Eugenio Pacelli und die Zionisten

Neue Funde im vatikanischen Geheimarchiv bestätigen, dass der spätere Papst Pius XII. den Zionismus unterstützte – und zugunsten jüdischer Siedler in Palästina intervenierte.
Erstellt von Michael Hesemann am 16. Januar 2011 um 12:45 Uhr

Kein Papst der jüngeren Kirchengeschichte mit Ausnahme Johannes Pauls II. und vielleicht noch Pius XI. zeigte so offen seine Liebe zum jüdischen Volk wie Pius XII. Umso unbegreiflicher ist es für den Historiker, dass kein historisches Dokument, sondern ein Theaterstück genügte, um die Geschichte dieses großen Papstes umzudeuten, ja zu pervertieren. Plötzlich war er „der Stellvertreter“, „der Papst, der schwieg“, sogar „Hitlers Papst“, wurde ihm von Autoren wie John Cornwell („Pius XII. – Der Papst, der geschwiegen hat“) und Daniel Jonah Goldhagen („Die katholische Kirche und der Holocaust“) mal ein latenter, mal offener Antisemitismus unterstellt. Und das nur, weil er es während des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust für klüger hielt, zu handeln als zu reden. Er zog es vor, im Stillen so viele Juden wie möglich zu retten statt ihre Lage durch wirkungslose Proteste noch zu verschlimmern. Es galt, alles zu vermeiden, was die Effizienz der einzigen Institution gefährdete, die ihnen in Zeiten der Schoa noch half: Der katholischen Kirche. Sein scheinbares Schweigen, seine vorgetäuschte Neutralität, wurden zum Schutzmantel für die größte Hilfs- und Rettungsaktion der Geschichte, die immerhin über 850.000 Juden vor dem sicheren Tod in den Gaskammern bewahrte.

Doch wer den Menschen Eugenio Pacelli verstehen will, muss weiter in seine Vergangenheit zurückblicken. Schon als Jugendlicher hatte der Römer einen jüdischen Schulfreund, nahm er an Schabbatfeiern ein, zu denen ihn dessen Eltern geladen hatten, las er begeistert die Werke jüdischer Philosophen. Nach seinem Studium der Theologie und des Kirchenrechts und seiner Priesterweihe begann Pacelli 1901 mit seiner Tätigkeit im Staatssekretariat des Heiligen Stuhls. Dort machte er schnell Karriere, wurde schließlich im März 1911 zum Unterstaatssekretär der „Kongregation für Außerordentliche kirchliche Angelegenheiten“, sprich: des päpstlichen „Außenministeriums“, ernannt. In dieser Position kam er im Mai 1917 erstmals mit der Bewegung der Zionisten in Kontakt.

Nachum Sokolow, Journalist, Schriftsteller und Führungsmitglied des Zionistischen Weltkongresses, war nach Rom gekommen, um für den Plan eines Judenstaates in Palästina zu werben. Dass Benedikt XV. ein Jahr zuvor den Antisemitismus heftig verurteilt hatte, erschien ihm als günstiges Vorzeichen. Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri verwies ihn an Pacelli, der Sokolow freundlich empfing und sich die Zeit nahm, ihm geduldig zuzuhören. Später rühmte Sokolow in seinem Bericht an das Exekutivkomitee der Zionisten die Herzlichkeit, die ihm der Monsignore entgegenbrachte. Und er gestand ein, von Pacelli völlig überrascht worden zu sein. Ob er denn nicht sein Anliegen dem Papst vortragen wolle, fragte ihn der Monsignore freundlich. Sokolow hätte sich nie träumen lassen, dass dies für einen Juden möglich war. Doch dann, am 6. Mai, wurde er für eine Dreiviertelstunde – länger als manches Staatsoberhaupt – von Benedikt XV. empfangen.

