Gaudium et spes. Artikel 19 bis 21

Der Atheismus.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 23. MĂ€rz 2013 um 16:10 Uhr
Vaticanum II, Konzilseröffnung
Einleitung von Gero P. Weishaupt:In den drei Artikeln 19-21 der Pastoralkonstitution Gaudium et spes befassen sich die KonzilsvĂ€ter mit dem Atheismus. Artikel 19 behandelt die verschiedenen Formen des Atheismus, in Artikel 20 kommt der systematische Atheismus zur Sprache, wobei deutlich auf den Marxismus hingewiesen wird. Artikel 21 erinnert an die Haltung der Kirche gegenĂŒber dem Atheismus. Der Atheismus wird abgewiesen, zugleich stellt die Kirche sich der Frage nach den Ursachen fĂŒr dessen Entstehung. „SelbstverstĂ€ndlich wird der Atheismus verurteilt, und zwar als eine Theorie, ‚die der Vernunft und der allgemeinen menschlichen Erfahrung widersprechen und den Menschen seiner angeborenen GrĂ¶ĂŸe entfremden (Art. 21). Konkret verurteilt wird jedoch nur der jenige Atheist, der gegen den Spruch seines Gewissens bei seinem Atheismus bleibt. … Der Mensch kann die Frage die er sich selbst ist und nur Gott ihm ganz und sicher zu beantworten vermag, nicht verdrĂ€ngen – vor allem in entscheidenden Situationen seines Lebens“ (Otto Hermann Pesch, Das Zweite Vatikanische Konzil. Vorgeschichte, Verlauf – Ergebnisse, Nachgeschichte, WĂŒrzburg, 2. Auflage 1994, 335).

Gaudium et spes. Artikel 19-21

Artikel 19. Formen und Wurzeln des Atheismus

Ein besonderer Wesenszug der WĂŒrde des Menschen liegt in seiner Berufung zur Gemeinschaft mit Gott. Zum Dialog mit Gott ist der Mensch schon von seinem Ursprung her aufgerufen: er existiert nĂ€mlich nur, weil er, von Gott aus Liebe geschaffen, immer aus Liebe erhalten wird; und er lebt nicht voll gemĂ€ĂŸ der Wahrheit, wenn er diese Liebe nicht frei anerkennt und sich seinem Schöpfer anheimgibt. Viele unserer Zeitgenossen erfassen aber diese innigste und lebensvolle Verbindung mit Gott gar nicht oder verwerfen sie ausdrĂŒcklich. So muß man den Atheismus zu den ernstesten Gegebenheiten dieser Zeit rechnen und aufs sorgfĂ€ltigste prĂŒfen. Mit dem Wort Atheismus werden voneinander sehr verschiedene PhĂ€nomene bezeichnet. Manche leugnen Gott ausdrĂŒcklich; andere meinen, der Mensch könne ĂŒberhaupt nichts ĂŒber ihn aussagen; wieder andere stellen die Frage nach Gott unter solchen methodischen Voraussetzungen, daß sie von vornherein sinnlos zu sein scheint. Viele ĂŒberschreiten den ZustĂ€ndigkeitsbereich der Erfahrungswissenschaften und erklĂ€ren, alles sei nur Gegenstand solcher naturwissenschaftlicher Forschung, oder sie verwerfen umgekehrt jede Möglichkeit einer absoluten Wahrheit. Manche sind, wie es scheint, mehr interessiert an der Bejahung des Menschen als an der Leugnung Gottes, rĂŒhmen aber den Menschen so, daß ihr Glaube an Gott keine Lebensmacht mehr bleibt.

