft sich durch seine liebende Hinwendung in Schöpfung und Gnade die Partner seiner Liebe. Gerade darin mĂŒĂŸte sich christliche NĂ€chstenliebe ĂŒber allen bloßen Humanismus erheben 
 “ (Otto Semmelroth, in: LThK, Zusatzband 3, Freiburg i. Br. 1986, 365). Christliche NĂ€chstenliebe wir immer getragen von der Schöpferliebe und der Gnade Gottes. Diese reinigt sie von jedem Egoismus, der ihr als Folge der ErbsĂŒnde anhaften kann. Wahre christliche NĂ€chstenliebe verwirklicht sich darum nur in Einheit mit Christus. Diese aber ist uns in und mit der Kirche, die uns ihn in Wort und Sakrament vermittelt und vergegenwĂ€rtigt, verbĂŒrgt. Die KonzilsvĂ€ter weisen in Artikel 27 von Gaudium et spes auf konkrete Anwendungsbereiche, in denen christliche NĂ€chstenliebe sich verwirklichen muss, ohne freilich VollstĂ€ndigkeit zu beanspruchen. Das tun sie, indem sie konkrete Beispiele sowohl der Achtung als auch der Verletzung der menschlichen WĂŒrde zur Sprache bringen.

Gaudium et spes. Artikel 27

„Zu praktischen und dringlicheren Folgerungen ĂŒbergehend, will das Konzil die Achtung vor dem Menschen einschĂ€rfen: alle mĂŒssen ihren NĂ€chsten ohne Ausnahme als ein „anderes Ich“ ansehen, vor allem auf sein Leben und die notwendigen Voraussetzungen eines menschenwĂŒrdigen Lebens bedacht. Sonst gleichen sie jenem Reichen, der sich um den armen Lazarus gar nicht kĂŒmmerte. Heute ganz besonders sind wir dringend verpflichtet, uns zum NĂ€chsten schlechthin eines jeden Menschen zu machen und ihm, wo immer er uns begegnet, tatkrĂ€ftig zu helfen, ob es sich nun um alte, von allen verlassene Leute handelt oder um einen Fremdarbeiter, der ungerechter GeringschĂ€tzung begegnet, um einen Heimatvertriebenen oder um ein uneheliches Kind, das unverdienterweise fĂŒr eine von ihm nicht begangene SĂŒnde leidet, oder um einen Hungernden, der unser Gewissen aufrĂŒttelt durch die Erinnerung an das Wort des Herrn: „Was ihr einem der Geringsten von diesen meinen BrĂŒdern getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Was ferner zum Leben selbst in Gegensatz steht, wie jede Art Mord, Völkermord, Abtreibung, Euthanasie und auch der freiwillige Selbstmord.

Was immer die Unantastbarkeit der menschlichen Person verletzt, wie VerstĂŒmmelung, körperliche oder seelische Folter und der Versuch, psychischen Zwang auszuĂŒben; was immer die menschliche WĂŒrde angreift, wie unmenschliche Lebensbedingungen, willkĂŒrliche Verhaftung, Verschleppung, Sklaverei, Prostitution, MĂ€dchenhandel und Handel mit Jugendlichen, sodann auch unwĂŒrdige Arbeitsbedingungen, bei denen der Arbeiter als bloßes Erwerbsmittel und nicht als freie und verantwortliche Person behandelt wird: all diese und andere Ă€hnliche Taten sind an sich schon eine Schande; sie sind eine Zersetzung der menschlichen Kultur, entwĂŒrdigen weit mehr jene, die das Unrecht tun, als jene, die es erleiden. Zugleich sind sie in höchstem Maße ein Widerspruch gegen die Ehre des Schöpfers.“

Foto: KonzilsvĂ€ter – Bildquelle: Peter Geymayer / Wikipedia

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