„Ich neige nicht zu Leichtgläubigkeit oder Übertreibung“, versicherte der Zionist später in seinem Bericht an das Exekutivkomitee, „trotzdem kann ich nicht umhin, zu erklären, dass dies ein ungewöhnliches Maß von Freundschaft offenbarte: einem Juden und Vertreter des Zionismus mit solcher Promptheit eine Privataudienz zu gewähren, die so lange dauerte und mit solcher Herzlichkeit und allen Versicherungen der Sympathie, sowohl für die Juden im allgemeinen und für den Zionismus im besonderen, geführt wurde, das beweist zumindest, dass wir von Seiten des Vatikans keine unüberwindlichen Hindernisse zu erwarten haben.“

„Pacelli hat mir von Ihrer Mission erzählt; wollen Sie mir weitere Einzelheiten mitteilen?“, begrüßte ihn Benedikt XV. Dann ließ er sich in völlig ungezwungener Weise das zionistische Programm erläutern, um Sokolow daraufhin zu bescheinigen, dass es „von der Vorsehung bestimmt“ und „in Übereinstimmung mit dem göttlichen Willen“ sei. Auch was die christlichen Heiligtümer in Palästina betraf, hatte der Papst keine Bedenken: „Ich hege keinen Zweifel, dass eine befriedigende Vereinbarung erreicht wird.“ Während Sokolow am Ziel seiner Wünsche angekommen war, verabschiedete ihn Benedikt XV., indem er mehrfach, wie zur Bekräftigung, wiederholte: „Ja, ich glaube, dass wir gute Nachbarn sein werden.“ (Bericht vom 10.5.1917 im Hauptarchiv des Yad Vashem, Akte A 18/25; zit. n. Pinchas Lapide, Rom und die Juden, Bad Schussenried 2005 (3), S. 254 f.)

Nur eine Woche nach dieser Begegnung wurde Eugenio Pacelli von Papst Benedikt XV. in der Sixtinischen Kapelle zum Erzbischof geweiht. Eine weitere Woche später saß er bereits im Zug und fuhr nach Deutschland. Der Papst hatte ihn als neuen Nuntius in München eingesetzt, der einzigen Vertretung des Heiligen Stuhls in Deutschland. Seine erste Aufgabe war es, bei der Regierung des Kaiserreiches in Berlin einen päpstlichen Friedensplan vorzulegen, um das sinnlose Völkerschlachten des Ersten Weltkriegs zu beenden.

Von einer anderen und zudem erfolgreichen Intervention Pacellis aus dieser Zeit berichtet der jüdische Historiker und Diplomat Pinchas Lapide in seinem Buch „Rom und die Juden“. Im zionistischen Archiv in Jerusalem fand Lapide die Fotokopie eines offiziellen Schreibens, das Pacelli als Nuntius in München am 16. November 1917 an den bayerischen Außenminister Otto Ritter von Dandl gerichtet hatte:

„Der unterfertigte Apostolische Nuntius hat die Ehre, Euerer Exzellenz mitzuteilen, dass die israelitischen Gemeinden der Schweiz den hl. Vater gebeten haben, sich für die Erhaltung der Orte und der jüdischen Bevölkerung von Jerusalem zu verwenden. Seine Eminenz, der Herr Kardinalstaatssekretär hat nun denselben beauftragt, im Namen Seiner Heiligkeit mit aller Sorgfalt bei der Kaiserlichen Regierung im gewünschten Sinne sich zu bemühen. Der Unterzeichnete ersucht daher Euere Exzellenz, zur Erreichung des Zweckes bei den zuständigen Behörden all Ihre guten Dienste nachdrücklich aufzubieten. Im Voraus hierfür dankend, zeichnet mit der Versicherung vorzüglicher Wertschätzung … Eugenio Pacelli, Erzbischof von Sardes, Apostolischer Nuntius.“

Die Sorge der Juden war mehr als berechtigt. Die Türkei war ein Verbündeter der Mittelmächte, die Briten hatten den arabischen Aufstand angezettelt, um sie zu einem Zweifronten-Krieg zu zwingen. Die Juden standen bei den Türken in Verdacht, mit den Engländern zu kollaborieren. Nach dem Völkermord der Türken an den Armeniern, die sie für Verbündete der Russen hielten, war das Schlimmste zu befürchten.