Andere machen sich ein solches Bild von Gott, daß jenes Gebilde, das sie ablehnen, keineswegs der Gott des Evangeliums ist. Andere nehmen die Fragen nach Gott nicht einmal in Angriff, da sie keine Erfahrung der religiösen Unruhe zu machen scheinen und keinen Anlaß sehen, warum sie sich um Religion kĂŒmmern sollten. Der Atheismus entsteht außerdem nicht selten aus dem heftigen Protest gegen das Übel in der Welt oder aus der unberechtigten Übertragung des Begriffs des Absoluten auf gewisse menschliche Werte, so daß diese an Stelle Gottes treten. Auch die heutige Zivilisation kann oft, zwar nicht von ihrem Wesen her, aber durch ihre einseitige Zuwendung zu den irdischen Wirklichkeiten, den Zugang zu Gott erschweren. Gewiß sind die, die in Ungehorsam gegen den Spruch ihres Gewissens absichtlich Gott von ihrem Herzen fernzuhalten und religiöse Fragen zu vermeiden suchen, nicht ohne Schuld; aber auch die GlĂ€ubigen selbst tragen daran eine gewisse Verantwortung. Denn der Atheismus, allseitig betrachtet, ist nicht eine ursprĂŒngliche und eigenstĂ€ndige Erscheinung; er entsteht vielmehr aus verschiedenen Ursachen, zu denen auch die kritische Reaktion gegen die Religionen, und zwar in einigen LĂ€ndern vor allem gegen die christliche Religion, zĂ€hlt. Deshalb können an dieser Entstehung des Atheismus die GlĂ€ubigen einen erheblichen Anteil haben, insofern man sagen muß, daß sie durch VernachlĂ€ssigung der Glaubenserziehung, durch mißverstĂ€ndliche Darstellung der Lehre oder auch durch die MĂ€ngel ihres religiösen, sittlichen und gesellschaftlichen Lebens das wahre Antlitz Gottes und der Religion eher verhĂŒllen als offenbaren.

Artikel 20. Der systematische Atheismus

Der moderne Atheismus stellt sich oft auch in systematischer Form dar, die, außer anderen Ursachen, das Streben nach menschlicher Autonomie so weit treibt, daß er WiderstĂ€nde gegen jedwede AbhĂ€ngigkeit von Gott schafft. Die Bekenner dieses Atheismus behaupten, die Freiheit bestehe darin, daß der Mensch sich selbst Ziel und einziger Gestalter und Schöpfer seiner eigenen Geschichte sei. Das aber, so behaupten sie, sei unvereinbar mit der Anerkennung des Herrn, des Urhebers und Ziels aller Wirklichkeit, oder mache wenigstens eine solche Bejahung völlig ĂŒberflĂŒssig. Diese Lehre kann begĂŒnstigt werden durch das Erlebnis der Macht, das der heutige technische Fortschritt dem Menschen gibt. Unter den Formen des heutigen Atheismus darf jene nicht ĂŒbergangen werden, die die Befreiung des Menschen vor allem von seiner wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Befreiung erwartet. Er behauptet, daß dieser Befreiung die Religion ihrer Natur nach im Wege stehe, insofern sie die Hoffnung des Menschen auf ein kĂŒnftiges und trĂŒgerisches Leben richte und ihn dadurch vom Aufbau der irdischen Gesellschaft abschrecke. Daher bekĂ€mpfen die AnhĂ€nger dieser Lehre, wo sie zur staatlichen Macht kommen, die Religion heftig und breiten den Atheismus aus, auch unter Verwendung, vor allem in der Erziehung der Jugend, jener Mittel der Pression, die der öffentlichen Gewalt zur VerfĂŒgung stehen.

Artikel 21.  Die Haltung der Kirche zum Atheismus

Die Kirche kann, in Treue zu Gott wie zu den Menschen, nicht anders, als voll Schmerz jene verderblichen Lehren und Maßnahmen, die der Vernunft und der allgemein menschlichen Erfahrung widersprechen und den Menschen seiner angeborenen GrĂ¶ĂŸe entfremden, mit aller Festigkeit zu verurteilen, wie sie sie auch bisher verurteilt hat (16). Jedoch sucht die Kirche die tiefer in der atheistischen MentalitĂ€t liegenden GrĂŒnde fĂŒr die Leugnung Gottes zu erfassen und ist im Bewußtsein vom Gewicht der Fragen, die der Atheismus aufgibt, wie auch um der Liebe zu allen Menschen willen der Meinung, daß diese GrĂŒnde ernst und grĂŒndlicher geprĂŒft werden mĂŒssen. Die Kirche hĂ€lt daran fest, daß die Anerkennung Gottes der WĂŒrde des Menschen keineswegs widerstreitet, da diese WĂŒrde eben in Gott selbst grĂŒndet und vollendet wird. Denn der Mensch ist vom Schöpfergott mit Vernunft und Freiheit als Wesen der Gemeinschaft geschaffen; vor allem aber ist er als dessen Kind zur eigentlichen Gemeinschaft mit Gott und zur Teilnahme an dessen eigener Seligkeit berufen. Außerdem lehrt die Kirche, daß durch die eschatologische Hoffnung die Bedeutung der irdischen Aufgaben nicht gemindert wird, daß vielmehr ihre ErfĂŒllung durch neue Motive unterbaut wird.

