Die Wahrheit verändert sich nicht

Vatikanum II lehnt mit Pius X. einen theologischen Evolutionismus ab. Artikel 8 von Dei Verbum.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 30. August 2015 um 16:04 Uhr
Vaticanum II, Papst Paul VI.

Einleitung von Gero P. Weishaupt:

Das mit Artikel 7 begonnene zweite Kapitel von Dei Verbum befaßt sich mit der Weitergabe der göttlichen Offenbarung. Sie ist die Quelle der Heilswahrheit, die durch Schrift und Tradition weitergeben wird.

Tradition und Sukzession (Nachfolge)

Die Tradition im Sinne der Überlieferung der apostolischen Predigt, „die in den inspirierten Büchern besonders deutlich Ausdruck gefunden hat“, hängt engstens mit der Nachfolge der Apostel (Sukzession) zusammen. Diese garantiert, dass die apostolische Predigt „bis zur Vollendung der Zeiten bewahrt wird“. Dabei sind die Lehre, das Leben und der Kult die jeweilige „Vollzugsweise der Überlieferung“ (Joseph Ratzinger). Tradition (Überlieferung) „hat (allerdings) ihren Ort nicht nur in den ausdrücklich tradierten Bekundungen kirchlicher Lehre, sondern in dem Ungesagten und oft auch Unaussagbaren des ganzen Dienstes der christlichen Gottesverehrung und des Lebensvollzuges der Kirche“ (Joseph Ratzinger, LThK, II, 519.).

Fortschritt der Tradition

Diese Tradition (apostolische Überlieferung) kennt einen echten Fortschritt. Dieser Fortschritt muss allerdings richtig verstanden werden. Es ist kein Fortschritt im Sinne einer Änderung der Wahrheit an sich gemeint. Die Glaubenwahrheit kann nicht fortschreiten. „(E)s wächst“, so die Konzilsväter, vielmehr „das Verständnis der überlieferten Dinge und Worte durch das Nachsinnen und Studium der Gläubigen, die sie in ihrem Herzen erwägen (vgl. Lk 2,19.51), durch innere Einsicht, die aus geistlicher Erfahrung stammt, durch die Verkündigung derer, die mit der Nachfolge im Bischofsamt das sichere Charisma der Wahrheit empfangen haben.“ Nicht die Glaubenwahrheit wächst und ändert sich, sondern „das Verständnis der überlieferten Dinge und Worte“.

Vinzenz von Lérin

Das sagt nicht nur der Text von Dei Verbum 8 ausdrücklich. Auch durch den Verweis auf die Dogmatische Konstitution Dei Filius des Ersten Vatikanischen Konzils in einer Fußnote des Artikels 8 in Dei Verbum sagen die Konzilsväter klipp und klar, wie sie Wachstum und Fortschritt der apostolischen Überlieferung verstehen. Vaticanum I zitiert ausdrücklich den Traditionsbegriff des Vinzenz von Lérin (450 n. Chr.): „Wachsen (crescat) also und kräftig zunehmen (proficiat) soll sowohl bei den Einzelnen als bei allen, sowohl bei dem einen Menschen als in der ganzen Kirche, nach den Stufen des Alters und der Zeiten, die Einsicht, das Wissen und die Weiheit (intelligentia, scientia, sapientia), aber lediglich in der eigenen Art, nämlich in derselben Lehre, in dem selben Sinne und in derselben Bedeutung (in eodem scilicet dogmate, eodem sensu eademque sententia) (DS 3010). Es fällt auf, wie sich die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils auch sprachlich in Dei Verbum 8 an diesen Text des Vinzenz von Lérin bzw. des Vaticanum I anlehnen: proficit … crescit (proficere = fortschreiten/zunehmen, crescere = wachsen).

Absage an einen theologischen Evolutionismus

Nicht die Wahrheit wächst also. Ein evolutionistisches Denken lehnen die Konzilsväter mit den Päpsten des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts (vor allem mit Papst Pius X., der den theologischen Evolutionismus zurecht als Modernismus verurteilt hat) ab, auch wenn sie eingedenk des pastoralen Charakters des Konzils dieses aus dem Modernismus stammende evolutionistische Wahrheitsverständis nicht formell verurteilen. Gleichwohl ist die Aussage des Konzils deutlich: Es wächst das Verständnis der Glaubenswahrheit im Raum der Kirche, nicht die Glaubenswahrheit an sich.

Die Wahrheit ist ewig, aber das Verstehen wächst

In dem Sinne gibt es im Laufe der Geschichte unter dem Beistand des Heiligen Geistes einen Fortschritt. Das Verständis der überlieferten Worte und Dinge geschieht „durch das Nachsinnen und Studium der Gläubigen, durch innere Einsicht, die aus geistlicher Erfahrung stammt, durch die Verkündigung derer, die mit der Nachfolge im Bischofsamt das sichere Charisma der Wahrheit empfangen haben“. „(D)as Wachstum der Überlieferung ist ein Wachstum im Verstehen der ursprünglichen Wirklichkeit“ (Joseph Ratzinger, LThK, II, 521).