Im April 1915 hatte der türkische Kriegsminister Enver Pascha die Zwangsdeportation großer Teile der armenischen Bevölkerungsminderheit des Osmanischen Reiches in die syrische Wüste angeordnet. Was offiziell als militärisch bedingte „Evakuierung“ einer politisch unzuverlässigen Minderheit deklariert wurde, erwies sich als der erste große Genozid des 20. Jahrhunderts. Die Bewegung der Jungtürken wollte das multi-ethnische Osmanische Reich in einen Nationalstaat mit pantürkischer Ideologie verwandeln, in dem die christlichen Armenier keinen Platz mehr hatten. Die „endgültige Lösung“ dieses Minderheitenproblems war der Völkermord. Sein Ausführender wurde der Militärbefehlshaber und Generalgouverneur von Syrien, Cemal Pascha. Die Gesamtzahl der Opfer betrug 1,5 Millionen. Sie fielen teil den türkischen Massakern zum Opfern, teils wurden sie in die syrische Wüste getrieben, wo sie verhungerten, verdursteten, an Schwäche oder durch Seuchen starben.

Scharf ging Cemal Pascha 1917 in Palästina auch gegen jüdisch-zionistische Siedlungen vor. Nachdem jüdische Siedler in Jaffa der Kollaboration mit den Briten beschuldigt wurden, ordnete der osmanische Generalgouverneur auch ihre „Umsiedlung“ an. Über 8000 Juden wurden aus ihren Häusern gejagt, ohne die Erlaubnis, Gepäck oder Lebensmittel mitzunehmen. Vor ihren Augen wurden ihre Häuser von den Türken geplündert. An den Toren der jüdischen Vorstadt wurden zwei Juden aufgehängt, als Exempel für alle, die es gewagt hatten, den Plünderern Widerstand zu leisten. Augenzeugen berichteten von der unmenschlichen Grausamkeit der Soldaten. Dutzende Juden wurden später tot in den Dünen von Jaffa gefunden. Ende März 1917 meldete die Nachrichtenagentur „Reuters“, auch aus Jerusalem seien „Massen von Juden“ vertrieben worden, die „das Schicksal der Armenier teilen“ würden. Eine Depesche des Zionistischen Büros in Kopenhagen schloss mit der Befürchtung, dass nach den Drohungen Paschas die Juden Palästinas das gleiche grausame Schicksal erwartete wie die Armenier – Ausrottung durch Hunger, Durst und Epidemien.

Am 7. Mai 1917 brachte der sozialdemokratische Abgeordnete Oskar Cohn die antijüdischen Ausschreitungen in Palästina vor dem Berliner Reichstag zur Sprache. Nur einen Tag später versuchte der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Arthur Zimmermann, das Thema herunterzuspielen. Der Befehl zur Evakuierung Jaffas sei eine reine „Vorsichtsmaßregel“ gewesen. Zudem könne die Reichsregierung kein Interesse daran haben, mit Vorfällen in Verbindung gebracht zu werden, die allein in der Verantwortung der Türkei lägen. Kurzum: Man wollte den Verbündeten am Bosporus nicht unnötig verärgern. Umso brisanter ist die Intervention des Apostolischen Nuntius, die Pinchas Lapide zitiert.

Leider hat sie meines Wissens kein anderer Historiker aufgegriffen und verifiziert. Cornwell & Co. ignorieren den Vorfall, da er nicht in ihr Zerrbild von Pacelli als Antisemiten passt, die Mehrheit der Verteidiger Pius XII. konzentriert sich auf sein Verhältnis zum Nationalsozialismus. Zudem wird – ohne jede sachliche Begründung – Lapides Glaubwürdigkeit von Pacelli-Gegnern gerne pauschal infrage gestellt. Dabei finden wir bei ihm jedes Mal saubere Quellennachweise, so auch hier: Das zitierte Dokument, so Lapide, ist auf dem „Mikrofilm K 179 90 203 im Zionistischen Zentralarchiv Jerusalem“ zu finden.

