Ein Traum von einem Papst

Gedanken zur Wahl des neuen Papstes Franziskus.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 15. März 2013 um 15:44 Uhr
Statue des hl. Petrus

Überraschungspapst war Jorge Mario Bergoglio, Kardinal und Erzbischof von Buenos Aires, wohl für jeden, als er am vergangenen Mittwochabend unter dem innovativen Papstnamen Franziskus auf die Mittelloggia des Petersdomes trat. In schlichter weißer Soutane, nicht in Chorkleidung, und mit dem einfachen Brustkreuz, das er auch in Argentinien schon getragen hatte. Was so entstand war sogleich der Eindruck des Bruchs mit dem Pontifikat Benedikts XVI. Auch dieser Eindruck war allgemein. Ich selbst und viele andere, die Papst Benedikt dankbar sind, dass er die Hermeneutik der Reform in Kontinuität eingeführt hat, waren geschockt. Zumal, nachdem Bergoglio schon 2005 als Gegenkandidat zu Ratzinger gegolten hatte und die nunmehrige Wahl Bergoglios eben gerade nicht als Kompromiss erscheinen konnte, musste man regelrecht bestürzt sein, wie wenig Rückhalt und Zustimmung Benedikt XVI. unter den 115 Papstwählern besessen haben musste, von denen immerhin 67 von ihm selbst ernannt worden waren.

Das Medienpontifikat des Reformers und Revolutionärs

Dieser Bestürzung entsprechen in den Medien Begeisterung und Jubel für einen Papst der Reform, ja, mancher malt sich schon das Pontifikat eines Revolutionärs aus. Das gleiche wird in die Namenswahl hineininterpretiert: Franziskus von Assisi. Der Poverello ist spätestens seit den 1970iger oder 1980iger Jahren als links vermarktet worden, dargestellt als eine Art mittelalterlicher Grüner und Kirchenkritiker. Verstärkt wurde dieser Eindruck des Bruches noch dadurch, dass der Papst fast ausschließlich als Bischof von Rom von sich sprach, ohne scheinbar jedes Bewusstsein für die weltkirchliche Dimension des Petrusamtes.

Stil der Schlichtheit und Wesentlichkeit

Im Abstand einiger Tage, die seit der Papstwahl vergangen sind, kann man eines sicher sagen: Papst Benedikt und Papst Franziskus haben persönliche Bescheidenheit und Schlichtheit gemeinsam, der Stil dieser Schlichtheit ist jeweils ein anderer. Es ist sicher wertvoll, wenn der Papst sich persönlich so weit wie möglich zurücknimmt, um auf Christus hin durchscheinend, auf Ihn zu verweisen. Benedikt XVI. hat sich in diesem Sinne so weit reduziert, dass er im Dienst an der Kirche auf den Petrusdienst verzichtet hat. Was er während seines Pontifikates verkörperte, war indes nicht ein äußerlicher Triumphalismus, sondern Hinweis auf die Größe und den Primat Gottes in der Welt und durch die Geschichte hindurch. Deswegen reduzierte Benedikt wohl sich selbst immer mehr im Amt, ohne aber das Amt selbst und den Primat Petri zu relativieren oder zu reduzieren. Die ersten Gesten und Worte von Franziskus als Papst könnten so verstanden werden und wurden in den Medien auch so aufgenommen, dass sie eben das bedeuten würden: nicht bloß persönliche Bescheidenheit des Papstes, sondern Schmälerung des Papstamtes und seines Anspruchs.

