Ein Lateinprojekt über die Vatikanpolizei

Kathnews im Interview mit Hw. Dr. iur. can. Gero P. Weishaupt.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 31. Januar 2015 um 16:51 Uhr

Sittard/Vatikan (kathnews). Am 27. Januar berichteten Kathnews und KNA von einem lateinischen Radio-Vatikan Beitrag über die Vatikanpolizei. Der Text des Buchautors und Vatikanexperten Ulrich Nersinger, vorgetragen von Gudrun Sailer, Redakteurin bei der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan, handelt über die Gendarmen des Papstes. Neben der berühmten Schweizer Garde verfügt der „Staat der Vatikanstadt“ zudem über diese eigene Polizeitruppe. Kathnews sprach mit Latinist, Kirchenrechtler und Redakteur von Kathnews, Hw. Dr. Gero Weishaupt, der an diesem Projekt maßgeblich beteiligt war.

Hochwürden, wie kam es zu der Idee den Bericht Ulrich Nersingers über die Vatikanpolizei auf Latein zu verfassen?

Vor eingen Monaten trat Ulrich Nersinger – wir kennen uns seit unserer gemeinsamen Studienzeit – an mich heran und sagte mir, er habe einen kleinen Text über die Gendarmen des Vatikanstaates verfaßt. Er wollte damit u.a. die Öffentlichkeit auf diese Institution des Vatikan hinweisen und auf deren nicht einfachen Aufgaben aufmerksam machen. Vor einigen Jahren hatten er anlässlich des 500jähigen Jubiläums der Schweizergarde ein kleines Heftchen über die Geschichte, Tätigkeit und Kleidung der Gardisten herausgegeben. Diesen Texte hatte ich auch später ins Lateinische übersetzt. Nun lag es nahe, auch den Text über die Gendarmerie des Papstes in die Sprache Ciceros zu übersetzen.

Was genau war Ihre Aufgabe in diesem Projekt?

Aus gutem Deutsch gutes Latein zu machen. Ich habe mich also soweit wie möglich bemüht, kein Makkaronilatein zu schreiben, sondern Stil und Gesetze der klassischen Latinität, wie sie an Gymnasien gelehrt wird zu berücksichtigen. Einzelne moderne Begriffe habe ich dann aus Lexika des Neulatein genommen oder, wenn diese keine Begriffe hergaben, selber „kreiert”. Wie zum Beispiel bei diesem Satz: „Der Postenkommandant im Wachthäuschen hat ein Multitasking-Talent zu sein; er nimmt ununterbrochen Telefonanrufe entgegen, lauscht den Durchsagen des Sprechfunks, läßt die Kontrollmonitore der Videoüberwachung nicht aus dem Blick – und findet noch ein freundliches Wort für den, der sich hilfesuchend an ihn wendet.” In meiner Übersetzung sieht das dann folgenermaßen aus: „Custodiae praefectus, qui in vigilario est, arte diversis muneribus simul fungendi auctus esse debet: continuo per telephonium colloquitur, nuntiis per radiotelephoniam communicatis auscultat, alba televisifica inspectionis, quibus televisifice vigilantia peragitur, semper aspicit et tamen benigne cum eis loquitur, qui eum, ut auxilium eis praestet, adeunt.

Sie schreiben auch wöchentlich Lateinnachrichten für Radio Vatikan. Nachrichten auf Latein sind  für den Allgemeinbürger eher unüblich. Gibt es eine spezielle Zielgruppe?

Auch bei den Lateinnachrichten von Radio Vatikan handelt es sich um Übersetzungen von Nachrichten, die einige Tage vorher auf Deutsch auf der Homepage der Redaktion zu lesen waren. Ich wähle dann aus dem Textangebot drei Nachrichten heraus, die ich danach ins Lateinische übersetze. Diese Lateinnachrichten richten sich an Liebhaber des Lateins. Vor allem machen Schulen gerne von den Nuntii Latini von Radio  Vatikan Gebrauch als zusätzliches Angebot zur herkömmlichen Lateinlektüre an den Gymnasien.

Man hat den Eindruck die lateinische Sprache verschwindet zunehmend aus der Gesellschaft. Teilen Sie diese Auffassung?

Ja, natürlich. Latein hat schon lange nicht mehr den Stellenwert wie vor 100 Jahren. Dennoch meine ich, dass Latein nicht auf dem Rückzug ist. Die heutige Generation unter den Schülern will wieder Latein lernen. Jährlich wählen circa fünf Prozent mehr Kinder Latein als Fremdsprache am Gymnasium. Man findet es geradezu „cool“, die Sprache zu beherrschen. Es gibt Bestseller. Man denke nur an Wilfried Strohs „Latein ist tot. Es lebe Latein“ oder „RomDeutsch. Warum wir Lateinisch reden, ohne es zu wissen“ von Karl-Wilhlem Weeber. Nachrichten auf Latein bietet bekanntlich nicht nur Radio Vatikan. Seit Jahren werden Nuntii Latini auch von Radio Bremen und aus Finnland angeboten. In Vorbereitung ist ein lateinischer Youcat. Ich hoffe, dass ich den lateinischen Text des Youcat im Sommer fertigstellen kann. Bis zu seiner Veröffentlichung müssen wir aber noch was Geduld haben. Denn erst muss der umfangreiche Text noch gegengelesen werden. Der Herausgeber des Youcat war vor zwei Jahren an mich herangetreten. Erst zögerte ich. Dann aber hat mich sein Argument, dieses Projekt in Angriff zu nehmen, doch überzeugt: Die Jugend interessiert sich für Latein. Und bei den vielen Übersetzungen des Youcat in andere Sprachen darf eben Latein, die Sprache der Kirche, nicht fehlen.