Ich vertraute Lapide, hatte sich sein exzellentes Werk doch schon in anderen Fällen als zuverlässig erwiesen, und erwähnte den Vorfall in meiner Pius XII.-Biografie „Der Papst, der Hitler trotzte“. Dann, im November 2008, erhielt ich die langersehnte Genehmigung, im Vatikanischen Geheimarchiv zu recherchieren. Mein Ziel war, weitere Details speziell über das Verhältnis Pacellis zu den Juden und zum aufstrebenden Nationalsozialismus in Erfahrung zu bringen. Die Verifizierung der von Lapide erwähnten Intervention stand dabei an erster Stelle auf meiner Wunschliste.

Nachdem ich mich beim Leiter des Archivio Secreto, Bischof Sergio Pagano, vorgestellt hatte, begann meine Arbeit im „Sala Studio“, im Studiensaal des Geheimarchivs. Die Bestände des Vatikanischen Geheimarchivs sind sämtlich – zumindest bis zum Jahr 1939 – katalogisiert. Wer sie einsehen will, muss zunächst die umfangreichen Kataloge durchforschen, bevor ihm einer der freundlichen Mitarbeiter den entsprechenden Ordner zur gründlichen Inspektion übergibt. In einem dieser Kataloge, in dem fein säuberlich der Bestand des „Archivs der Nuntiatur München“ aufgelistet wird, stieß ich dann auch gleich auf einen vielversprechenden Eintrag: „Guerra Europ., Palestina # 1, Pop. Giudaica e della Citta Santa della Palestina” – “Erster Weltkrieg, Palästina Nr. 1, Jüdische Bevölkerung und die der Heiligen Stadt in Palästina“. Nachdem ich die archivalische Signatur der Akte notiert hatte (A.S.V., Arch. Nunz. Monaco d.B. 385; Fasc. 2; Pos. XIII, Guerra Europ. Palestina # 1, Popolazione Giudaica e della Citta Santa della Palestina), ließ ich sie mir bringen. Ich wurde nicht enttäuscht. Immerhin enthielt sie nicht nur Pacellis handschriftlichen Entwurf des von Lapide zitierten Briefes, sie gab auch weiteren Aufschluss über die Hintergründe der Intervention.

Am 15. November 1917 um 16.30 Uhr war die chiffrierte Nachricht des päpstlichen Kardinalstaatssekretärs Gasparri an den Nuntius Pacelli herausgegangen, um 7.30 Uhr am nächsten Morgen wurde sie empfangen und dechiffriert. Ihr vollständiger Text lautet: „Die israelitische Gemeinschaft der Schweiz bat den Heiligen Vater, sich für die Unversehrtheit der Stätten und der jüdischen Bevölkerung Jerusalems einzusetzen. Er bittet Eure Exzellenz durch uns, entsprechend im Namen des Heiligen Vaters auf die deutsche Regierung einzuwirken. Card. Gasparri.“ (ebd., p. 2)

Die Entscheidung, Pacelli mit dem Fall zu beauftragen, war klug. Es war mehr als fraglich, ob der Papst in Konstaninopel etwas bewirken konnte. Nur Deutschland als ihr stärkster Verbündeter war in der Lage, die Türken von einem Massaker abzuhalten. Und dass Pacelli für jüdische Angelegenheiten immer ein offenes Ohr hatte, das hatte sich bereits beim Empfang des Zionistenführers Sokolow gezeigt. Vielleicht ging die ganze Initiative sogar auf diesen zurück, der, weil er in England lebte, besser die Juden der neutralen Schweiz an den Papst schreiben ließ.

