Gaudium et spes. Artikel 14

Der Mensch als eine Einheit von Leib und Seele.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 16. Februar 2013 um 13:05 Uhr
Vaticanum II, Konzilseröffnung

Einleitung von Gero P. Weishaupt:

Artikel 14 setzt die lehrmäßigen und grundsätzlichen Ausführungen des Zweiten Vatikanischen Konzils über die christliche Anthropologie fort. Nachdem in Artikel 13 der in der Erbsünde und ihrer Folgen begründete Zwiespalt des Menschen angesprochen worden ist, geht Artikel 14 auf die Leib-Seele-Verfasstheit des Menschen ein, die ihn (metaphysisch) zur Person konstituiert. Der Mensch ist eine Einheit von Leib und Seele. Der Leib ist dabei Ausdruck seines Geistes. Durch seine Leiblichkeit trägt der Mensch die materielle Welt in sich, wodurch sie ihre höchste Bestimmung erreicht: die Ausrichtung auf das Lob des Schöpfers. Der Leib ist Geschöpf Gottes und bestimmt zur Auferstehung am Jüngsten Tag. Darum darf der Menschen ihn nicht geringschätzen.

Zugleich aber übersteigt der Mensch die materielle Welt; er ist mehr als ein leibliches Wesen, „denn in seiner Innerlichkeit übersteigt er die Gesamtheit der Dinge“ (Interioritate enim sua universitatem rerum excedit). Der Mensch gelangt im Tiefsten seines Herzens zu Gott dank seiner unsterblichen und geistigen Seele. Hier klingen Gedanken des heiligen Augustinus an, dessen Theologie in der Pastoralkonstitution an verschiedenen Stellen gegenwärtig ist. Seine Präsenz ist eines der Hinweise dafür, dass Gaudium et spes in der Linie der kirchlichen Tradition steht und keinen lehrmäßigen Bruch mit ihr bedeutet (vgl. J. Brian Benestad, „Doctrinal perspectives on the Church in the modern world“, in: Vatican II. Renewal within tradition, ed. by. M. L. Lamb, M. Levering, Oxford 2008, 153.)

Gaudium et spes. Artikel 14

„In Leib und Seele einer, vereint der Mensch durch seine Leiblichkeit die Elemente der stofflichen Welt in sich: Durch ihn erreichen diese die Höhe ihrer Bestimmung und erheben ihre Stimme zum freien Lob des Schöpfers. Das leibliche Leben darf also der Mensch nicht geringachten; er muß im Gegenteil seinen Leib als von Gott geschaffen und zur Auferweckung am Jüngsten Tage bestimmt für gut und der Ehre würdig halten.

Durch die Sünde aber verwundet, erfährt er die Widerstände seiner Leiblichkeit. Daher verlangt die Würde des Menschen, daß er Gott in seinem Leibe verherrliche und ihn nicht den bösen Neigungen seines Herzens dienen lasse. Der Mensch irrt aber nicht, wenn er seinen Vorrang vor den körperlichen Dingen bejaht und sich selbst nicht nur als Teil der Natur oder als anonymes Element in der menschlichen Gesellschaft betrachtet, denn in seiner Innerlichkeit übersteigt er die Gesamtheit der Dinge.

In diese Tiefe geht er zurück, wenn er in sein Herz einkehrt, wo Gott ihn erwartet, der die Herzen durchforscht, und wo er selbst unter den Augen Gottes über sein eigenes Geschick entscheidet. Wenn er daher die Geistigkeit und Unsterblichkeit seiner Seele bejaht, wird er nicht zum Opfer einer trügerischen Einbildung, die sich von bloß physischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen herleitet, sondern erreicht er im Gegenteil die tiefe Wahrheit der Wirklichkeit.“

Foto: Konzilsväter – Bildquelle: Peter Geymayer / Wikipedia