Warum ist es wichtig, auch in Zukunft an dieser historischen Sprache festzuhalten?

Latein ist zunächst eine Kommunikationssprache: Wir treten durch dieses Medium in Dialog mit der uns tragenden Vergangenheit. Latein ermöglicht – wie das Altgriechisch – einen direkten und somit unverfälschten Zugang zur Lebens- und Denkwelt der Antike als des geistigen Fundamentes des christlichen Abendlandes und unserer Zivilisation, dann aber auch zum Mittelalter und zu Autoren der beginnenden Neuzeit. So sind die Werke eines William Harvey, des Entdeckers des großen Blutkreislaufes, eines Hugo Grotius, des Vertreters des Naturrechtes, oder der Philosophen René Descartes (Cogito ergo sum), Baruch de Spinoza oder Gottfried Wilhelm Leibniz, um nur einige Beispiele aus der beginnenden Neuzeit zu nennen, ohne Lateinkenntnisse nicht adäquat zu erfassen.

Doch daneben ist Latein – mehr noch als das Altgriechisch – auch eine Reflektionssprache. Die Lektüre lateinisch verfaßter Texte sind eine Schulung des Denkens. Denn der eigentümliche lateinische Satzbau zwingt den Leser zu genauem Hinsehen, zu Klarheit, Ordnung, Struktur und Disziplin im Denken und Arbeiten. Erfordert es doch eine gewisse geistige Leistung, um verbale und nominale Wortformen genauestens zu identifizieren und richtig aufeinander zu beziehen; die in verbundenen und absoluten Partizipialkonstruktionen – ich meine also das participium coniunctum und das participium absolutum (im Lateinischen ist das der Ablativus absolutus, in Altgriechisch der Genitivus absolutus) verschlüsselten Nebengedanken mit Blick auf den Hauptgedanken eines Satzes zutreffend als temporal, final, kausal, modal oder konzessiv wiederzugeben; mehrdeutige einen Nebensatz einleitende Konjunktionen in Abhängigkeit vom Modus des Verbs (Indikativ oder Konjunktiv) und vom Tempus des Hauptsatzes zutreffend mit dem Sinngehalt des Hauptsatzes zu übersetzen; mehrgliedrige Satzperioden – etwa eines Cicero-Textes – exakt aufzuschlüsseln. Das verlangt vom Übersetzter eine enorme Portion Konzentration, Geduld, Aufwand, Fleiß und Zeit.

Im Zeitalter der Naturwissenschaften, in einer industrialisierten und zunehmend technisierten Welt übersieht man leicht das hohe Potenzial, das dem Latein als Denkschule eigen ist. Das Erlernen einer Sprache und deren Wert wird einseitig von ihrem kommunikativen Nutzen her beurteilt. Auch wenn man im Zuge der Veränderungen und Fortschritte in technischen und wirtschaftlichen Bereichen in der Ausbildung andere Akzente setzen muss, so darf doch die Frage gestellt werden, ob eine naturwissenschaftlich-technologische und wirtschaftliche Fixierung auf Kosten altsprachlicher Sprachkenntnisse gehen darf. Ist es nicht eher so, dass eine Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlich komplizierten Zusammenhängen eine intensive Schulung und Entwicklung der Denkfähigkeit vorausgehen muss? Latein leistet hierzu einen vielleicht bisher unterschätzten Beitrag.

In diesem Zusammenhang sei an eine Aussage des Kulturhistorikers Oswald Spengler hingewiesen, der feststellte: „Dem gründlichen Lateinbetrieb seiner Gymnasien während des vorigen Jahrhunderts” – gemeint ist das 19. Jahrhundert – verdankt Deutschland mehr als es ahnt: seine geistige Disziplin, sein Organisationstalent, seine Technik. Die in langjähriger, täglicher pedantischer Gewohnheit des Umdenkens in die disziplinierteste Sprache, die es gibt, erworbene Art, geistig zu arbeiten, ist es, die seitdem als ererbte Tradition in Laboratorien, Werkstätten und Kantoren zur Wirkung gelangte, auch für die, welche ohne diese unmittelbare Schulung in die Tradition beruflich hineinwuchsen. Ich halte dieses Kernstück unserer geistigen Rüstung heute für unentbehrlicher denn je. Es ist durch nichts zu ersetzen, auch nicht durch das ganz mechanische Denkverfahren der Mathematik.“ Darum wird man auch und gerade in einer technisierten Industriegesellschaft und im Zeitalter der Informatik und des Internet auf die Denkschule Latein nicht verzichten können.

Vielen Dank für das Gespräch!

Link zum Projekt: Die Vatikan-Gendarmerie auf Latein: mit Audio

Foto: Hw. Gero P. Weishaupt mit einem lateinischen Stadtführer durch  Rom – Bildquelle: Privatarchiv