Tatsächlich wurde Pacelli unverzüglich aktiv. Dabei war die ganze Angelegenheit eher diffizil. Schließlich bestanden zu diesem Zeitpunkt noch keine diplomatischen Beziehungen zwischen dem Kaiserreich und dem Heiligen Stuhl. Die einzige Nuntiatur auf deutschem Boden befand sich in München, der Hauptstadt des Königreiches Bayern. Also musste ein diplomatischer Vorstoß über die bayerische Staatsregierung erfolgen. So trug Pacelli am 16. November 1917 sein Anliegen zunächst dem Königlich-Bayerischen Außenminister Otto Ritter von Dandl vor, den er dringend bat, sich für eine Intervention des Auswärtigen Amtes einzusetzen.

Tatsächlich wurde dieses Mal, anders als ein halbes Jahr zuvor, das Berliner Auswärtige Amt aktiv. Elf Tage später, am 27. November 1917, finden wir folgende Notiz in der Akte „Juden in der Türkei“ des Berliner Auswärtigen Amtes als Antwort auf die entsprechende Demarche: „Es besteht keinerlei Anlass zu der Befürchtung, dass die türkischen Behörden in Palästina Ausnahmemaßregeln anwenden, die sich gegen die jüdische Bevölkerung richten könnten. Wir erfahren von türkischer Seite, dass die Heilige Stadt und alle Stätten, die den Gegenstand christlicher und jüdischer Verehrung bilden, geschont und geschätzt werden, soweit es die militärischen Notwendigkeiten nur irgendwie gestatten.“ (zit. n. Lapide, S.271).

Daraufhin veröffentlichten die deutschen Behörden zwei Tage später die folgende Erklärung: „Nach den vorliegenden Nachrichten von türkischer Seite ist bereits auf die Schonung der heiligen Stätten in Jerusalem, die auch bei den Mohammedanern Verehrung genießen, Bedacht genommen worden, wird man der Bevölkerung jede Rücksicht angedeihen lassen. Selbstverständlich haben die Juden dabei keinerlei Ausnahmemaßregeln zu befürchten.“ (Jüdische Rundschau Nr. 48, 30.11.1917; zit. n. Lapide, S. 272)

Schließlich konnte Ritter von Dandl am 8. Dezember 1917 dem Apostolischen Nuntius Bericht erstatten: „Eure Exzellenz beehre ich mich in Erwiderung der schätzbarsten Note vom 16. vor. Mts. ergebenst mitzuteilen, dass ich nicht verfehlt habe(,) das Anliegen der israelitischen Gemeinden der Schweiz wegen des Schutzes der Orte und der judaischen Bevölkerung von Jerusalem zur Kenntnis des Auswärtigen Amtes in Berlin zu bringen. Es ist mir hierauf von dort erwidert worden, es liege nach den daselbst eingetroffenen Nachrichten keinerlei Anlass zu der Befürchtung vor, dass die Türkischen Behörden in Palästina besondere, gegen die jüdische Bevölkerung gerichtete Maßnahmen zur Anwendung bringen könnten…“ (Arch. Nunz. Monaco d.B. 385, Fasc. 2, Pos. XIII, p. 5)

Nur drei Tage später, am 11. Dezember 1917, nahmen die Briten unter General Allenby Jerusalem ein. Die Juden in Palästina konnten aufatmen.

Zumindest laut Pinchas Lapide hatte der Nuntius Pacelli durch die Initiative zu dieser Demarche dazu beigetragen, „die Jerusalemer Judenheit wie die heiligen Stätten vor dem fast gewissen Untergang zu bewahren“. Sie war umso wichtiger, weil zu diesem Zeitpunkt der deutsche General Erich von Falkenhayn die türkischen Truppen in Palästina befehligte. Was ihn betrifft, stellte sein Biograf Holger Afflerbach fest: „Ein unmenschlicher Exzess gegen die Juden in Palästina wurde allein durch Falkenhayns Verhalten verhindert, was vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts einen besonderen – und Falkenhayn auszeichnenden – Stellenwert erhält.“ Da Falkenhayn zeitlebens nur ein strikter Befehlsempfänger war, ist davon auszugehen, dass ihm dieses „Verhalten“ aus Berlin befohlen worden war.