Interpretation und Rezeption von Dei Verbum 8

In diesem Sinne müssen auch Aussagen des universalen nachkonziliaren Lehramtes verstanden werden, die ausdrücklich Bezug nehmen auf Artikel 8 von Dei Verbum. Sie sind nicht nur Ausdruck der Rezeption dieses im beschriebenen Sinne verstandenen dynamischen Traditionsbegriffes, sondern zugleich authentische Interpretation des gegeständlichen Artikels. In diesem Zusammenhang sei abschließend auf das Postsynodale Apostolische Schreiben Verbum Domini von 2010 hingewiesen. In ihm wird nochmal daran erinnert, dass das lateinische Verb crescit (voranschreiten, fortschreiten) in dem besagten Satz in Dei Verbum nicht als Veränderung der Wahrheit aufgefaßt werden darf, denn diese sei – so das päpstliche Schreiben – ewig (non ex eo quod in sua veritate mutatur, quae autem est perennis, in: Verbum Domini, Nr. 17).

Text von Dei Verbum 8 (Deutsch – Latein)

Daher mußte die apostolische Predigt, die in den inspirierten Büchern besonders deutlichen Ausdruck gefunden hat, in ununterbrochener Folge bis zur Vollendung der Zeiten bewahrt werden. Wenn die Apostel das, was auch sie empfangen haben, überliefern, mahnen sie die Gläubigen, die Überlieferungen, die sie in mündlicher Rede oder durch einen Brief gelernt haben (vgl. 2 Thess 2,15), festzuhalten und für den Glauben zu kämpfen, der ihnen ein für allemal überliefert wurde (vgl. Jud 3). Was von den Aposteln überliefert wurde, umfaßt alles, was dem Volk Gottes hilft, ein heiliges Leben zu führen und den Glauben zu mehren. So führt die Kirche in Lehre, Leben und Kult durch die Zeiten weiter und übermittelt allen Geschlechtern alles, was sie selber ist, alles, was sie glaubt.

Diese apostolische Überlieferung kennt in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes einen Fortschritt: es wächst das Verständnis der überlieferten Dinge und Worte durch das Nachsinnen und Studium der Gläubigen, die sie in ihrem Herzen erwägen (vgl. Lk 2,19.51), durch innere Einsicht, die aus geistlicher Erfahrung stammt, durch die Verkündigung derer, die mit der Nachfolge im Bischofsamt das sichere Charisma der Wahrheit empfangen haben; denn die Kirche strebt im Gang der Jahrhunderte ständig der Fülle der göttlichen Wahrheit entgegen, bis an ihr sich Gottes Worte erfüllen.

Die Aussagen der heiligen Väter bezeugen die lebenspendende Gegenwart dieser Überlieferung, deren Reichtümer sich in Tun und Leben der glaubenden und betenden Kirche ergießen. Durch dieselbe Überlieferung wird der Kirche der vollständige Kanon der Heiligen Bücher bekannt, in ihr werden die Heiligen Schriften selbst tiefer verstanden und unaufhörlich wirksam gemacht. So ist Gott, der einst gesprochen hat, ohne Unterlaß im Gespräch mit der Braut seines geliebten Sohnes, und der Heilige Geist, durch den die lebendige Stimme des Evangeliums in der Kirche und durch sie in der Welt widerhallt, führt die Gläubigen in alle Wahrheit ein und läßt das Wort Christi in Überfülle unter ihnen wohnen (vgl. Kol 3,16).

Itaque praedicatio apostolica, quae in inspiratis libris speciali modo exprimitur, continua successione usque ad consummationem temporum conservari debebat.

Unde Apostoli, tradentes quod et ipsi acceperunt, fideles monent ut teneant traditiones quas sive per sermonem sive per epistulam didicerint (cf. 2 Thess 2,15), utque pro semel sibi tradita fide decertent (cf. Iud 1,3) (11). Quod vero ab Apostolis traditum est, ea omnia complectitur quae ad Populi Dei vitam sancte ducendam fidemque augendam conferunt, sicque Ecclesia, in sua doctrina, vita et cultu, perpetuat cunctisque generationibus transmittit omne quod ipsa est, omne quod credit.

Haec quae est ab Apostolis Traditio sub assistentia Spiritus Sancti in Ecclesia proficit (12): crescit enim tam rerum quam verborum traditorum perceptio, tum ex contemplatione et studio credentium, qui ea conferunt in corde suo (cf. Lc 2,19 et 51), tum ex intima spiritualium rerum quam experiuntur intelligentia, tum ex praeconio eorum qui cum episcopatus successione charisma veritatis certum acceperunt. Ecclesia scilicet, volventibus saeculis, ad plenitudinem divinae veritatis iugiter tendit, donec in ipsa consummentur verba Dei.

Sanctorum Patrum dicta huius Traditionis vivificam testificantur praesentiam, cuius divitiae in praxim vitamque credentis et orantis Ecclesiae transfunduntur. Per eandem Traditionem integer Sacrorum Librorum canon Ecclesiae innotescit, ipsaeque Sacrae Litterae in ea penitius intelliguntur et indesinenter actuosae redduntur; sicque Deus, qui olim locutus est, sine intermissione cum dilecti Filii sui Sponsa colloquitur, et Spiritus Sanctus, per quem viva vox Evangelii in Ecclesia, et per ipsam in mundo resonat, credentes in omnem veritatem inducit, verbumque Christi in eis abundanter inhabitare facit (cf. Col 3,16).

Foto: Papst Pauls VI. in der Konzilsaula – Bildquelle: Lothar Wolleh / Wikipedia