Die Päpstliche Schweizergarde in Avignon

Von Ulrich Nersinger.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 5. Mai 2014 um 15:59 Uhr
Schweizer Gardist

Eschweiler (kathnews). Alljährlich am 6. Mai werden im Vatikan neue Rekruten der Schweizergarde vereidigt. Ulrich Nersinger, der bekannte Vatikanist und Publizist aus Eschweiler, einem östlichen Vorort  von Aachen , ist ausgewiesener Fachmann für die Geschichte der Schweizergarde. Aus Anlass der Vereidigungsfeiern in Rom hat Ulrich Nersinger einen lesenwerten Beitrag über die Schweizergarde im französischen Avignon für die Leser von Kathnews verfasst:

Die Päpstliche Schweizergarde in Rom ist weltbekannt, ihre Präsenz an den Eingängen zur Vatikanstadt und in der Nähe des Papstes jedermann vertraut. Und kaum ein Pilger oder Tourist versäumt es, bei einem Aufenthalt in der Ewigen Stadt die farbenprächtigen Hellebardenträger auf Zelluloid oder ein Chip zu bannen.  Auch wer ansonsten nichts mit der Religion zu schaffen hat, weiß um die Verpflichtungen der helvetischen Landsknechte im Zentrum der Christenheit. Aber nur wenigen ist bekannt, dass einst auch außerhalb Roms Schweizergarden in den Diensten der Päpste standen.

Denn nicht nur in Rom, sondern überall dort, wo der Papst einst Landesherr war, versahen seit dem 16. Jahrhundert Schweizer Landsknechte ihren Dienst. Das weltliche Herrschaftsgebiet des Papstes – die Päpstlichen Staaten –  setzte sich aus dem Patrimonium Petri und den Legationen zusammen. Die Verwaltung der Legationen war Purpurträgern oder anderen hohen Geistlichen anvertraut. Die Kardinallegaten bzw. Vizelegaten wurden als das „alter ego“ des Papstes betrachtet. Aus dieser Sicht heraus erschien es nötig, dass man auch deren Schutz einer besonderen Leibwache anvertraute. Und so entstanden u. a. in Bologna (1542), Perugia (1550), Avignon (1573), Ferrara (1598) und Urbino (1631) eigene Schweizergarden.

Die bekannteste Schweizergarde in den Legationen war die von Avignon und dem Comtat von Venaissin. Die Grafschaft Venaissin gehörte seit 1274 dem Heiligen Stuhl; die Stadt Avignon hatte Papst Klemens VI. (Pierre Roger, 1342-1352) im Jahre 1348 von Königin Johanna von Sizilien käuflich erworben – der Preis waren 80.000 Florin gewesen. Nachdem die Päpste gegen Ende des 14. Jahrhunderts in die Ewige Stadt zurückgekehrt waren, wurden Avignon und die Grafschaft einem Kardinallegaten unterstellt. Seit 1593 oblagen die Regierungsgeschäfte dann einem Vizelegaten. 1692 setzte Papst Innozenz XII. (Antonio Pignatelli, 1691-1700) eine eigene Kongregation für Avignon ein, die vom Kardinalstaatssekretär geleitet wurde; 1774 übernahm der Vizelegat den Vorsitz.

Immer wieder versuchten die französischen Monarchen, dem Papst die Herrschaft über die Enklave streitig zu machen. So besetzte König Franz I. 1536 für kurze Zeit Stadt und Grafschaft. Versuche, in den Jahren 1663 und 1668 das Lilienbanner in der päpstlichen Residenz auf Dauer aufzupflanzen, scheiterten. Für die Jahre 1768 bis 1774 gelang dieses Unterfangen Ludwig XV. Dann jedoch verwaltete wieder der Vizelegat Avignon und die Grafschaft Venaissin.

Als die Umtriebe der Französischen Revolution Avignon erreichten, stand die Garde bereit, den damaligen Vizelegaten des Papstes, Monsignore Filippo Casoni, zu verteidigen und notfalls das Leben für ihn zu geben. Das Schicksal ihrer Kameraden in den Turillien von Paris sollte ihnen jedoch gottlob erspart bleiben. Gegen Ende des Jahres 1789 begann das „Volk“, den Vizelegaten massiv zu bedrohen. Es kam sogar zu Handgreiflichkeiten gegenüber dem Prälaten, die von den Schweizer abgewehrt werden konnten. Man erzwang vom Vizelegaten Zugeständnisse, die dieser aber auf Weisung des Papstes zurücknehmen mußte.

Die Wut der „Patrioten“ über „die Einmischung des römischen Oberpriesters“ richtete sich daraufhin verstärkt gegen seinen Stellvertreter, den Vizelegaten. Casonis Sicherheit schien nicht mehr gewährleistet. Über die Schlagkraft der militärischen Macht, die ihm zur Verfügung stand, machte sich der Vizelegat keine Illusionen. Die päpstlichen Truppen bestanden aus der Schweizergarde, einer Kavallerieabteilung (44 Reiter), der Infanterie (121 Füsiliere und 36 Grenadiere) und der Artillerie (54 Mann mit drei Geschützen!); weiterhin gab es eine Bürgermiliz, die „Maréchaussée d’Avignon“ (sechs Brigaden; zwei von ihnen waren in Avignon stationiert und je eine in Carpentras, Vaison, Cavaillon und L’Isle).