So zitiert Pinchas Lapide einen Brief, den Dr. Jakob Thon, der damalige Leiter des Zionistischen Büros in Jerusalem, im Dezember 1917 schrieb: „Eine besondere glückliche Fügung war, dass in den letzten kritischen Tagen General von Falkenhayn den Oberbefehl hatte. Cemal Pascha hätte in diesem Falle – wie er es oft in Aussicht gestellt hatte – die Bevölkerung des ganzen Gebiets verjagt und das Land in eine Ruine verwandelt. Wir und die gesamte übrige Bevölkerung, sowohl die christliche als auch die mohammedanische, müssen mit tiefer Dankbarkeit an P.(acelli) denken, der durch Verhinderung einer geplanten vollständigen Evakuierung dieses Gebietes die Zivilbevölkerung vor dem Untergang bewahrt hat.“ (Mikrofilm K 1800 72/73 im Zionistischen Zentralarchiv Jerusalem, zit. n. Lapide, S. 272)

Neun Jahre später, im Dezember 1926, wurde in Berlin das „Deutsche Komitee Pro Palästina zur Förderung der jüdischen Palästina-Siedlung“ gegründet. Gründungsmitglieder waren unter anderem Reichstagspräsident Paul Löbe, der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, Albert Einstein und Thomas Mann. Damals tauchte die Frage auf, inwieweit prominente Katholiken dabei mitwirken wollten. Während der heftigen Debatte um die Balfour-Deklaration beim Völkerbund war die Idee eines jüdischen Staates auch in Kirchenkreisen umstritten, man sorgte sich um den Status der christlichen Stätten. Zudem führte die betont sozialistische Einstellung einiger Zionisten im Vatikan zu einigen Irritationen und so rief selbst der „Osservatore Romano“ am 1. Juni 1922 zum „Schutze der heiligen Stätten gegen das bolschewistische Judentum“ auf. Wie Pinchas Lapide feststellt, vertrat der mittlerweile in Berlin residierende Nuntius Eugenio Pacelli auch „während dieser Zeit … den Pro-Palästina-Standpunkt“. Er erteilte also der Zionismus-Skepsis breiter Vatikankreise eine deutliche Absage, unterstützte stattdessen die jüdischen Siedler und ermutigte prominente Katholiken, der Initiative beizutreten. Selbst Pacellis engster Freund, der damalige Zentrums-Politiker Prälat Dr. Ludwig Kaas, gehörte schließlich dem Präsidium des Komitees an. (siehe Jehuda Reinhart, Dokumente zur Geschichte des deutschen Zionismus 1882-1933, Tübingen 1981, S. 378)

Wie sehr er damals nach wie vor mit den Zionisten sympathisierte, zeigen die Erinnerungen des deutschen Zionisten Kurt Blumenfeld. In seinen 1962 erschienenen Memoiren „Gelebte Judenfrage“ berichtet er, wie jener Nachum Sokolow, dem Pacelli 1917 seine Papstaudienz vermittelt hatte, 1925 Berlin besuchte. Sokolow war mittlerweile zum Präsidenten aller Zionistenkongresse aufgestiegen. Als die Zionisten eine erneute Vorlage beim Völkerbund in Genf planten, erinnerten sie sich an den einstigen Unterstaatssekretär des päpstlichen Außenamtes. So wollten sie Erzbischof Pacelli um eine Instruktion für den Repräsentanten des Vatikans in Genf bitten. Doch als Blumenfeld in der Nuntiatur anrief, erfuhr er, dass Pacelli schwer krank im Hedwigs-Krankenhaus lag und für niemanden zu sprechen sei. Erst als er den Namen Sokolow ins Spiel brachte, rief man ihn zurück: Seine Exzellenz, der Nuntius, würde sich freuen, Herrn Sokolow für fünf Minuten zu empfangen.