Franziskus von Assisi als Maßstab

Im Leben des Heiligen von Assisi gibt es zwei Episoden, die für das Pontifikat des neuen Papstes impulsgebend sein könnten. Einmal, ziemlich zu Beginn der Bekehrung des reichen Kaufmannssohns, die Begebenheit in der kleinen verfallenen Kirche von San Damiano, wo das berühmte San Damiano-Kreuz zu ihm sprach: „Franziskus, richte meine Kirche wieder auf, die, wie Du siehst, ganz verfallen ist!“ Franziskus nahm diesen Auftrag zunächst ganz wörtlich und restaurierte die Ruine, doch bald schon zeigte sich die Tragweite über das Gebäude hinaus – bezogen auf die Kirche als Gemeinschaft und Institution, als Bau von lebendigen Steinen. Und damit springen wir voraus zur zweiten Episode, die für das Pontifikat Papst Franziskus’ programmatisch werden könnte. Als Franziskus für sich und seine Gefährten die Anerkennung durch den Papst erstrebte und nach Rom ging, wären sie beinahe nicht zum Papst vorgelassen worden. Doch Innozenz III. hatte in der Nacht zuvor einen visionären Traum gehabt, in dem er schaute, wie ein einfacher Mönch in schlichter Kutte die wankende und vom Einsturz gefährdete Lateranbasilika stütze. Und so erhielten die Männer von der Buße aus Assisi doch Zutritt zum Papst, den ersten päpstlichen Segen und die erste Anerkennung. Fortan waren sie dem Papst und dem Papsttum in besonderer Weise und Treue verbunden, und deswegen auch erbat sich Franziskus für seinen später ausgeformten Orden das Recht, die liturgischen Bücher der päpstlichen Kurie zu verwenden, jene Liturgie, die später auf Trient kodifiziert wurde und heute dank Benedikt XVI. gerade in der außerordentlichen Form des Römischen Ritus wieder vor unseren Augen steht. Sicherlich wird der eigene Stil der Schlichtheit auch die Liturgie unter Papst Franziskus auf eigene Weise prägen, in einen Gegensatz zur liturgischen Gesetzgebung und Praxis Papst Benedikts muss ihn das nicht bringen, und eigentlich darf es ihn gar nicht in einen solchen Gegensatz bringen, wenn er sich dem heiligen Franziskus von Assisi verbunden und verpflichtet weiß.

Grundlegung einer Hermeneutik der Kontinuität

Benedikt XVI. hat die Hermeneutik der Reform grundgelegt und sie der Hermeneutik des Bruches entgegengesetzt. Das war eine geniale Leistung. Benedikt XVI. hat sie aber vorwiegend durch sein eigenes Beispiel umgesetzt, und der Stil seiner eigenen Schlichtheit hat dazu geführt, dass das überwiegend sehr vornehm-zurückhaltend geschehen ist. Insgesamt ist der Ansatz der Hermeneutik der Reform deswegen aber nach acht Jahren Benedikt Idee und Theorie. Die Tatkraft und Energie, sie praktisch und konkret umzusetzen, kann man einem Überraschungspapst wie Franziskus zutrauen. Er kann diese Leistung erbringen, wenn er den Mut hat, sich auf die volle Autorität des Petrusamtes zu stützen.

Pontifikat der Entweltlichung und Reform

Die Medien erwarten und hätten jetzt gerne das Pontifikat eines Revolutionärs, der dafür sorgt, dass das reaktionäre Pontifikat Episode und Intermezzo im nachkonziliaren Impuls und Elan der Kirche bleibt. Doch nach einer ersten Irritation und Lähmung habe ich die Hoffnung, dass Papst Franziskus das Potential hat, uns wirklich und ganz anders zu überraschen, als es die Massenmedien erwarten. Ohnehin ein Widerspruch in sich: Eine Überraschung, mit der man rechnet und die man erwartet, ist ja gar keine echte Überraschung. So steht der geplanten vielleicht die echte Überraschung  gegenüber. Falls dies geschieht, hat Benedikt auch dafür die geniale Formel gefunden und die theoretischen Grundlagen geschaffen. Er tat dies in seiner Freiburger Rede, in der er Desiderat und Vision der „Entweltlichung der Kirche“ entwarf und forderte. Wenn Papst Franziskus’ einfache weiße Soutane und sein unscheinbares Brustkreuz mehr sind als ein neuer Stil persönlicher Schlichtheit und Bescheidenheit, sondern der neue  Papst der römischen Kurie und der ganzen Kirche diese Entweltlichung praktisch, konkret und energisch auferlegt, steht uns kein Pontifikat des Revolutionärs bevor, sondern ein Pontifikat der Reform in dem Sinne, in dem Benedikt XVI. Begriff und Auftrag von Reform verstanden hat. Wenn Papst Franziskus das schafft, steht er in echter Kontinuität zu Papst Benedikt, sicherlich auch zu Johannes Paul I. und vor allem zum heiligen Franziskus, der als Mann der Buße aus Assisi die Kirche wieder aufgebaut und gestützt hat, Entweltlichung in sie hineintrug und ihr auf diese Weise die Fähigkeit zu echter, dynamischer Weltoffenheit geschenkt hat.

Foto: Statue des hl. Petrus – Bildquelle: B. Greschner, kathnews