Auch als der Vizelegat vertrieben worden war, schien die Sache des Papstes noch nicht verloren. Von der Bevölkerung kamen immer wieder Treuebekundungen gegenüber dem Heiligen Stuhl. So hielt Abbè Maury am 20. November 1790 in Avignon eine flammende Rede. Der in der Grafschaft Venaissin geborene Geistliche deklarierte sich offen als päpstlicher Untertan und pries „die ebenso legitime als milde und geliebte Herrschaft des Heiligen Vaters“. Vergeblich, denn Robespierre hatte die Parole ausgegeben: „Die Sache von Avignon ist die der ganzen Welt. Sie ist die der Freiheit.“ Am 14. September 1791 beschloß die Nationalversammlung die Annexion Avignons und der Grafschaft Venaissin.

In der Stadt der Päpste aber hielt sich ein starker Widerstand gegen die Revolution. Als am 16. Oktober 1791 der „Patriot“ Lescuyer durch unbekannte Hand zu Tode kam, schob man die Tat den papsttreuen Bewohner Avignons zu; sechzig Personen wurden willkürlich verhaftet und auf unvorstellbare Weise massakriert. Die zerhackten Leichen ließ man in der sogenannten „fosse de la glacière“, der Eisgrube des päpstlichen Palastes, verschwinden. In den folgenden Monaten ging man „gerichtlich“ gegen die dem Papst noch immer ergebenen Bewohner der Stadt und Grafschaft vor; eine große Anzahl der ehemaligen päpstlichen Milizsoldaten wurde guillotiniert.

Die Schweizergarde von Avignon versah bis zu den Ereignissen des Jahres 1790 den Wach- und Ehrendienst in dem Saal, der zu den Gemächern des Vizelegaten führte – „Nous trouvons une salle obscure / Où, sur quelques vieux matelas, / Quatre Suisses de Carpentras / Ne buvoient pas l’eau toute pure “, dichtet Lefranc de Pompignan in seiner « Voyage en Laguedoc et en Provence ». Sie stellte die Eskorte, die dem Vizelegaten im Apostolischen Palast und in Avignon das Geleit gab. Die Schweizer begleiteten den Prälaten jedoch nicht, wenn sich dieser in die Grafschaft begab; „jamais quand il va en campagne par le Comtat“, hieß es im Reglement der Garde.

Die Garde bestand aus einem Hauptmann, zwei Korporalen (davon einer im Rang eines Leutnants) und achtzehn Gardisten. Wer die Archive von Avignon studiert, erfährt, dass die Gardisten überwiegend aus Solothurn, Schwyz  und Glarn kamen. Die letzten vier Hauptleute der Garde waren indes keine Schweizer mehr. Seit 1744 stand ein Italiener, Giovanni Tommaso Bertozzi, der Truppe vor; sein Nachfolger wurde 1748 der aus Neapel stammende Conte Paolo Dolci. Am 18. August 1777 folgte diesem der Marquis de Fontvieille. Letzter Hauptmann der Garde war Monsieur des Taillades.

Die Uniform der Gardisten bestand aus einem Dreispitz mit rotem Federbusch, einem rot-gelb geteilten Wams mit dunkelblauen Aufschlägen und Knöpfen sowie senkrechten Silberbändern (zwei auf der Brust, drei auf jedem Aufschlag und auf dem Rücken) und blauen Hosen, die mit roten und gelben Bändern versetzt waren. Die Strümpfe waren weiß, bisweilen aber auch von roter Farbe. Zeitbedingt trugen die Gardisten auch eine französische Kopfbedeckung, ein  „Chapeau à l’Henri IV avec calotte et cocarde rouge“.

Bewaffnet war die Garde mit einem am Bandelier hängenden Degen und der mit einer roten Quaste verzierten Hellebarde. Gewehre standen den Schweizern zur Verfügung, wurden jedoch nicht benutzt – „18 vieux fusils absolument hors d’état de servir qui étoient dans la salle des Suisses, les dits fusils n’ont point été remplaces attendu que les Suisses ne s’en servaient“.

Um das Jahr 1765 erhielt der Hauptmann der Garde, der zugleich auch „Maitre de Chambre“ des Vizelegaten war, jährlich 648 Livres, dem 1. Korporal (Leutnant) standen 351 Livres und 12 Sols, dem 2. Korporal 169 Livres und 16 Sols und dem einfachen Gardisten 154 Livres, sechs Sols und drei Derniers zu. Hinzu kamen bei besonderen Gelegenheiten und an bestimmten Tagen Gratifikationen. Alljährlich erhielten die Gardisten von der Stadtgemeinde Avignon 12 Livres überreicht.

Für die Zeit vom 1. Januar 1789 bis zum 1. Mai 1790 bekamen die Schweizer auf ausdrücklichen Wunsch des Heiligen Vaters eine monatliche Gratifikation vom zwei Livres – „wegen der besonderen Umstände“, wie das päpstliche Schreiben eigens notierte. Viele der Gardisten besserten ihren Sold auch dadurch auf, dass sie neben ihrem Wachdienst noch andere Aufgaben im Apostolischen Palast übernahmen. So zeichnete im Jahre 1734 einer der Gardisten, Joseph Capella, für die Verwaltung des Eishauses verantwortlich.

Die Gardisten lebten mit ihren Familien im Papstpalast, und zwar im Ost- und Südflügel des Kreuzgangs Benedikts XII., dem sogenannten „Quartier des Suisses“. Am 8. Juli 1790 erhielten die Schweizer „sous peine – unter Strafandrohung“ die Aufforderung,  das Quartier zu räumen; am 13. Juli verließ dann die letzte Familie ihre Wohnung.

Foto: Schweizer Gardist – Bildquelle: Ulrich Nersinger