Gemeinsam fuhren Blumenfeld und Sokolow in die Klinik. Im Vorzimmer begrüßte sie der diensthabende Arzt: „Herr Sokolow allein und nur für fünf Minuten“, ermahnte er die Besucher. Blumenfeld setzte sich in die Bibliothek und vertiefte sich in ein Buch. Erst nach anderthalb Stunden kehrte Sokolow zurück. „Man merkte ihm an, wie interessant die Unterhaltung mit dem Nuntius gewesen war, eine Unterhaltung, die sowohl über jüdische wie über katholische historische Fragen ging“, erinnert sich Blumenfeld (1962, S. 83).

Was weder Blumenfeld noch Lapide wussten, war, dass Pacelli ein paar Tage später in Sachen Sokolow nach Rom schrieb. Ich entdeckte dieses Dokument im vatikanischen Geheimarchiv, in einem Ordner zum Thema „Sionismo“, der sinnigerweise – man dachte halt noch in den Grenzen der Vorkriegszeit – der Akte „Turchia“ zugewiesen worden war. Es ist ein Schreiben Pacellis an Kardinalstaatssekretär Gasparri, datiert auf den 15. Februar 1925, mit folgendem Text:

„Herr Nachum Sokolow, Präsident des Exekutivkomitees des Zionistischen Weltverbandes, bestand darauf, mich zu sehen, als er vor ein paar Tagen auf der Durchreise in Berlin war.
Während unseres kurzen Gesprächs, das ich als völlig konstruktiv und einvernehmlich empfand, drückte er als Jude der katholischen Kirche seine Bewunderung und seinen Respekt aus, und ich erinnere daran, dass er Anfang 1917, als er Rom besuchte, wiederholt von Eurer Eminenz empfangen wurde und die Ehre hatte, Seiner Heiligkeit in einer Privataudienz zu begegnen.

Deshalb empfehle ich, wenn er in diesem Jahr zurückkehrt, dass Eure Eminenz ihn erneut wohlwollend empfangen mögen, was ihn besonders glücklich machen würde, und ihm wenn möglich Eure Fürsorge zukommen lassen könnten. Obwohl ich weiß, dass die Intentionen dieses Herren, obwohl sie interessant sind, nicht in den Zuständigkeitsbereich dieser Nuntiatur fallen, sehe ich es doch als meine Pflicht an, den o.g. (Sokolow) dem guten Willen Eurer Eminenz anzuvertrauen.“ (A.E.S. Turchia -1921-39-, Pos. 7, Fasc. 23, p. 27)

Mehr als jedes andere Dokument beweist dieser Fund, dass Eugenio Pacelli tatsächlich ein Freund des Zionismus war. Er war nicht nur sofort bereit, den prominenten Zionistenführer selbst noch im Krankenhaus zu empfangen, er schickte auch gleich darauf ein Empfehlungsschreiben nach Rom, um sicher zu gehen, dass dieser dort offene Türen vorfindet. Wer sein Verhalten in der Weltkriegs-Demarche noch für Pflichterfüllung im Auftrag des Papstes hält, muss zugeben, dass Pacelli in Sachen Sokolow auf eigene Initiative weit über seine Pflichten und sogar seine Kompetenzen hinausging. Wieder einmal zeigte der spätere Papst Pius XII., dass er für die Anliegen und Probleme des jüdischen Volkes immer ein offenes Ohr hatte.

Michael Hesemann ist Historiker, freier Mitarbeiter der kathnews-Redaktion und Autor diverser Bücher zur Kirchengeschichte. Im letzten Jahr erschien seine Pius XII.-Biografie „Der Papst, der Hitler trotzte“ im Augsburger St. Ulrich Verlag. Er recherchierte u.a. in den Akten der Seligsprechungskommission und im Geheimarchiv des Vatikans.