Wenn dagegen das göttliche Fundament und die Hoffnung auf das ewige Leben schwinden, wird die WĂŒrde des Menschen aufs schwerste verletzt, wie sich heute oft bestĂ€tigt, und die RĂ€tsel von Leben und Tod, Schuld und Schmerz bleiben ohne Lösung, so daß die Menschen nicht selten in Verzweiflung stĂŒrzen. Jeder Mensch bleibt vorlĂ€ufig sich selbst eine ungelöste Frage, die er dunkel spĂŒrt. Denn niemand kann in gewissen Augenblicken, besonders in den bedeutenderen Ereignissen des Lebens, diese Frage gĂ€nzlich verdrĂ€ngen. Auf diese Frage kann nur Gott die volle und ganz sichere Antwort geben; Gott, der den Menschen zu tieferem Nachdenken und demĂŒtigerem Suchen aufruft. Das Heilmittel gegen den Atheismus kann nur von einer situationsgerechten Darlegung der Lehre und vom integren Leben der Kirche und ihrer Glieder erwartet werden. Denn es ist Aufgabe der Kirche, Gott den Vater und seinen menschgewordenen Sohn prĂ€sent und sozusagen sichtbar zu machen, indem sie sich selbst unter der FĂŒhrung des Heiligen Geistes unaufhörlich erneuert und lĂ€utert (17); das wird vor allem erreicht durch das Zeugnis eines lebendigen und gereiften Glaubens, der so weit herangebildet ist, daß er die Schwierigkeiten klar zu durchschauen und sie zu ĂŒberwinden vermag.

Ein leuchtendes Zeugnis dieses Glaubens gaben und geben die vielen MĂ€rtyrer. Dieser Glaube muß seine Fruchtbarkeit bekunden, indem er das gesamte Leben der GlĂ€ubigen, auch das profane, durchdringt und sie zu Gerechtigkeit und Liebe, vor allem gegenĂŒber den Armen, bewegt. Dazu, daß Gott in seiner GegenwĂ€rtigkeit offenbar werde, trĂ€gt schließlich besonders die Bruderliebe der GlĂ€ubigen bei, wenn sie in einmĂŒtiger Gesinnung zusammenarbeiten fĂŒr den Glauben an das Evangelium18 und sich als Zeichen der Einheit erweisen. Wenn die Kirche auch den Atheismus eindeutig verwirft, so bekennt sie doch aufrichtig, daß alle Menschen, Glaubende und Nichtglaubende, zum richtigen Aufbau dieser Welt, in der sie gemeinsam leben, zusammenarbeiten mĂŒssen. Das kann gewiß nicht geschehen ohne einen aufrichtigen und klugen Dialog. Deshalb beklagt sie die Diskriminierung zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden, die gewisse Staatslenker in Nichtachtung der Grundrechte der menschlichen Person ungerechterweise durchfĂŒhren. FĂŒr die Glaubenden verlangt die Kirche Handlungsfreiheit, damit sie in dieser Welt auch den Tempel Gottes errichten können. Die Atheisten aber lĂ€dt sie schlicht ein, das Evangelium Christi unbefangen zu wĂŒrdigen. Denn sehr genau weiß die Kirche, daß ihre Botschaft dann dem tiefsten Verlangen des menschlichen Herzens entspricht, wenn sie die WĂŒrde der menschlichen Berufung verteidigt und denen, die schon an ihrer höheren Bestimmung verzweifeln, die Hoffnung wiedergibt. Ihre Botschaft mindert nicht nur den Menschen nicht, sondern verbreitet, um ihn zu fördern, Licht, Leben und Freiheit; und außer ihr vermag nichts dem Menschenherzen zu genĂŒgen: „Du hast uns auf dich hin gemacht“, o Herr, „und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir“ .

Foto: KonzilsvĂ€ter – Bildquelle: Peter Geymayer / Wikipedia

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